Mein Vater Johannes Debus (1883–1960), Bürgermeister in Friedensdorf 1945–1948

Aus Genealogen im Hinterland
Zur Navigation springenZur Suche springen

Autor: Heinrich Debus, Friedensdorf

Mein Vater hat in einem politisch turbulenten Zeitalter gelebt: Kaiserreich – Erster Weltkrieg – Weimarer Republik – Nazi-Diktatur und Zweiter Weltkrieg – besetztes Deutschland und demokratische Entwicklung.

Hanweiets Johannes Debus (1883–1960)

Kaiserreich

Als mein Vater im Jahre 1883 zur Welt kam, wurde er in ein anscheinend sicheres Zeitalter hinein geboren. In Berlin regierte Wilhelm der I., den man als preußischen König 1871 in Versailles zum ersten deutschen Kaiser des Deutschen Reiches – 77 Jahre nach Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation – ausgerufen hatte. Als er fünf Jahre alt war, wechselte in Berlin 1888 die Führung des Kaiserreiches. Wilhelm I. starb 91-jährig, ihm folgte sein – schwer krebskranker – Sohn Friedrich Wilhelm als Friedrich der III (in der Zählung nach dem Preußenkönig Friedrich dem II, dem „Alten Fritz“). Dieser regierte nur drei Monate, denn er starb 57-jährig noch im selben Jahr wie sein Vater und wurde deshalb als der „Neunundneunzig-Tage-Kaiser“ genannt. Daraufhin bestieg im selben Jahr dessen ältester Sohn im Alter von 29 Jahren als Wilhelm II den Thron. Dass der junge „forsche“ Kaiser schon zwei Jahre nach Amtsantritt den um außenpolitische Stabilität bemühten „Eisernen Kanzler“ Fürst Bismarck wegen unüberwindlicher Gegensätze in außen- und innenpolitischen Fragen entließ, wurde von einigen als Unsicherheit für die weitere Entwicklung wahrgenommen. Wie weit der Knabe Johannes diese Zeit bewusst erlebte, bleibt dahingestellt.

In seinem Geburtsjahr 1883 wurde die Eisenbahnlinie Marburg–Erndtebrück eröffnet. Ein Teil der Friedensdorfer Bevölkerung soll sich bis auf den Stemel (höchste Erhebung am Rand des Dorfes), aus Respekt vor dem schnaufenden Dampfross, zurückgezogen haben. Von dem Hügel aus habe man zugesehen, wie sich die neue Eisenbahn das Lahntal hochgeschlängelt hatte. Als Kind hat Johannes die Bahn dann schon nicht mehr als ungewöhnlich Neues erlebt.

Aus heutiger Sicht muss man sich immer wieder vergegenwärtigen: Zur Zeit seiner Kindheit und Jugend wusste man kaum etwas von Flugmaschinen, Kühltruhen und Waschmaschinen. Seltsame Fahrzeuge, die vereinzelt im Lande gesichtet wurden, nannte man Chaisen ohne Gäule, weil sie sich aus eigener Kraft bewegen konnten. Offenbar kannte man für diese Vehikel den Namen Auto noch nicht. Zwar war die Mobilität rasant gewachsen, wie die Abwanderung vom Lande in die großen Industriezentren im Siegerland oder im Ruhrgebiet oder die Auswanderung nach Übersee belegen. Doch, niemand konnte etwas ahnen von den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen, die kommen würden, und wie die Welt am Ende seines Lebens aussehen würde.

Das Leben auf dem Lande war nicht einfach. Es gab eine Mehrklassengesellschaft. Wer nicht Grundbesitz, Äcker und Wiesen und einen Stall mit Vieh vorzeigen konnte, gehörte zum ländlichen Proletariat – er fristete ein kümmerliches Dasein. Während die größeren Bauern mit Pferdegespannen ihr Land bearbeiteten und von ihrer Arbeit leben konnten, fuhr die Mittelschicht mit ein- oder zweispännigen Kuhgespannen zu ihren wenigen Äckern und Wiesen, ohne davon alleine leben zu können. Ergänzender Broterwerb ergab sich durch handwerkliche Tätigkeiten als Schuster, Schmied, Wagner oder Wirt. Die untere Schicht, die „Geringen“ genannt, hielten sich zwei Ziegen in ihren Ställen und die Frauen mussten mit ihren Sicheln die Ränder der Feldwege und Äcker nach Futter für ihre Ziegen abgrasen. Um die Familie ernähren zu können, arbeiteten die Geringen als Knechte oder die Männer der Mittelschicht ohne Handwerksbetrieb als Tagelöhner.

Der Vater meines Vaters, Johann Jost Debus (1837–1927) wurde in allen Gemeindeakten und Kirchenbüchern als Tagelöhner geführt. Tagelöhner wurden stundenweise zu gemeindlichen Arbeiten wie Waldarbeiten, Ausschachten von Gräben, Regulierungen an der Lahn, Bau von Feldwegen u. a. herangezogen. Regelmäßig im Herbst wanderten sie vom Hinterland in die Wetterau, trugen in einfachen Bündeln ihre Leibwäsche mit sich und droschen bis kurz vor Weihnachten mit Dreschflegeln das Getreide der dortigen großen Bauern. Auch Johann Jost Debus gehörte zu den Hessendreschern, wie die Wanderarbeiter genannt wurden, und war dann jeweils ein Vierteljahr abwesend von seiner Familie.

Der rapide Bevölkerungszuwachs gegen Ende des 19. Jahrhunderts erhöhte den Druck des Broterwerbs außerhalb der Landwirtschaft. Die verstärkte Industrialisierung auch im oberen Lahntal schaffte neue Erwerbsmöglichkeiten. Die Männer fanden Arbeit in der Eisen-, Heiz- und Kochgeräteindustrie. Die dort arbeitenden Männer aus kleinen Landwirtschaftsbetrieben wurden Hüttenbauern genannt.

Ein guter Schüler muss mein Vater gewesen sein. Besonders im Rechnen hatte er sich hervorgetan. Noch als Erwachsene schwärmten seine ehemaligen Schulkameraden von seinen Rechenkünsten: wie er seinen Lehrer korrigiert hatte, der an der Tafel die Lösung einer schwierigen Rechenaufgabe erklären wollte. Aus seiner Bank sei er hochgeschnellt, „Herr Lehrer“, habe er gerufen, „die Aufgabe ist falsch!“ So etwas sei ihm im ganzen Lehrerleben noch nicht passiert, habe der Lehrer im Dorf erzählt. Der Vater schien stolz darauf zu sein, wenn man auf diese Episode zu sprechen kam. Doch was nützte es ihm? Eingebunden in die Verhältnisse seiner Zeit konnte er nach der Schulentlassung im Jahre 1897 nur als Laufjunge im Böttig-Steinbruch Arbeit finden.

Stiefbruder des Großvaters: Georg Debus, Polizeidiener

Mein Vater wohnte mit seinen Eltern – Johann Jost Debus und Magdalena, geb. Debus – und der sechsköpfigen Familie seines 18 Jahre älteren Stiefbruders im Elternhaus: Hann-Weigets-Haus in der Rosengasse 6, das in seinen Namen von Weigand Debus, dem Großvater des Johannes Debus benannt worden war (Kirchenstuhl-Liste aus dem Jahre 1851, Nr. 35). Der ältere Stiefbruder – Sohn des Jost Debus aus dessen erster Ehe mit der Schwägerin seines Bruders Johannes – hatte längst die Äckerchen und die zwei Kühe im Stall übernommen, bevor mein Vater Johannes erwachsen war. Heute kaum vorstellbar, dass in dem unscheinbaren Fachwerkhaus alle ihren Platz fanden.

Um die Jahrhundertwende fand mein Vater Arbeit in einer örtlichen Schreinerei, erlernte das Schreinerhandwerk, konnte aber in diesem Beruf nicht Fuß fassen. Es gab in den kleinen Gemeinden immer überschüssige Schreiner, Schuster, Schmiede und Stellmacher, denen nichts anderes übrig blieb, als in die Eisenindustrie zu gehen. Wenn man im oberen Lahntal keine Arbeit bekam, konnte man mit der Eisenbahn ins nahe Siegerland fahren. Dort musste man natürlich ein Quartier haben, weil man nicht täglich und vielfach noch nicht einmal jede Woche nach Hause fahren konnte.

Die Hessen waren in den Industriezentren gesuchte Leute. Mein Vater fand bei der Firma Bass und Selbe in Altena (heute Lennestadt) Arbeit. Auch dessen Bruder Georg, der mit seiner kümmerlichen Landwirtschaft seine sechsköpfige Familie nicht über Wasser halten konnte, arbeitete dort. Beide teilten sich eine Unterkunft.

Erster Weltkrieg

Noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges kam mein Vater in Gießen seiner militärischen Dienstverpflichtung nach. Mit Kriegsbeginn im Jahre 1914 – nunmehr 31-jährig – rückte er „ins Feld“ ein, wie man damals das Schlachtfeld bezeichnete. Er war ausschließlich in Frankreich Einsatz, hier insbesondere in der Champagne. Als Meldegänger zwischen den einzelnen Kompanien geriet er in einen Kampfgasangriff des Gegners und wurde dabei mit dem hochgiftigen ätzenden Kampfmittel Gelbkreuz vergiftet, das auf Atmung, Augen und Haut wirkt. Die Nachwirkungen dieses Gases reichten noch bis in die Dreißiger Jahre, so dass er wiederholt die Universitätsklinik in Marburg aufsuchte. Ich erinnere mich als Kind an eine wässrige ätzende Stelle an seinem Hals, die nicht heilen wollte.

Brautpaar Katharina und Johannes Debus, 1916

Während eines Heimaturlaubes im Jahre 1916 heiratete er meine Mutter, Katharina Weber aus Holzhausen. Sie stand in der Friedensdorfer Metzgerei Bamberger in Dienst und hatte dabei meinen Vater kennengelernt. Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg holte er seine Frau mit der inzwischen geborenen Tochter Marta (* 1918) von Holzhausen nach Friedensdorf. Für junge Familien war es damals generell schwierig, eine Unterkunft zu finden. Für besitzlose Familien gab es keine andere Möglichkeit, als zur Miete zu ziehen. Es fand sich ein Unterkommen in einem Einfamilienhaus: Die Hauseigentümer schränkten sich ein, in dem sie zwei Stuben frei machten, so dass sie damit ihr kärgliches monatliches Einkommen erhöhen konnten. Sie standen durch ihren Hausbau noch lebenslang in Schulden.

Die Weimarer Republik

Die Nachkriegszeit war durch ein Klima der Hoffnungslosigkeit geprägt. Der Krieg war verloren, die Belastung durch den Versailler Vertrag bedrohend, der Kaiser nach Rücktritt im Exil; es war völlig unklar, wie es weitergehen sollte. Neu sich bildende Parteien – der Weimarer Republik – bekämpften sich, Demonstrationen, Putsche, bürgerkriegsähnliche Zustände, Inflation. Trotz allem gelang es meinem Vater, im Eisenwerk Karlshütte eine Arbeitsstelle zu finden. Auch hier, wie überall, wechselten Tage der Vollbeschäftigung mit zeitweiser Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit ab.

Nach der Geburt der zweiten Tochter im Jahre 1921 mussten die Eltern wieder auf Wohnungssuche gehen, weil der Vermieter Eigenbedarf anmeldete. Nun fanden sie Unterschlupf in einem Haus mit zwei Mietparteien. Hier wurde ich 1926 geboren. Zwei Jahre später kam der dritte Umzug: Wir zogen in einen Neubau am anderen Ende des Dorfes ein, dessen Erbauer unter der Schuldenlast litten. Meine Eltern waren des ewigen Umzugs müde und planten wie viele andere als Minderbemittelte ein Haus zu bauen, trotz voraussehbarer lebenslanger Schuldenlast. Ein Bauplatz war durch eine Erbschaft meines Vaters vorhanden. In Eigenleistung wurden die Fundamente ausgehoben. Unter Mithilfe befreundeter Männer, besonders Angehörigen der dörflichen Feuerwehr, zu deren Führer mein Vater 1926 gewählt worden war, brach man im bereits stillgelegten Böttig-Steinbruch Steine für den Sockel. Mit Pferdefuhrwerken transportierten hilfsbereite Bauern die Steine zur Baustelle. Als Gegenleistung halfen meine Eltern in deren Landwirtschaft. Das Haus wuchs bis zum Rohbau. Wieder war Eigenleistung gefragt: Als gelernter Schreiner verlegte mein Vater die Fußböden, schreinerte die Fenster und Türen und auch die Kammertreppe. Noch als wir eingezogen waren, werkelte er an der vollständigen Herrichtung der einzelnen Zimmer. Die Odyssee von Haus zu Haus war zu Ende – doch zu welchem Preis?! Die eingesparte Miete reichte kaum aus, um die fälligen Zinsen für das aufgenommene Darlehen aufzubringen. Immer herrschte „Schmalhansküchenmeister“, dieser dehnte seine Herrschaft über unseren Haushalt die ganzen Dreißiger Jahre aus.

Hanweiets Johannes Debus (1883–1960)

Nazi-Diktatur und Zweiter Weltkrieg

Inzwischen – 1933 – hatte sich politisch etwas getan. Der Junge, der ich damals war, horchte mit gespitzten Ohren den Äußerungen seines Vaters, die ihm noch nicht verständlich waren, aber unvergesslich blieben. „Wird Hitler am Ruder sein, wird Krieg die Losung sein. Wirst sehen.“ sagte er zu meiner Mutter, „Jetzt schreien sie Hosianna und später kreuzigen sie ihn.“ Nicht einverstanden war der Junge mit der Skepsis seines Vaters, der nicht zu wissen schien, was er wollte. Den alten „preußischen Willem“ wollte er nicht mehr, er wollte auch nicht den „Führer“. Wen wollte er denn? Er hatte bald als Mitglied der Gemeindevertretung seinen Platz für NSDAP-Männer zu räumen. Auch seine Stellung im Wahlvorstand der Gemeinde hatte er aufzugeben. Man bedrängte ihn mit Appell an sein Pflichtgefühl, wie jeder „anständige Deutsche“ Mitglied einer der vielen nationalsozialistischen Organisationen zu werden. Er berief sich dann ausweichend auf seine Tätigkeit als Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr. In dieser Stellung, so wehrte er sich, stehe er auch für die Volksgemeinschaft und für das Gemeinwohl sein. Er wusste um Gleichgesinnte im Dorf, wusste, bei wem er ein offenes Wort riskieren konnte.

Als der Krieg 1939 ausbrach, bewahrheiteten sich seine Prophezeiungen. Ließ er sich berauschen von den Blitzsiegen der Deutschen? Warum verfiel er nicht der allgemeinen Begeisterung? Warum äußerte er sich nicht? Was erwartete er?

Nach dem Tode seines Stiefbruders Georg im Jahre 1943 übernahm er das Amt des Gemeindedieners. Im Gemeindebüro grüßte er mit „Guten Morgen“. „Hannes,“ belehrte ihn der Ortsbürgermeister Ludwig Nispel, „das heißt Heil Hitler“. Darauf die Antwort des Vaters: „Ludwig, ich sage immer noch Guten Morgen.“ Beide kannten sich seit Kindheit.

Im März 1945 kam meine Schwester Anna beim Bombenabwurf in Dautphe ums Leben. Sie arbeitete dort als Herrenschneiderin. Bei der Bergung der Toten kam es zu einer Auseinandersetzung zwischen meinem Vater und dem Biedenkopfer Landrat. Dieser hatte mit dem Hinweis auf die viel größeren Schäden und die viel höheren Verluste an Menschenleben in den deutschen Städten die betroffenen Angehörigen zu beschwichtigen versucht.

Besetztes Deutschland und demokratische Entwicklung

Als dann Anfang April 1945 die amerikanischen Truppen die Gemeindegrenze erreichten und der Bürgermeister seine Fassung verlor, bat er in seiner Verzweiflung seinen Gemeindediener um Beistand: „Hannes, Hannes, was soll ich denn bloß machen?“ – „Geh zum Eggeberg“, hatte ihn dieser angeschrien, „und übergebe ihnen das Dorf!“

Einige Tage nach dem Einmarsch trommelte die Besatzungsmacht alle noch im Dorf vorhandenen Männer auf dem Schulhof zusammen und teilte sie in zwei Gruppen: Parteimitglieder und Nicht-Parteimitglieder. Ein Bürgermeister sollte ausgewählt werden. Man erwartete Vorschläge. Ratlos sahen sich die Männer an. Zu unvermittelt war diese Aufforderung gekommen. Wer war aus der unbelasteten Gruppe bereit, in die Bresche zu springen? Der Name Johannes Debus fiel. Ausgerechnet aus der Gruppe der Nationalsozialisten, die ihm in den vergangenen Jahren die kalte Schulter gezeigt hatten. Hatte man hier schnell einen Lückenbüßer zur Hand? Alle Anwesenden stimmten dem Vorschlag zu. Johannes Debus – mein Vater – nahm die Aufgabe an.

Hatte er um die Schwierigkeiten gewusst, die er damit auf sich nahm? Einerseits hatte er den Anweisungen der Besatzungsmacht Folge zu leisten, andererseits fühlte er sich auch für die Dorfbewohner verantwortlich. Der Konflikt wurde schon bald deutlich: Heimkehrende Soldaten, die sich ohne Entlassungsschein den letzten unsinnigen Kampfhandlungen und der bevorstehenden Gefangennahme entziehen konnten, hatte er unverzüglich der Kommandantur zu melden. Er tat dies nicht und setzte seine eben erst begonnene Tätigkeit als Bürgermeister aufs Spiel.

Während die Ausgabe der Lebensmittelkarten – wie zur Kriegszeit – reibungslos vor sich ging, gab es bei der Ausgabe der Bezugsscheine (für den Kauf eintragungspflichtiger Waren) wiederholt Probleme. Mit dem zugeteilten Kontingent konnten nicht alle Wünsche erfüllt werden. Es kam so weit, dass man den Bürgermeister – Johannes Debus, meinen Vater – noch abends in seiner Wohnung aufsuchte und Rechenschaft verlangte, warum der Nachbar einen Bezugsschein bekommen hatte und er leer ausgegangen war. Er sei schließlich genau so bedürftig wie sein Nachbar. Wahrscheinlich noch bedürftiger.

Alle Bürgermeister des Kreises hatten, wie sich bei den regelmäßig zu Dienstbesprechungen herausstellte, mit diesen Schwierigkeiten ihre Not. Kurios ist, dass in den vier Nachbargemeinden Allendorf, Buchenau, Dautphe und Friedensdorf der Bürgermeister den Namen Debus trug.

Die größten Schwierigkeiten stellten sich ein, als 1946 der Strom der Flüchtlinge/Vertriebene aus den Ostgebieten einsetzte. Wieder musste man in den Häusern zusammenrücken, viel enger noch als in den vergangenen Jahren. Es oblag dem Bürgermeister und der neu gewählten Gemeindevertretung, die Heimatlosen unterzubringen. Für den Bürgermeister war es selbstverständlich, als einer der ersten im Ort einen Teil der Wohnung zur Verfügung zu stellen. Einige Bewohner kündigten ihm die Freundschaft, da er es gewagt hatte, ihnen Flüchtlinge zuzuweisen.

Johannes und Katharina Debus mit Enkel

Ein Bürgermeister in schwerer Zeit. Bei einigen im Dorf regte sich Kritik an seiner Amtsführung. Sein Bemühen, es allen recht zu machen, konnte ja nicht gelingen. Alte politische Kräfte gewannen wieder an Einfluss. War Johannes Debus als Mann aus der unteren Schicht der richtige Land-Bürgermeister? Das Jahr der Währungsreform 1948 brachte er noch hinter sich. Im selben Jahr kam er ins Rentenalter. So trat er bei der nächsten Wahl nicht mehr an. Entnervt gab er auf.

Die Katastrophen des Jahrhunderts sind immer präsent gewesen. Manchmal stand er nachsinnend am Fenster und summte eine Melodie. Es war die Melodie des Chorals „Näher mein Gott zu Dir“, den die Schiffskapelle der Titanic während ihres Untergangs gespielt haben soll. „Näher mein Gott zu Dir“, waren auch einige seiner letzten Worte auf dem Sterbebett. Er starb am 13. August 1960.