Lina Debus (1888–1955) – ein Hinterländer Kind kommt in die Stadt und erlebt interkonfessionelle Wirren

Aus Genealogen im Hinterland
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Erzählt von ihrem Enkel Lienhard Müller in Blaubeuren

Einordnung in die Linie der Familie

Gönnern: Handeis
(1) Johann Theiß Debus (1802–1876) aus Hommertshausen: Pitzers → Gönnern

Gönnern: Jerjes
(2) Georg Debus (1855–1948) aus Handeis → baut Jerjes-Haus
(3) Lina Debus (1888–1955) aus Jerjes → Hannoversch Münden (auch „Hann. Münden“ oder nur „Münden“)

Die Lebensereignisse

Kindheit

Schulkinder der Jahrgänge 1884–1891, darunter Lina Debus (vordere Reihe, rechts, sitzend)[1]

Unter den Schulkindern der Jahrgänge 1884–1891 in Gönnern sind drei Mädchen aus dem Jerjes-Haus: die Geschwister Rosine und Elisabeth (3. und 6. in der zweitoberen Reihe) und Lina (untere Reihe rechts, sitzend). Lina Debus ist die jüngste der Geschwister, am 23. August 1888 geboren.

Auf dem Bild (um 1897) tragen die Jerjes-Mädchen wie die meisten anderen Tracht, nur wenige sind schon neumodisch gekleidet.

Als die drei Mädchen aus Jerjes hier im Schulalter fotografiert wurden, war ihre Mutter, Elisabeth, geb. Gimbel, aus Wolzhausen bereits gestorben. 1890 endete ihr Leben im Alter von 40 Jahren, Lina war gerade zwei Jahre alt.

Der Vater (1855–1948) heiratete 1894 erneut, seine zweite Frau kam aus Frechenhausen und war um 10 Jahre jünger als er: Katharina Haffer (1865–1948). Mit ihr kamen weitere vier Kinder ins Haus: Heinrich (1895), Pauline (1898–1976), Arthur (1901–1969) und Gustav (1904–1968).

Der Wechsel in die Stadt

Anders als Gönnern im hessischen Hinterland erlebt Lina Debus die Stadt Hannoversch Münden mit Gasthof Weserstein auf dem Tanzwerden, der Insel zwischen Fulda und Werra unmittelbar vor der Geburt der Weser; hier arbeitet sie bei ihrer Tante Elisabeth.

Ihre Tante mütterlicherseits, Elisabeth, geb. Gimbel, betreibt in Hannoversch Münden mit ihrem Mann Peter Ungemach den Gasthof (siehe Bild). Sie nehmen 1902 Lina Debus nach ihrem Volksschulabschluß in Gönnern zu sich auf. Dort bahnt sich (vor 1909) eine Liebe zum Unteroffizier Heinrich Feldpausch an, der 1906 zunächst als Ersatzrekrut beim Pionier Bataillon 11 in Hannoversch Münden eingerückt war, 1907 zum Gefreiten, 1908 zum Unteroffizier und 1912 zum Sergeant befördert wurde.

Verliebt – verheiratet

Heinrich Feldpausch in Uniform

Der Gasthof Weserstein war das Vereinslokal der Pioniere. Hier wuchs die Liebe von Lina Debus zu Heinrich Feldpausch, ihrem Heinz, doch die Beziehung hatte einen Haken: Heinz war katholisch und Lina evangelisch.

Daraus sollten sich noch einige Verwicklungen und Überwerfungen ergeben. Denn die Eltern von Heinz waren strenge Katholiken. Sein Elternhaus war gar nicht weit weg von Gönnern, nämlich im „katholischen Allendorf“, wie es zur Unterscheidung von anderen Orten gleichen Namens vor Zeiten genannt wurde, östlich von Marburg und nahe der früher kurmainzischen katholischen Enklave Amöneburg gelegen. Seit 1960 heißt es „Stadt Allendorf“, später „Stadtallendorf“.

Der Vater von Heinz war Eisenbahner in Treysa, wo die Familie zu dieser Zeit auch wohnte.

Der verliebte Heinz Feldpausch aus dem erzkatholischen Allendorf suchte die Entscheidung und bat Linas Vater im rein lutherisch-protestantischen Gönnern um die Hand seiner Tochter. Jerjes Georg Debus antwortete am 24. März 1912, offenbar in Kenntnis der Konfliktlage, höflich zögernd aber zustimmend, hatte er doch im Jahr zuvor erlebt, wie der Nachbarjunge aus der gegenüberliegenden Gastwirtschaft Thomas, Wilhelm Thomas, mit seiner rheinisch-katholischen Braut, Maria Zerres (später „Bach Marry“ genannt) nach New York ausgewandert war und sie dort geheiratet hatte.

Sein Schreiben ist hier wiedergegeben, eindrucksvoll seine Schrift und Ausdrucksweise. Ob er sich wohl Rat eingeholt hat?

„Gönnern, den 24. März 1912

Sehr geehrter Herr Feldpausch

     Das Vertrauen, das Sie mir durch Ihren geehrten Antrag schenken, hat mich wohltuend berührt. Da ich bereits von meiner Schwägerin Frau Ungemach von Ihrem Verhältnis zu meiner Tochter unterrichtet bin, so kann ein solcher Antrag von einer so achtbaren und hochgeschätzten Persönlichkeit für mich nur willkommen sein.

Ich erkläre Ihnen daher, daß von meiner Seite kein Hindernis im Wege steht. Meiner Tochter möchte ich jedoch bei diesem wichtigsten Schritte ihres Lebens volle Freiheit laßen. Was die vorhandenen Schwierigkeiten betrifft, so laßen sich dieselben wohl durch gegenseitiges Entgegenkommen leichter überbrücken.

Eines jedoch erweckt in mir Bedenken, ob durch die feine zarte schwache körperliche Entwicklung meiner Tochter dieselbe den an sie gestellten Forderungen im späteren Eheleben zu entsprechen sie im Stande sein wird? Da meine Tochter Lina von ihrer Schulentlassung die weitere Erziehung und Ausbildung von meinem Schwager und der Schwägerin dort in H. Münden genossen und empfangen hat, welche auch sehr großes an ihr getan haben, so muß ich denselben die in dieser Angelegenheit entscheidende Elternpflicht über lassen, in dem ich wünsche, daß alles zur gegenseitigen Zufriedenheit sich gestalten möge.

Mit aller Hochachtung
empfehle ich mich bestens als

Ihr
ergebenster
Georg Debus“

In Gönnern war Heinrich Feldpausch wohl gelitten, er konvertierte zwar nicht zum evangelischen Glauben, hatte aber wohl Lina evangelische Trauung und Erziehung der Kinder versprochen. Im stock-katholischen Allendorf war er so gut wie ausgestoßen. Die kirchliche Trauung fand am 28. Juni 1914 in der alten Kirche in Gönnern statt, offenbar ohne Beteiligung der katholischen Angehörigen des Bräutigams aus Allendorf.

Familie und Wirren um die Taufe des ersten Kindes

Karte aus dem Lazarett in Karlsruhe

Wenige Wochen nach der Heirat in Gönnern brach der Erste Weltkrieg aus.

Heinrich Feldpausch musste in den Krieg ziehen und wird sehr früh verwundet. Aus dem Lazarett Nr. 8 in Karlsruhe schreibt er am 1. Dezember 1914 an seine Frau in der Langestraße in Hannoversch Münden eine Karte mit Grüßen an sie und Onkel und Tante.

Im Frühjahr 1915 kommt er auf Urlaub zu seinen Eltern nach Treysa und dort wiederum in ein Lazarett.

Während seines weiteren Einsatzes im Krieg geht seine Frau Lina zu ihren Schwiegereltern nach Treysa. Dort trifft sie auf eine große Familie.

Die Schwiegermutter Veronika Feldpausch hatte 10 Kinder zur Welt gebracht, das jüngste war gerade 10 Jahre alt. Hier – am 24. Februar 1916 – bringt Lina ihr erstes Kind zur Welt: Margarete.

Mit der Geburt meiner Mutter – das wurde mir, dem Erzähler, immer berichtet – begann der endgültige Bruch mit den Allendorfer Verwandten: Während meine Oma noch im Wochenbett lag, ließ meine Allendorfer Urgroßmutter meine Mutter, Margarete Feldpausch, katholisch taufen!

Wieder zurück in Hannoversch Münden wurde meine Mutter ein zweites Mal getauft, natürlich evangelisch! Taufpatin war ihre Großtante, die Diakonissin Margarete Gimbel.

In Hannoversch Münden zog die Familie in den Philosophenweg gleich über dem Bahnhof. Später – Juni 1930 – kaufte sie ein Haus am Galgenberg. Da mein Großvater Berufssoldat war, wurde er im Juli 1921 von der Eisenbahndirektion Cassel in Münden als Reichsbahnsekretär eingestellt.

Ihr Sohn Hans kam am 19. Juli 1919 in Münden zur Welt.

Lina (geb. Debus) und Heinrich Feldpausch mit Kindern Margarete und Hans

Im Haus am Galgenberg in Hannoversch Münden bahnte sich ein neuer Konflikt an.

Ein Haus, dazu der Anbau einer Veranda, machten die Vermietung eines Zimmers erforderlich, mein Großvater war ja „nur“ Reichsbahnsekretär.

Es war ein Zimmermieter, der den Konflikt erneut aufbrechen ließ. Seine Mutter stammte auch aus dem stock-katholischen Allendorf und er war von der Reichsbahndirektion nach Hannoversch Münden versetzt worden.

Des Hauses Töchterlein – die Grete, erst 15 Jahre jung – hatte es dem neuen Mieter, August Müller, gleich angetan.

Auch hier wuchs die Liebe und mit ihr der interkonfessionelle Konflikt: Die Mutter des Mieters – meine spätere Großmutter – bestand darauf, dass meine Mutter vor der Hochzeit katholisch werden müsse.

Meine Mutter willigte ein und so wurde sie 1935 – mit (bitterer, gleichgültiger oder freudiger?) Kenntnisnahme seitens ihre Mutter – ein drittes Mal getauft:

Die Hochzeit war am 2. Mai 1936 in der katholischen Elisabethkirche in Hannoversch Münden. Von Allendorf war niemand eingeladen, aus Gönnern kam eine Abordnung.

Lina Feldpausch, geb. Debus, ihre letzten Jahre

1939 starb Linas Mann, mein Großvater. Ich – Lienhard Müller – war damals gerade zwei Jahre alt. Mein Onkel Hans wurde nach dem Examen Hochbau in Kassel 1940/41 zum Militärdienst eingezogen, am 30. Dezember 1942 schrieb er aus dem Kessel in Stalingrad an meinen Vater, der zu der Zeit im Kaukasus Sonderführer im Transportwesen (Inspektor der Reichsbahn) war – wohl nur aus diesem Grund kam noch Post aus dem Kessel. Seitdem gilt Hans als vermisst.

Am 11. Dezember 1955 starb Lina Feldpausch, geb. Debus, nach einem bewegten Leben. An ihren vier Enkelkindern, Lienhard (* 1937), Heinrich (* 1941), Elisabeth (* 1942) und Hans Müller (* 1950) hat sie sich erfreuen dürfen.

Zeitenwandel

Die familiären Bindungen waren über die Jahre stärker als die konfessionellen Barrieren. Meine Großmutter fuhr regelmäßig ins katholische Allendorf und ins evangelische Gönnern. Auch meine Eltern pflegten die Kontakte zu beiden Familien. Wie mir von Gönnerschen erzählt wird, kam es dort aber erst in den 1950er Jahren zum Abbau der interkonfessionellen Vorbehalte. Wie so oft ist es die stürmische jugendliche Liebe, die Barrieren durchbricht. Es war die Liebe zwischen den Jungen und Mädchen der evangelisch-lutherischen Einheimischen und der katholischen Vertriebenen. Heute sind diese Wirren kaum noch nachzuvollziehen.

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Günter Debus: Geschichten aus unserem Dorf – Gönnern 1296–1996. Brockhaus-Druck, Dillenburg 1996 (siehe Eintrag im Literaturverzeichnis), Seite 190