Ludwig Debus – ein Dorfschullehrer im 20. Jahrhundert

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Friedhelm Debus, Schierensee bei Kiel

Gleichsam auf der Schwelle zum 20. Jahrhundert wurde Ludwig Debus am 23. Dezember 1899 in Friedensdorf geboren. Er starb in Schierensee am 21. Juli 1987. Sein Leben darf als exemplarisch bezeichnet werden für eine Generation, die durch verschiedene Phasen deutscher Geschichte mit tiefgreifenden Umbrüchen geprägt wurde: Kaiserzeit mit dem Ersten Weltkrieg 1914–1918, Weimarer Republik 1919–1933, nationalsozialistische Herrschaft ab 1933 mit dem Zweiten Weltkrieg 1939–1945, Teilung Deutschlands in zwei Staaten. Wie viele andere konnte er die Wiedervereinigung nicht mehr erleben.

Ludwig Debus stammt aus dem Howe-Hof. Der Name Debus taucht in Friedensdorf zum ersten Mal mit dem 1570 geborenen Johann(es) Debus auf, dessen ebenda 1635 geborener Enkel Paulus Debus die Tochter des Katzenbacher landgräflichen Hofmannes Jost Damm, Gertrudt, heiratete und der den für die weiteren Debus-Linien wichtigen, nach ihm benannten, noch heute vorhandenen Pahles-Hof in Katzenbach einrichtete. Mit dem dort 1669 geborenen Paulus-Sohn Jakob führte eine Linie wieder nach Friedensdorf zurück und zwar zum Howe-Hof, wo dann in sechster Generation Jost Debus (1858–1941) geboren wurde, der Vater von Ludwig Debus.

Ludwig Debus in seiner Familie mit Eltern und Geschwistern

Jost Debus und Elisabeth, geb. Bamberger (vorne links und Mitte) mit ihren Kindern (von links nach rechts):

  • Jakob
  • Katharina („Kottrei“)
  • Anna Katharina („Kottche“)
  • Ludwig
  • Heinrich (vorne rechts)

Das Familienbild von ca. 1920 zeigt vor dem Wohnhaus des Howe-Hofes die Familie mit dem Vater Jost, der Mutter Elisabeth, geb. Bamberger aus Gehanjirjes in Friedensdorf (dieser Hof wurde inzwischen abgetragen und im Hessenpark originalgetreu wieder aufgebaut), den Geschwistern Heinrich (rechts vorne, der Erstgeborene verlor im Ersten Weltkrieg ein Bein und konnte deshalb den Hof nicht übernehmen), Ludwig (dahinter), Katharina, Anna Katharina (beide als Katharina mit den unterscheidenden Mundartformen „Kottrei“ bzw. „Kottche“ gerufen) und Jakob (der Hoferbe). Der ältere Ludwig sollte nach dem Elternwillen wegen seiner guten schulischen Leistungen „Schullehrer“ werden. Der Weg dorthin und die bewegte Zeit danach hat er in seiner handschriftlichen Autobiographie, aus der ich öfters zitieren werde, detailliert beschrieben.

Die damalige mühsame Arbeit in der Landwirtschaft noch ohne Maschinen erforderte die Mithilfe auch der Kinder, „den Kräften angemessen (im Haus, Stall und Feld).“ Der Vater musste im Winter für zusätzlichen Verdienst sorgen, was er durch die Arbeit im Gemeindewald und an dem in der großen Stube stehenden Webstuhl tat. Am 1. April 1905 begann für Ludwig mit bereits 5¼ Jahren der Unterricht in der zweiklassigen Friedensdorfer Schule. Damals ahnte er nicht, dass er an diese Schule als Lehrer zurückkehren werde.

Der Unterricht beim ersten Lehrer verdiente nicht diese Bezeichnung; nach seiner Strafversetzung landete er im Irrenhaus. Der Lehrer des 4. bis 8. Schuljahres hatte durchaus bessere Qualitäten. Er war streng, aber inkonsequent. Wegen der gefürchteten „Geistlichen Schulaufsicht“ war sein Religionsunterricht besonders streng:

„Die biblischen Stoffe mussten wortgetreu auswendig gelernt werden. Wer beim Aufsagen stecken blieb, musste bis zum Ende der Stunde stehen bleiben und bekam eine Tracht Prügel, oft mit der Hundepeitsche.“

Der Lehrer war Jagdliebhaber und züchtete Jagdhunde. Ähnlich streng wie in der Schule ging es beim Auswendiglernen im Konfirmandenunterricht zu.

„Aufs Ganze gesehen, war die Schule eine reine Lernschule, wenig aufs Leben zugeschnitten, unkindgemäß, pädagogisch und erzieherisch kümmerlich.“

Am 1. Oktober 1913 begann dann nach bestandener Aufnahmeprüfung die Ausbildung zum Lehrer an der Präparandenschule in Dillenburg, die normalerweise drei Jahre dauerte mit weiteren drei Seminarjahren. Die den schulischen Erfolg anzeigenden Schülermützen waren nacheinander schwarz, blau, hellrot, grün, dunkelrot, weiß. Es galt eine strenge Hausordnung: 10 Minuten vor 7:00 Uhr Andacht, von 7–12 Uhr und (außer mittwochs und samstags) von 14–17 Uhr Unterricht, von 17–19 Uhr Ausgang (auf festgelegten begrenzten Spazierwegen), abends bis 22 oder 23 Uhr Erledigung der Schulaufgaben, alles unter Kontrolle der Seminarlehrer.

„Da der damalige Dorfschullehrer alle Fächer unterrichten musste, galt es überall beschlagen zu sein. Niemand konnte Lehrer werden, der nicht musikalisch war. Klavier- und Geigenunterricht wurden kümmerlich erteilt.“

Um das Üben zu fördern, kaufte Vater Jost vom Verkaufserlös eines gemästeten Ochsen ein Harmonium für seinen Sohn, dazu eine Geige. Der normale Unterricht wurde allerdings bereits in der ersten Präparandenklasse durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August tiefgreifend unterbrochen. Durch Einberufung der wehrdienstpflichtigen Lehrer mussten „ältere Seminaristen, die doch keinerlei unterrichtliche Erfahrung hatten“ als Lückenbüßer einspringen. Dazu fiel häufig der Unterricht aus (wegen errungener Siege oder Versorgung von Verwundeten und durchziehenden Truppen durch die Schüler).

„Als dann die Lebensmittel knapp wurden, mussten wir für die Bauern des Dillkreises das Abgabensoll (Getreide und Kartoffeln) errechnen. Dass unsere Ausbildung zum Lehrerberuf außergewöhnlich mangelhaft war, braucht nicht besonders gesagt zu werden. Die einzige Fremdsprache, die wir erlernten, war französisch, die doch für unseren späteren Lehrerberuf vollkommen bedeutungslos war. Nun, die Sache hatte einen rein politischen Hintergrund, das sollten wir bald erfahren, als unser Jahrgang am 20. Juni 1917 (ich war damals 17½ Jahre alt) zum Kriegsdienst einberufen wurde (¾ Jahre waren wir damals in der 3. [= ersten] Seminarklasse). Als Seminaristen zählten wir zu den sogenannten ‚Einjährigen‘ und waren angehende Offiziersanwärter, und weil Frankreich unser Erbfeind war, mussten wir die französische Sprache erlernen.“

Ludwig Debus in Rekrutenuniform

Nebenstehendes Bild zeigt den jungen Soldaten in Rekrutenuniform der Feldartillerie.

Nach strenger Kasernenausbildung ging es im Februar 1918 ins Feld nach Frankreich, wo Ludwig Debus für die Offiziersausbildung bestimmt und in eine Fahnenjunkerschule nach Belgien verlegt wurde – eine glückliche Fügung; denn seine Artillerieabteilung wurde in den blutigen Rückzugsgefechten fast völlig aufgerieben. So endete nach manchen weiteren Turbulenzen für ihn der Krieg Anfang November 1918. Doch die offizielle Entlassung aus dem Heeresdienst erfolgte erst am 1. April 1919, wonach die weitere Lehrerausbildung in Dillenburg möglich war.

Durch besondere Umstände (Quereinstieg in den laufenden Seminarbetrieb) konnte die erste Lehrerprüfung schon Anfang März 1920 abgelegt werden. Der neue Lebensabschnitt war dann aber für die jungen Lehrer alles andere als befriedigend. Durch den Versailler Friedensvertrag vom 10. Januar 1920 waren zahlreiche Gebiete wie Elsaß-Lothringen, Westpreußen, die Provinz Posen, Nordschleswig und weitere Gebiete von Deutschland abgetrennt worden.

„Das hatte zur Folge, dass alle deutschen Lehrer aus diesen Gebieten ausgewiesen wurden. Diese Kollegen mussten natürlich mit ihren Familien auf freiwerdenden Stellen untergebracht werden. Wir jungen Lehrer mussten sehen, dass wir irgendeine andere Beschäftigung bekamen. Die Wartezeit betrug bei manchen Kollegen bis zu 8 Jahren. Da gab es keinerlei Unterstützung, und niemand kümmerte sich um eine Unterkunft für uns.“

Doch Ludwig Debus hatte gewissermaßen Glück. Bald wurde er mit der Vertretung verschiedener Lehrerstellen beauftragt („vertretungsweise Versehung“ im Amtsdeutsch), zuerst für ein Vierteljahr in Wolfgruben, wo er nicht nur als völlig Unerfahrener eine einklassige Schule mit allen acht Jahrgängen zu unterrichten hatte, sondern auch für eine Abendschule zuständig war (eine Fortbildungsschule für die drei schulentlassenen männlichen Jahrgänge). Da er hier erfolgreich tätig war, wollte ihn die Gemeinde gerne behalten, was aber wegen der Rückkehr des wieder gesundeten Altlehrers nicht möglich war. Es folgten mehrere Vertretungen in: Frechenhausen, Heringen (Kreis Limburg), Breidenbach (mit Unterricht in zwei Klassen mit 110 Kindern und weiteren Jungen in der „Gewerblichen Berufsschule“ neben Organistentätigkeit), wieder Frechenhausen (in engem fachlichen Austausch mit seinem in Lixfeld tätigen Freund Jakob Frey), Hermannstein (neben Belegung der Fächer Psychologie und Germanistik an der Universität Gießen). Zwischendurch konnte er für etwa zwei Jahre als „Bürohilfsarbeiter“ am Landratsamt in Biedenkopf Arbeit finden. Von den mancherlei interessanten Erlebnissen aus dieser Zeit mag hier ein Beispiel aus dem Unterricht in Breidenbach zitiert sein:

„In der Berufsschule mit rund 60 Jungen im besten Flegelalter war der Unterricht nicht ganz einfach. Der junge Lehrer musste natürlich abgetastet werden. Das geschah dann so: Wenn ich etwas an die Tafel schrieb und den Schülern den Rücken zuwandte, pfiff ein Schüler – wie ich annahm – aus der hintersten Bankreihe. Untersuchungen anzustellen, wäre sinnlos gewesen. Ich schaute mir die Kerle in der hintersten Bankreihe prüfend an und glaubte, bald den Störenfried an seinem unsicheren Blick herausgefunden zu haben. Kurz entschlossen sagte ich: ‚Seibel, setz Dich einmal hier vorne in die erste Bank!‘ Ich hatte sofort den Richtigen getippt, denn das Pfeifen hörte auf. Doch nach kurzer Zeit ertönte der bekannte Pfiff aus der ersten Bankreihe. Ohne ein Wort zu sagen, bekam Seibel eine schallende Ohrfeige, die er nicht vergessen hat. Da machten alle große Augen, und die Disziplin war vorbildlich. Später – wohl nach 30 Jahren – traf ich diesen Seibel auf dem Postamt in Biedenkopf in der Gepäckabnahme. Der Abnehmer lächelte mich freundlich mit den Worten an: ‚Sie kennen mich wohl nicht mehr, aber ich kenne Sie. Ich bin der Seibel, der Übeltäter, dem Sie die unvergessliche Ohrfeige zur rechten Zeit verabfolgt haben, und dafür will ich Ihnen noch einmal herzlich danken.‘“

Schon nach 1¾ Jahren Unterrichtspraxis konnte unterdessen die zweite Lehrerprüfung mit bestem Erfolg abgelegt werden. Nach der zweijährigen Vertretung in Hermannstein wurde Ludwig Debus endlich mit fester Anstellung nach Oberdieten versetzt.

Nun konnte am 26. September 1926 nach zwei Verlobungsjahren geheiratet werden, und das junge Paar konnte in das Obergeschoss der Schule einziehen. Das Bild zeigt Ludwig Debus mit seiner Braut Elisabeth Kamm aus dem Kaufhaus gegenüber dem Howe-Hof. Die beiden kannten sich also von Kindesbeinen an, und sie haben später auch immer wieder in der Friedensdorfer Mundart miteinander gesprochen, allerdings mit uns Kindern nur hochdeutsch. Es wurde eine glückliche Ehe, das Sprichwort bestätigend: „Heirate deines Nachbarn Kind, so bist du nicht betrogen.“

Im Oberdietener Schulhaus, das im Zuge der Straßenerweiterung leider abgerissen wurde, sind wir Kinder geboren worden: Ruth Elisabeth 1927 (mit drei Jahren verstorben), Erika Maria 1930 und Friedhelm Ludwig 1932.

Ludwig Debus mit Tochter Ruth Elisabeth (ca. 1929)

Die Arbeit in Oberdieten entwickelte sich in außerordentlich erfolgreicher Weise. „Von der großen einklassigen Schule wurde man ganz gefordert. In all den 13 Jahren hatte ich 60–70 Kinder zu unterrichten.“ Das erforderte besondere pädagogisch-organisatorische Maßnahmen, um jedem Kind in bester Weise gerecht zu werden. Das führte z. B. auch dazu, dass mein Vater schwächere Kinder außerhalb der Schulzeit zu sich zur Nachhilfe bestellte, damit sie das Klassenziel erreichen konnten.

„Das Wochenstundensoll betrug damals für den Lehrer 32 Stunden à 50 Minuten. Darüber hinaus wurde nachmittags neben dem Turnunterricht noch in der Baumschule gearbeitet und Ähren wurden gelesen, um das nötige Geld für unterrichtliche Omnibusfahrten zu beschaffen. […] In der Baumschule erlernten die Kinder die Aufzucht der Bäume und alle Veredelungsarten mit Schnitt. Außerdem wurden manche Versuche gemacht, die unterrichtlich ausgewertet wurden. Unter anderem gelang es, eine neue Kartoffelsorte zu züchten, die meine Eltern in Friedensdorf jahrelang angebaut haben.“

Das war nun eine ganz andere Art von Schule im Vergleich zur früher erlebten „Lernschule“. Mit der größten Hochachtung hat mein Vater in solchem Zusammenhang des Öfteren vom damaligen Schulrat Karl Eckhardt erzählt und er schreibt dazu:

„Er hat uns junge Lehrer, die wir so eine verkürzte und mangelhafte Vorbildung in Dillenburg hatten, erst zu rechten Lehrern der Arbeitsschule gemacht. Schulrat Eckhardt war früher Realschullehrer in Frankfurt und ein führender Pädagoge in der Arbeitsschulbewegung im Pestalozzischen Sinne […]. Durch seine Bücher wurde er weithin bekannt. Wenn Auslandslehrer nach Deutschland kamen, um die moderne „Arbeitsschule“ kennen zu lernen, dann schickte sie der Kultusminister in Berlin in den Kreis Biedenkopf – die pädagogische Provinz. In Oberdieten habe ich einmal zwei finnische Lehrerinnen bei mir in der Schule gehabt. In dem Eckhardt’schen Buch Die Landschule ist auch ein „Abschnitt Auswertung der Arbeit im Versuchsfeld der einklassigen Schule aus Oberdieten“ aufgenommen worden. Ein Schulrat aus Frankfurt wollte mich daraufhin nach Frankfurt holen, um Mitarbeiter an einer pädagogischen Zeitschrift zu werden, die er herausgab.“

Neben dem Unterricht wurde auf Spiel und Sport großer Wert gelegt. Doch da es keine Möglichkeit gab, Wassersport zu treiben, „wurde mit einer begeisterten Jugend eine Badeanstalt geplant“ und mit tatkräftiger Hilfe fast aller Einwohner von Oberdieten in die Tat umgesetzt. So konnten nun alle Kinder das Schwimmen erlernen.

Von besonderer Bedeutung für den Ort wurde neben all diesen schulischen Aktivitäten die kirchliche Arbeit, der sich mein Vater als überzeugter Christ intensiv widmete. So versah er den Organistendienst, und es entstanden aus kleinen Anfängen unter seiner Leitung verschiedene Gruppierungen bzw. Vereine: Bibel- und Gebetsstunden, CVJM, Männer- und gemischter Chor, Kindergottesdienst, Jugendarbeit für die schulentlassene Jugend. Da diese Gruppierungen ständig größer wurden, mussten entsprechende Räumlichkeiten geschaffen werden. Das geschah dann durch den Bau eines Vereinshauses („Lutherhaus“), wieder durch freiwillige Mitarbeit vieler Einwohner und durch Spenden. Die christlich geprägte Arbeit sollte aber dazu beitragen, dass unsere Familie Oberdieten verlassen musste. Und das hing mit dem Nationalsozialismus zusammen.

„Es ging so alles seinen Gang bis 1933, als Hitler an die Macht kam. Ich gehörte damals dem kleinen evangelischen Lehrerverein an. Die Kreisleitung der NSDAP trat damals an uns heran, in die Partei einzutreten, damit bei der schulischen Jugend die evangelische Sache besser vertreten werden könnte. Das schien ehrlich gemeint, und alle waren dafür, nur Willi Gail, Jakob Frey und ich waren dagegen, weil wir der Sache nicht trauten. Es wurde beschlossen, dass alle in die Partei eintreten sollten. Wir drei Gegner beugten uns dem Beschluss und traten besseren Wissens und beschwerten Gewissens in die Partei ein.“

Bald sollte sich zeigen, woher und wie der neue politische Wind wehte. Mein Vater wurde angezeigt, er sei ein Gegner der Partei und verführe die Jugend, zudem sei sein Unterricht zu beanstanden. Es folgten zahlreiche Verhöre und unangemeldete Kontrollen durch Schulrat, Landrat und Oberregierungsrat. Beim abschließenden „Besuch“ der Herren sagte Letzterer:

„Wir sind die letzten Tage in mehreren gegliederten Schulen gewesen und haben den Wissensstand, die Aufgeschlossenheit und die Mitarbeit der Schüler nirgends so vorgefunden wie in Ihrer großen einklassigen Schule, das dürfen wir Ihnen einmal sagen. […] Und nun zur Sache, weshalb wir eigentlich hier sind, das werden Sie wohl selbst wissen. Es liegen drei schwere Anklagen gegen Sie vor. 1.) Sie beherbergen den Bekenntnispfarrer, der von der illegalen Bekenntniskirche hier eingesetzt ist. 2.) Sie sind schuld daran, dass keine jungen Leute in die NSDAP eintreten. 3.) Am Staatsjugendtag (Samstag) kommen alle Schüler zu Ihnen in die Schule und blockieren auf diese Weise den Staatsjugendtag.“

Es war tatsächlich so, dass mit der „Bekennenden Kirche“ eine strikt antinationalsozialistische Bewegung mit führenden Männern wie Dietrich Bonhoeffer oder Martin Niemöller entstanden war und entsprechend bekämpft wurde; im Hinterland gehörte in führender Position der 1932 in Oberhörlen eingeführte Pfarrer Karl Herbert dazu, mit dem mein Vater eng zusammenarbeitete (über Karl Herbert und den Kirchenkampf im Hinterland berichtet ausführlicher Reiner Braun in den Hinterländer Geschichtsblättern 86/2007, Nr. 4 und 87/2008, Nr. 3). Zur dritten Anklage bemerkte mein Vater:

„Das Gesetz bestimmt bekanntlich: Wer nicht am Staatsjugendtag teilnimmt, ist verpflichtet, am Samstag die Schule zu besuchen. Die Oberdieter Eltern möchten, dass ihre Kinder etwas lernen und schicken aus diesem Grund die Schüler am Staatsjugendtag in die Schule. Da bin ich gehalten, die Kinder zu unterrichten.“

Dass der Oberregierungsrat letztlich doch Entgegenkommen zeigte, beweist sein abschließendes Urteil:

„Es ist gut, dass Sie in der Partei sind, sonst könnte ich Sie nicht im Schuldienst halten. Aber hier in Oberdieten können Sie nicht mehr bleiben. Wo wollen Sie hin? Sie sehen, welch eine gute Möglichkeit ich Ihnen gebe.“

Die Friedensdorfer Schule

So kam es nach einigem Drängen durch eben diesen Oberregierungsrat, dass mein Vater am 1. April 1939 ausgerechnet nach Friedensdorf und dazu auch noch auf die Hauptlehrerstelle strafversetzt wurde – an den Ort, wo gerade das als Ferienhaus geplante Eigenheim bezugsfertig war. Diese glückliche Fügung sollte sich später freilich wieder nachteilig auswirken.

Die mit Eifer und Erfolg aufgenommene Tätigkeit in der Friedensdorfer Schule (vgl. Bild) wurde schon bald jäh unterbrochen durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Anfang September 1939.

Schon am ersten Mobilmachungstag wurde mein Vater zur schweren Artillerie eingezogen und in Frankreich eingesetzt, wo er bald Rechentruppführer wurde.

Dort hatte er einen SS-Mann unter sich,

„der sich damit groß tat, wie sie die KZ-Häftlinge geschunden haben. Ich habe ihm ins Gewissen geredet, dass er das alles einmal vor Gott verantworten müsse. Er entgegnete, dass er nicht verstehe, wie jemand mit meiner Glaubenshaltung unter Hitler noch Lehrer sein könnte.“

Ludwig Debus mit den Kindern Erika Maria und Friedhelm

Das Bild zeigt ihn während eines Fronturlaubs mit seinen beiden Kindern.

Nun, bald durfte mein Vater wieder Lehrer sein, durch eine glückliche Entscheidung, die ihm das Leben rettete. Nach dem Waffenstillstand mit Frankreich Mitte 1940 sollte Vaters Einheit verjüngt werden, so dass er als älterer Reservist mit der Bemerkung des prüfenden Oberst die Heimreise antreten konnte:

„In Ihrem Alter können Sie doch dem Vaterland besser zu Hause in der Schule dienen.“

Das tat er dann in der Schule in Friedensdorf mit zusätzlichem Unterricht an zwei Tagen in Herzhausen und zeitweise in Allendorf, da die dortigen Lehrer eingezogen waren.

Seine Einheit wurde der 6. Armee an der Ostfront zugeteilt, und alle Kameraden kamen in Stalingrad ums Leben. Dem erneuten Stellungsbefehl angesichts der ständig verschlechterten militärischen Lage konnte mein Vater wegen eines Darmgeschwürs entgehen, so dass er bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges seinen Unterricht in der schon in Oberdieten praktizierten Weise unbehelligt fortsetzen konnte.

Auch hier hatte er in seiner Klasse (6.–8. Schuljahr) 50 bis 60 Schüler zu unterrichten.

Ludwig Debus dirigiert

Auf dem Bild rechts ist Ludwig Debus als Dirigent vor seinen Schülern zu sehen. Doch, wie schon in Oberdieten, war er in der kirchlichen Arbeit eifrig tätig als Organist sowie mit der Leitung des gemischten Chores, der Gründung eines Männerchores, der Leitung des CVJM und mit intensiver Jungen- und Mädchenarbeit.

Allerdings brachte das Kriegsende zugleich auch einen tiefen persönlichen Einschnitt. Alle Lehrer, die in der Partei gewesen waren (es waren fast alle), wurden auf Anordnung der Amerikaner aus dem Schuldienst entlassen, so dass weithin der Unterricht ausfiel. Da auch der Ortsgruppenleiter sein Amt als Rechner der Raiffeisenkasse abgeben musste, übernahm mein Vater auf Bitten der Gemeinde diesen Posten. Das Büro wurde in unserem Haus eingerichtet, und ich persönlich kann mich noch gut an den regen Kundenverkehr erinnern. Bald aber wurden „Entnazifizierungsgerichte“ etabliert mit dem Ziel, die Schulen wieder in Gang zu bringen.

„Ich kam als erster Lehrer vor das Gericht, weil man meinte, mir könnte doch nichts passieren, weil ich durch die Nazis strafversetzt worden war.“

Bei der mit großem Aufwand durchgeführten Verhandlung kamen weitere entlastende Punkte aus den Akten zur Sprache, z. B. dass mein Vater den Kindern in Friedensdorf gesagt hatte, sie sollten auf der Straße die Leute freundlich mit „Guten Tag“ und nicht, wie vorgeschrieben, mit „Heil Hitler“ grüßen, so dass sein Ankläger angesichts weiterer ähnlicher Aussagen feststellen musste: „Das hätte Sie den Kopf gekostet, wenn das angezeigt worden wäre.“ Gleichwohl wurde mein Vater unter lautem Protest der zahlreichen Zuhörer aus Oberdieten und Friedensdorf in die Gruppe der „Mitläufer“ eingestuft und zudem zu 2000,– Mark Geldstrafe verurteilt – mit der Begründung des Gerichtsvorsitzenden, mein Vater sei durch die Strafversetzung eigentlich doch „die Treppe hinaufgefallen“. Dennoch wurde er nicht wie andere Lehrer an einen anderen Ort versetzt und konnte unter Beibehaltung des Beamtenstatus gleich wieder mit dem geliebten Unterricht beginnen. Doch in Ermangelung eines Nachfolgers lief die Rechnertätigkeit zunächst noch weiter – eine große Belastung, zumal die Währungsreform in diese Zeit fiel.

„Die Geldentwertung hatte unvorstellbare Formen angenommen (eine Billion hatte zuletzt nur noch einen Realwert von 1 RM). Die Umstellung auf die neue Rentenmarkwährung machte eine enorme Arbeit. Oft habe ich nachts bis 4°° Uhr bei dieser Arbeit neben der Schule gesessen.“

Dennoch blieb die Schule stets die mit Hingabe und großem Erfolg versehene zentrale Aufgabe meines Vaters. Das äußerte sich z. B. darin, dass er von der Regierung öfters Schulpraktikanten zugewiesen bekam, die dann auch in unserem Haus untergebracht waren. Auch ein japanischer Humboldtstipendiat der Universität Marburg war über mehrere Wochen zu Gast in unserem Haus und beobachtete und dokumentierte interessiert den Schulunterricht. Als Germanistik-Professor war Herr Oshio später an der Universität Tokio tätig, produzierte daneben Fernsehsendungen über Deutschland (mit Einbringung der Friedensdorfer Erfahrungen) und wurde schließlich Botschafter seines Landes in Deutschland.

Das in Friedensdorf gebaute Wohnhaus von Ludwig Debus

Nach seiner Pensionierung am 1. April 1965 nach 26 Jahren Schullehrertätigkeit in Friedensdorf unterrichtete mein Vater auf Bitten des Wiesbadener Regierungsrates Reinhard noch weitere drei Jahre auf einer halben Stelle an der Mittelpunktschule Dautphetal. Daneben und danach waren es dann nicht nur erneut die erwähnten Aktivitäten in der Kirchengemeinde, dazu wiederum der Bau eines Gemeindesaals und des Pfarrhauses in freiwilligem Arbeitseinsatz, denen mein Vater sich widmete, sondern auch weitergehende Aufgaben: 25 Jahre als gewählter Vorsitzender des Kreisverbandes und Kreisdirigent im Evangelischen Sängerbund, 18 Jahre als berufenes Mitglied der Dekanatssynode Gladenbach und zugleich gewählter Präses dieser Synode, verbunden mit der Wahl in die Landessynode für dieselbe Zeit. Während all dieser Jahre wurde die vertraute enge Zusammenarbeit mit dem inzwischen zum Propst ernannten Karl Herbert fortgesetzt. Es verwundert daher nicht, dass schließlich von vielen Seiten ehrende Anerkennung ausgesprochen und Geschenke überreicht wurden.

Unser Haus in Friedensdorf war stets ein gastfreies Haus, in dem die nicht selten längere Zeit verweilende Gäste von meiner Mutter liebevoll betreut und versorgt wurden. Nach dem Krieg wohnten zudem zwei Flüchtlingsfamilien mehrere Jahre bei uns. Natürlich freuten sich die Eltern besonders, wenn ihre Kinder mit den Enkeln zu Besuch kamen. Dabei konnte dann der Lehrer gelegentlich sein Wissen weitergeben: Ein Bild zeigt den Großvater mit den Enkeln Sebastian und Otfried, wie er einen Globus erklärt.

Die runden Geburtstage wurden jeweils in großem Kreis gefeiert, und sehr dankbar waren die Eltern, dass sie am 26. September 1976 ihre goldene Hochzeit erleben durften.

Ludwig Debus an seinem 85. Geburtstag

Am 23. Dezember 1984 wurde Ludwig Debus 85 Jahre alt.

Bald darauf, am 27. November 1985, starb unsere Mutter Elisabeth mit 85 Jahren.

Am 21. Juli 1987 folgte ihr unser Vater nach; wenige Monate zuvor hatten wir ihn wegen einer Krankheit zu uns nach Schierensee geholt.

Beide Eltern haben auf dem neuen Friedhof in ihrer beider Geburtsort Friedensdorf ihre letzte Ruhe gefunden.