Schicksalsbrief aus dem Ersten Weltkrieg 1918: Carl Friedrich Debus zum Tod des Sohnes Walter

Aus Genealogen im Hinterland
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Autoren: Fritz Debus, Colin Baldwin, Günter Debus und Siegfried Palm

Ein Schicksalsbrief 1918 geschrieben – 2018 aufgefunden

Schicksalsbrief 1918, Teil 1
Schicksalsbrief 1918, Teil 2

Der Fund

Am Samstag, dem 10. Februar 2018, traf bei Günter Debus eine Mail ein, abgesandt von einem ihm unbekannten Colin Baldwin in Tasmanien (Australien). Colin – nun Koautor des Beitrages – teilte mit, er habe einen deutschen Brief aus dem Jahr 1918 in seinen Händen, in dem ein Vater seinem Sohn Gustav mitteilt, dass der Sohn Walter, Gustavs Bruder, an der Westfront gefallen sei. Dieser Brief sei im Militärarchiv in Hobart, der Hauptstadt von Tasmanien, archiviert und sei ihm als Lernhilfe seines Sprachunterrichts in Deutsch zur Verfügung gestellt worden. Zunächst habe er die Sütterlinschrift des Briefes in lateinische Schrift übertragen lassen, um ihn überhaupt lesen zu können.[1] Der Inhalt des Briefes habe ihn so bewegt, dass er sich zum Ziel gesetzt habe, die Familie des Briefautors in Deutschland zu finden. Viele Recherchen und Anfragen in deutschen Archiven, Institutionen und Behörden seien vergeblich gewesen. Ein Grund dafür sei die Unleserlichkeit des Nachnamens gewesen. Für den Namen „Debus“ habe es noch mehrere andere Deutungen gegeben. Schließlich sei er auf den Beitrag „Als Steiger an Ruhr und Saar: Carl Friedrich Debus (1860–1934) – Vater von zwölf Kindern“ gestoßen. Hier tauchten zu seiner Überraschung die Vornamen von drei im Brief genannten Söhnen auf: Walter, Gustav und Fritz. Jetzt sei er sich ziemlich gewiss, auf der richtigen Spur zu sein. Er bittet Günter Debus um Überprüfung. Dieser, überzeugt von der Richtigkeit der Annahmen auf der anderen Seite der Erde, bittet umgehend um Zusendung einer Kopie des Dokuments und leitet diese an den Enkel des vermuteten Briefautors, Carl Friedrich Debus (1860–1934), weiter. Enkel ist Koautor Fritz Debus (* 1927) in Bochum. Am 11. Februar konnte Günter Debus Colin Baldwin die Antwort von Fritz Debus mitteilen: „Das ist ein Brief meines Opas!“

Der Brief ist in Sütterlinschrift geschrieben, nur der Nachname, der an einer Stelle im Text auftaucht, in lateinischer Schrift. „So hat es mein Opa immer getan“, weiß Fritz Debus aus Erinnerung. Er schrieb den Familiennamen stets in lateinischer Schrift.

Das Foto zeigt rechts Walter Debus, dessen Tod beklagt wird, und links den Bruder Friedrich, von dem im Brief die Rede ist. Mehr zur Familie siehe Beitrag „Als Steiger an Ruhr und Saar: Carl Friedrich Debus (1860–1934) – Vater von zwölf Kindern“.

Bild der Brüder Fritz und Walter Debus, kurze Zeit vor dem Tod von Walter
Brief, Teil 1
Brief, Teil 2
Brief, Teil 3

Anmerkungen von Fritz Debus, Bochum

Die Übertragung des Briefes von Sütterlin in lateinische Schrift (Klaus-Dieter Stellmacher, Cottbus), wie sie Colin Baldwin vorlag, wird hier mit Absicht wiedergegeben. Dazu folgende Anmerkungen von Fritz Debus:

  • Teil 1, Zeile 7: Unteroffizier
  • Teil 2, Zeile 1: statt Würter Winter
  • Teil 2, Zeile 13: Debus
  • Teil 2, Zeile 15: statt geschieht passiert

Lebensdaten von Walter Debus und Chronologie der Ereignisse

Da im Zweiten Weltkrieg das Wohnhaus der Debus-Familie durch Bombenangriff völlig zerstört wurde, sind nur wenige Dokumente erhalten geblieben. So muss der Lebenslauf von Walter Debus (1892–1918) heute über Recherchen rekonstruiert werden.

  • 1892
    • 16.11.1892 Geburt in Höchen (Waldmoor)
  • 1908
    • Mitte des Jahres gemeldet bei Eltern in Dortmund
  • 1909
    • gemeldet bei Eltern in Wattenscheid
  • 1910
    • gemeldet von April bis Dezember 1910 in Recklinghausen mit 2 Adressen, als Seminarist bezeichnet, wurde nach Auskunft des Stadtarchivs an der Präparanden-Anstalt Recklinghausen zum Lehrer ausgebildet; von dort abgemeldet nach Wattenscheid
  • 1911
    • 02.02. gemeldet bei Eltern in Wattenscheid, Kaiserplatz 6
  • 1912
    • 09.01. gemeldet in Gelsenkirchen (Gelsenkirchen Ückendorf); Anstellung als Lehrer (zuvor Ausbildung an einer Präparandenschule)
  • 1914/1915
    • Einberufung zum Kriegseinsatz (Todesanzeige)
  • 1918
    • 02.06. Samstag: Todesdatum (Traueranzeige; Datei Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, kein Grab nachweisbar)
    • 03.06. Sonntag: Tod; Schicksalsbrief: Brief von Freund Wortmann (17.06.1918)
    • 04.06. Montag: Begräbnis; Schicksalsbrief: „Walters Kameraden, Wortmann, Krüger und Winter haben am nächsten Tag Walter seitlich des Dorfes Licy Lignon begraben bei zwei anderen Kameraden von der 6. Kompanie Regiment 273.“
    • 06.06. Mittwoch: Leutnant Bernhard Kalveram gefallen am 6.6.1918 (nach Mahlmann 1937, RIR 273)
    • 13.06. Donnerstag: Nachricht in Wattenscheid; Schicksalsbrief: erhielten wir die Nachricht
    • 14.06. Freitag: Mitteilung von Leutnant Kalveram trifft ein (Schicksalsbrief)
    • 14.06. Freitag: Aufgabe der Todesanzeige: fast 3 ½ Jahre im Krieg (Beginn: Ende 1914/Anfang 1915)
    • 15.06. Samstag: Wattenscheider Zeitung mit Todesanzeige
    • 17.06. Montag: Freund und Offizier Wortmann teilt mit (Schicksalsbrief)
    • 17.06. Montag: Vater schreibt an Sohn Gustav: Schicksalsbrief
Todesanzeige
Verlustkarte Erster Weltkrieg, Seite 25138
Gedenktafel in der evangelischen Nicolaikirche in Gelsenkirchen-Ückendorf in der Turmhalle im Haupteingang

Nach Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) ist kein Grab mit seinen Personalien vorhanden. VDK: Sollten seine Gebeine jemals gefunden worden sein, so ist davon auszugehen, dass er heute als Unbekannter auf der deutschen Kriegsgräberstätte Belleau unter den Unbekannten in einem Einzel- oder Kameradengrab ruht. Belleau, Département Aisne, befindet sich ca. 9 km nordwestlich von Château-Thierry. Der Friedhof wurde 1922 bei Umbettungen aus der Umgebung von der französischen Militärbehörde angelegt und vom Volksbund im Frühjahr 1927 in Arbeit genommen. 1972 ließ der Volksbund die alten Holzkreuze durch Grabzeichen aus Stein ersetzen und die Anlage landschaftsgärtnerisch gestalten. Hier ruhen 4.307 gefallene deutsche Soldaten in Einzelgräbern, und 4.322 Gefallene, von denen 3.835 unbekannt blieben, fanden im Kameradengrab ihre letzte Ruhestätte.

Reserve-Infanterie-Regiment 273

Mahlmann beschreibt in seinem Bericht über das Reserve-Infanterie-Regiment 273 die Schlacht bei Soissons und Reims vom 27.5. bis 13.6.1918 auf den Seiten 45–52 (online). Die Schilderung beginnt mit:

„Gesamtlage: Deutscher Großangriff auf der Front zwischen Soissons und Reims, Erstürmung des Damenweges, Vormarsch über Vesle und Aisne zur Marne.“

Mahlmann (1923): S. 45

Der Chemin des Dames (deutsch: Damenweg) ist ein markanter Höhenzug im Dreieck der Städte Laon, Soissons und Reims im Norden Frankreichs. Er verläuft in Ost-West-Richtung nördlich des Aisnetals. Dem Höhenzug folgt die Départementstraße 18. Diese ist über die Route Nationale (RN) 2 (Soissons–Paris) und die RN 44 Richtung Reims zu erreichen.

Karte zu Chemin des Dames
Chemin des Dames 1912–1913
Offensive April 1917 Chemin des Dames
Chemin des Dames

Wie kommt der Brief nach Tasmanien?

Am Rand des Briefes steht eine Anmerkung in Englisch:

“Keep this as a souvenir, it is a German letter I got the morning of the Stunt 8.8.18. I don’t know what it’s talking about.”

„Haltet das als Andenken, es ist ein deutscher Brief, den ich am Tagesausbruch des großen Angriffs am 8.8.18 bekommen habe. Ich weiß nicht, wovon er handelt.“

Es ist offenbar die Anmerkung des tasmanischen Soldaten, dessen Identität nicht bekannt ist.

Die Schlacht bei Amiens begann an demselben Tag, am 8. August 1918. Das 12. Armeekorps Australiens (12th Batallion) kämpfte auch in der Schlacht bei Amiens. Zur Hälfte bestand das 12. Armeekorps aus tasmanischen Truppen. Deswegen ist es naheliegend anzunehmen, dass es ein tasmanischer Soldat war, der den Brief fand und nach Tasmanien mitbrachte?

Auf einen übersichtlichen Bericht über die Schlacht bei Amiens sei hier hingewiesen. Dem Bericht entnehmen wir, dass:

„Im Hauptangriffsgelände südlich der Somme trat das australische Korps (Monash) mit der australischen 3. (Gellibrand) und 2. Division (Sinclair-Maclagan) an der Linie Corbie-Hamel-Villers-Bretonneux (einschließlich) an. In diesem Abschnitt war die 5. Tank-Brigade mit 108 Mark V und das 15 Tank-Bataillon mit 36 Mark V zum Durchbruch angesetzt. Als Reserve wurde dahinter die australische 1., 4. und 5. sowie eine amerikanische Division bereitgestellt. Südlich der Somme lag gleichzeitig das deutsche Generalkommando 51 unter General von Hofacker zusammen mit dem XI. Armee-Korps unter General Kühne im Hauptangriffsfeld der britischen 4. Armee.“

Da Gustav Adolf Debus Empfänger des „Schicksalsbriefes“ war, ist eine plausible Annahme, dass er diesen Brief verloren hat. Dies kann in der Schlacht bei Amiens am 8. August 1918 gewesen sein. Möglicherweise – reine Spekulation – gehörte er dem XI. Armee-KorpsWikipedia-logo.png an.

Die genannten Personen

Vater

Carl Friedrich Debus (1860–1934) ist der Autor des „Schicksalsbriefes“ und Vater von den im Brief genannten Söhnen: Walter Bruno Debus, Gustav Adolf Debus und Friedrich Wilhelm (Fritz) Debus.

Walter Debus

Walter Bruno Debus, * 16.11.1892 in Höchen, ist der gefallene Sohn, über den im „Schicksalsbrief“ berichtet wird. Er gehörte der 6. Kompanie des RIR 273 (Schicksalsbrief) an. Todestag ist wahrscheinlich der 03.06.1918, siehe Mahlmann (1923), S. 48/49.

Gustav Debus

Gustav Adolf Debus, * 26.06.1894 in Höchen, Empfänger des „Schicksalsbriefes“, Bruder von Walter Bruno Debus, jüngster (fünfter) Sohn von Carl Friedrich Debus (1860–1934), nach Auskunft von Fritz Debus: Gustav besuchte mit Erfolg die Werkmeisterschule in Gelsenkirchen. Nach Abschluss seines Studiums erkannte die Zeche diese Ausbildung als ziemlich gleichwertig mit der Bergschulausbildung an und gab ihm eine Anstellung als Maschinensteiger.

Fritz Debus

Friedrich Wilhelm Debus, * 06.08.1888 in Bochum-Laer, Bruder von Walter Bruno Debus, zweitältester Sohn von Carl Friedrich Debus (1860–1934)

Wortmann

Willi Wortmann, geb. am 01.08.1890 in Gelsenkirchen-Ückendorf, gehörte nach Liste Preußen 1324 dem RIR 273 an und war nach Kriegsende (Datum 23.12.1918) als leicht verwundet eingestuft.

Krüger

Winter

Kalveram

Bernhard Kalveram, am 06.06.1918 gefallen, siehe Mahlmann (1923), S. 50, wohnhaft 1918 in Sterkrade, Dinslaken. Sein Brief an Carl Friedrich Debus, den Vater des gefallenen Sohnes Walter Debus, trifft nach seinem Tod am 14.06.1918 in Wattenscheid ein.

Literatur

  • Paul Mahlmann: Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 273 (= Erinnerungsbätter deutscher Regimenter. Heft 84). Stalling, Oldenburg 1923, DNB 103168123X (Online).
  • Paul Mahlmann (Hrsg.): Die 273er im Weltkrieg: nach den amtlichen Kriegsakten und nach Aufzeichnungen von Kriegsteilnehmern (= Aus Deutschlands großer Zeit: Ehemalige preußische Truppenteile. Band 96). Bernhard Sporn Verlag, Zeulenroda (Thüringen) 1937, DNB 580638839 (260 S., 4 Karten, 15 Skizzen).

Anmerkungen

  1. Mit Dank an Klaus-Dieter Stellmacher, Cottbus, für die Übertragung; Die Koautoren Fritz Debus und Günter Debus kennen sich selbst in der Sütterlin-Schrift aus und konnten deshalb den Brief im Original lesen.