Kriegstagebuch des Christian Runkel aus Breidenbach

Aus Genealogen im Hinterland
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Christian Runkel

Die Zeiten während und nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem Tagebuch des Schreinermeisters Christian Runkel aus Breidenbach.

Der Text wurde uns zur Verfügung gestellt von Norbert Nossek.

Bombenangriffe auf unser Reich

Seit dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 befinden wir uns im fünften Kriegsjahr.

… Terrorbomber kamen seit Mitte des Jahres viele hier durch. Bei dem Angriff auf Kassel waren es Unmengen. Man konnte das Feuer von hier aus sehen. Die Auswirkungen und die Schäden müssen furchtbar gewesen sein.

Als Kassel am 22. Oktober 1943 bombardiert wurde fielen um 20:49 Uhr die ersten Bomben. Zunächst warfen britische Flugzeuge Sprengstoffbomben ab um eine größtmögliche Zerstörung zu erzielen. Das Feuer der fast 400.000 nachfolgenden Stabbrandbomben fanden durch die vorangegangene Zerstörung die besten Grundlagen für eine Ausbreitung. Es entstand eine Feuersbrunst, der allen Sauerstoff in der Luft aufzehrte, so dass Menschen in ihren feuergeschützten Schutzräumen die Luft zum Atmen fehlte und diese erstickten. Mehr als 10.000 Menschen wurden bei diesem Angriff getötet. Bewusst wurde nicht nur die Rüstungsindustrie, sondern auch die prächtige mittelalterliche Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern in den Vernichtungsplan mit einbezogen. Nach einem 22 Minuten dauernden Bombenabwurf war alles zerstört was über Jahrhunderte entstanden war.

Dass manche Verbrauchsgegenstände knapp wurden, ist leicht verständlich, da alles nur auf Kriegslieferungen eingestellt war. Dennoch kann man beobachten, dass manche Artikel – wie Spielzeug für Kinder usw. – niemals, wenigstens auf dem Lande, in solchem Maße und auch Preise vorhanden waren, wie heute. So kostete 1 Roller 9,50 RM, 1 kleines Puppenwägelchen, roh, 15,-- RM und mehr.

Ein Schmied aus dem Nachbardorf nahm für 3 Silscheite zu beschlagen 18,-- RM. Der Gendarm zeigte den Mann an, der dann 100,-- RM Strafe bekam. Auch war der Kleiderluxus bei den jungen Mädchen nie so groß wie jetzt. Trotzdem alles gegen Lebensmittelkarten und Bezugsscheine läuft, ist der Tauschhandel nicht aus der Welt zu schaffen. Wer etwas zu tauschen hat, kann immer noch Mangelware erhalten. An Geld, hauptsächlich durch die reichlichen Unterstützungen bei Einberufungen und hohen Renten hervorgerufen, herrscht kein Mangel. Gestern kam ein Kamerad zu mir, der als Organist tätig ist und sich noch gerne 1 Geige anschaffen wollte. Er erklärte mir, dass man in Marburg die billigste für 400,-- RM erhalten könnte.

Die Bauern, die noch schlachten konnten und Hühner hielten, haben denjenigen gegenüber, die alles durch Karten erhielten, immerhin noch etwas voraus. Auf eine Person wird 1 ½ Huhn gerechnet, in 1944 1 Huhn pro Person. 60 Eier je Huhn müssen abgegeben werden, 70 Stück in 1945. Im ersten Weltkrieg war aber der Hunger viel größer.

Der totale Krieg verlangt manche Einschränkungen. Aber im Laufe der Zeit gewöhnt sich der Mensch an manches, was er früher nicht missen konnte. Im Sommer läuft die Jugend vielfach Barfuß oder auf Holzsohlen. Eins darf der Chronist nicht verschweigen: nach dem Zusammenbruch und der jahrelangen Arbeitslosigkeit war die Jugend bis 1933 manchen Verführungen wie Wildfrevel, Diebstahl und dergleichen mehr ausgesetzt, sodass der Staat eingreifen musste. Bestrafungen aus dieser Zeit, die öfters mehrjährig waren, erstreckten sich auch bei uns bis in das Jahr 1943.

Im Sommer 43 wurden hier viel Bombengeschädigte, Evakuierte aus den Großstädten untergebracht. Heute, am 31 Dez. ist nur noch eine Frau hier. Es sträubt sich einem die Feder, wenn man hier die Wahrheit berichten muss. Die meisten Stadtfrauen wissen sich dem Landleben einfach nicht anzupassen. Es kamen Fälle vor, dass die Ankömmlinge schon am ersten Tag sagten: „ja, wenn hier kein Kino ist, bleibe ich nicht.“ Vorausgeschickt werden muss, dass der größte Teil der landwirtschaftlichen Arbeiten durch die hiesigen Frauen bewältigt wird. Dieselben stehen im Sommer meistens schon um ½ 5 bis 5 Uhr auf und haben abends um 10 Uhr noch keinen Feierabend. Es gibt wohl in Deutschland kaum einen Bezirk, wo die Frauen so viel arbeiten wie hier. Wenn da so eine städtische Dame um 9 Uhr aus den Federn kriecht, hat die Eingesessene bereits die ganzen häuslichen Arbeiten wie das Vieh füttern und dergleichen verrichtet und ist schon 3 Stunden auf dem Felde, sodass sie dem Gast den Tee oder Kaffee nicht mehr servieren kann. Dann ist ein großer Teil der Ansicht, dass auf dem Lande noch alles in Hülle und Fülle vorhanden wäre. Die meisten reisten dann auch bald wieder ab und so haben die N.S.V.-Leiter auf ihre Anfragen manches erfahren.

Von den älteren Leuten kann man sagen, dass sie – einerlei ob Beamte, Handwerker oder Bauern und auch Frauen – sich nicht mehr mit ihrer Arbeit so einsetzen würden, wenn der totale Krieg es nicht verlangte. Wenn da z.B. Männer mit 81 Jahren noch mit in den Holzwald gehen, so will das schon etwas heißen, oder andere noch an der Hobelbank stehen und wieder andere als Hausmetzger den Wolf drehen.

Die Entrümpelung (Aufräumung) der Speicher sowie die Verdunkelung und das Luftschutzbereitmachen der Häuser durch die Selbstschutzkräfte hat viel Arbeit gemacht, ist aber im großen und ganzen doch ziemlich gut durchgeführt worden.

Auto- und Motorradfahren wird heute nur wenigen gestattet, weil alles Benzin für die Wehrmacht gespart werden muss. Aber so schlimm wie im ersten Weltkrieg ist es doch noch nicht. Damals mussten sogar alle Fahrradmäntel abgegeben werden, wofür man Ersatz bekam, der nichts taugte. Auch mussten seinerzeit alle kupfernen Kessel abgegeben werden, die diesmal nur gemeldet wurden. Die Schulglocke musste ebenfalls abgegeben werden, während die beiden anderen Glocken unter Denkmalschutz stehen.

Seit Ende März 1944 ist es mit den schweren Bombengeschwadern sehr schlimm. Bei der Ausbildung in der Schule mussten wir zweimal früher schließen. Nach dem Angriff auf Stuttgart, bei dem 134 Bomber abgeschossen wurden, kam ein Viermotoriger zwischen Wolzhausen und Quotshausen herunter. Für alle Fälle wurden am anderen Morgen die Landwacht und Hitlerjugend alarmiert. Besonders die Jugend stürmte in diesen Tagen dorthin und brachte sich Munition, Brandbomben ja sogar ein Maschinengewehr mit, was alles in der Ubrichtshöhle versteckt und aufbewahrt wurde.

Hinter dem Dorfe hatten sie dann ein Feuer angezündet und Patronen hineingeworfen. Ein Wunder, dass dabei kein Unglück passierte. Die toten Flieger wurden im Wald begraben. Acht Tage vorher waren Stabbrandbomben ohne Sprengring in Obereisenhausen abgeworfen worden. Ein Haus und zwei Scheunen brannten ab. Viele Brandbomben wurden mit Sand gelöscht, eine sogar aus dem Bett heraus unschädlich gemacht.

Kurz vorher hatten beim Angriff auf Frankfurt versprengte Flugzeuge einzelne Bomben über Marburg abgeworfen. Die Bahngleise waren getroffen, verschiedene Klinikbauten und Baracken, sowie die Augenklinik durch Volltreffer zum Teil vernichtet. Fräulein Künkel von hier rettete einen Ritterkreuzträger aus der Verschüttung. Sämtliche Schaufenster in der Bahnhofstraße waren zersprungen.

Auch hier bringen die Bewohner wertvolle Papiere und dergleichen in Koffer oder stellen Kleider in Körbe bereit. Seit der Zeit trat eine Pause ein, in der kein Großangriff erfolgte. Drei Wochen vorher wurden in einer Schule in Neunkirchen 38 Kinder und der Lehrer getötet.

Durch das Vordringen im Südabschnitt der Ukraine, Krim und teilweise Rumänien muss man sehr oft ängstliche Bemerkungen hören.

Ende April landete bei Wiesenbach ein deutscher Jäger. Er war über 2 Stunden verfolgt worden und musste wegen Mangel an Betriebsstoff notlanden. Es gab eine Bauchlandung und das Flugzeug wurde abmontiert und per Auto abgeschleppt. Bei Hesselbach – Fischelbach – Simmersbach waren Blindgänger abgeworfen worden.

Seit April haben wir wieder ca. 100 Frankfurter Evakuierte hier. Eins gilt fast für alle: wer das Stadtleben gewohnt ist, kann sich nur schwer in das Landleben einfinden; ganz besonders die Frauen nicht. Es ist eben in der Stadt noch vieles gemütlicher und leichter, wie auf dem Lande. Selbst einem 76-jährigen Manne, der aus Württemberg stammte und mehr als 50 Jahre in Frankfurt gewohnt hatte, fällt es schwer, sich an die ländlichen Verhältnisse zu gewöhnen, trotzdem er ein gutes Quartier hat. Und besonders schwer fällt es den Gästen, dass sie, um ihre Verhältnisse zu regeln nach Biedenkopf fahren und dort lange warten müssen. Sie sind das aus der Stadt anders gewohnt. Der Einheimische hat sich längst damit abgefunden, dass wir im fünften Kriegsjahr sind und sich ein jeder bescheiden muss.

Wie man hört, sollen die älteren Lehrer aus der Front wieder herausgezogen werden, wäre sehr zu begrüßen, denn die Jugend muss unbedingt wieder regelmäßig zur Schule gehen.

Die Gefallenenzahl hat bereits die des letzten Krieges erreicht, und zwar 33 (betrifft die Ortsbewohner). Bis zum Mai sind wieder viele Menschen gestorben. Kartoffeln werden immer wieder freiwillig abgeliefert. Zur Kultur im Walde wurden die weiblichen Kräfte verpflichtet. Seit dem 28. Mai (Pfingsten) fällt Regen und nach 8 Tagen hat sich das Feld schön erholt. Eingefriedete Grundstücke zum Schutz gegen Wildschaden mehren sich genauso wie auch Schutzhütten.

Anfang Juni stürzte ein deutsches Flugzeug bei Gönnern ab. Die 3 Mann starke Besatzung war tot. Auch hier wurden Stabbrandbomben und zur Explosion bestimmte Federhalter abgeliefert. Der Mangel an Arbeitskräften ist auch im fünften Kriegsjahr sehr groß. Ein Glück, dass wir Russen und Franzosen auf der Hütte haben. Bei schweren Arbeiten holen sich die Leute dieselben. Sie haben sich auch den landwirtschaftlichen Arbeiten gut angepasst. In ihrer freien Zeit arbeiten sie für die Kost und entwickeln dabei einen sehr guten Appetit.

Es gab immer noch viele Menschen, die an eine Invasion und Vergeltung nicht glauben wollten, beides ist nun eingetroffen; die Invasion am 5. Juni und die Vergeltung am 16. Juni. Alles atmete auf und der Feind hatte große Verluste. Beim ersten Ansturm wohl 100 000 und viele Schiffe wie Transporter, Tanker und dergleichen. Fast niemand denkt nach den Gräueltaten der Alliierten noch an Mitleid. Und nur dadurch kann das Kriegsende näher kommen. Alle hoffen, dass die Entscheidung noch im Laufe des Jahres fallen möge. 200 Stunden lang lag das Störfeuer seither schon auf Südengland, hauptsächlich auf London. Vor einigen Tagen sagte ein englischer Gefangener, dass die Flieger den Befehl hätten, auf jeden Lichtschein Bomben zu werfen. Drei Bombenarten kommen hauptsächlich zur Anwendung und zwar die britische Stabbrandbombe, sechskantig, 1,7 kg, die Phosphorbombe mit 14 kg und die Flammenstrahlbombe im Gewicht von 13 kg.

Juli 1944 Auf Anweisung des Landrates müssen in allen Gemeinden Luftschutzübungen durchgeführt werden, die er besuchen will. Das Programm erstreckt sich auf Sicherstellung der Verdunkelung, Bekämpfung von Stabbrandbomben, Phosphor- und Flammstrahlbomben bei erschwerten Verhältnissen, Einsatz weiterer L.S.-Gemeinschaften und Selbstschutztrupps, erste Hilfe und dergleichen mehr.

Die angeordnete Übung wurde hier am 15. Juli abgehalten. Durch den Gemeindegruppenführer und örtlichen Luftschutzleiter wurde die freiwillige Feuerwehr alarmiert. Die Leistungen waren gut. Hausunterweisungen werden hier schon seit 1942 durch den R.L.B. laufend abgehalten.

Die Felder, die zu Anfang des Jahres gar arm dastanden, haben sich durch den spät einsetzenden Regen außerordentlich erholt. Alles steht in wunderbarer Pracht. Wenn wir eine gute Ernte erhalten, ist auch im fünften Kriegsjahr die Ernährung sichergestellt. Die Heuernte kann schon als gut bezeichnet werden. Bei derselben haben wir etwas erlebt, was wohl noch niemals vorgekommen ist. Nachdem das Mähen durch die Schelle bekannt gegeben war, kam die Sonne nicht mehr recht zur Geltung. Es wurde aber trotzdem immer weiter gemäht, so dass fast alles zu Boden lag und noch nichts eingefahren war. Als dann am Sonntag, dem 25. Juni, gutes Wetter einsetzte, wurde fast alles Heu der Wiesen von der Gemarkung Wiesenbach bis zur Ubricht am anderen Tage eingeholt. Die meisten Leute hatten mitunter fünf und noch mehr Wagen eingefahren.

Die Nachtwache wird hier immer noch durch die Bewohner durchgeführt, während sie auf den Nachbardörfern wieder eingegangen ist. Auch hat die 1943 aufgestellte Landwacht Wachen zu stellen; sie ist auch schon öfters eingesetzt worden.

Beginn der Gegenoffensive

Juli 1944. Merkwürdigerweise hört man oft, dass die Kriegsereignisse nicht mehr so weiter gehen, wie man es gewohnt war. In Russland gehen unsere Truppen dauernd zurück. Eine Stadt nach der anderen wird geräumt. Die Invasionsarmee gewinnt ständig an Boden, den sie allerdings teuer bezahlen muss. Viele können das nicht verstehen. Da kommt am 20. Juli abends die Meldung durch den Rundfunk, dass im Führerhauptquartier eine Explosion stattgefunden habe, bei der verschiedene Generäle schwer verwundet und etliche sogar getötet wurden. Der Führer selbst hatte außer einigen Brandverletzungen und Prellungen keinen Schaden erlitten. Der Attentäter war Generaloberst Stauffenberg. Er hatte in seiner Aktentasche eine Sprengbombe, die er in einem unbewachten Augenblick vor dem Führer niederlegte. Es gab eine gewaltige Detonation und alles wurde durcheinander geschleudert. Doch blieb – wie durch ein Wunder – der Führer gerettet. Stauffenberg war dann sofort nach der Explosion in einem Kurierflugzeug nach Berlin geflogen, um dort mit seinen Schergen die Macht an sich zu reißen. Doch das Berliner Wachbataillon machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der Kommandeur desselben begab sich nach Erhalt der Nachricht, dass der Führer tot sei, zu Dr. Goebbels, der ihn sofort mit dem Führer verband und von diesem den Befehl erhielt, den Aufstand nieder zu schlagen. Die Rädelsführer, hauptsächlich ehemalige, wegen Unfähigkeit und Sabotage entlassene Offiziere, wurden verhaftet und erschossen. Viele richteten sich selbst. In den nächsten Tagen wurden durch das Volksgericht sechs zum Tode durch den Strang verurteilt, ihr Vermögen konfisziert. Zwei Stunden nach der Urteilsverkündung war es schon vollstreckt.

Nach dem Attentat sprach der Führer nachts um 12 Uhr durch den Rundfunk. Wohl niemand ahnte, dass wir vor solch einem Abgrund standen. Der Feind in Ost und West im Anmarsch. Millionen Ausländer im eigenen Lande. Was hätte das alles gegeben. Wohl würde das Heer, die Partei und sonstige Verbände nicht ruhig zugesehen haben. Doch wäre das Ende zweifellos eine innere Verblutung gewesen. Stalin würde sicher die Maske fallen lassen und gegen England und Amerika marschiert sein, mit Deutschland als Kriegsschauplatz. Der Führer gibt Anweisungen, dass jetzt der Krieg total im wahrsten Sinne des Wortes geführt wird. Alle noch verfügbaren Kräfte werden herangeholt. Post, Bahn, Industrie, kurz: Alles wird vereinfacht. Jede Frau bis zum 50. Lebensjahr muss sich zum Arbeitseinsatz melden. Dadurch werden viele Millionen Männer frei für den Einsatz.

Doch die Übermacht des Feindes macht uns viel zu schaffen. Die V1 tut gute Wirkungen in England und in kürzester Zeit sollen andere geniale Erfindungen eingesetzt werden, um den endgültigen Sieg zu erringen.

Am 13. August begann das Kornabschneiden und schon wenige Tage später wurde der größte Teil eingebracht. Raps war besonders gut geraten und auch die Frühgerste. Man fürchtete Feindeinwirkung, doch alles ging gut. Wahrscheinlich sind seine Kräfte in der Normandie gebunden. Aus den Waldungen wird noch immer zwangsläufig Holz gefahren. Wer kein Fuhrwerk hat, muss am Sonntagmorgen zum schleifen mitgehen. Die Erfassung zum totalen Krieg wird immer schärfer durchgeführt. Von morgen ab muss der Bearbeiter am Amtsgericht für Grundstückseintragungen Rutsatz, sowie Rechtsanwalt Block, beide Biedenkopf, auf dem Hüttenwerk anfangen. Frauen und Mädchen der evakuierten Bevölkerung werden nach Marburg zur Arbeit beordert. Die übrigen weiblichen Kräfte von hier werden ebenfalls auf den Werken beschäftigt.

Der Einzug der Wehrfähigen geht am laufenden Band. Beim Volkssturm gibt es keine Unabkömmliche. Auch in der Normandie haben wir Opfer bringen müssen. Pfarrer Ochs (Sanitäter) ist in englische Gefangenschaft geraten.

Hier hat es in diesem Jahr nicht viel Obst gegeben und wird dasselbe wieder, wie schon so oft, aus der Wetterau geholt. Da man anfing, es mit schweren Lastautos heranzuschaffen, ist dort alles beschlagnahmt worden. Das Mitnehmen in der Bahn wurde jedoch gestattet. Sonntags fallen verschiedene Züge in Richtung Siegen – Marburg und umgekehrt aus. Werktags fahren noch alle Züge und sind dieselben stets mehr als voll.

Fliegergeschwader kommen immer noch sehr viel hier durch. Nach einer Äußerung des Außenministers Ribbentrop soll die neue Waffe nicht eher eingesetzt werden, bis der Luftterror bekämpft ist. Eine Festigung der Lage ist trotz dem Abfall aller unserer europäischen Verbündeten eingetreten. Man freut sich besonders darüber, dass Japan dem Feind auf Formosa und den Philippinen so schwere Schläge versetzt. Die Lieferung unserer Heimatzeitung (Hinterländer Anzeiger) war in den letzten 14 Tagen sehr selten, da Heinzerling auch viele Kräfte abgenommen wurden. Durch Einstellung neuer Leute ist die Lieferung wieder pünktlich. Während ich hier schreibe, zittert die Luft dauernd vom Geräusch der schweren Bomber.

11. Nov.: Inzwischen gab das Radio bekannt, dass die V2 schon längere Zeit auf England abgeschossen wird. Sie soll noch viel wirksamer sein als V1 und ist schneller wie der Schall. Man rechnet mit 400 Metern in der Sekunde, kommt also fast geräuschlos an und explodiert erst am Boden. Danach kann sich niemand mehr in Sicherheit bringen. Am Donnerstagmittag ist wieder eine Unmenge von feindlichen Fliegern hier durch und wir sahen auch zum ersten Male einzelne Raketenflieger. Am heutigen Sonntagmorgen wurde um 10 Uhr der Volkssturm im ersten Schulsaal vereidigt. Gleichzeitig fand auch von der Partei aus die Feier des 9. Nov. statt. So voll wie diesmal war der Saal wohl noch nie. Sämtliche Bänke und Stühle waren ausgeräumt und alles stand in Reih und Glied.

19. Nov.: Am Donnerstag wurde der Bahnhof in Dillenburg wieder mit Bordwaffen feindlicher Flugzeuge beschossen. Es gab eine Anzahl Tote und Verletzte. Am Dienstag fuhren daselbst ein Güterzug und ein Personenzug zusammen, der seine Todesopfer forderte.

General Wlassow, der Sohn eines Kleinbauern aus der Wolgagegend, macht hier viel von sich reden. Er war seit 1919 in der Sowjetarmee und bei Ausbruch des Krieges mit Deutschland Befehlshaber eines motorisierten mechanischen Korps. Nach dessen Vernichtung wurde er Kommandant der Kiewer Befestigungsanlage. Dann stand er an der Spitze der neu gebildeten 20. Armee. In 1942 erfolgte seine Versetzung zum Stabe der Wolchow-Front. Später übernahm er das Kommando der zweiten Stoßarmee. Wenige Wochen später geriet General Wlassow bei der Säuberung des Wolchow-Kessels in deutsche Gefangenschaft. In den Wäldern und Sümpfen fasste er den Entschluss, das russische Volk zum Kampf gegen den Bolschewismus aufzurufen.

Vor einigen Tagen war er in Prag und am heutigen Sonntagmorgen wurden alle in Deutschland befindlichen Russen an das Radio gerufen, um ihn zu hören. Auch auf dem Balkan ist diese Bewegung vorhanden. Wenn Wlassow eine solche Energie und Tatkraft wie Hitler besitzt, kann er vielleicht was erreichen. Bekanntlich kämpfen schon viele Kosaken usw. auf unserer Seite.

26. Nov.: Fast jeden Tag Regen (Schnee schmolz gleich wieder). Ist man aber im November nicht anders gewohnt. Feindliche Flieger kommen dauernd durch. Sie haben in dieser Woche die Bahnhöfe in Marburg und Wetzlar bombardiert. Es gab Verluste. Im Westen rückte der Feind, wenn auch langsam, immer näher. Metz und Straßburg hat er teilweise besetzt. Unsere Truppen kämpfen wie die Löwen. Doch der Feind beachtet seine Verluste nicht. So ist es bei dem Massenweisen Einsatz von Panzern und Fliegern schon möglich, einmal vorzustoßen. Meistens wird durch Gegenangriffe wieder eine Bereinigung vorgenommen. London, Antwerpen und Lüttich liegen unter dauerndem Beschuss von V1 und V2. An manchen Tagen hört man hier Geschützdonner.

Am heutigen Morgen war der Volkssturm wieder angetreten. Er wird erst eine Ausbildung der ungedienten Mannschaften vornehmen. Viele Soldaten haben schon seit mehr als 10 Wochen nicht geschrieben. Dadurch sind die betroffenen Angehörigen in Unruhe. Gefangene der Amerikaner und Engländer melden sich ja meistens nach 2 Monaten. Aber aus Russland kommt kein Lebenszeichen.

Das Holzfällen soll morgen beginnen. Die Holzfäller werden vorher von der Gemeinde bestimmt. Jeder muss mit oder einen Stellvertreter stellen. Die Züge kommen mitunter sehr unregelmäßig oder bleiben wegen der Terrorangriffe ganz aus.

Heute schreiben wir den 10. Dezember 1944. Die vergangene Woche brachte uns wieder stundenlange Durchflüge von feindlichen Bombern und zahlreiche Angriffe. So wurden in Friedensdorf durch den Abwurf einer Minenbombe viele Dächer abgedeckt und Fensterscheiben zertrümmert. Der Feind sucht das Land durch Einzelflieger ab. Dabei werden besonders die Eisenbahnen zerstört und so kommt es öfters vor, dass die Reisenden hierdurch Unterbrechungen haben und sogar zwischen den Stationen marschieren müssen.

Durch diese Angriffe leidet auch der Postverkehr sehr. Meistens sind die Paketbegleitzettel schon da und man muss auf die Pakete selbst wochenlang warten. Da auch die Städte immer mehr in Trümmer gelegt werden, wartet man schon lange auf Gegenmaßnahmen. Am 7. Dezember, dem Tag des deutschen Eisenbahners, wurden acht Eisenbahner ausgezeichnet und erhielten das Ritterkreuz zum Verdienstkreuz mit Schwertern.

Fürsorge für die Jugend

Am 12. Dezember 1944 setzte der erste Dauerschnee ein, der sich aber nur einige Tage hielt. Seit dem 15.12. haben wir Frost, 7, 8, 9 Grad.

Die Sorge um die Ernährung und Kleidung unserer Jugend ist durch die, für fast alle Gebrauchsgüter eingeführten Bewirtschaftungsmaßnahmen nicht in den Hintergrund getreten. Im Gegenteil: sie ist erst recht deutlich sichtbar geworden. Hiervon zeugt die Anpassung der Lebensmittelkarten an die verschiedenen Altersstufen, die reichliche Zuteilung von Butter für die Kleinsten oder von Brot für die Heranwachsenden, die noch etwas mehr Fleisch als die Normalverbraucher bekommen. Ebenso ist die Zuteilung von Obst, Süßwaren, Honig oder sonstigen vitaminreichen Erzeugnissen an Jugendliche ein deutlicher Beweis dafür. Auch bei der Ausgabe der fünften Reichskleiderkarte hat sich die Fürsorge des Staates für die Jugend gezeigt. Es wird sogar Rücksicht auf Kinder und Jugendliche genommen, die für ihr Alter zu groß geraten sind. Für solche gibt es Übergrößenbescheinigungen. Eine weitere Sonderregelung ist die Zusatzkleiderkarte für Jugendliche, auf welche man immer noch auf Punkte kaufen kann. Ein Bezugsschein ist nur für wenige Kleidungsstücke wie Wintermäntel z. B. notwendig.

17. Dezember: Am vergangenen Montag sind drei Franzosen, die auf dem hiesigen Hüttenwerk beschäftigt waren, durchgegangen. Am Samstag wurde der Bahnhof Erndtebrück bombardiert. Danach auch noch Siegen. Ich fuhr mit dem Zuge 14 Uhr 46 nach Biedenkopf um mit dem 17-Uhr-Zug zurück zu kehren. Der Wittgensteiner Zug blieb jedoch aus und es war nur durch einen günstigen Zufall noch möglich, gegen 22 Uhr nach Hause zu kommen.

Es wird einem manchmal unheimlich zumute, wenn die schweren Bomber stundenlang mit großem Getöse hier durchfliegen. Der Angriff auf Siegen soll sich in etwa sieben Minuten abgespielt haben. Dabei sind die Zerstörungen einfach fürchterlich. Ganze Stadtteile liegen in Trümmern. Die Verluste der Bevölkerung sollen jedoch nicht sehr hoch sein, da durch die ganze Stadt unterirdische Stollen getrieben worden sind, die bei dem felsigen Boden ohne wenig Ausbau sehr gute Sicherheit bieten. Andere wieder meinen, dass auch die Menschenverluste gewaltig seien. Genaues ist noch nicht bekannt.

Auch hier sollen noch Bunker oder Stollen angelegt werden. Der eine westlich von der Straße nach Niederdieten gegen den Reibertsloh. Der andere oben in der Bach von der zweiten Häuserreihe gegen den Wolfsgalgen. Beide sind wohl hinsichtlich des Gebirges gut gewählt, auch ist der Schutt gut weg zubringen. Ich kann sie jedoch nicht befürworten, weil sie zu weitab liegen und es auch an Arbeitern fehlt. Hauptsächlich soll nachts gearbeitet werden, was aber bei der heutigen Verköstigung kaum möglich sein wird. Die meisten müssen tagsüber lange und schwer arbeiten. Und dann nicht nur in der Fabrik, sondern auch noch zuhause. Die Stollen selbst sind beim Eingang fast 10 Meter tief zu unterbauen. Dabei wird es an Holz fehlen. Denselben Fall hatten wir im vergangenen Jahr bei den Splittergräben. Bei der Versammlung im Rathaus habe ich die größten Bedenken darüber geäußert, dass es kaum möglich sein würde, die Gräben so auszubauen, wie es die Zeichnung vorsieht. So sollten diese Gräben seitliche Pfahlbauten, Deckenlage aus Holz mindestens 50 cm Rasen und Gasschleuse haben. Es ist dann genau so geworden, wie ich es vorausgesehen hatte. Sie wurden ausgegraben und liegen noch heute so. Auch bei den Schutzlöchern an den Straßen ist vielfach der Fehler gemacht worden, dass sie unterhalb der Straßenböschung liegen und deshalb im Herbst voll Wasser stehen.

Während der Rückschläge an den Fronten war hier die Stimmung nicht gut. Man konnte sehr deutlich Nationalsozialisten und Mitläufer unterscheiden. Der seit dem 16. Dezember einsetzende Großangriff im Westen ist gut vorangekommen. Hoffentlich erreicht er sein Ziel. Auch im Osten wurden 80 km neu besetzt. Am gestrigen Weihnachtsabend meldeten sich eine ganze Anzahl abgeschnittener Stützpunkte am Atlantik und Kanal im Rundfunk. Es war ergreifend, die todesmutigen Soldaten reden zu hören. Ein Stützpunkt hatte so viel Millionen für das Winterhilfswerk gestiftet. Um 9 Uhr sprach Reichsminister Dr. Goebbels im Rundfunk zum deutschen Volk. Er ist der größte Propagandist, den wir besitzen.

1. Januar 1945: Gestern Abend wurde der Abfall Ungarns gemeldet. Um 12 Uhr nachts sprach der Führer mit absoluter Siegeszuversicht. Die Schlacht im Westen verstärkt sich auf beiden Seiten immer mehr. Im Laufe der Woche gab es wieder viele Terrorangriffe auf Städte und Bahnen. Heute ist wieder eine Unmenge von Fliegern nach Süden durchgekommen.

Wenn ein Krieger seit 4 Monaten und mehr kein Lebenszeichen von sich gegeben hat, geht es wie ein Lauffeuer durch das Dorf, wenn dann eine Meldung ankommt. So traf vorgestern ein Brief von Adolf Schmidt (Grettches) ein. Seine Einheit hatte am Mittelmeer gelegen und sich durch die Angriffe der Amerikaner durchs Rhonetal zurückgeschlagen, wurde aber bei Belfort noch geschnappt. Schmidt kam dann als Gefangener nach Afrika und schreibt allerdings wiederholt, dass sie in den nächsten Tagen nach Amerika abgeschoben würden. Die Zensur hatte seine Nachrichten auch teilweise unleserlich gemacht. Auch Wilhelm Thomä, ein Sohn des Maurermeisters Jost Thomä, ist in New York als Gefangener.

Bei der Lebensmittelabgabe wird mitunter noch viel gesündigt. So wurde bei der letzten Parteiversammlung bekannt gegeben, dass ein Einwohner bei 21 Ar Kartoffelanbaufläche 66 Ztr. eingedämpft hatte. Ein Fall, der sonst noch nie vorgekommen ist.

Seit 30. Dezember hat das Feld wieder etwas Schnee bekommen. Die Fabriken haben ausnahmsweise zwischen den Jahren nicht gearbeitet, so dass die Arbeiter zuhause waren. Eine Sonderzuteilung von Trinkbranntwein war angekündigt, und zwar sollte es pro Kopf 0,35 Liter geben. Die Karten sind auch verteilt worden, doch ist der Stoff noch nicht eingetroffen.

Da sich niemand zum Austragen des Hinterländer Anzeigers meldete, haben wir das Dorf in fünf Gruppen eingeteilt. In seinem Bezirk soll ein jeder einmal eine Woche lang das Austragen besorgen. Wer es nicht kann, wird von der Allgemeinheit mit betreut. Der Trägerlohn wird vierteljährlich an die Austräger verteilt. Noch am selben Abend kam die Bevölkerung in große Erregung. Gegen ½7 Uhr ging plötzlich das elektrische Licht im ganzen Dorfe aus. Kurz darauf ein mächtiger Bombenschlag. Die Männer, die noch vielfach in den Wirtschaften waren, tasteten sich von den Tischen weg, suchten ihre Hüte und eilten nach Hause. Abgerechnet konnte nicht werden. Das Bombardement wurde immer schlimmer und lag im Westen, Richtung Siegen. Es folgte Schlag auf Schlag. Die Fenster klirrten und die Häuser wackelten von dem furchtbaren Luftdruck. Wenn sonst ein Angriff meistens in 7–8 Minuten erledigt ist, dauerte es diesmal viel länger. Siegen hatte bei früheren Angriffen schon viele Häuser verloren. Über den soeben geschilderten ist noch nichts bekannt. Beim ersten Angriff soll die Zahl der Toten, dank der guten Bunker, nicht sehr hoch gewesen sein.

Am gleichen Tage wurden Schlittschuh fahrende Kinder in Niederhörlen durch einen Flieger angegriffen. Die Bombe war glücklicherweise ein Versager, sodass die Kinder nur durch den Luftdruck auf die Erde geworfen wurden, aber sonst keinen Schaden erlitten.

Der Volkssturm drillt immer mehr. Gestern Nachmittag waren die Führer nach Wallau beordert, wo Militär eingetroffen und die Ausbildung vornahm.

Heute, am 7. Januar 1945 gibt es die Fortsetzung und Scharfschießen im Hainbach.

Viele kleinere Werke haben seit Weihnachten wegen Koksmangel nicht wieder gearbeitet. Gestern gab der Hinterländer Anzeiger eine Verfügung über die Einschränkung des Stromverbrauchs bekannt. Gewerbliche und Industriebetriebe mit einem Verbrauch unter 10.000 kW im Monat haben ihren Verbrauch sofort demjenigen des Monats Oktober 43 gegenüber um 10 % einzuschränken. In Wetter soll es bei einem Bombenangriff 14 Tote gegeben haben. Die Mittagszüge sind meistens ausgefallen, einmal wegen des Schnees, zum anderen um beim Verkehr keine Verluste zu erleiden. Die Stromversorgung ist sehr mäßig. Vor nachmittags 16 Uhr können wir keine Maschine in Bewegung setzen und schon um 18 Uhr fällt der Strom meistens wieder aus. Nur wenige Werke arbeiten.

Der Großangriff der Feinde, der schon lange im Voraus bekannt war, hat auf beiden Seiten gewaltige Anstrengungen gefordert. Stalin wollte in einem Anmarsch direkt bis Berlin kommen. Durch unseren Angriff, der im Westen schon früher erfolgte, wurde der Feindplan durchkreuzt. Trotzdem war der Einbruch im Osten an verschiedenen Stellen groß genug. Und noch größer war das Elend in den Bezirken, wo der Russe durchgebrochen war. Die reinste Jagd auf Frauen und Mädchen begann. Die Rohheiten und Vergewaltigungen sind nicht zu beschreiben. 155 Schützendivisionen und 20–25 Panzerkorps, verstärkt durch zahlreiche große Artillerie und Fliegerverbände, waren allein in dem Raum zwischen Karpaten und Memel eingesetzt. Nördlich Warschaus vereitelten unsre Truppen jedoch in schweren Panzerschlachten den auch dort vom Feind erstrebten Durchbruch. Im ostpreußischen Grenzgebiet gab es einen neuen, großen Abwehrerfolg. Die Zahl der seit Beginn der Winterschlacht in Polen abgeschossenen Panzer steigt täglich. Über 1.000 wurden in der Mehrzahl durch panzerbrechende schwere Waffen und Nahkampfmittel zur Strecke gebracht. Fliegende Verbände und Flak-Artillerie der Luftwaffe zerstörten 196 Panzer und 134 Flugzeuge.

Die Not breitet sich aus

28. Jan. 1945: Die Kämpfe im Osten gehen weiter. Die getroffenen Gegenmaßnahmen wirken sich schon etwas aus. Vom Volkssturm werden geringe Mengen (von Breidenbach ca. 25 Mann) angefordert, zusammengestellt und nach dem Osten gebracht. D- und Eilzüge sind vorläufig eingestellt. Auch sollen statt Briefe in der nächsten Zeit nur Postkarten geschrieben werden.

Heute ist der große Sammeltag für den Volkssturm (Spinnstoffsammlung) angesetzt. Der Schnee liegt jetzt schon mehr als 4 Wochen. Auch ist es manchmal empfindlich kalt. Die Betriebe haben noch nicht wieder gearbeitet. Die hiesige Hütte hat wieder 3 Waggons Koks erhalten. Die Arbeiter sollten in den Wald zum Holzfällen gehen, ist jedoch bei dem hohen Schnee nicht möglich. Die Hochöfen in Oberscheld wurden außer Betrieb gesetzt. Dadurch bekommen wir den Strom vom Westerwald und da derselbe erst nach 16 Uhr nachmittags einsetzt, müssen wir dann abends meistens 4–5 Stunden Maschinenarbeit verrichten.

4. Febr. 1945: Am vergangenen Monat hatten feindliche Einzelflieger morgens nach 4 Uhr die Bahn und den Zug angegriffen. In Wolzhausen waren vier Bomben geworfen worden. Zwei explodierten, die übrigen waren Blindgänger, von denen eine diesseits und die andere jenseits der Bahn lag. Da bis zur Entschärfung immer eine gewissen Zeit – meistens sind es 72 Stunden – vergehen muss, war der Verkehr vorerst ganz lahm gelegt. Die explodierten Bomben hatten allerlei Schaden angerichtet. Viele Fensterscheiben waren gesprungen und auch der Sog hatte seine Wirkung gezeigt. Bordwaffen waren ebenfalls in Tätigkeit gewesen.

Am Freitag und Samstag wurde Siegen erneut angegriffen. Viel wird von dieser Stadt nicht mehr stehen. Bis nach Rudersdorf waren die Bomben gefallen. Gestern – Samstagabend – weilte wieder Militär zur Ausbildung des Volkssturmes hier. Die Sammlung „Volksopfer“ für den Volkssturm und die aus dem Osten in Sicherheit gebrachten Volksgenossen war sehr gut, wird aber für Letztere nochmals wiederholt werden. Der Schnee ist zum größten Teil wieder weg. Für Autos, die ja alle auf Holzfeuerung angewiesen sind, musste jeder Haushalt einen Korb voll Kleinholz beim Rathaus abliefern. Wenn die Lage augenblicklich auch sehr kritisch und schwer ist, glauben wir doch an die Worte des Führers, dass sie gemeistert wird, wenn jeder seine Pflicht und Schuldigkeit tut.

Innerhalb eines Jahres sind hier und auch in den Nachbardörfern viele Menschen gestorben. Für die Nichtselbstversorger ist das Durchhalten wirklich sehr schwer. Die Jugend hat es in dieser Beziehung wegen der zusätzlichen Lebensmittel, die sie erhält, etwas besser. Am schwersten leidet das Alter und besonders dann, wenn auch noch am Brot gespart werden muss. Doch alles hat einmal ein Ende. So wird wohl auch diese Prüfungszeit für uns einen guten Abschluss haben, hoffen wir. Vergangene Zeiten kommen niemals wieder. „Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.“ Wie gern haben wir alle dieses Lied gesungen, gewissermaßen als Lieblingslied. Ja, die Jahre kommen niemals wieder. Aber trotzdem treten Erscheinungen auf, die uns lebhaft in verflossene Jahrhunderte zurückversetzen. Die Postkutsche mit ihren Postillion war verschwunden. Eisenbahnen, Kraftfahrpost und Flugzeuge erledigten alles spielend. Doch da heute, im sechsten Kriegsjahr, die Züge nicht mehr pünktlich fahren können, erscheint jeden Morgen von Biedenkopf ein kleines, erbärmliches Wägelchen, von zwei Ponys gezogen, das die Post von dort bringt. Von hier aus werden die Pakete meistens auf das Milchauto geworfen und man muss auch damit zufrieden sein. Denn auch diese Zeiten gehen vorüber.

Heute Nacht, am 6. Februar, hatten wir das erste Gewitter in diesem Jahr. Trotz Verdunkelung wurden bei den Blitzschlägen die Zimmer hell erleuchtet.

Aus dem Osten sind wohl auf Befehl Hunderttausende abgewandert. Viele davon waren wohl Selbstversorger oder mussten sogar noch Lebensmittel abliefern. Sie alle müssen heute von uns mit ernährt werden und man hat aus diesem Grunde die Lebensmittelkarten um eine Woche verlängert. Dies trifft die Nichtselbstversorger besonders hart. Wer von ihnen viel Arbeit und nichts zuzusetzen hat, muss den Bauchriemen oft enger schnallen.

10. Februar: Heute Morgen feierten wir um 8 Uhr 30 den Heldengedenktag beim Ehrenmal. Wenn auch alles ziemlich einfach gegenüber früher verlief, wurde von den Feierlichkeiten doch nichts eingebüßt. Der Ortsgruppenleiter hielt einen vorzüglichen Vortrag.

Die laufende Woche brachte wieder allerlei Überraschungen. Am Freitagmittag war auch hier die Bevölkerung zum ersten Mal in den Kellern, die alle abgestützt und behelfsmäßig als Luftschutzraum dienen. Am Morgen zogen dauernd Wellen von Bombern hoch in den Lüften durch. Gegen Mittag kamen dann sehr tief fliegende Einzelflieger, die mit Bordwaffen schossen und Bomben – meist leichte – abwarfen. Der Bahnhof von Wallau wurde vollständig vernichtet und in der Nachbarschaft viele Gebäude von Meißner, Balzer, Ritter usw. stark beschädigt. Auf der Straße lagen die Chausseebäume wie abrasiert. In Gönnern lag ein großer Transportzug mit 10.000 Flüchtlingen, der nicht weiter konnte. Die Bevölkerung brachte ihnen Lebensmittel. Gegen Abend flog wieder ein Einzelflieger als Kundschafter in kaum 20 Meter Höhe dem Bahngleis nach.

Wer irgendwo Holz und Beschläge herbei bringen kann, lässt sich Koffer machen, um das Notwendigste in Sicherheit zu bringen. Der Volkssturm hat jetzt jeden Abend Alarmbereitschaft, stellt Wachen aus und patrouilliert in der Umgebung. Die Bevölkerung ist durch Merkblätter auf Kampfstoffgefahren aufmerksam gemacht worden. Wer keine Volksgasmaske hat, muss für sich und seine Angehörigen behelfsmäßige Atemschutzgeräte herstellen, die Mund und Nase verdecken. Vor Gebrauch werden dieselben mit 1% Sodalösung getränkt und ausgewrungen. Für Füße werden Fußschützer angefertigt. Kölner kommen per Rad und zu Fuß hier an. Eine Anzahl ist auf dem Hüttenwerk beschäftigt. Die Bewohner machen sich schwere Gedanken, wie die Feldbestellung vor sich gehen soll. Gerste ist – soweit noch vorhanden – abgeliefert worden. Auch mussten nochmals Kartoffeln abgegeben werden. In dieser Woche wurden keine Lebensmittel ausgegeben. Es musste jeder zur Streckung 1 Woche länger auskommen.

11. Februar: Auch gestern Abend und heute Vormittag war wieder Ausbildung des Volkssturmes auf dem Hüttenwerk, hauptsächlich Schießen und Vertraut machen mit Panzerfaust und Panzerschreck. Die große Schlacht im Osten findet nunmehr auf deutschem Boden statt. Auch von hier kam eine Frau aus Jägers, geb. Kamm, zurück. Sie war seit 12 Jahren in Schlesien angesiedelt. Sie berichtet Schreckliches von den Russen.

18. Februar: Am Montag wurde in Niederdieten von einem Einzelflieger eine Bombe auf den Friedhof abgeworfen, wo 2 junge Leute beim Grabmachen waren. Der eine befand sich im Grab, der andere außerhalb, dem die Mütze vom Kopf gerissen wurde, ohne sonst verletzt zu werden. Außerdem gingen eine Anzahl Fensterscheiben, hauptsächlich größere, zu Bruch.

In der Vorwoche flogen abends laufend Terrorflieger hier durch. Die Wellen hielten öfters über 15–20 Minuten an. Dresden, die einzige Stadt, die wohl erhalten war, wurde in Trümmer gelegt. Viele unersetzliche Bau- und Kunstdenkmäler, der Zwinger, Schloss und Hofkirche, das japanische Palais, die Frauenkirche, das deutsche Hygiene-Museum, das alte und neue Rathaus, das Johanneum, Albertinum, die Kunstakademie wurden vernichtet. Auch die alte Gemäldegalerie, das Kurländer Palais, das Opernhaus und viele Kliniken und Krankenhäuser gehören dazu. Auch Magdeburg wurde schwer mitgenommen.

Die Härte des Ringens um den Bestand des Reiches erfordert von jedem Deutschen Kampfentschlossenheit und Hingabe bis zum Letzten. Wer versucht, sich seiner Pflichten zu entziehen und wer dies insbesondere aus Feigheit oder Eigennutz tut, muss sofort mit der notwendigen Konsequenz zur Rechenschaft gezogen werden, damit nicht aus dem Versagen eines Einzelnen dem ganzen Reich Schaden erwächst. So wurde am 15.2. eine Verordnung über die Errichtung von Standgerichten bekannt gegeben. Das Urteil lautet entweder auf Todesstrafe, Freispruch oder Überweisung an die ordentliche Gerichtsbarkeit.

Die Kämpfe im Osten führen zur Versteifung des Widerstandes, besonders in Niederschlesien. Auch im Westen geht es hart her. Von Paris wird berichtet, dass der Hunger zur Katzenjagd zwingt …

Unsere Soldaten leisteten Übermenschliches. Die Unterseeboote, die lange Zeit nicht mehr richtig zur Wirkung kommen konnten, weil der Feind Instrumente erfunden hatte, mit denen er die Anwesenheit der U-Boote im Wasser, selbst beim Ruhen, feststellen konnte, reden neuerdings wieder eine kräftige Sprache. Sie haben Luftrohre erhalten. Dadurch brauchen sie nicht so oft an die Oberfläche zu kommen, sondern können längere Zeit unter Wasser bleiben. Auch haben sie einen Schutzanstrich erhalten, auf den kein Magnet reagiert. Um England vernichteten sie Geleitzüge und viele Schiffe. Ich habe schon längst die Überzeugung gehabt, dass die Völker und auch bei uns sehr viele noch nicht reif seien für die Größe der Zeit. Die Zahl der Jammerlappen und Heulweiber ist noch immer sehr groß. Dabei ist der Hunger noch lange nicht so schlimm wie im ersten Weltkrieg. Aber es wird fast kein Geschäft, kein Handel gemacht, ohne Gegenlieferung. So war z. B. gestern eine Frau in Laasphe um etwas Stoff zu kaufen, der noch frei war. Sie erhielt aber nichts, nach ihr kam eine Nachbarsfrau, die etwas bekam. Und warum? Sie hatte Speck oder Eier oder sonstige Lebensmittel mitgebracht. Selbst das Salz gibt es heute nur auf Karten. Wo ist es bloß auf einmal hingekommen? Vor kurzem war noch kein Mangel. Heute wird mit Gramm gerechnet und wenn man liest, welche Hamsterlager von Maschinen und sonstige Teilen der Polizei in die Hände fallen, ist dies für einen normalen Menschen kaum denkbar. Im ersten Weltkrieg haben einige Hamsterer den Anfang gemacht, ihre Weisheit nachher verzapft und heute treibt es die große Masse.

Durch Verordnung ist bestimmt worden, dass der Hinterländer Anzeiger dreimal in der Woche jedem Abonnenten zugestellt wird und zwar nur ein Blatt doppelseitig bedruckt. An den anderen drei Tagen erscheint er als Doppelblatt wie früher, 1/3 muss jedoch ausfallen. Unsere schon längst getroffenen Maßnahmen bezüglich des Zustellens haben sich bewährt. Die Zeitung kommt mit dem 5-Uhr-Zug, wird durch fünf Austräger bei mir abgeholt und um 6 Uhr hat sie schon jeder im Haus.

Fritz Weigel, Sohn des Bürgermeisters, und Karl Pfeiffer haben jetzt auch aus amerikanischer Gefangenschaft geschrieben. Die Freude darüber ist sehr groß.

Am 24. Februar sprach der Führer aus Anlass der 25-jährigen Wiederkehr des Tages der Verkündung des Parteiprogramms. PG. Esser verlas seine Rede. Nur ein bürgerlicher Schwachkopf, so meinte der Führer, kann sich einbilden, dass die Flut aus dem Osten nicht gekommen sein würde, wenn ihr Deutschland statt Kanonen, Panzern und Flugzeugen mit papierenen Völkerrechten entgegen getreten wäre. Das nationalsozialistische Deutschland wird diesen Kampf weiterführen, bis am Ende auch hier, und zwar noch in diesem Jahr, die geschichtliche Wende eintritt.

25. Februar: Am Anfang der Woche fand ein Angriff von Einzelfliegern auf Niederscheld (etwa 1.600 Einwohner) statt. Es gab sieben Tote und ziemlichen Materialschaden. Verschiedene Häuser wurden fast völlig vernichtet. Hier wurde allerdings erzählt, dass es 70 Tote seien und auch noch viele unter den Trümmern lägen. Die Menschheit kann das Übertreiben nicht lassen. Eine Anzahl Handwerker, Schreiner sowie Dachdecker wurden telegrafisch durch die Kreishandwerkerschaft benachrichtigt, sofort dorthin zu kommen. Es stehen allerdings nur zwei Kisten Glas zur Verfügung und von Köppe soll ein Waggon Pappe bestellt werden. Die Bahnwagen sind vielfach offen, d. h. ohne Scheiben und haben auch sonstige Schäden. Am ersten Tage des Einsatzes der Handwerker mussten sie schon wieder flüchten und drei Stunden im Keller sitzen.

Hier ist allerdings wieder angeordnet worden, dass jede Familie einen Keller abstützen muss, da der Terror immer mehr zunimmt. Hauptsächlich hat es der Feind auf die Eisenbahnen abgesehen. Wer zum Reisen gezwungen ist, muss es in Kauf nehmen, viele durch Feindeinwirkung unterbrochene Strecken zu Fuß zu laufen.

Das schauderhafte Brummen der Bomber kann man jetzt die ganze Nacht hindurch hören.

Ein neuer Kriegsgegner

Gestern Abend kam durch den Rundfunk die Meldung, dass die Türkei unter englischem Druck Deutschland und Japan den Krieg erklärt hat. Die diplomatischen Beziehungen zueinander waren schon im Sommer abgebrochen worden. Dieses Verhalten wurde vom türkischen Außenminister der Nationalversammlung gegenüber folgendermaßen begründet: England hat in einem Memorandum an die türkische Regierung zum Ausdruck gebracht, dass sie an den zukünftigen Friedensverhandlungen nur dann beteiligt sein würde, wenn bis zum 1. März Kriegszustand zwischen ihnen zu Deutschland und Japan herrschen würde. Durch den türkischen Umfall wird Russland auf billige Art zweifellos das ernten, was es schon immer von der Türkei haben wollte.

Seife gibt es überhaupt keine mehr. Auch die Zuteilung der Rauchwaren wird bedeutend verringert. Streichhölzer sind ebenfalls nur noch auf Karten erhältlich.

4. März. Zu dem vorhin erwähnten Angriff auf Niederscheld ist noch zu erwähnen, dass es derartig noch zweimal angegriffen wurde. 2/3 des Dorfes sind zerstört. Die Anzahl der Toten beträgt im Ganzen 21. Die Bewohner flüchteten in Keller und Stollen. Nur wo die Häuser ganz vernichtet waren, gab es Tote. Auch Friedensdorf wurde im Laufe der Woche durch Einzelflieger angegriffen und dabei 1 Transportzug getroffen, aus dem ein Tankwagen brannte. Auch ein Haus brannte ab, doch wurde durch den Zugriff der Nachbarn und Feuerwehr das Mobiliar gerettet.

18. März. Am Montag kam ein Treck von Köln über Laasphe und Wallau mit mehr als 10.000 Mann, darunter viele Russen, durch. Es ist ein Jammer, so einen Zug anzusehen. Am gleichen Tage griffen Einzelflieger Wolzhausen mit Bordwaffen an. Eine Scheune brannte ab. Die hiesige Feuerwehr war auch zur Stelle, brauchte aber nicht mehr einzugreifen. Tote gab es nicht. Nur eine Frau erlitt eine Schussverletzung am Finger. Doch wurden viele Häuser durchbohrt. In Wallau ist die Umgebung vom Bahnhof geräumt worden. Die Fa. Meißner wurde in die Turnhalle verlegt. Am Dienstagnachmittag zogen Flieger drei Stunden lang hier durch.

Um Getreide frei zu bekommen, müssen in ganz kurzer Zeit alle Truthühner, Gänse und Enten abgeschlachtet werden. An Hühnern dürfen nur ein Stück je Haushaltangehörigen gehalten werden. Für jeden eingezogenen Soldaten können, sofern er früher dem Haushalt angehörte, von den betreffenden Familien ein Stück mehr gehalten werden. Wer die Körner nicht selbst zieht, darf ebenfalls keine Hühner halten. Ist nicht zur Anwendung gekommen.

Die Eisenbahnen laufen nur noch nachts. Hefe gibt es keine mehr. Der Strom dagegen ist fast dauernd da. Nur am Freitag, wo die Volks-Röntgenuntersuchung angesetzt war, blieb er aus. Es sollte dann am Samstag angefangen werden. Da es aber nicht genügend bekannt war, sind nur wenige untersucht worden.

25. März 1945. Die Abstände von Sonntag zu Sonntag sind zu lang, um ohne laufende Notizen ein Bild von der ganzen Woche zusammen zu bringen. Zu dem Teppichabwurf vergangener Woche in Dautphe wird noch bekannt, dass 35 junge Mädchen hierbei umgekommen sein sollen. Sie hatten in einem größeren Hause, wahrscheinlich für die Allgemeinheit, genäht. Auch ein junger Bursche aus Oberdieten, der gerade mit seinem Fahrrad durch Dautphe kam, fand den Tod. Am Sonntag griffen Einzelflieger mit Bordwaffen Niedereisenhausen an, wobei sechs Scheunen in Brand geschossen wurden. Das Volk hatte eine fürchterliche Angst. Von Gönnern hört man, dass die Menschen ihre Mahlzeiten im Kuhstall einnehmen.

Im Laufe der Woche ist hier der Hafer meistens gesät worden. Früh am Morgen oder spät am Abend fuhr man auf’s Feld und kehrte trotzdem noch oft zurück, ohne die Arbeit beendigt zu haben.

Die Stimmung ist nicht gut, da die Amerikaner immer näher kommen. Ich glaube nicht, dass wir noch 5% hier haben, die unentwegt an die Worte des Führers glauben. Vor einigen Tagen wurde schon erzählt, dass der Feind gerufen habe, die neue deutsche Waffe sei eingeflogen. Dadurch wurde es etwas ruhiger, aber weiter nichts bekannt.

Am Sonntag wurden von hier zehn Mann vom Volkssturm eingezogen. Sie hatten erst Station in Gladenbach und dann in Kronberg im Taunus. Heute sind sie wieder da. Sie hätten keine Führung gehabt und sich aufgelöst. Das Rauchen hat man sich bald abgewöhnt. Und unsere Frauen glaube ich, müssen wir bald einmal zu einem Backkursus schicken. Seit 14 Tagen ist der Kuchen höchstens 2 mm dick. Wie schön waren dagegen unsere Kuchen vorher.

Gestern Abend hörte ich eine Frau sagen, es wäre ganz und gar undenkbar, den Feind noch im Westen aufzufangen. Eine andere meinte, wenn es so weiter ginge, wären wir in drei Wochen am Ende.

Morgen sind wieder zwei Beerdigungen und zwar Stoffels Lieschen, 30 Jahre alt, die vor einigen Jahren ihren Mann nachts durch Zusammenstoß mit einem Auto verlor. Dadurch wurde sie geistesgestört. Nun ist sie erlöst von ihren schweren Leiden. Die andere war Hess Rosine, 60 Jahre alt. Der Stamm stirbt damit auch aus.

Amerikanische Truppen fahren wieder dauernd hier durch. Gestern Abend müssen im Westerwald Artillerie-Duelle gewesen sein. Westlich von uns hört man öfters Maschinengewehrfeuer. Soeben kam ein Trupp Franzosen von Battenberg mit einem Handwagen hier an. Sie wollen bei uns in der Werkstatt übernachten und dann nach Dillenburg weiterziehen, um dann über Koblenz ihre Heimat (Paris) zu erreichen.

Gestern Abend wurde noch durch die Ortsschelle bekannt gegeben, dass die aus dem Saale Runkel ausgegebenen Wäschestücke und Schuhe von der Bevölkerung als zu treuen Händen gegeben anzusehen seien. Die gefangenen Russen, Franzosen usw. haben auch einen sehr großen Teil erhalten, werden sich aber kaum darum kümmern.

27. März. Heute, am Dienstagmorgen, kommt die Nachricht, dass Panzer durchgebrochen sind und sich bereits in Herborn befinden. Andere sprechen schon von Frohnhausen. Gestern Abend kamen 60 Mann Gendarmerie hier an. Und heute Morgen ist auch noch Militär eingetroffen, wird aber teilweise nach Biedenkopf verlegt. Am Rhein soll vor kurzem der Feind an einem Tage 50 km erobert haben, was jedoch nur möglich war, weil auf den deutschen Panzern deutsche Frauen und Kinder saßen, auf die die Soldaten nicht schossen. Die Heil-Hitler-Bilder sind meistens nicht mehr da. Auch ist die Schwatzhaftigkeit sehr groß geworden.

Der Feind soll von Herborn aus auf Siegen abgebogen sein. Eine Unmenge Rote-Kreuz-Wagen kam hier durch. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, zu Hause zu bleiben und nicht aufs Feld zu fahren. Die bei Kriegsbeginn abgegebenen Trommeln der Zentrifugen und Butterstecken sind heute wieder ausgegeben worden. Ein jeder soll das Milch- und Buttergeschäft wieder für sich betreiben. Die Molkerei ist geschlossen.

Ob das der Anfang vom Ende ist?

Ich bin keine ängstliche Natur. Aber wenn ich daran denke, was ich jetzt noch alles schreiben muss, bekomme ich Brustschmerzen. Strom gibt es vorläufig wieder keinen und ohne Arbeit habe ich bisher nicht leben können.

Heute schreiben wir den 28. März 1945. Dies ist ein besonderer Erinnerungstag für mich. Legte ich doch seinerzeit an diesem Tage als allererster im weiten Kreis in Dillenburg meine Meisterprüfung mit Erfolg ab. Auch wurde an diesem Tage mein Sohn Heinrich geboren. Während der ganzen Nacht kam ununterbrochen Militär hier durch; die Auflösung unserer einst so stolzen und schlagkräftigen Wehrmacht.

Die Landstraße war kaum frei von Autos, Pferdefuhrwerke, Fußgängern usw. Was alles erzählt wird ist zum größten Teil Lüge und Aufbauschung. So sollen einmal die Amerikaner in Gönnern, dann schon in Ober- und Niederdieten sein. Von Simmersbach wird erzählt, dass sich dort ein deutscher Panzer zur Wehr gesetzt hätte und deshalb das ganze Dorf dem Erdboden gleich gemacht worden wäre. Alles nicht wahr.

Auch hier steht ein Tiger-Panzer unter der Dreschhalle in der Bach, dem der Brennstoff ausgegangen ist. Da schwirrt das Gerücht durch das Dorf, dass es auch hier Gegenwehr geben sollte. Und schon ist eine Anzahl Männer auf den Beinen, um das zu verhindern. Doch der Panzer war inzwischen abgeschleppt worden und längst über alle Berge. Auch die Soldaten und Gendarmerie, die hier waren, sind alle wieder abgerückt.

Der Amerikaner als Besatzer

29. März 1945: Seit heute Morgen 6 Uhr kommt der Amerikaner hier durch mit Panzern, Autos und was sonst noch alles dazu zählt. An Panzern waren es allein bis Mittag etwa 300. Die Bevölkerung steht an der Straße und sieht zu. Verschiedene haben weiße Fahnen gehisst, andere wieder winken mit Taschentüchern usw. Eine Mutter bettelt sogar gleich um Schokolade.

Das Militäreffektenlager im Saalbau Runkel wurde heute Morgen aufgemacht, um die Sachen ordnungsgemäß an die Bevölkerung auszugeben. Doch an Ordnung war nicht zu denken. Obwohl der Ausgeber anfing zu verteilen, wurde von der anderen Seite aus die Saaltür gesprengt und raubtierähnlich holten sich die meisten Leute, was sie nur bekommen konnten. Bis zum Mittag ging die Balgerei. Dann wurde wieder geschlossen. Besonderen Anteil an dem Raub hatten die gefangenen Russen und Franzosen.

Wie erzählt wird, hat der Amerikaner gestern in Quotshausen in manchen Häusern nach Militärangehörigen, Hitler- und Parteibüchern sowie wertvollen Gegenständen wie Schmuck usw. gesucht. Im Großen und Ganzen sollen die Truppen anständig gewesen sein, bis auf die letzten, die betrunken waren. Letztere hätten mitunter den Fußboden aufreißen lassen, um Waffen aufzuspüren. Auf Parteiabzeichen und sonstige Ausweise richten sie ihr besonderes Augenmerk. Von der Bevölkerung hört man oft die Worte: Das ist das dritte Reich! –

Von morgens 7 Uhr bis abends 6 Uhr darf niemand auf der Straße sein. Diese Maßnahme wurde später gelockert. Die Amerikaner sind im Großen und Ganzen nicht bösartig, dürfen sich aber nicht mit dem Volk unterhalten. Sie führen eine gute Küche. Es gibt Bohnenkaffee, Zucker, Milch und auch sonst sind ihre Portionen sehr gut. Eisenhower hat gesagt, wir wollen von den Deutschen keine Lebensmittel haben, sie bekommen aber auch nichts von uns. Abfälle, die man gut für die Schweine hätte brauchen können, wurden vergraben. Die Köche sind sehr fleißig. Der Soldat selbst ist Sportsmann durch und durch. Hat er einen Moment frei, beginnt das Spiel. Alles Nötige haben sie bei sich.

Der erste Trupp von ca. 1200 Mann blieb nur drei Tage hier. Sonntagnachmittag rückten sie ab. Gegen Abend trafen jedoch schon wieder 800 Mann ein. Nach dem Abmarsch stellte sich dann heraus, dass gar vieles demoliert war. Daraufhin brachte man, wo es möglich war, die Möbel und Wertsachen in Sicherheit. Die ersten Quartiermacher hatten gesagt, es wäre nichts beschädigt. In Wahrheit war es jedoch anders. Wie es wirklich aussah, bringe ich nach dem Abmarsch der zweiten Kolonne, die über 14 Tage hier war. Die letzteren waren humaner. Eine Werkstattkompanie lag auf der Hütte. Bei Rein, Oberdieten, eine solche auf dem Zimmerplatz. Wir selbst hatten dauernd immer 40 Mann im Hause. Sie schliefen und logierten in der Werkstatt. Nach dem Abzug der ersten Truppe fand man, dass man nicht immer von Humanität reden kann. Ein paar Rohlinge genügen, um die ganze Truppe zu beschämen. Wir hatten noch Glück, dauernd auf dem Hofe zu sein. Es ist doch noch besser, als das Haus ganz und gar verlassen zu müssen. Die Schlüssel hatten wir alle stecken gelassen. Die Musikinstrumente hingen alle an den Wänden. Jeden Abend spielten sie auf der Geige, die dann noch am letzten Tag zertrümmert wurde. Desgleichen auch die Klarinette. Am Badeofen waren Hähne abgeschlagen, wertvolle Angeln kaputt. Vorhänge, Polsterkissen, ein neues Rasiermesser, Verdienstkreuz, Taschentücher und vieles andere fehlten. Eine Anzahl Fensterscheiben, Ofenrohr usw. waren zerstört. Von den übrigen Kleinigkeiten mag man gar nicht reden. Auch anderswo war es nicht besser.

Die drei Lehrer hatten noch neue polierte Möbel, an denen alle Schlösser aufgebrochen und dabei jedes Mal gewaltige Stücke aus dem Beistoß mit herausgerissen worden waren. Zimmertüren waren aufgebrochen, Bettstellen auseinander gerissen. Auf dem Boden sah es überall furchtbar aus. In der Nachbarschaft war mit Axt und Säge an eingelegten Möbeln gearbeitet worden. In Türfüllungen wurde Speer werfen geübt, Bilder zerschlagen. Bettteile, Polsterstücke und Bettdecken fehlten. Schinken und Würste lagen im Unrat. Am schlimmsten war es wohl bei Wills und Frl. Krücke. Ersterer hatte erst vor nicht langer Zeit aus eigenem Weinberg 50 Flaschen erhalten, die jetzt alle leer waren. Vieles war demoliert oder beschädigt. Bei Frl. Krücke war eine große Anzahl Ölgemälde in Stücke zerschnitten, kunstvolle Schnitzereien abgeschlagen und auch alle Schlösser aufgebrochen. Dann gab es Leute, denen Hühner abgeschlachtet wurden. Anderen wiederum Hasen usw. Einigen Leuten waren auch Wurst und Schinken abhanden gekommen.

Aus dem Saale Reitz holte ein Auto von Marburg Decken. Man machte daraufhin den Bürgermeister persönlich dafür verantwortlich, dass nichts mehr weg käme.

Der Landrat Dr. Burghof, der Kreisleiter Thiele, Ortsgruppenleiter Schmidt aus Biedenkopf haben das Auto des Tierzuchtinspektors Dr. Tornede beschlagnahmt und sind flüchtig. Einige Soldaten von hier, die vom Heer entlassen waren, Karl Reitz, Ortsgruppenleiter L. Schmidt, Christmann, Wiesenbach, die von Wallau und der ganzen Umgebung hat man im Auto mit genommen. Wohin, weiß niemand. Ein Breidensteiner Soldat, der zurückgekommen ist, spricht von Weilburg. Andere sagen, dass sie als Gefangene nach Koblenz, Hersfeld und dann nach Schwarzenborn gebracht wurden.

Die Sterblichkeit unter den Menschen ist sehr groß. Alle paar Tage eine Beerdigung. Auch verschiedene Evakuierte sind gestorben. Der Schmied Thomä (Boss Henner†?) starb in der Schmiede, nachdem er zwei Kühe beschlagen und weitere bestellt hatte.

Der Hafer ist schnell gesät gewesen. Die Menschen machten sich anfangs schwere Gedanken, wie wohl alles werden würde. Doch dadurch, dass wir besetztes Gebiet waren, kamen keine Tiefflieger mehr durch und auch die Bomber flogen über uns hinweg. Das Kartoffelsetzen ging spielend leicht, da alle Fabriken stehen und die Arbeiter zu Hause sind. Nur die größeren Bauern, die ausländisches Personal hatten, sind im Druck. Die Mädels, die bisher noch immer keine Bauernarbeit verrichten wollten, werden wohl jetzt gewissermaßen dazu gezwungen, mit anzufassen. Sonst gibt es nichts zu essen.

Was man sonst so alles hören muss, geht über das Bohnenlied.

So soll Goebbels von den Juden abstammen und die Sache mit Rudolf Hess lauter Schwindel sein, der Kreisleiter eine gefährliche Motte und so weiter. Die Feder sträubt sich, dies alles zu berichten. Wahr ist allerdings, dass viele Parteimitglieder ihr Amt schauderhaft vertreten haben. Statt des Wortes „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ haben sie nur Lasten auf andere gelegt und sich selbst befreit. Das kann kein Mensch billigen. Solche Parteigenossen haben ihre Macht – und die war sehr groß – schmählich missbraucht.

Auch das Wort „Jugend wird von Jugend geführt“ hat böse Früchte getragen. Gauner- und Räuberhandwerk trieben sie vielfach. Ich bringe nochmals einen Satz in Erinnerung, den ich vor Jahren geschrieben habe:

Im Kriege muss alles soweit wie möglich gespart werden, um dem Staate die notwendige Unterstützung zum Siege zu bringen. Wir wollten und mussten siegen, da die Folgen eines Fehlschlages gar nicht auszudenken waren. Trotzdem sah die Welt z. B. bei der weiblichen Jugend einen Luxus, der nicht zu überbieten war. Stalingrad war der Beginn unserer Niederlage. Und die Ursache? Verrat und Sabotage in kaum ausdenkbarer Gestalt. Kritik soll eigentlich nur der üben, der genügend Erfahrung, Beweismaterial und Fähigkeiten hat. Solches steht mir beim Luftschutz zur Verfügung. Immer habe ich gesagt, dass der LS nicht aus den Kinderschuhen heraus kommt. Jahrelang hat man sich bei der Ausbildung an die Kriechstrecke geklammert. Etwas, was mit der Wirklichkeit auch rein gar nichts zu tun hatte.

Dann hatten wir die schwersten Kämpfe bei der Beitragserhebung. Es wäre doch so einfach gewesen, 1 Mark oder 1,20 Mark im Jahre zu erheben. Eine Karte mit 20 Feldern auf der Rückseite, in welche jährlich eine Marke eingeklebt wurde, hätte alles beseitigt. Stattdessen musste der LS-Wart jeden Monat viele, viele Treppen laufen, um 10 Pfennig zu kassieren. Und dann erst das umständliche Doppelkartensystem. Zum Schluss der Bau von Übungsdachböden, wo doch schon kein Holz zur Verfügung stand.

Wie sah es bei den Krankenkassen aus? Wir hatten in Wallau eine kleine Kasse. Sie arbeitete gut und billig. Gab es Härten, wurden sie beseitigt. Bruchbänder, Brillen, einfache Hausmittel usw. wurden billig abgegeben. Da wir immer mit dem Beitrag unter 5% vom Grundlohn blieben, konnten wir Sterbegelder an Angehörige zahlen. Dann kam der Kampf zwischen Klein- oder Großkasse. Letztere siegten und was konnte man alles erleben. Revisoren drückten sich wochenlang in Biedenkopf herum, um Rückerstattungsgelder fest zu stellen, um damit die Wichtigkeit ihres Berufes der Menschheit deutlich zu machen. Die Beiträge wurden natürlich höher und die Vertrauensärzte bekamen reichlich Arbeit. Auch die kleinen Kassen hätte man weiter ausbauen können.

Jetzt laufen die Menschen wieder zu Fuß nach Siegen, Marburg, Dillenburg und zurück, was in den letzten 50 Jahren unmöglich schien. Ludwig Schmidt IX. (Kriemersch) lief in 4 Tagen von Mannheim bis hierher. Dazu eine lustige Begebenheit. In den 80er oder Ende 70er Jahre, als die Schildkappen aufkamen, ist ein Breidenbacher Bursche an Sonnabendmorgen vor der Kirmes nach Siegen gegangen, um sich dort eine solche Mütze zu kaufen. Freudestrahlend konnte er bei dem Umzug durchs Dorf seine Mütze zeigen.

Heute schreiben wir den 1. April – Ostersonntag. Nach wie vor dauernd Durchfahrten der Amerikaner. Alle Wagen habe wohl für die Flieger als Kennzeichen ein ganz grell rotes Tuch. Ein Teil fährt über Battenberg, der andere etwas südlicher. Im Waldgebiet des Eschborn liegen große Mengen von Waffen, Kraftwagen, Tellerminen und dergleichen. Unsere vorher dort durchziehenden Soldaten haben die Sachen dort abgesetzt.

Seit vorgestern befindet sich an der Schule ein großes Plakat, welches die Gesetze der Amerikaner bekannt gibt. Nach 7 Uhr abends bis 6 Uhr morgens darf niemand mehr auf der Straße sein. Alle Wehrmachtsangehörigen und SA-Männer haben sich innerhalb von 2 Tagen, Mitglieder der NSDAP innerhalb einer Woche zu melden, was jedoch wieder geändert wurde. Die Meldungen von allen Gattungen werden heute Morgen von 10-12 Uhr im mittleren Schulsaal durch den Gemeinderechner und noch zwei Mann entgegengenommen. Als besetztes Gebiet gelten der Westerwald mit den Kreisen Dillenburg und Biedenkopf, sowie die Bezirke Battenberg und Wildungen. Soldaten halten sich hier keine mehr auf. Nach dem Westen zu hört man dauernd Geschützfeuer. Der Sender Luxemburg wird viel gehört.

Obwohl seither viele Menschen sagten „Sie sollen Schluss machen!“ scheint es doch so, als ob eine andere Stimmung vorhanden wäre. So bedauert man oft unsere einst so stolze, sieggewohnte Wehrmacht.

Der Feindsender berichtet, dass durch die Verwüstung in vielen Gebieten nicht ausgesät worden ist und Hungerkatastrophen und Pestilenz die Folge sein würden.

Bahn geht überhaupt keine mehr. Die Post macht auch nicht mehr auf. Zeitungen haben wir in der letzten Woche keine erhalten. Die Telefonleitung ist abgeschnitten. Autos und Panzer laufen noch immer ununterbrochen hier durch, manchmal nach beiden Seiten. Bei diesem Getöse meint man oft, irrsinnig zu werden. Auf dem Wege nach Kassel ist Hersfeld überwältigt worden. Die größten Optimisten träumen von einer Knappheit bis zum Frühjahr. Dann würden wieder gute Zeiten kommen. Gegen die Partei ist ein Hass aufgekommen ohnegleichen. Der Vertreter des Raiffeisens sieht sich veranlasst, etwas Kunstdünger an die Genossen abzugeben. Drei Mann erhalten eine Packung. Die Verteilung hat seither sicher nicht im nationalsozialistischen Sinne stattgefunden und früher schon manche große Aufregung hervor gebracht.

Die Franzosen und Russen sind meistens weg. Die Russen sollen über Frankreich und das Mittelmeer nach Hause geschafft werden.

2. April, Ostermontag! Heute haben wir wieder Franzosen aus der Normandie, fünf Männer und vier Frauen, zur Übernachtung in der Werkstatt. Die Männer waren Kriegsgefangene, die Frauen haben Feldarbeiten in Battenberg verrichtet. Sie wollen wie die anderen Franzosen morgen über Dillenburg weiter. Sie sehen gut aus und haben Proviant bei sich. Heute sind wieder viele Kolonnen hier durch. Chr. Balzer in Wallau haben sie zwei schwere Pferde mit Wagen und sonstigem Zubehör mitgenommen. Eine Kolonne zog vorbei mit der Wagenaufschrift „Holland“. Die russischen Frauen sind noch hier. Jeden Tag hört man erneut, dass sie den Bewohnern Wagen und Pferde mitnehmen. Gestern verlangte ein schwarzer Soldat von Fritz Bergen seinen Ausweis und wollte ihn verhaften. Ein Nachbar musste seinen Paß holen und da er die Bildgleichheit erkannte, ließ er ihn frei.

Im Sauerland soll der Werwolf aufgerufen sein. Was hat das aber für einen Zweck, wenn die Leute keine Ausbildung und Waffen haben. Im 30-jährigen Krieg war dies noch möglich durch Bewaffnung mit Sense und Mistgabel. Aber heute?

Von Wolzhausen wird berichtet, dass dort gewaltige Mengen Öl, darunter Buchecker-Öl, aufgestapelt sei. Man brauche nur abzuzapfen. Auch hiesige Bewohner haben sich dann Kannen voll geholt, fanden aber, dass das Öl zum Backen usw. unbrauchbar war. Wer weiß, zu welchem Zweck es bestimmt war. Wahrscheinlich zum Herstellen von Seife.

Heute wurde die Uhr wieder auf Sommerzeit umgestellt.

3. April: In Kassel sollen schwere Kämpfe stattfinden. Der Amerikaner holt im schnellsten Tempo Munition von Westerwald. Der Luxemburger Sender sagt, dass der Bürgermeister die Stadt schon übergeben hat. Heute Morgen wurde eine aus dem Rheinland zugezogene Frau beerdigt. Zur gleichen Zeit starb die Frau des Johannes Noll im Alter von 79 Jahren.

Mit dem Kuchenbacken ist es ein Jammer. Hefe und Backpulver gibt’s nicht mehr und so kann man sich denken, wie dieselben aussehen und den Magen passieren.

Die Franzosen liegen bis 11 Uhr dreißig in der Werkstatt und ich warte darauf, durch Arbeit etwas Ablenkung zu erhalten. Auch Kassel ist gefallen.

Heute, Donnerstag dem 5. April, gestern Abend fuhr amerikanische Artillerie bei der Mühle, am Denkmal und am Hausberg auf. Der Geschützdonner südwestlich wurde stärker. In der Nacht hört man viele Bomber. Trotzdem blieb es ruhig. Gegen Abend wurde der Rest aus dem Runkelschen Saal ausgegeben.

Menschen gebärden sich wie wilde Tiere. Es gibt hier Familien, die bis zu 60 Decken, dutzende Bettbezüge, 50 Jacken und noch mehr dabei erobert haben. Andere dagegen fast nichts.

Heute Morgen stehen alle Straßen voll Menschen, die aus den Nachbardörfern gekommen sind, um Schuhe, Damenstrümpfe und was es sonst noch alles aus dem Saale Reitz an Militäreffekten geben soll, zu holen. Es wurde aber nicht aufgemacht, sonst hätte es sicher Unglücke gegeben. Es verlautet, dass zu den umliegenden Dörfern je ein Wagen voll gebracht werden soll. Das war ein guter Gedanke.

Am Nachmittag stauten sich schon wieder die Menschenmassen. Was für ein Unsinn verzapft wird, ist kaum denkbar! – Leute, die überhaupt noch nicht bewiesen haben, dass sie ein Ziel und eine Aufgabe hatten, haben auf einmal die Weisheit schöpflöffelweise geschlürft. Dabei konnten sie früher nicht mal einen 3-Mann-Betrieb erhalten und hinter all dem stand der Gerichtsvollzieher. Den größten Unsinn markieren sie nun als Blütenauslese und spielen sich als Richter auf. Ein schlechter Vogel, der sein eigenes Nest beschmutzt.

Vor einem Jahr erzählte mir Kamerad Georg Schmidt III., dass die Stimmung im Dorfe gegen die Partei immer noch im Wachsen sei. Wenn der Ausgang des Krieges nicht günstig wäre, würde man die Parteimitglieder zur Rechenschaft ziehen, in erster Linie den meist gehassten Menschen, den Bauernführer. Dann vor allem die beim Konsum beschäftigten. Leider ist das wahr. Die Betreffenden haben es nicht verstanden, den Wahlspruch „Gemeinnutz geht vor Eigentum“ in die Tat umzusetzen.

Nach der Räumung durch die Deutschen trafen abends gegen 22 Uhr etwa 400 Amerikaner ein. Das Hauptquartier wurde bei Dr. Klingelhöfer eingerichtet und folgende Häuser mussten kurzfristig geräumt werden: Fritz Becker, Fritz Lenz, Otto Bergen, Karl Blöcher, Willi Eberbach, Fritz Lauber, Fritz Will, Schütz und Frl. Krücke. Einen Tag später noch Ludwig Schmidt VIII., Fritz Sinner, Adam Theis, Heinrich Schmidt VII., Wilhelm Sinner und Rieb.

Weitere 500 Mann trafen am 5. April ein, die Ihr Stabsquartier in der Schule aufmachten. Folgende Häuser wurden noch beschlagnahmt: G. Meißner (ohne das alte Haus), Heinrich Scherer (ohne den Laden), Heinrich Henkel II., Willi Runkel, Heinrich Achenbach II., Karl Weber I., Ludwig Schmidt V., August Sinner Witwe, Heinrich Reitz IV., Hermann Theophel, Pfarrer Ochs, Friedrich Bergen II. und Heinrich Gerlach III.

Diese Belegstärke von 900 Mann bei einer Einwohnerzahl von 1.200, zuzüglich 250 Evakuierter und 80 Ausländern verblieb bis zum 8. Mai 1945. Bei deren Abzug aber schon wieder etwa 600 Mann die frei gewordenen Quartiere belegten. Des Weiteren noch dazu das Wohnhaus der Buderus’schen Eisenwerke mit Werk, dem Wartesaal des Bahnhofs sowie das untere Stockwerk mit Saal des Gasthofes Runkel. Außerdem passieren täglich etwa 500 bis 600 Ausländer die Straße, welche teilweise von den amerikanischen Truppen weiterbefördert werden. Ein großer Teil musste jedoch von der Gemeinde verpflegt werden, so dass die Bäckermeister Schmidt und Scheffel nicht mehr in der Lage waren, das erforderliche Brot zu liefern. Dieses musste bei den Einwohnern gesammelt werden.

Am 14. und 15. April wurden die Ostarbeiter mit Lastautos weg befördert. Wie später bekannt wurde, sind dieselben meistens in Siegen der Lebensmittel halber dort hängen geblieben. Die Lebensmittel musste Siegen stellen, weshalb es zu Straßenkämpfen kam. Daraufhin sollen die Amerikaner der Siegener Bevölkerung Gummiknüppel gegeben haben, damit sie sich wehren konnten.

Nachdem inzwischen im Saale Reitz eingebrochen worden war, sollten die Sachen wie folgt verteilt werden: Ein jeder Haushalt musste einen Sack mit seinem Namen hinbringen, der dann gefüllt wurde. Um Menschenansammlungen zu verhüten, wurden die Leute einzeln zum Abholen bestellt. Eine Herausgabe war jedoch nicht möglich, da sich die Russen auf die Säcke stürzten. Nun beorderte man den Kommandanten der amerikanischen Besatzung. Vorher hatten sich auch schon die Russen zwei Amerikaner bestellt, die ihnen behilflich sein sollten. Dies schlug jedoch fehl. Da es schon gegen Abend war, bestimmte der Kommandant, dass am anderen Morgen von 8 Uhr ab mit der Ausgabe begonnen werden sollte. In der Nacht fiel dann ein Schuss. Mit der Ausgabe war es dann vorbei. Der Kommandant bestimmte, dass das Dorf in Schutt und Asche gelegt würde, wenn der Täter nicht ermittelt werde. Glücklicher Weise wurde durch Chr. Achenbach festgestellt, dass ein Russe noch im Besitz einer Schusswaffe war und die angedrohten Maßnahmen unterblieben.

Nach Wochen wurde jedoch durch die Polizei festgestellt, dass einzelne Jungen noch im Besitz von Revolvern waren. Ein Gewehr lag sogar im Walde versteckt. Ein Junge hatte einen Revolver in die Jauchegrube geworfen, musste ihn aber wieder herausholen.

Adolf Hitlers Tod, das 3. Reich ist Geschichte

Ein amerikanischer GI an der Eingangstür der Breidenbacher Schule, bei ihm ein Mädchen aus der Nachbarschaft[1]

4. Mai 1945: Die Ereignisse überstürzen sich. Hitler hat den Tod vorgezogen. Himmler ist nicht mehr und heute Morgen wurde durch das Radio berichtet, dass Molotow die Verhandlungen in San Franzisko verlassen hat und abgereist sei.

Die Firma Christmann & Pfeifer hatte bei dem überraschenden Ende noch sehr viele Türen und Fenster auf Lager, die bei den in großer Anzahl ausgeführten Behelfsbauten Verwendung fanden. Jetzt laufen die Menschen dauernd hin und kaufen sich diese Türen und Fenster. Zu Hause werden sie in die Scheune gestellt. In Wirklichkeit werden sich nur wenige praktisch bewähren. Einmal sind die Größen nicht der gewöhnlichen Bauweise angepasst. Sie sind leicht und mit viel Ersatzmaterial versehen, z. B. hölzerne Türdrücker, Fitschen usw. Ich bin schon gerufen worden, um solche einzusetzen. Aber wie gesagt, einmal müssen die Türpfosten und Riegel so gewaltig versetzt werden, dass es sich nicht lohnt. Scheinbar wollten die Leute nur ihr Geld loswerden. Wir haben nach dem ersten Weltkrieg schon einmal dieselben Erfahrungen gemacht. Damals holten sich die Leute ganz primitiv gebaute Fenster und Türen in Eibelshausen, die ihnen aber keine Freude bereitet haben.

Ich habe noch zu erwähnen, dass die im Frühjahr in Angriff genommenen Stollen zwischen Reibertsloh und Kahn und am Städterain in ihren Anfängen stecken geblieben sind. Sie lagen alle zu weit ab und konnten ihren Zweck nicht erfüllen. Die jetzt hier liegenden Amerikaner haben keine eigene Küche. Sie werden von Biedenkopf aus versorgt. Die Sache klappt aber nicht immer. Sie versuchen deshalb, von der Bevölkerung Eier zu bekommen.

Am 12. Mai mussten wieder Häuser geräumt werden. Die ganze Schule, Stebner und das Hüttenhaus (Schürg). Letzterer hat schon öfters ausziehen müssen. Es sollen 150 Amerikaner eintreffen. Es ist aber nicht mehr genau festzustellen wegen dem dauernden Kommen und Gehen. Sie bevorzugen hauptsächlich fließendes Wasser und Heizung. Meißner muss sämtliche Betten im Haus, die alle belegt waren, wieder heraus schaffen. Die Neuen brauchen keine Betten. Auch das einzige Zimmer, welches man ihm gelassen hat, muss er ausräumen. Er wohnt jetzt bei Schwager Scherer.

In der Schule müssen Türe und Aborte wieder instandgesetzt werden.

In laufender Woche wurde das 5-jährige Töchterchen des Karl Schmidt von hier, der nach Frechenhausen verheiratet ist, tot gefahren. Am 18. Mai wird bekannt gegeben, dass die Verdunkelung aufhört. Nach Kriegsschluss war die Straße nur von morgens 7 Uhr bis abends 9 Uhr passierbar. Jetzt aber von 5 bis 9 Uhr abends. Auch dürfen wir im ganzen Kreis verkehren. Ein Gewitter brachte uns am 18. den ersehnten Regen und am 19. hatten wir abends wieder ein Gewitter. So dürfen wir hoffen, in diesem Jahr auch ohne Kunstdünger eine gute Ernte zu erhalten.

Einen Regierungspräsidenten haben wir auch wieder, Bredow. Der 1933 in Wiesbaden abgesetzte Oberbürgermeister ist wieder in seinem Amt.

Die Ausgabe der im Saale Reitz untergebrachten Sachen, die teilweise erledigt bzw. verboten worden war, wurde am 16. Mai wieder frei gegeben. Nun sollten die Nachbardörfer ebenfalls berücksichtigt werden. Wiesenbach, Niederdieten und Wolzhausen erhielten auch noch ihren Anteil. Da trafen zwei renitente Frauen aus Bottenhorn ein und bewirkten, dass die Amerikaner erneut alles beschlagnahmten und im Auto abholten. Das eingegangene Geld haben sie mitgenommen und wollten sogar die verausgabten Waren wiederhaben. Jede Familie musste je Kopf und Nase 10,-- RM bezahlen. Dafür erhielt sie einen Sack, versehen mit Namen, voll mit Waren. Das wird aber nicht gut gehen, da ein großer Teil die Sachen nach auswärts verhamstert hat. Es handelte sich in der Hauptsache um Schürzen, Fausthandschuhe, Damensocken, Schlüpfer, Bettüberzüge, Handtücher, usw. Der wichtigste Teil, die Schuhe, sind noch vorhanden. Hier hat sich eine Kartellvereinigung gebildet, die den Amerikanern Rechnung tragen will. Ihre Bemühungen, auch die anderen Dörfer berücksichtigen zu dürfen, schlugen bis jetzt fehl. Doch haben wir von den Lagern in Wallau, Biedenkopf, Friedensdorf, Frechenhausen, Holzhausen usw. auch nichts bekommen. Es wäre zu begrüßen gewesen, wenn eine gerechte Verteilung stattgefunden hätte.

Die amerikanische Armee gibt eine Zeitung in deutscher Schrift heraus, die sich „Hessische Post“ nennt. Sie wird bei den Bürgermeistern abgegeben. Ich bringe hier einiges in Erwähnung, was besonders auffällt.

25. April 1945. Weltkonferenz von 48 Staaten in St. (San) Franzisko. Präsident Truman fordert die Delegierten auf, alle persönlichen Interessen bei Seite zu stellen und all ihr Bemühen dem Band eines dauernden, sicheren Friedens zu widmen. In ihren Händen liegt die Zukunft von uns allen. Unsere Wahl liegt jetzt zwischen internationalem Chaos oder der Begründung einer Weltorganisation des Friedens. Es sei nicht Aufgabe der Konferenz, Grenzen fest zusetzen und Forderungen zu diskutieren, sondern eine Friedensorganisation zu schaffen. Wir waren nicht ungespalten im Kriege und werden auch nicht uneinig sein im Frieden.

Im Stadtbereich von Frankfurt befinden sich zurzeit noch 28.000 ausländische Zwangsarbeiter und befreite Kriegsgefangene.

London. Bombenflugzeuge der R.A.F. haben in einem Angriff auf Swinemünde den deutschen Schlachtkreuzer Lützow versenkt. Der Angriff wurde mit 6.000 kg Bomben durchgeführt. Lützow war die letzte der schweren Einheiten der deutschen Flotte. Alle anderen sind bereits vorher versenkt oder dauernd außer Gefecht gesetzt worden.

New York. Vorläufigen Schätzungen zufolge haben die Deutschen in Europa 4½ Millionen Juden ermordet. Von den 3½ Millionen Juden in Polen sind nur noch 100 bis 200.000 am Leben. Man schätzt, dass von den 180.000 Juden Österreichs nur 200 den deutschen Mördern entkommen sind.

Die Russen im Herzen von Berlin. Ost und West vor der Vereinigung. Berlin völlig eingekesselt.

Im Lager Buchenwald sind noch 20.000 Häftlinge, die meisten halb verhungert. 24.000 waren von den Nazis evakuiert worden, evakuiert in den Tod. Der amerikanische Kommandant von Weimar lud 1.000 führende Bürger zum Besuch ein. In diesem Lager wurden täglich 30 bis 50 Mann zu Tode gemartert und geprügelt.

Am 24. Mai fuhr die Bahn Biedenkopf–Dillenburg wieder zum ersten Male fahrplanmäßig. Die Marburg–Siegener Strecke ist noch nicht in Betrieb. Zu Pfingsten gab es wieder erstmals Bier in den Wirtschaften. Einzelne Luftschutzhelferinnen sind angekommen, Soldaten unterwegs. Von den, seinerzeit mit genommenen jungen Leuten, einschl. Ortsgruppenleiter, die zuerst in Hersfeld, dann in Schwarzenborn lagen, sind nur ganz wenige angekommen.

26. Mai: Kaum sind die Kartoffeln aus dem Erdreich hervor gesprossen und noch nicht groß genug zum Eggen, hört man schon, dass Kartoffelkäfer gefunden worden seien und zwar in Kleingladenbach und Wiesenbach. Heute sollen auch hier welche gefunden worden sein.

Die heutige Suche, an der sich aus jeder Familie eine Person beteiligen musste. Es ergab sich, dass an der Straße nach Wolzhausen, Kleingladenbach und im Bachgraben schon eine ganze Anzahl gefunden wurde. Es wird alles aufgeboten werden müssen, um diesen so gefährlichen Schädling auszurotten. Wie kommt er bloß hier her? Nicht anders denkbar, als durch Raupenabwurf!

27. Mai: Sonntag. Heute Mittag kam ein Auto mit 50 Soldaten auf dem Marktplatz an. Sie sollten von den Amerikanern nach Hause gefahren werden. Wie ein Lauffeuer ging es durchs Dorf. Einer rief es dem andern zu: Die Soldaten haben Hunger! Bringt! Der Erfolg war kaum zu beschreiben. Die einen brachten Brot und Speck, andere ganze Taschen voll Waffeln oder ihren Kuchen, den sie am Nachmittag verzehren wollten. Desgleichen auch den Rest Zigaretten, der noch vorhanden war. Bei der Weiterfahrt gab es ein Danken, Grüßen und Winken ohnegleichen. Am Nachmittag kamen dann einige Soldaten von hier an: Wilhelm Kamm, Karl Gerlach und Alwin Schmidt. In den Wochentagen kamen ebenfalls noch welche. Auch lange Flüchtlingskolonnen, die wieder in ihre Heimat (Eupen und Malmedie) zurückkehren wollten, füllten mit ihrer wenigen Habe auf Handwägelchen die Straße. Es ist herzzerreißend, das alles mit ansehen zu müssen. Ebenso, wenn die Bewohner von Siegen von Haus zu Haus gehen, um gegen den Hunger Kartoffeln zu sammeln.

Die Amerikaner verlangten, dass aus dem Lager Runkel 1/3 zurückgegeben werden müsste, andernfalls Hausdurchsuchungen vorgenommen würden. Es ist dann auch viel zurückgegeben worden. Es ist unglaublich, aber wahr, wenn man hört, dass einzelne Familien mehr als 60 Bettbezüge hatten. Jacken wollten sie keine. Die Lager der beiden Vereinshäuser sind ebenfalls entleert worden und der Inhalt nach Holland gekommen.

Die Splittergräben sind wieder zugeworfen worden. Eine Arbeit, die man den Parteimitgliedern zugewiesen hat.

Zu den Ausführungen über General Wlassow ist noch hinzuzufügen, dass die hier auf dem Hüttenwerk beschäftigten Russen hohe Beträge dafür gesammelt haben. Einzelne Werke 800,-- RM und mehr.

Die Rentenbezüge sind bis Mai ausbezahlt worden. Bei der Vorschusskasse kann jeder Kontoinhaber aus seinem laufenden Konto monatlich bis 50,-- RM abheben. Bei Spardarlehen auf Kündigung allerdings nicht.

Die Amerikaner warfen oben aus der Lehrerwohnung eine ausgehobene, schwere Zimmertür auf den Hof. Wie sie jetzt aussieht, kann man sich denken. Auf den Anschlagtafeln machen sie bekannt, dass Personen, die im Besitz von amerikanischen Wehrmachtsgütern sind, schwer bestraft werden. Sie wollen damit die Bevölkerung warnen, etwas Zurückgebliebenes an sich zu nehmen.

10. Juni 1945. Mitte der Woche waren aus dem Lager Schwarzenborn 18 Ortsgruppenleiter nach sechswöchiger Untersuchungshaft entlassen worden. Aus unserer Gegend war nur der hiesige Ludwig Schmidt V. dabei. Soldaten treffen nur ganz vereinzelt ein. Die Amerikaner hatten beim Bürgermeister ein Bordell beantragt. Doch derselbe meinte, es hätte keinen Zweck, da doch keine Mädchen hingehen würden. Allerdings muss man hören, dass für ein Stückchen Schokolade manches zu haben ist.

Die freie Ausgehzeit ist jetzt von morgens 5 bis abends 11 Uhr. Bei den zurück gekommenen Soldaten bleibt es bei der früheren Regelung (morgens 7 bis abends 9 Uhr). Pässe werden am Ausgang des Dorfes laufend revidiert. Die Nachfrage nach Speisekartoffeln aus der Siegener Gegend und auch sonst woher nimmt immer mehr zu. Manchmal schlagen sich die Leute zusammen und laden sich dann ihre Sachen auf ein Handwägelchen. Auch mit einem Pferd bespannte Wagen kann man sehen. Gestern bat mich einen Frau aus Siegen inständig, wenigstens um eine Fensterscheibe 40x100, da dort keine erhältlich sei. Solange ich weiß, haben wir unser Fensterglas mindestens zu ¾ aus Siegen erhalten und nun so ein Jammer dort. Die Bahn läuft jetzt von Dillenburg bis nach Siegen. Nur müssen die Passagiere bei Haiger eine Strecke von 200 Metern zu Fuß laufen.

Die Leute beginnen mit der Heuernte, trotzdem das Wetter noch unbeständig ist. Einzelne Werke beschäftigen schon wieder eine Anzahl Arbeiter bis zu fünf Stunden. Sie beginnen aber jetzt mit ganzen Tagen. Hauptsächlich werden Maurer gesucht. Die Kinder unterhalten mit den Amerikanern einen lebhaften Handel. Wer vier Eier bringt, erhält eine Schachtel Zigaretten.

Sonntag, den 17. Juni. Gestern wurde bekannt gegeben, dass das Rücktrittsgesuch des alten Bürgermeisters Weigel genehmigt und der neue Bürgermeister, Hermann Weber, bestätigt worden sei. Die Amerikaner sind im Laufe der Woche abgerückt. Dafür sind aber gleich wieder neue gekommen. Heute fuhr wieder eine Menge Flakgeschütze auf dem Hüttenplatz ein. Die Marburger Bahn fährt jetzt auch von Sarnau aus bis Lützel. Einzelne Betriebe stellen sich um, damit ihre Arbeiter wieder verdienen können. So fertigt der Betrieb Krämer, Nieder-Laasphe, Küchenschränke nach bestimmten Modellen für Bomben-geschädigte sowie Kartoffeldämpfer und Waffeleisen an. Dies wurde seitens der Amerikaner genehmigt. Bereits über 400 Schränke sind bestellt und das schwierigste hierbei ist die Beschaffung der Schlösser.

24. Juni 1945. Es ist schade, dass wir der Nachwelt nicht eine Fotografie vom Westteil des Dorfes übergeben können. Besser wäre noch eine Aufnahme aus der Luft. Doch dies ist leider nicht möglich, da alle fotografischen Apparate abgegeben werden mussten. Dem Hüttenhaus gegenüber stehen in den Wiesen mindestens 20 Riesen-Flakgeschütze, wovon das Einzelne vielleicht 200 Ztr. wiegt. Dieselben waren dort eingefahren und versunken.

Am Sonntagmorgen mussten dann immer zwei Geschütze vorgespannt werden, um sie aus dem Sumpf heraus zu bekommen. Man kann sich vorstellen, welche Gräben dort entstanden sind. Dann ist der ganze Hüttenplatz und Bahnhof mit Fahrzeugen aller Art überfüllt. Meißner, die Schule, das Hüttenhaus, Stebner usw. sind vom Keller bis zur Dachspitze mit Soldaten belegt. Dieselben sind große Kinder, die auch im Alter noch gerne spielen. Alles, was man Andenken heißen kann, wird von ihnen gesammelt und in die Heimat geschickt; vom Ehrenzeichen, Karabiner, Seitengewehr bis zum Geschützzielapparat wird alles in Kisten verpackt und übereignet. Dadurch erhalten einzelne Handwerker Arbeit und Zigaretten. In der Schule hämmert im Laufe der Woche fast jeden Abend einer die alte Nationalhymne „Heil dir dem Siegerkranz“ auf dem Klavier des Lehrers Gücker. Nebenbei bemerkt ist das Klavier den ganzen Tag über in Bewegung. Ich fragte einen Amerikaner, der gerade zu mir in die Werkstatt kam und Deutsch sprach, was man davon halten solle. Ja, sagte der, es sind viele Deutsche (Essener) dabei.

Ab und zu kommt auch ein Fahrzeug mit deutschen Soldaten durch, die in die Heimat gebracht werden. Auch kommen einzelne mit der Bahn an. Die Amerikaner sind im Großen und Ganzen gutmütig und harmlos. Wenn das Verbot nicht bestände, sich nicht mit den Deutschen zu unterhalten, wäre jedenfalls ein ganz guter Umgang da.

Sterbefälle gibt es immer noch viele. Die drei letzten Särge, die wir machten, waren für Evakuierte bestimmt. Zwei hiervon hatten Wasser, wie ich es noch nicht gesehen habe. Heute geht schon wieder einer ab.

Karl Benner hatte vier Jungen stellen müssen. Zwei sind gefallen, einer davon in Afrika. Die anderen sind noch nicht zurückgekehrt. Seine Frau ist vor einigen Tagen beim Heuholen hinter dem Hausberg von einem Ast vom Heuwagen heruntergeschleudert worden. Sie kam sofort nach Marburg und ist dort gestorben.

1. Juli 1945. Die ersten sozialen Maßnahmen wirken sich aus. Wie bekannt gegeben wurde, hat die Beitragsfreiheit der Rentner mit dem 1. April aufgehört. Es kann sich aber bis 1.7. jeder weiter versichern mit 4,05 RM je Monat. Seither war es so, dass – wenn der junge Mann pflichtversichert war – auch alle Angehörigen bis zum 18. Lebensjahre sowie auch die Eltern und sonstigen Haushaltsmitglieder ohne Weiteres mit versichert waren. Auch die Berechtigung auf ein höheres Sterbegeld hat aufgehört.

In Berlin ist die kommunistische Partei wieder zugelassen worden.

Zucker erhält jede Person 10 Pfund. Die Maßnahmen zur Kartoffelkäfer-Bekämpfung müssen verschärft werden. Da schon eine Unmenge Larven gefunden wurden, wird überall gespritzt, wo er sich gezeigt hat. Im Badeweiher hat ein Amerikaner Typhusbazillen festgestellt. Das Wasser ist abgelassen worden.

Die Heimkehr der Soldaten geht sehr langsam vorwärts. Selbst wenn alle Papiere in Ordnung sind, werden sie von einem Lager zum anderen geschickt. Dabei nehmen sie vielfach die Gelegenheit wahr, um durchzugehen. Mitunter herrscht in den Lagern ein ganz gewaltiger Hunger. So sollen von einer Kompanie 62 Mann gestorben sein. In Dillenburg gibt die Militärregierung Deutschland die Dill-Zeitung heraus, ein Blatt stark. Ich will nicht alles erzählen, was die Zeitung bringt.

Seit dem 5. Juli ist der freie Verkehr in ganz Hessen erlaubt. Die eine Kompanie der Amerikaner ist bereits abgerückt. Dafür hat es aber auch wieder etwas Zugang gegeben. Die Flak- und schweren Panzergeschütze bei der Hütte sind ebenfalls weg. Wie verlautet, sollen auch die übrigen bald verschwinden und nur zwei Verbindungsmänner hierbleiben. Die abgehenden Soldaten suchen, wenn irgend möglich, einen Koffer zu erhalten, den sie mitnehmen. Wir haben in unserer Werkstatt sehr viele anfertigen müssen, auch sonst viel Gerät, womit sie sich umgeben.

Durch das günstige Wetter, alle paar Tage Regen und warm, sieht das Feld wunderbar aus.

Flüchtlinge in einem zerstörten Land

29. Juli 1945. Im Laufe der Woche ist das Korn alles abgemäht worden und auch schon teilweise eingefahren. Durch das Fehlen des Düngers ist der Ertrag doch wesentlich beeinträchtigt worden, wie sich jetzt herausstellt. Nur einige, die Dünger erhalten hatten, haben bessere Ernte. In letzter Zeit kamen öfters Haussuchungen und Verkehrsstilllegungen für einzelne Tage vor. Man sucht immer noch nach Waffen und dergleichen. Im Laufe der Woche feierten die Amerikaner ein Sportfest. Sie hatten den Fußballplatz am Hausberg, der sehr verfallen war, wieder hergerichtet, neue Tore und sonstige Sachen angebracht. Sie werden auch gut mit Wein versehen und sind dabei wohl auch etwas laut und lustig. Aber doch anständig. Sie pflegen auch ihre Dackelhunde gut. Ich habe ihnen eine schöne Hundehütte gemacht.

Industrie und Handel strengen sich äußerst an, um den Markt zu beliefern. So gibt es Herde in kleiner Ausführung, Drahtgewebe, kleine Gebrauchsgegenstände wie Kehrbleche, Kohleschaufeln, Maulkörbe usw. Alles ist preiswert zu erhalten. Dagegen kostet ein kleiner vierrädriger Handwagen 50,- bis 60,- RM.

An der Wiederherstellung der Eisenbahnen wird fieberhaft gearbeitet. Telegrafenarbeiter sieht man auch schon vereinzelt. Die Post ist noch immer geschlossen und nur bei Rentenauszahlungen für Stunden geöffnet.

Soldaten kommen nur ganz wenige an und so mancher wartet doch darauf.

12. August 1945. Korn, Hafer und sonstige Sommerfrüchte sind inzwischen eingefahren worden. Mit dem Ausdrusch des Saatgutes wurde begonnen. Die Trockenheit beginnt sich bemerkbar zu machen. Kartoffeln, die auf mageren Boden standen, fangen an, welk zu werden. Seit dem 8. August ist dann der erwünschte Regen eingetroffen und man hofft, dass die Kartoffelernte noch befriedigend wird. Ebenso wie die Grummeternte.

Das Verhältnis zu den Amerikanern ist nach Aufhebung des Verkehrsverbotes besser geworden, so dass wir uns gegenseitig aneinander gewöhnt haben. Es sind viele Kinderfreunde unter ihnen. Dagegen hört man aus den Gebieten Trier, Koblenz und Westerwald, wo der Franzose ist, schwere Klagen. So sollen sie von den Bewohnern in kürzester Zeit komplette Esszimmer und dergleichen mehr verlangen. Die Engländer werden dagegen als human geschildert.

Das Hamsterwesen hat ziemlich aufgehört und wurde dadurch, dass sonntags keine Züge mehr fahren, zum Teil auch unterbunden. Die Wiesen unterhalb des Hüttenhauses sind wieder frei. Doch der Hüttenplatz selbst ist schwer voll von Wagen und Geschützen. In Bezug auf Beförderung von Kranken waren die Amerikaner sehr zuvorkommend. Sie stellten gern und willig ihre Autos zur Verfügung.

Vorgestern wurde durch den Rundfunk bekannt gegeben, dass die Atombombe, von einem Amerikaner erfunden, nunmehr fertig gestellt und Japan entsprechend gewarnt worden sei. Nachdem dann zwei Bomben abgeworfen worden waren, die die furchtbarsten Zerstörungen anrichteten, hat auch Japan kapituliert.

Deutsche Soldaten kamen vereinzelt nach Hause und haben mitunter schwer an Hunger gelitten. Willi Lauber wurde auch als gefallen gemeldet. Schule und Post sind noch immer geschlossen. Einzelne Geschäfte haben sich auf die Anfertigung von Gebrauchsgegenständen verlegt und beliefern die Bevölkerung. Gestern Abend wurde die Wahl des neuen Ortsbauernführers vorgenommen. Es wurde Hermann Heck gewählt. Ebenso hat die Generalversammlung des Konsumvereins stattgefunden. Die alten Vorstände waren jedoch in der ersten Sitzung nicht erschienen. Als neuer Vorsitzender wurde Heinrich Seipp und als Verwalter Fritz Bergen gewählt.

Die Politik ist für den größten Teil des Volkes tot geworden. Das Radio wird auch nicht mehr gehört. Bei der Konferenz in Berlin hat Russland Königsberg verlangt. Die Polen wollen das Gebiet bis an die Neiße haben.

19. August: Im Laufe der Woche kam ein Amerikaner, der etwas Deutsch konnte, zu mir in die Werkstatt und fragte, ob ich auch durch den Rundfunk gehört hätte, dass Japan erledigt sei. Da ich bejahte, sagte er, dass sie nun schnell wegkommen würden und nur ein Verbindungsmann in Breidenbach bleiben sollte. Er war ein Chargierter und hatte sich bei mir ein Tischchen mit sehr hohen Füßen bestellt, an dem er schreiben konnte. Beim Abholen desselben brachte er eine Schachtel Zigaretten, ein Stückchen Feinseife und etwas Schokolade mit. Er sagte, wenn wir abrücken könnte ich das Tischchen bei ihm wieder abholen. So muss man gar vieles abfertigen. Für einen angefertigten Koffer gab beim Abholen ein Italiener zwei Pfund Kaffee. Derselbe roch, schmeckte aber nicht danach. Es stellte sich dann heraus, dass es Kaffee war, den man bereits abgebrüht und dann wieder getrocknet hatte. Nachträglich wurde bekannt, dass die Bevölkerung sich solch abgebrühten Kaffee von den Amerikanern geben lässt und dann nochmals abkocht.

Gestern meldete die Ortsschelle die Bekanntgabe des Kommandanten, dass bis 29. August alle zugelassenen Kraftfahrzeuge ihre Gültigkeit verlieren. Parteigenossen sollen auf diese Art und Weise ausgeschieden werden.

Es wäre höchste Zeit, dass die Kinder wieder zur Schule gingen, Handwerk und Gewerbe wieder in Ordnung kämen. Die Handwerkskammer hat ihre Organe wieder neu erhalten, aber die Verbindung mit Wiesbaden fehlt noch, so dass noch keine Lehrlinge eingestellt werden konnten.

26. August 1945. Die seitherige Besatzung ist am Freitag abgegangen nach Kassel, aber gleichzeitig sind neue Soldaten, mindestens im früheren Ausmaße angekommen. Immer wieder muss ich betonen, dass es bei denselben viele Kinderfreunde gibt, die sich liebevoll mit den Kleinen beschäftigen. Die hessische Post schilderte vor 8 Tagen, wie sich die Verhältnisse in Deutschland gestalten. Leider ist das Blatt, welches ich mir ausgebeten hatte, nicht mehr vorhanden. In Heidelberg sei die Universität wieder eröffnet worden und auch andere würden folgen. Deutschland müsse arbeiten und exportieren, damit es leben könne. Vor allen Dingen müsse es jetzt Buße tun. Viele Schiffe und Kähne seien in Tätigkeit, um Lebensmittel für die Soldaten heran zu schaffen.

Im Beiblatt wird dann aufgezählt, was Japan alles aufgeben müsse. Nach den Potsdamer Beschlüssen sind dies alle Gebiete, die es in den letzten 70 Jahren erobert hat. Es verbleiben dann außer den vier Halbinseln nur noch wenige andere, die von den Alliierten bestimmt werden. 1941 erstreckte sich das japanische Reich von der Arktis bis zu den Tropen. 1945 wird Japan nur noch ein Gebiet von 385,6 Quadratkilometer umfassen. Der 14-jährige Krieg, am 18. September 1931 um 10 Uhr abends durch Störungen an der südmandschurischen Eisenbahn in Mukden begonnen, habe sein Ende am 14. August 1945 erreicht.

Regenfälle gab es seither fast jeden Tag. Trotzdem ist die Hälfte der Frucht schon ausgedroschen. Die Kartoffeln haben sich erholt und versprechen eine gute Ernte. Wenn dieselben wie früher gedüngt worden wären, hätte es bestimmt eine Rekordernte gegeben. Über den Käfer hat man noch kein klares Urteil. Scheinbar sind ihm die klimatischen Verhältnisse nicht günstig genug.

2. September 1945. Gar manches Fahrrad, das man für kurze Zeit abgestellt hatte, ist gestohlen worden. So war vorgestern ein Evakuierter, untergebracht bei Förster Schmid, mit einem sehr guten Fahrrad nach Biedenkopf gefahren. Als er dann auf der Rückfahrt sein Fahrrad, auf dem sich noch ein Säckchen Kartoffeln befand, für kurze Zeit bei Stephani abgestellt hatte, war es beim Heraustreten schon verschwunden. Aus Wallau wird gemeldet, dass Bewohnern, die etwas abseits wohnen und Kartoffeln neben dem Haus angebaut haben, über Nacht ihre ganze Ernte von Dieben geraubt worden war.

Für die 79. Periode sind Raucherkarten ausgegeben worden und nun wird gemeldet, dass sie nicht beliefert werden können. Genauso wie die 78. Periode. Die Franzosen haben in der Pfalz die ganze Tabakernte beschlagnahmt, wie auch die Engländer in ihren Gebieten. Die Post ist jetzt montags, mittwochs und freitags geöffnet. Ein Aushang am Rathaus besagt, dass wegen der noch immer schwierigen Verkehrslage die Renten später nachgezahlt werden sollen. Die Bevölkerung erhielt in der ersten Zeit für Gegenleistungen von den Amerikanern manchmal etwas Tabak, Zigaretten, Seife oder sonstige Lebensmittel. Das hat jetzt aufgehört, da sie nichts mehr übrig haben, nicht mal eine Zigarette. Aber Schreibmaschinen und sonstige wichtige Gegenstände wandern heute noch nach Amerika.

9. September 1945. Im Laufe der Woche wurde durch die Ortsschelle bekannt gegeben, dass sämtliche Fahrradbesitzer, wenn sie weiterhin fahren wollen, auf der Bürgermeisterei erscheinen müssen. Dort sind die Nummer und Fabrikmarke ihres Rades anzugeben und dann haben sie eine Gebühr von 10,- RM zu entrichten. Dafür erhalten sie dann einen entsprechenden Ausweis, auf Grund dessen sie ungehindert fahren können. Vor 50 Jahren hatten wir diese Maßnahme endgültig abgeschafft. Heute lebt sie wieder als gute Einnahmequelle auf Anordnung der Amerikaner wieder auf.

Die Grummeternte ist innerhalb einer Woche gut eingebracht worden. Der Ertrag ist zufrieden stellend. Noch nicht beschäftigte Arbeiter und Arbeiterinnen werden dauernd zur Meldung gemahnt. Die Besatzung hat sich verringert. Da man wegen der Kohlelieferung noch im Unklaren ist, wurde die Bevölkerung durchschnittlich mit sechs Meter Holz versorgt. Grubenholz muss wie früher wieder freiwillig angefahren werden und dafür soll dann Kohle geliefert werden. Da im Ruhrgebiet nur zwei Zechen in Betrieb sind, kann die Hütte noch nicht wieder arbeiten.

Soldaten kommen immer noch welche an. Es fehlen aber trotzdem noch viele.

16. September 1945. Heute ist der Tag, an dem wir früher unsere Kirchweihe feierten. Gottesdienst ist wohl angesagt, aber sonst erinnert nichts daran. Nicht jedem wird es beschieden sein, heute einen Kuchen oder ein Stück Fleisch auf dem Tisch zu haben. Am Dienstag, dem 10., haben uns die Amerikaner verlassen. Man hört aber heute schon wieder, dass wieder welche kommen sollen. Im Oktober soll wieder Schule gehalten werden. Ein neuer Lehrer ist schon angekommen. Die Räume, Türen und dergleichen müssen jedoch erst alle gründlich repariert werden. Fast nichts davon ist mehr heil. Die früheren Lehrer Gücker und Ohl sind abgebaut. Letzterer kam vor drei Tagen als kranker Mann und um Jahrzehnte gealtert hier an. Seine Familie, wie auch die von Gücker, sind schon lange weg.

Die Autos der Amerikaner fahren noch Tag und Nacht hier durch. Die Fruchtdrescherei wird in einige Tagen beendet sein. Sonntags fahren noch immer keine Züge. Riesenkürbisse sind geerntet worden, die 30 Pfund und mehr wiegen. So etwas hat man seither hier kaum gesehen. Die Bevölkerung beginnt, soweit überhaupt noch möglich, ihre Häuser und Möbel zu renovieren. Es fehlt jedoch meistens das erforderliche Material. Alle jemals von Nationalsozialisten verwalteten Ämter und Stellen werden neu besetzt. Vor einigen Tagen bekam ich ein Formular für eine nicht besonders wichtige Stelle zu sehen: Darin wurden von den Amerikanern wohl 60 Fragen gestellt. Wohl werden neue Männer eingesetzt, aber sonst nicht viel geändert, außer den Renten. Dabei zeigt sich, dass der Eigennutz auch heute noch vielfach führend ist. Das Volk ist in seiner großen Mehrheit schlechter geworden und die Jugend durch die Parole „Jugend wird von Jugend geführt“ nicht besser. Auch wäre es an der Zeit, wenn die Ernährung, hauptsächlich die der Nichtselbstversorger, etwas besser würde. Ich habe das Gefühl, dass man überhaupt keinen Boden mehr im Leibe hat und nicht mehr satt wird. Suppen und Kartoffeln nimmt man in riesigen Mengen zu sich. Brot ist äußerst knapp und dann leidet man, besonders nachts, an Bauchweh.

Da die Industrie und auch sonstige Erwerbszweige noch brach liegen, wird das Hauptgewicht auf die Landwirtschaft gelegt. Ist auch richtig so.

Auf dem alten Friedhof beginnen einige Leute sich Wohnungen zu bauen. Wegen der Materialknappheit werden sie in diesem Herbst mit dem Kellermauerwerk Schluss machen müssen. Der Sand wird mit Autos aus dem Siegerland geholt und als Kalk verwendet man Sackkalk.

Von Diebstählen hört man sehr viel. Wer ausgemachte Kartoffeln in der Nähe der Straße stehen hat muss damit rechnen, dass sie von Motorradfahrern in einem unbewachten Augenblick mitgenommen werden. Selbst Baumstämme verschwinden aus dem Walde. Da es nicht viel Obst hier gegeben hat, versucht die Bevölkerung, wieder welches aus der Wetterau zu holen. Die Sägewerke in Oberdieten, Laasphe usw. sind noch immer von den Amerikanern beschlagnahmt.

7. Oktober 1945 Vielleicht wird der eine oder andere später einmal fragen, wie sich die Verhältnisse nach dem Abzug der amerikanischen Truppen gestaltet haben. Hier sind sie weg. In Wallau ist an dem Kreuzungspunkt nach Westfalen die Kontrolle noch sehr scharf. Bei Meissner, in der Schule, im Hüttenhaus usw. sieht es, wie auch bei früheren Besuchen, noch sehr wüst aus. Nirgends ein Schlüssel, zerbrochene Fensterscheiben und Türen und was sonst noch alles damit zusammenhängt. Die Schule hat am Montag wieder begonnen. Ein Lehrer, eine Lehrerin und ein Pfarrer, der den Religionsunterricht übernimmt, sind die Lehrkräfte, die die Ausbildung der Jugend unter sich haben. Mancher Lehrer, Beamter, Arzt und dergleichen führt bittere Klage, weil man sie nur wegen ihrer Zugehörigkeit zur NSDAP abgesetzt hat. Ein Urteil darüber wird wohl erst in einigen Jahren möglich sein. Ein Lehrer, der während der ersten Kriegsjahre bei Angehörigen der Eingezogenen die Kartoffelsäcke ins Haus getragen hat und auch sonst bei den Ernten seinen Mann gestellt hat, fragt: Denkt denn kein Mensch mehr daran?

Wie sich die Verhältnisse gestalteten, bedarf eigentlich einer gründlichen Darstellung. Doch werde ich mich aus gewissen Gründen nur kurz damit befassen. Noch mancher Soldat ist zurückgekehrt, auch manche mit fehlenden Gliedern. Andere haben auf Umwegen ein Lebenszeichen von sich gegeben. Von einigen weiß man noch gar nichts. Die im Sommer verhafteten Parteimitglieder und Amtsträger sind bis auf ganz wenige noch nicht zurückgekehrt.

Dass die Bevölkerung von Luftangriffen verschont blieb, die Verdunkelung aufgehört hat und die Besatzungsschwierigkeiten nicht mehr vorhanden sind, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Wenn man so abends beim Abtragen der Kartoffeln, beim Füttern des Viehs und dergleichen die Hoflampe aufleuchtet, fühlt man sich direkt in einer andern Welt. Die Straßenbeleuchtung wird allerdings noch lange auf sich warten lassen.

Der Überlandpostkraftwagen kommt schon tageweise wieder durch. Die Straßen, die sonst kaum zu passieren waren, sind leer geworden. Der Hinterländer Anzeiger, der einige Tage in kleinem Format kam, hat sein Erscheinen wieder eingestellt.

Die Jugend hatte auf unserem Kirmestag am 16. September ein Tänzchen veranstaltet und heute findet das erste Treffen der Fußballmannschaft gegen Buchenau statt. Rauchwaren gibt es überhaupt keine mehr und nur die Tabakzüchter können noch qualmen. Davon haben wir schon viele hier. Die Bauern sind ungemein fleißig, um möglichst alle Arbeiten vor dem Frost noch zu erledigen. Spät abends sieht man immer noch welche auf das Feld fahren, um einen Acker zu bestellen oder sonstige Arbeiten vorzunehmen. Die Gräben und Abzugskanäle auf den Wiesen werden wieder wie früher gesäubert. Das gewohnte Bild des Herbstes. Die Kartoffel- und Gemüseernte war trotz des fehlenden Düngers immer noch befriedigend. Viele Waggons sind in die Städte abgerollt. Nur die Industrie und das Handwerk können sich wegen Mangel an Materialien noch nicht richtig entfalten. Dagegen werden Gegenstände aus der Industriegegend wie Schneidwaren, Äxte, Sägen, Schaufeln, Gabeln, Schraubstöcke, Ambosse, Ketten, Feilen, Rasierklingen usw. in Massen angebracht. Ein Beweis, dass solche Dinge vorhanden waren und nur künstlich zurückgehalten wurden.

In Wallau hat sich ein Schreiner auf die Anfertigung von Küchenschränken eingestellt und liefert jeden Tag zwei Stück. Uns war es wie auch anderen Betrieben möglich, aus den noch nicht abgeschickten Heeresbeständen manches Möbelstück anzufertigen. Von den Evakuierten ziehen schon welche in die Städte zurück. Der Hunger ist bei den Nichtselbstversorgern immer noch sehr groß. Der Magen wird durch Kartoffeln und Gemüse überladen. Danach gibt es dann Bauchweh. Fett ist nach wie vor äußerst knapp.

Durch das Ausbleiben der Renten und die Stilllegung der Industrie beginnt sich allmählich eine Geldknappheit bemerkbar zu machen. Obst ist bis jetzt nur sehr wenig aus der Wetterau geholt worden. Die einzelnen Hamsterer sind es durch die zu überwindenden Schwierigkeiten leid geworden. Nur Wein wird noch eingeführt. In manchen Gegenden hat es auch dort am Spritzen gefehlt, so dass es keine Erträge gab.

Pro Person wurden 10 Pfund Salz ausgegeben. Der Brauerei Thome in Wolzhausen ist es gelungen, ihren Betrieb, wenn auch in beschränktem Maße, wieder in Fluss zu bringen, obwohl der Besitzer Willi noch nicht aus dem Feld zurück gekommen ist. Wenn man bedenkt, wie wir so dahin vegetieren, ohne Zeitung, keinen Trunk Branntwein, nichts zu rauchen, magere Kost sowie Einschränkungen auf allen Gebieten, ist dies ein Ereignis, was nur freudig begrüßt wird.

Willi Lauber (* 1924) im Jahr 1944[2]

14. Oktober 1945 Am vergangenen Sonntag erlebte ich noch eine schwere Enttäuschung. Dadurch, dass Willi Lauber gefallen war (vermisst 1944 bei Königsberg), musste ich mich wieder nach jemandem umsehen, der die Akten der letzten Jahre für die Chronik durchschlug. Hierfür stellte sich Frl. Krücke, ehemalige Lehrerin und eifrige Mithelferin, gerne zur Verfügung. Nun wurde ich erst am Sonntagnachmittag davon unterrichtet, dass Frl. Krücke bereits am Samstag beerdigt worden sei. Sie war nach Dillenburg ins Krankenhaus eingeliefert worden und war dort an Darmkrebs gestorben.

Im Laufe der Woche wurden hier sämtliche Geschäfte, deren Inhaber frühere Parteimitglieder waren, geschlossen. Am nächsten Tag wurden sie aber schon wieder frei gegeben.

26. Oktober 1945 Im Laufe der Woche wurden auf dem Hüttenwerk verschiedene Beamte entlassen, weil sie Parteimitglieder waren. So auch u. a. Herr Schürg als Leiter und Adam Kamm von hier.

28. Oktober 1945 Die Stromversorgung war schlecht und zum Schluss des Monats sogar katastrophal. Nachts dagegen war immer Strom da. Die Ein- und Ausfuhr von Kartoffeln und Obst in andere Kreise ist verboten worden und soll mit schwersten Strafen belegt werden.

Hier werden außer den Gefallenen und Vermissten ca. 73 Mann als noch nicht zurück gekehrt gezählt. Aus russischer Gefangenschaft entlassene Krieger sehen sehr verkommen aus. Kleidung und Schuhe sind zerrissen und einen fürchterlichen Bart haben sie alle. Sie werden den Kliniken zugeführt, gesäubert und erst wieder zu Menschen gemacht.

Kleine Handwägelchen mit Holz- oder Eisenrädern sind ein Ausgleichprodukt mit anderen Kreisen, womit dauernd viele Autos hin und her pendeln. Die Invaliden- und Altersrente wurde am 23. Oktober 1945 für den Monat Juli ausgezahlt.

5. November 1945 Das Backen von Weißbrot und Kuchen ist im Gemeindebackhaus wie auch bei den Bäckern verboten worden. Laut Anschlag der Überlandzentrale muss nach der geringen Zufuhr von Kohle im Haushalt mit gewaltigen Stromeinschränkungen gerechnet werden. Handwerksbetrieben werden 30 % abgezogen.

Der Baron Günter von Breidenbach, Heinrich Thomä, Schmied von hier, der erst vor kurzem zurückgekommen ist und einen Arm verloren hat, sowie der frühere Kassenrendant Eckhardt wurden durch schwarze Soldaten abgeholt und nach Frankenberg gebracht. Eckhardt war als Malaria-Kranker aus Rumänien entlassen worden.

750 Evakuierte sollen hier untergebracht werden.

Sonntag, den 11. November 1945. Gestern waren es 50 Jahre, dass wir verheiratet sind. Wir könnten demnach die goldene Hochzeit feiern. Doch sind die Zeiten zum Feste feiern nicht vorhanden. Das Kuchenbackverbot besteht noch. Lebensmittelzuweisungen und Staatsgeschenke, wie es früher üblich war, gibt es nicht mehr und doch haben wir bei etwas Flaschenbier und einigen gespendeten Esswaren und dergleichen einige schöne Stunden des Gedenkens mit den Kindern und Geschwistern erlebt.

Die Haltung des deutschen Volkes ist moralisch sehr gesunken. Verrat, Eigennutz, Klatschsucht und Lügen sind die Hauptmerkmale. Menschen, die in der Partei waren, stellt man kalt. Ihre Häuser werden beschlagnahmt. Sie dürfen kein Geschäft mehr ausüben und nachts werden ihre Häuser mit allerlei Sprüchen beschmutzt, z. B.: „Lasst den Bonzen bald verschwinden. Er verstand es, die Leute zu schinden!“ usw. Überall heißt es, die Menschen wären zum Eintritt in die Partei gezwungen worden. Andere wiederum sagen, dass sie nach wiederholter Anmeldung nicht aufgenommen wurden.

Die Möbelfabrikation macht keinen Spaß mehr, da die Materialien wie Holz und Beschläge, die man erhält, mangelhaft und ungeeignet sind. Baulustige, eigentlich muss man ja sagen: zum Bauen Gezwungene, haben einen sehr schweren Stand. Familien, die Besatzung hatten, erhielten von der Gemeinde noch einen Raummeter Brennholz separat.

Im Laufe der Woche wurde auf die Lebensmittelkarten pro Person ein Hering ausgegeben.

Der Hinterländer Anzeiger erscheint jetzt wieder zweimal in der Woche. Darin hatte der Konservator Pfeil vom Heimatmuseum Biedenkopf einen Hilferuf erlassen. Das Museum, welches mit unendlicher Mühe in langen Jahren aufgebaut worden war, ist nach Kriegsende fast völlig zerstört worden. Türen und Schränke sind aufgebrochen, schützende Glasscheiben wurden eingeschlagen. Der Inhalt der Schränke wurde zum größten Teil geraubt, Bilder von den Wänden gerissen. Den Trachten hatte man Schuhe, Kleider und Tücher abgenommen. Was nicht mitgenommen worden war, fand man zum Teil zertrümmert in der Nähe des Schlosses. Und leider, leider auch in der Stadt. Auch ein Vorläufer unseres heutigen Fahrrades lag zertrümmert am Schlossberg. Die Verwüstung und Vernichtung von Gegenständen, die den Interessen vieler Menschen diente, ist mit gesundem Menschenverstand nicht zu begreifen. Diese Gegenstände sollten doch Zeugnis geben vom Fleiß und der Geschicklichkeit sowie der Kunst und Gebräuchen früherer Zeiten. Selbst die vorsorgliche Maßnahme der Militärbehörde, die den Zutritt zum Heimatmuseum bei Strafe verbot, konnte die Zerstörung nicht aufhalten. Auf die durch das Bürgermeisteramt veröffentliche Aufforderung, die entwendeten Sachen wieder zurück zu geben, hat sich bis heute niemand gemeldet.

21. November 1945. Gestern wurde bekannt gemacht, dass der Buß- und Bettag, der heute gefeiert wird, wieder als gesetzlicher Feiertag gilt. Das heutige Mittagessen, bestehend aus einigen Stückchen Kartoffeln und ganz wenig Tunke, ist wohl ein Abbild unserer Zeit. Ich weiß, dass es bei manchen besser ist, habe aber dennoch keinen Grund zum Klagen, wenn ich an die denke, die kein schützendes Dach mehr über sich haben, kein Bett und keine Heimat mehr besitzen. Dann auf der anderen Seite, die Gegenseitigen, aus Hass geborene Anklagen dem nächsten Gegenüber. Wie müssen andere Völker darüber denken und ihre Glossen machen. Bäcker, Wirte, Metzger und andere Geschäftsinhaber müssen einfach ihre Geschäfte schließen, weil sie Mitglied der Partei oder vor der Machtergreifung SA-Männer waren. Aus dem Krieg zurückgekehrte Kranke und Verstümmelte werden aus ihren Häusern geholt und man weiß nicht, wohin sie gebracht werden. Dabei treffen auch immer noch Meldungen von Gefangenen ein.

Hunderttausende, die nicht mehr an ihre Werkbank oder in ihre sonstigen Berufe zurückkehren können werden aufgefordert, Bauarbeiter zu werden. Oder sich durch einen kurzen Kursus dazu ausbilden zu lassen.

Den Nazis werden schlimme Sachen vorgeworfen. Doch macht es die jetzige Generation anders? Aus Flacht bei Diez wird folgendes berichtet: Dort hat der neu gewählte Bürgermeister zusammen mit seinem Sohn und anderen während des Krieges Aufsparungen vorgenommen und dann zu ihrem Nutzen verschoben. Es handelte sich um Damenkleidung, Wäsche, an anderen Orten um Leder und Zucker. Von den Franzosen vor Gericht gestellt, wurde das Volk zur Verhandlung eingeladen und ist auch in Massen erschienen. Das Urteil wurde am schwarzen Brett angeschlagen. Mehrere Jahre Gefängnis und hohe Geldstrafen erhielten die Schuldigen.

Das Erbe des Weltkrieges

In der Festschrift zur 1000-Jahrfeier 1913 heißt es in dem Willkommengruß am Schluss: „Dass die Liebe zur Heimat uns einzig möge leiten! Es sei unsere Losung für spätere Zeiten.“

Liebe zur Heimat ist es auch heute noch nach dem schweren Krieg mit all seinen Entbehrungen, Schrecken, Freiheitsberaubungen und Nöten, die uns die Feder in die Hand drückt, um späteren Generationen Klarheit und Aufschluss zu geben.

Vor kurzem erklärte ein amerikanischer General, dass die Winterschlacht so gut wie gewonnen sei. Epidemien seien keine entstanden, die Nächte wurden schon heller, sodass sich jetzt alles leichter bewältigen ließe.

Am 14. Februar fand nach der Vollversammlung der Vereinten Nationen in London eine Abendsitzung statt, in der die Gefahr einer Welthungersnot behandelt wurde. Die englischen Minister Bevin und Statismus erklärten, dass mehrere Mitglieder der Vereinten Nationen bereits die Getreidefütterung an Vieh, sowie für andere Zwecke verboten haben. Bevin führte aus, dass die Getreide einführenden Länder im 1. Halbjahr 1946 einen Bedarf von 17 Millionen Tonnen Weizen und Mehl haben, denen nur 12 Mill. Tonnen veranschlagter Einfuhr gegenüber ständen. Mithin ein Fehlbetrag von 5 Mill. Tonnen. Es sei keine Übertreibung, dass die Situation wirklich bedrohlich sei. Dabei betreffe diese Statistik nur überseeische Einfuhren und lasse die Lage innerhalb Europas und Ostasiens außer Betracht. Zu der indischen Weizenmissernte sei nun auch noch eine Missernte in Südafrika gekommen. Überdies bestehe ein Reisdefizit von mindestens 2 Mill. Tonnen, sodass einer Milliarde Menschen die Hungersnot innerhalb der nächsten zwei Monate droht. Es sind wirklich erschreckende Zahlen. Die Lage verlangt entschlossene Zusammenarbeit der Vereinten Nationen ohne Rücksicht auf irgendwelche Schwierigkeiten und politische Erwägungen. Wenn man die Dinge laufen ließe, dann seien Hungersnot und Massensterben in den Gebieten unvermeidlich. Andernfalls würden manche Gebiete Zufuhr erhalten und andere nicht. Die ganze Welt würde dann einer verzweifelten Situation gegenüber stehen.

Das Chaos innerhalb Deutschlands nimmt kein Ende. Die Nazis liegen noch immer in den Lagern und anderseits schreiten die Verhaftungen noch fort. So wurden in der vergangenen Woche der neue Oberbürgermeister von Marburg und weitere Mitglieder der Verwaltung verhaftet. Dann liest man: Argentinien Hitlers Geheimpartner, oder Deutschland als Exportland – wirtschaftliche Pläne für 1946, in erster Linie Holz für Amerika, Hopfen für Belgien. Mehrere tausend Sägemühlen in Bayern sollen Holz einschneiden. Betreffs der Preisfestsetzung in Nutzholz holt die Abteilung Export und Import Preise aus New York, London und Paris ein, um einen dem Weltmarkt entsprechenden Preis vereinbaren zu können. Man weist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hin, dass die für die amerikanisch geltende Umrechnung von 10 Mark gleich 1 Dollar keine Anwendung findet.

Die deutsche Hopfenernte im Werte von 9 Milliarden Dollar ist für Exportzwecke bereitgestellt worden, von der nunmehr Hopfen im Werte von 1½ Mill. Dollar nach Belgien geliefert werden soll.

Kugellager dürfen wir keine anfertigen.

Vom Rhein wird berichtet, dass die Rheinschifffahrt und der Verkehr über die Flussbrücken jetzt wieder vollständig normal seien, nachdem das Hochwasser etwa eine Woche lang die Eisenbahn- und Straßenverbindung unterbrochen hatte.

Die Verhandlungen gegen die Kriegsverbrecher in Nürnberg werden wohl bis in den April dauern. Die Alliierten können es nicht begreifen, dass das deutsche Volk in seiner großen Mehrheit den Verhandlungen kein Interesse entgegenbringt. Ein deutscher Journalist sollte darüber berichten. Er schreibt, dass er nach dem Besuch des Filmes „Die Todesmühlen“ nicht in der Lage gewesen sei, etwas zu berichten. Er musste erst seine Nerven durch einen längeren Marsch zur Ruhe bringen. Er ging unter das Publikum, das aus dem Film kam, um dort Aussprüche zu hören, die ihm für seinen Bericht von Nutzen sein konnten. Immer wieder hörte er das Wort „Propaganda“.

„Ja“, sagte er, „es ist doch alles fotografiert worden. Die Menschen können doch nicht annehmen, dass die Amerikaner die Knochen von vielen tausend Menschen über den Ozean gebracht haben zu diesem Zweck“.

Das Volk stellt sich aber nicht anders ein. Warum? Haben wir doch im ersten Weltkrieg die Bilder in Natur gesehen, wo deutsche Soldaten belgischen Kindern die Hände abgehackt haben sollen. Ich selbst habe aber später Belgier gesprochen, die hiervon nichts wussten. „Propaganda“ wurde damals der Schwindel genannt. Heute liegt die Sache noch viel tiefer. Das ganze deutsche Volk bis hinauf zum Gauleiter (vielleicht nur mit wenigen Ausnahmen) wusste nichts von den Verbrechen, die in den K.Z.-Lagern verübt worden sein sollen. Es wird auch keinen Deutschen geben, der damit einverstanden ist, ganze Völker zu vernichten. Dazu hat kein Mensch die Berechtigung, selbst wenn große und schwere Anschuldigungen vorgelegen hätten. Bei den Zeitungsberichten über diese Sache erklärt ein Arzt, nach einer schweren Krankheit dürfe ein Patient nicht rückwärts schauen, sondern nur vorwärts. Das ist richtig, aber noch richtiger und begreiflicher ist es, dass ein Volk, wenn es unschuldig, sich auch keiner Schuld bewusst ist, Unrecht leiden soll. Ich war schon in 1933 nach der Machtergreifung Mitglied der Partei. Ich habe Schulen besucht, im Luftschutz unzählige Vorträge gehalten. Ich kam mit höheren Instanzen zusammen, habe aber niemals so etwas gehört. Auf dem Parteitag in Nürnberg hörte ich auch zum ersten Male von der Zerstörung der jüdischen Synagogen. Dies ist auch eine Sache, die niemand „gut“ heißen kann. Was der Mensch an Religion besitzt, muss man ihm lassen. In den Großstädten kann man davon Kenntnis gehabt haben, aber auf dem Lande nirgends.

Ich selbst zählte jahrelang zu den ernsten Bibelforschern und habe alle ihre Schriften gelesen, bis sie eines Tages im goldenen Zeitalter erklärten, es wäre jetzt an der Zeit, in der Nähe der Friedhöfe Bauten aufzuführen, die mit den Kleidern für die Verstorbenen gefüllt werden sollen. Denn jetzt beginne die Auferstehung der Toten. Darauf habe ich auch diese Sache für Schwindel erklärt. Die Sekte wurde verboten. Sie hielten aber ihre Versammlungen nach wie vor ab und da war es begreiflich, dass man die Führer nach wiederholter Warnung in Lagern unterbrachte. Ich habe Verwandte und Bekannte, die wochenlang und jahrelang dort zubrachten. Dieselben kamen aber immer wieder und erklärten, es sei eine schwere Zeit gewesen. Aber von solchen Gräuel wussten sie nichts zu berichten.

Hier auf dem Lande kam es öfters vor, dass russische Gefangene überhaupt nicht arbeiten wollten. Daraufhin kamen sie dann nach Frankfurt, waren aber meistens nach fünf Tagen schon wieder zurück und arbeiteten dann gerne wieder. So etwas kann man wohl begreifen. Dann sprechen zur Beantwortung obiger Fragen auch wohl die Zeit und die Verhältnisse mit, die wir durchlebten. Nach dem 1. Weltkrieg mit seinen Schrecken, die Inflation, das größte Verbrechen, was eine Nation erlebt. Dann die Deflation, eine Arbeitslosigkeit ohnegleichen. Daraus ergab sich wieder die Nichtbeachtung der Gesetze, Diebstahl, Wildfrevel und Brandstiftung brachte viele Menschen jahrelang ins Gefängnis und Zuchthaus. Zustände, die nicht mehr überboten werden konnten.

An jedem Sonntag tagten die Versammlungen des Volkes, um eine Besserung herbei zu führen. Die Suche nach einem Diktator lag allen zu Grunde. Und dann wurde in 1933 mit einem Schlage alles anders. Arbeit und Verdienst in Hülle und Fülle. Baudarlehen unverzinslich in tausenden von Reichsmark, Ehestandsbeihilfen, Kinderbeihilfen, der Ausbau der sozialen Versicherung. Alle Rentner, sowie Angehörige eines Pflichtmitgliedes der Krankenkasse waren beitragsfrei. Die Arbeiter fuhren in ihren Ferien an die Riviera, in den Norden, kurz, wer nicht aus Prinzip ein Gegner des Nationalsozialismus war, konnte keine Klagen führen. Niemand ging es schlecht, für alle war Hilfe da. Begabte arme Kinder konnten auf Kosten des Staates studieren. Aber alles das vergisst man so leicht nicht. Gewiss, es gab mir auch zu Bedenken Anlass und das war, als ich zum ersten Mal den Satz hörte: „Jugend wird von Jugend geführt!“ Das schien mir erst unbegreiflich. Wenn man aber dann wieder die Begeisterung der Jugend sah, schwieg man still. Wenn man die Zahlen heute bei den Wahlen noch nachliest, hat man keine Worte mehr.

10. März 1946. Nun haben wir auch den Film „Die Todesmühlen“ gesehen, der in Biedenkopf lief. Jeder einstmalige Parteigenosse und auch Teile der Gliederungen waren gezwungen, ihn anzusehen. Andernfalls sollte die Lebensmittelkarte entzogen werden. Dem Bürgermeister musste eine in Biedenkopf ausgestellte Bescheinigung über den Besuch des Filmes ausgehändigt werden. Das Resultat ist auf dem Lande ganz genau dasselbe wie in den Städten. Was die Alliierten erreichen wollten, dass das Volk den Nationalsozialismus verfluchen sollte und als das Schädlichste bezeichnen sollte, was es je gegeben hat, wurde nicht erreicht. Teilnahmslos wird zugesehen, der Deutsche kann es nicht begreifen, er hat andere Dinge gesehen. Das ganze kommt dem Volk in seiner Schuldlosigkeit so unwahrscheinlich vor, dass es jede Bemerkung außer den Worten „Propaganda“ unterlässt.

Die Hochwasserschäden hatten bei der Lahn doch mehr angerichtet, als man zuerst geglaubt hatte. Am 9. März lief die Bahn zum ersten Male wieder von Ludwigshütte aus. Unterhalb Biedenkopfs ist noch eine Brücke in der Nähe der Erlenmühle kaputt. Zu deren Herstellung braucht man mindestens noch einige Monate. Die Verbindung wird hier durch Autos hergestellt. Doch Ende Dezember ’46 ist die Strecke wieder normal.

Für die demnächst zu erwartenden Ostflüchtlinge werden in vielen Häusern Zimmer abgetrennt, das es nur noch ganz wenige Zimmer gibt, die noch frei sind. Die Evakuierten sind auch noch in großer Zahl hier. In Wallau und anderen Orten sind schon Flüchtlinge angekommen, wie man hörte, meistens ältere Leute. Die arbeitsfähigen Menschen hält der Russe erst noch fest, um sie zur Arbeit zu gebrauchen. Der Winter ist noch nicht zu Ende, immer haben wir noch viel Schnee, wenn auch die Kälte nicht sehr hoch ist. Die Rationen wurden von 1200 Kalorien auf 800 herabgesetzt.

31. März 1946. Gar viel ist schon über die Flüchtlinge aus dem Osten geschrieben und geredet worden. Einmal berichten die Zeitungen, dass es Menschen sehr fleißigen Stammes seien, die also sehr fleißig wären, das andere Mal, dass es nur alte Leute seien, die nicht mehr arbeitsfähig wären. Dann wieder sollen Epidemien in ihren Lagern ausgebrochen sein. Am 29. März sind hier die ersten 30 angekommen. Am nächsten Mittag kam schon ein alter Herr, der den Sarg für seine verstorbene Ehefrau bestellen wollte. Ein Urteil will ich heute noch nicht abgeben.

Eines weiß ich aber: Wenn die Nahrungsmittelkürzungen in der französischen Zone den Hunger als Folge haben – nur ½ Brot – und dann die, die aus dem Siegerland noch irgendwelche Verwandte oder Freunde haben, sich aufmachen und nach hier kommen, um sich einige Kartoffeln zu hamstern, dann wird es eine schlimme Sache geben. Wenn es auch hier bei den Unversorgten in der Woche zu den Hauptmahlzeiten 12 mal dünne Kartoffelsuppe, Kartoffelsalat oder Stampes gibt, haben sie den Flüchtlingen gegenüber noch einige Vorteile. Haben wir doch immer noch eine Heimat und nicht alles verloren und ein eigenes Dach über dem Kopfe. Was dies für die alten, abgeschobenen Leute für Zustände sind, ist kaum zu beschreiben. Was schreibt der 75-jährige Journalist Heinrich Mann, der so große Erfolge in Amerika erzielt hat, zu seinem Geburtstag in der Neuen Zeitung? Was schreibt er über Deutschland? Drei Jahrhunderte Warnung und Hoffnung. Die Deutschen hatten weder das Recht auf ihrer Seite, noch hatten sie ein reines Gewissen. In Bezug auf Hitler erinnerte er an die Worte eines Deutschen aus dem 17. Jahrhundert: „Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein, er kann, je nach dem er es macht, Gott oder Teufel sein!“

Keine europäische Nation stürzte jemals in solche Tiefen freiwilliger Erniedrigung. Deutsche Gräuel, nachdem sie nun geschehen sind, muss es uns zumindest klar werden, dass sie in völliger Abkehr von der Menschheit begangen wurden. In ihren politischen Unternehmungen waren sie stümperhafte Dilettanten. Alles trug den Stempel der Rache – und das erklärt vieles. Sie konnten nicht zum Herr der Welt werden, und wenn es so geworden wäre, was wäre dann geschehen? Das Gefühl zu quälen wäre dem Deutschen, was ihm gar nicht liegt, noch schlimmer geworden.

Heute, am 6. Oktober 1946 schreibe ich zum ersten Male wieder weiter. Sieben Monate sind verflossen. Die Bevölkerung ist sehr fleißig gewesen. Hat gesät und geerntet, um dem Boden ohne Kunstdünger und Saatmaterial die höchsten Erträge abzuringen. Das Gespenst des Hungers hat fast allen Menschen Runen ins Angesicht und Beschwerden in die Glieder gebracht. Und das ganz besonders den Unversorgten. Kartoffelwassersuppe und sehr wenig Brot war die Nahrung. Die Selbstversorger haben sonntags ihre Kuchen gebacken, haben aber selbstverständlich unter der Rationskürzung bei der vielen Arbeit ihre Beschwerden. Die Militärregierung hat denn auch erklärt, dass der Rationssatz erhöht werden müsse, da der gesundheitliche Zustand des Volkes in größter Gefahr sei. Vor einiger Zeit hat man den Bergleuten im Kohlengebiet Zulagen gegeben. Folglich ist die Produktionsleistung sehr gestiegen. Auch hat man den Arbeitern in anderen Betrieben Schwer- und Schwerstarbeiterzulagen gegeben. Die Kohlenbergwerkarbeiter erhalten auch mehr Tabakwaren und Branntwein. Hierzulande kostet eine Zigarre 1,70 Mark und mehr und ein Päckchen Kleinschnitttabak 7,00 Mark.

Der größte politische Prozess aller Zeiten hat jetzt in Nürnberg sein Ende erreicht. Am 30. September 1946 eröffnete nach vierwöchentlicher Pause der Lordrichter, Präsident des Internationalen Militärtribunals bei 280 Pressevertretern aus 20 Nationen, darunter 40 deutsche Journalisten, die Verhandlung. Er begann dann am Dienstag mit der Verlesung der Urteilsbegründung über die 22 Angeklagten. Als erster wurde Göring in allen vier Anklagepunkten für schuldig befunden. Das Korps der politischen Leiter wurde ausschließlich der Block- und Zellenleiter als verbrecherische Organisation erklärt.

Den Tod durch den Strang erhalten: Göring, Ribbentrop, Keitel, Kaltenbrunner, Rosenberg, Frick, Frank, Streicher, Sauckel, Jodl, Seyß-Inquart und Bormann.

Lebenslängliche Gefangenschaft erhielten: Heß, Funk, Räder. 20 Jahre Gefangenschaft: Baldur von Schirach und Speer. 15 Jahre Gefängnis: Von Neurath und 10 Jahre Gefängnis: Dönitz.

Freigesprochen wurden: Von Papen, Schacht und Fritzsche. Die sowjetische Delegation weicht von der Entscheidung des Gerichtes ab, von Papen, Schacht und Fritzsche freizusprechen. Die drei hätten verurteilt werden müssen. Ebenso hätte das Gefängnisurteil von Heß auf Tod lauten müssen. Auch haben nach ihrer Meinung das O.K.W., der Generalstab und das Reichskabinett als verbrecherische Organisationen verurteilt werden sollen. Gegen die drei Freigesprochenen gab es in Berlin und anderen größeren Städten Demonstrationen, Proteste und Umzüge. Die Bayerische, Württemberg-Badische und Großhessische Regierung verlangten ebenso eine Verurteilung. Dieselben sollten von deutschen Gerichten nochmals gerichtet werden.

Nun sind am 16. Oktober die Kriegsverbrecher gehenkt worden. Göring hatte vorher eine Tablette Zyankali eingenommen, ohne dass es bemerkt wurde und hat somit Selbstmord verübt. Die Strangulierten sind dann mit Göring verbrannt und ihre Asche in alle Winde zerstreut worden. Die in Nürnberg zu Freiheitsstrafen verurteilten sollen im Spandauer Gefängnis ihre Strafe verbüßen.

Der Alliierte Kontrollrat hat den Kohlenbergarbeitern in Deutschland eine Lohnerhöhung zugebilligt. Erlaubt sind Lohnerhöhungen bis zu 20 %.

3. Nov. 1946. Groß-Hessen gibt heute seine neue Verfassung in der Marburger Presse bekannt.

Die Nachkriegszeit

Ein Bild von der Hauptstadt von Baden-Württemberg, Stuttgart:

Es ist im letzten Jahre üblich geworden, die Beurteilung einer deutschen Stadt vom Grade ihrer Zerstörung abhängig zu machen. Um die trockenen Zahlen kann man nicht herumkommen. Von den 63.000 Gebäuden des alten, schönen Stuttgart sind nur 2.000 unbeschädigt geblieben. Von der Hälfte der Wohnungen, die 150.000 betrugen, ging die Hälfte verloren. Das Viertel der Regierungsgebäude, Museen, Theater, Geschäfte, Hotels und Gaststätten ist zu 65 % zerstört. Die Stadt ist in 60 Instandsetzungsbezirke und dreißig Trümmerverwaltungsgebiete aufgeteilt worden.
Die Rückkehr von dreißig- bis fünfzigtausend evakuierten Stuttgartern steht bevor. Jene müssen wieder ihre ländlichen Zufluchtsstellen an Ausgewiesene und Flüchtlinge aus dem Osten einräumen. – Wie? Wo sie unterbringen? Man weiß es noch nicht!

4. August 1946 Der von der Militärregierung seinerzeit ausgestellte Registrierschein musste auf der Bürgermeisterei vorgezeigt und ausgefüllte Fragebogen mit 2 Lichtbildern abgegeben werden, wonach bei den gegebenen Zeigefingerabdrücken beider Hände von der deutschen Behörde ein neuer Pass ausgestellt werden soll.

Für den Kreis Biedenkopf gibt es statt der Zeitungen jeden Samstag die amtlichen Bekanntmachungen. Die heutige Nummer bringt das Gesetz Nr. 18; das Wohnungsgesetz zwecks Erhaltung, Vermehrung, Sichtung, Zuteilung und Ausnutzung des Wohnraumes, beschlossen vom Kontrollrat. Jeder Hauseigentümer, der Inhaber einer Wohnung ist, ist verpflichtet, das Freiwerden derselben unverzüglich unter Zahl der Wohnräume und ihres Flächeninhaltes zu melden.

Gesetz Nr. 26 Tabaksteuer; Die Sondersteuern auf Tabakblätter für Zigaretten bleiben bestehen. Dann kommen die Steuersätze. Ich lege das Blatt bei. Ebenso das Gesetz Nr. 27. Branntweinsteuer; eine Zigarre kostet heute 50 Pfennig bis 1,20 RM. Der Trinkbranntwein wird für den Hektoliter mit 11470 RM besteuert. Ebenfalls Gesetz 28. Biersteuer und Zündhölzer.

22. Sept. Heute bringt die Zeitung die Nachricht, dass nur noch Flüchtlingsbauten in Frage kommen. Alle anderen, es sei denn dringend für die Landwirtschaft wichtig, sind verboten.

April, den 6. 1947, wir feiern heute Ostern, das Fest der Auferstehung und Hoffnung. Ja, wir haben Hoffnung nötig, schlimm war der Winter und noch schlimmer der Hunger. Hoffnung war uns gegeben, dass bei dem Eintritt besseren Wetters die ungeheuren Lebensmittelvorräte aus Amerika, die in Bremen und anderen Hafenstädten lagern sollten, nun zum Versand und zur Verteilung kommen sollten. Aber stattdessen erleben wir etwas anderes. Alle Zeitungen bringen dauernd Berichte über Hunger-Demonstrationen mit den Worten, dass der Hunger das Volk auf die Straße treibt. Wie zum Beispiel Ausschreitungen in der britischen Zone: In Braunschweig fordern 30.000 Streikende mit Transparenten den Abtritt Schlange-Schöningens, mehr Brot, mehr Kohle und Tod allen Schiebern. In Dortmund sind es 25.000 Belegschaftsmitglieder der Dortmunder Betriebe. Die Arbeiter der Bergwerke und Versorgungsbetriebe nehmen an der Kundgebung teil: Die Ernährungslage sei zusammengebrochen und die Lage erscheine hoffnungslos. Ähnliches lesen wir von Frankfurt am Main, weiter ein Proteststreik im Ruhrgebiet. Grubenarbeiter forderten Änderung in der Verwaltung und beschlossen eine 24-stündige Arbeitsniederlegung, welche auch zu 95 % durchgeführt wurde. 10.000 Arbeiter der Kruppwerke treten in den Sympathiestreik. So könnte man aus fast allen Städten Berichte bringen. Ob aber die Moskauer Tagung etwas beeinflusst, ist jedenfalls fraglich.

Hessen berichtete vor Weihnachten von der ausgezeichneten Finanzlage in 1946. Jetzt schreiben sie von der bedrohlichen Finanzlage und unsere Kriegsgefangenen sollen bis Ende 1948 alle repartiert sein. Alles Symptome, die der Hoffnung gewaltigen Abtrag bringen. Aber trotzdem dürfen wir die Hoffnung nicht schwinden lassen. Jeder Einzelne muss alles tun, den Pessimismus auszumerzen, sonst ist der Untergang sicher.

Nach 14 Tagen gibt die Militärverwaltung bekannt, dass die Lebensmittel nur noch für 14 Tage ausreichen und dass die in den Hafenstädten lagernden Vorräte nach anderen Ländern, in denen die Hungersnot noch viel größer sei als in Deutschland, befördert worden seien. Übrigens sei Deutschland an dem Chaos schuld, da einige Länder noch Vorräte hätten, aber beim Absetzen nicht genügend Gegenwerte erhalten könnten. Auch die Abgabe der Lebensmittel seitens der Erzeuger ließe noch sehr viel zu wünschen übrig.

Infolge der Trockenheit ist der Wasserstand des Rheins so niedrig, dass die Schiffe nur noch mit der Hälfte des normalen Tiefstandes fahren können. Die Ärzte haben festgestellt, dass durch die Hungersnot die spinale Kinderlähmung in erschreckendem Maße auftritt und bei älteren Leuten das Gedächtnis schwer geschädigt worden ist. Überall wurden in den Dörfern Proben von Kartoffeln genommen, die ganz jämmerliche Resultate gezeigt haben. Dickwurz und Zuckerrüben versprechen überhaupt nichts. Ab und zu fallen einige Regentropfen, aber an Regen selbst ist nicht zu denken. Die Lieferung des elektrischen Stromes lässt sehr zu wünschen übrig. Mit einem Auto fuhren ca. 20 hiesige Einwohner in die Wetterau, um noch Äpfel zu holen. Nachdem sie zur Rückfahrt fertig waren, wurden sie von der Polizei angehalten und mussten ihr ganze Habe bis auf 40 Pfund abgeben. Es ist dies ein harter Punkt, da sie alle mehr als zwei Zentner gesammelt hatten. Aber andererseits muss man bedenken, weshalb die Polizei so rücksichtslos vorgeht. Die Antwort wird wohl heißen: Es wird angenommen, dass jeder Hamsterer etwas zum Tauschen mitgebracht hat, was der Heimat verloren geht. Tatsächlich ist aber zum Tausch nur sehr wenig da. Anfang der Woche hatten wir einen kurzen Gewitterregen. Aber dabei blieb es auch.

Heute, am 14. September 1947, feiern wir unser Kirchweihfest. Die Jugend fordert ihr Recht wie früher. Sie will lustig und fröhlich sein. Eine stark besetzte Musikkapelle, Umzug durchs Dorf, Tanz und was noch so alles drum und dran hängt. Kettenkarussell, Schaukel und Gewinnbuden sind beim Steigeturm in der Bach aufgestellt, um der Jugend das Geld aus der Tasche zu locken. Der Montag verläuft ebenso. Störungen sind keine vorgekommen.

Exodusflüchtlinge (Juden), die nach Palästina wollten und nicht zugelassen wurden, fahren überall, auch in Europa umher. Frankreich und England wollten ihnen vorübergehend Aufenthalt gewähren, bis Einreisevisen für Palästina da wären. Britische Militärpolizei ging mit 150 Mann stark und Wasserstrahlen gegen die Juden vor. Teilweise mussten die Flüchtlinge heraus getragen werden. Erst nachdem die Haupträdelsführer unschädlich gemacht waren, konnte die Masse in Eisenbahnzüge gebracht werden und auch hier gab es wieder Tumulte. Im Hamburger Hafen wurden die ersten der drei Exodusschiffe am 8.9.1947 ausgeladen. Die Weltgeschichte kann eigentlich niemand mehr begreifen. Aus Thüringen berichtet ein Brief an hiesige Verwandte, dass die Russen dort die Straßen in zwei Meter Breite aufrissen, dass niemand durchkäme. Die Erweiterung der Wasserleitung, die durch eine Pumpstation bei der Mühle in Angriff genommen werden soll, wird jetzt Wirklichkeit werden. Die Vorarbeiten haben begonnen und die Rohre werden demnächst eintreffen. Inzwischen sind sie bereits eingetroffen und die Einwohner müssen die Gräben für die Zuleitung im Frondienst ausführen.

Sie sind nur zu bedauern, dass sie ein solches Los erfahren. Zum Überfluss hatte die Militärregierung die doppelte Sommerzeit befohlen, haben sie allerdings nach 4 Wochen wieder zurückgenommen.

Nun sind wir Ende August 1947 angelangt. Wenn beim Zusammenbruch 1945 die Siegermächte in allen Zeitungen und Broschüren schrieben „Friede auf Erden“, dann haben sie sich geirrt. Überall auf jedem Erdteil noch Krieg in Hülle und Fülle. Wenn die Zeitungen ihre Leser fragen, was sie vom Krieg halten, dann schreiben bis zu 80 %, es gibt bald wieder Krieg. Womöglich wieder ein Weltkrieg, noch viel schlimmer als der letzte. Wenn wir die Wirtschaft absehen, finden wir auf den ersten Blick, dass regulärer Handel und gesunde Verhältnisse nirgends Fuß fassen können. Wer etwas haben muss, ist schon gezwungen, zu kompensieren und das bedeutet, Beteiligung am schwarzen, bzw. grauen Markt. Wie es den Bauenden heute geht, ist kaum zu beschreiben. Meine orthopädischen Schuhe habe ich im Mai 1938 erhalten. Habe Bescheinigungen von Ärzten und Amtsärzten beigebracht. Doch bis jetzt besitze ich noch keine Schuhe, also nach 9 Jahren noch nicht. Die Handwerker sind gezwungen, sich gegenseitig auszuhelfen. Die elektrische Stromlieferung ist sehr unsicher. Stundenlang stehen die Menschen bei der Dreschmaschine und warten auf Strom. Wenn man dagegen das Autorennen auf der Straße sieht, könnte man glauben, wir ständen im Zeichen höchster Konjunktur. Sonntags dürfen schon im ganzen Jahr keine Autos fahren. Die Auswinterungsschäden, die Trockenheit und Dürre wirkten sich für die Landwirtschaft sehr ungünstig aus. Wenn wir in alten Chroniken von Hunger und Dürrejahren lasen, hielten wir es bei dem heute schnellen Weltverkehr nicht für glaubhaft, dass sie sich wiederholen könnten. Und doch ist es der Fall. Die Wiesen sind verbrannt, so dass in manchen Gegenden überhaupt kein Grummet gemacht werden konnte, wie im Lahntal zum Beispiel. Bei uns war der Ertrag sehr gering und da es noch immer nicht geregnet hat, ist das Obst meistens von den Bäumen gefallen.

Die Bevölkerung zieht scharenweise in die Wetterau, um etwas Äpfel für den Winter zu erhalten. Zwei Tage sind sie unterwegs und geben dann das Obst per Bahn auf. Herzzerbrechend ist’s, wie es hier ankommt. Nicht ein Apfel, der nicht beim Transport verletzt worden ist. Nur was mit dem Rucksack mitgenommen wurde oder im Koffer ist unverletzt. Wer nicht etwas zum Umtausch mitbringt, erhält auch nichts. Es ist schon etwas, wenn jemand eine Streichholzschachtel mitbringt. Ein Sack mit ca. 70 – 80 Pfund kostet … Bahnfracht.

Die Wasserleitungen versagen, das Vieh brüllt in den Ställen vor Durst und muss an die Bäche zur Tränke geführt werden. Abends und sonntags wird es zur Hute in Wald und Wiese gebracht. Die Bauern gehen ins Laub, zum ersten Mal seit über 25 Jahren, um es als Streumittel zu verwenden. Die Milchlieferung hat, wie die Molkereien berichten, seit 4 Wochen um 30 % nachgelassen.

Angeregt durch den Landrat und Bürgermeister a. D. Stückrath, findet in Biedenkopf eine Kunstausstellung statt, die über die Leistungen der Industrie, Bevölkerung und Flüchtlinge weit über die Grenzen des Hinterlandes größte Beachtung und starken Besuch aufzuweisen hat. Heute, am 4. Oktober 1947, wird wohl Schluss sein. Auch viele Flüchtlinge beteiligen sich. Wunderschöne Bilder und neue Maschinen sind zu sehen. Bereits am ersten Tage konnten 4.000 Besucher gezählt werden. Aber an Regen ist noch immer nicht zu denken.

Die Kartoffelernte wird wohl allem Anschein nach gar schlecht ausfallen. Die Wildschweine helfen auch noch an ihrem Teil. Sie reißen ganze Äcker und Wiesen auf. Im Kornbach und in der Wallstadt haben sie furchtbar gehaust. Das ausgesäte Korn kann deshalb nicht aufgehen. Die ganze Kartoffelernte ist beschlagnahmt. Nach dem Gesetz wird jeder Transport von Kartoffeln, der nicht durch vorgeschriebene Bescheinigungen ausgewiesen ist, verboten. Die Herbstbestellung für die Ernte 1948 leidet ebenfalls unter der außerordentlichen Trockenheit, sodass Winterölfrüchte und Wintergerste nur zu einem geringen Teil zur Aussaat gelangten.

Begleitet von vier Panzerwagen verließ am Dienstag ein aus 143 Lastwagen bestehender Transport mit 400 Tonnen Zucker die Stadt Verdun. Vorher aber mussten Straßenbarrikaden, die von Kommunisten errichtet worden waren, um den Transport zu verhindern, beseitigt werden. Der Zucker war von der französischen Regierung für die Versorgung der deutschen Bevölkerung in der französischen Besatzungszone in den Vereinigten Staaten gekauft worden. Nun ist er doch in Deutschland eingetroffen. In Verdun ist der Generalstreik verkündet worden. Ein weiterer Transport soll nicht durchgelassen werden.

Der frühere Rundfunkkommentator Fritsche wurde zu neun Jahren Arbeitslager, lebenslänglichem Berufsausübungsverbot verurteilt. Sein Vermögen wird bis auf den zum Leben unbedingt notwendigen Betrag eingezogen.

Die Kartoffelernte ist nun beendet. Der Ertrag ist sehr schlecht. Äcker, die sonst 60–70 Zentner lieferten, bringen mitunter nur 10 Zentner. Dasselbe ist beim Dickwurz, Kohlrüben und den Bohnen der Fall. Kraut hat es fast keins gegeben. Gar oft hört man, dass Bauersleute sagen, wir können nicht jeden Tag Kartoffeln kochen, wie soll der Winter herumgehen? Bei allen Ernten spielte der Diebstahl eine große Rolle. Fremde Autos kamen morgens bei Tagesbeginn mit Menschen an, die auf die Äcker gingen, einige Sack ausmachten und dann wieder verschwanden. Möhren, Dickwurz, Rüben und dergleichen wurden von Einheimischen oder Flüchtlingen nachts gestohlen. Auch heute noch werden Äpfel aus dem Bayerischen massenhaft geholt. In der Schwalm ist die Ernte sehr gut, da es dort öfters geregnet hat.

Die Entscheidung über die Demontageliste über die deutsche Wirtschaft ist gefallen und wurde bekannt gegeben. Die Länder nehmen hierzu Stellung, um Abänderungen zu treffen. Alle Kriegs- und Rüstungsbetriebe waren auf der Liste.

Die Währungsreform

Kriege sind immer Wertevernichter, da Mittel und Kräfte eingesetzt werden zur Vernichtung des Gegners und Zerstörung seiner Wirtschaft.

Die so eingesetzten Werte und Kräfte fallen aber dann zur Versorgung der eigenen Wirtschaft und des eigenen Volkes weg. Bei einem so total geführten Kriege, wie der von 1939 – 1945, der mit einer wirklich totalen Niederlage endete, ist die Vernichtung der Werte von gleichem totalem Ausmaße. Durch den fast totalen Einsatz der Industrie für die Erfordernisse des Kampfes hatte die Versorgung des Volkes und der Wirtschaft für den zivilen Bedarf fast aufgehört. Mit Beginn der Wiederaufrichtung Deutschlands hatte die Industrie und in steigendem Maße auch der einzelne Bürger Gelegenheit, Ersparnisse zu sammeln, die aufgrund der Umstände nur noch zu einem geringen Teil in Sachwerte umgesetzt werden konnten. Naturnotwendig wanderten diese Spargelder in Kassen, Banken und täuschten hier einen Wohlstand vor, dem leider die Grundlage fehlte. Hinter den Zahlen standen keine Werte mehr, da diese nahezu restlos in das Kriegsgeschäft gesteckt und von diesem verschlungen wurden.

Nach dem Zusammenbruch kam die deutsche Wirtschaft nur sehr langsam wieder in Gang. Die Wiederherstellung der Transportwege und der Erzeugerstätte erfolgte nur sehr zögernd. Die Wirtschaftspolitik der Besatzungsmächte in Deutschland ist eingestellt auf Reparations- bzw. Wiedergutmachungsleistungen und jede Besatzungsmacht nach ihrer besonderen Weise. Trotz aller vorherigen Abmachungen konnten die Siegermächte in keiner grundsätzlichen Frage eine Einigung erzielen. Konferenzen, Besprechungen, Tagungen ohne Ende. Doch fast alle verliefen ergebnislos. Die Gegensätze zwischen Ost und West wurden immer offener und vereitelten jede vernünftige Regelung, falls eine solche wirklich beabsichtigt war. So gingen die Jahre dahin, in denen unser Volk entgegen jeder Vernunft immer tiefer in Armut und Elend sank. Der Erzeugung von Artikeln des täglichen Bedarfs konnte die ungeheure Nachfrage nach dem Kriege nicht genügen, da die Betriebe infolge Fehlens der Baumaterialien nur ganz unzureichend aufgebaut werden konnten. Aber auch die für die Fertigung nötigen Stoffe fehlten. Die Rohstoffe, besonders Kohlen und Holz wurden in steigendem Ausmaß als Reparation ins Ausland geschafft. Demgemäß war die Zuteilung an die Betriebe ganz unzureichend und eine Deckung des Bedarfs des nach allem hungernden deutschen Volkes nicht möglich.

Auch die Versorgung des Volkes mit Lebensmitteln wurde immer schwieriger. Der deutschen Landwirtschaft, die nie in der Lage war unser Land voll zu ernähren, fehlten Maschinen, Geräte und besonders Düngemittel, um die Erträge steigern zu können. Zu all diesem kommen noch die Millionen Flüchtlinge aus dem Osten, die auch mit versorgt werden mussten. Unter diesen Umständen konnte es nicht ausbleiben, dass alles versucht wurde, die vorhandenen Spargelder (gestaute Kaufkraft) in irgendwelche Artikel des täglichen Bedarfs in Sachwerte umzusetzen. Die Erfassung und Verteilung der Erzeugung versagte immer mehr und in gleichem Maße bildete sich der schwarze Markt. Mit der Zeit war dort so ziemlich alles zu haben, natürlich zu Schwarzmarktpreisen. In den Läden ist Ware verschwunden. Diese konnte auf dem schwarzen Markt und durch Beziehungen zu den entsprechenden Bedingungen erworben werden.

Die ganzen Verhältnisse schrieen nach einer Reform. Nach einer neuen Ordnung, die aber auf sich warten ließ, weil die Siegermächte nur im Willen zur Vernichtung der deutschen Wirtschaft einig gewesen waren. Darum schien eine weiter Einigung nicht mehr möglich zu sein.

Das verloren gegangene Vertrauen zur alten Reichsmark und das Warten auf eine neue Währung brachte eine Flucht in die Sachwerte in größtem Ausmaße. Kaufen gegen Geld wurde fast unmöglich und ein regelrechter Tauschverkehr führte sich ein. Ware gegen Ware oder Ware gegen Leistung wurde die Regel. Wer zu bieten hatte, konnte erhalten. Wem diese Möglichkeit fehlte, ging leer aus. Dieses Tauschen ging soweit, dass man nur noch ausnahmsweise auch nur die kleinste Arbeitsleistung ohne entsprechende Gegenleistung an Lebensmitteln und Gebrauchsartikeln erhalten konnte. Ein ungeheurer Geldbetrag war im Umlauf. Doch er war fast sinnlos geworden. In Erwartung einer Geld-Neuordnung setzte sich eine Hortung und Stapelung von Waren ein, bei denen, die dazu in der Lage waren.

Jahrelang wurde von der Währungsreform geredet und geschrieben. Es stand fest, dass ohne eine solche ein Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nicht möglich sein würde. Die Uneinigkeit der Besatzungsmächte zögerte eine Reform immer weiter hinaus. Dadurch entstand die Gefahr eines völligen Zusammenbruchs der Wirtschaft mit einer vollen Verelendung des deutschen Volkes. Dadurch würde das Volk zu einem radikalen Kommunismus getrieben, der dann wohl nicht auf Deutschland beschränkt bliebe. Die Umstände zwangen die Siegermächte zum Handeln. Da eine einheitliche Regelung für ganz Deutschland an der Uneinigkeit scheiterte, waren die Westmächte genötigt, für die Westzonen eine besondere Regelung zu schaffen.

Zu Beginn des Jahres 1948 berichteten die Anzeigen, dass neues Geld kommen würde. Natürlich steigerte sich die Kaufkraft auf Grund der alten wertlos gewordenen Reichsmark. Bis dann endlich der Stichtag für den Geldumtausch, der 20. Juni 1948, offiziell genannt wurde. Das Währungsgesetz wurde bekannt gegeben. Zum 21. Juni 1948 wurde die alte Reichsmark ungültig und an ihrer Stelle trat die „Deutsche Mark“. Als auszugebendes Kopfgeld setzte man DM 60,- fest, wovon DM 40,- am 21. 6. 1948 ausgegeben wurden, wobei 60,- Reichsmark abzugeben waren (je Kopf).

Die restlichen 20,- DM sollten etwa einen Monat später ausgegeben werden. Meldebogen kamen zur Ausgabe, in die alle Guthaben bei Kassen und Banken und das noch abzuliefernde Altgeld eingetragen werden mussten. Auf Grund dieser Angaben erfolgte die Aufwertung, bzw. Anerkennung des Altgeldes.

Eine 10%-ige Aufwertung wurde angekündigt. Jedoch waren vorerst nur 5 % auf Freikonten gebucht, verfügbar. Die restlichen 5 % wurden auf Festkonten geschrieben. Ein Sprecher der USA-Militärregierung hat durch den Rundfunk eine weitere Aufwertung von 10 % in Aussicht gestellt. Da das Kopfgeld 10:1 umgetauscht werden musste und bei Ausgabe der ersten Rate von 40 DM 60 RM abgeliefert werden mussten, kürzte man die Bank- und Kassenguthaben um den Restbetrag von 540,- RM. Wer kein Spar- oder Bankkonto besaß, erhielt das Kopfgeld geschenkt. An Geschäfte und Industriebetriebe wurde ein Übergangsgeld von DM 60,- je Kopf der Belegschaft ausgezahlt.

Jetzt kam die große Frage: Wird die Reform glücken? Wird sich die neue Währung durchsetzen? Am 21.6.1948 waren wir in Bezug auf Bargeld gleich arm bzw. reich. Es bewegte alle die Frage: Was wird das neue Geld bringen?

Schon am zweiten Tage der neuen Währung zeigte sich, dass in den vergangenen Wochen und Monaten so ziemlich alle Waren gehortet und gestapelt worden waren. In steigendem Maße erschienen in den Läden Artikel, die man seit langem vermisst hatte und die nun „eben eingetroffen“ waren. Man dachte, dass mit dem geringen Kopfgeld sparsam umgegangen werden würde. Jedoch der Hunger nach allem war so groß, dass fast alles sinnlos gekauft wurde, wodurch das Kopfgeld natürlich bald verbraucht war. Es erschien zuerst sehr unbestimmt, wie es mit der Arbeit und dem Verdienst werden würde. Es gab aber Geschäfte, die sofort einen guten Umsatz hatten. Im ersten Moment waren wirklich mehr Waren zur Verfügung, als angenommen werden konnte. Jedoch stiegen die Preise in allen Artikeln. Die Wirtschaftspolitik der Regierung war eingestellt auf die Annahme, dass eine vernünftige Preisgestaltung durch Angebot und Nachfrage erfolgen würde. Doch eine Beruhigung, bzw. Stabilisierung der Preise trat nicht ein. Die Industriebetriebe arbeiteten mit dem vorhandenen Material und dem Kopfgeld, so gut es ging. Die Hersteller von kleineren Artikeln, etwa im Werte von DM 50,-, hatten sofort starken Absatz. Vorhandene Vorräte konnten sofort abgesetzt werden und die Möglichkeit zur Weiterverarbeitung war gegeben. Schwieriger war es bei den Herstellern von größeren Objekten, wie Maschinen und bei der Schwerindustrie. Auch bei dringendstem Bedarf musste der Interessent an einer Maschine oder Einrichtung den Geldbetrag dafür erst sammeln. Annulliert wurden die vorliegenden Aufträge kaum, aber sistiert, d. h. zurückgestellt. Demgemäß war die betroffene Industrie in schwieriger Lage und hatte Mühe durchzuhalten. Zumal das Kreditwesen noch nicht geregelt war und das Geld nur gegen Wechsel zu erhalten war, und das zu Zinsen und Unkosten bis zu 12 %.

Beim Handwerk lag der Schwerpunkt nach der Währungsumstellung in der Rohstoffbeschaffung. Wer Vorrat hatte, konnte arbeiten und fand auch Käufer, da der riesige Bedarf ja weiter bestand. Weil jeder mit dem baren Geld rechnen musste, wurde nur gegen bar verkauft, da neue Geldreserven nicht mehr vorhanden waren. Der Geldumlauf, der an sich schon sehr knapp gehalten war, wurde dadurch äußerst beschleunigt, was vielfach die Befürchtung einer Inflation verursachte. Es konnte jedoch gearbeitet werden und der Verdienst war bei den hohen Preisen mindestens ausreichend.

In der Bauindustrie trat nach dem 21.6.48 eine Stockung ein. Vorhandene Materialien konnten verarbeitet werden. Gelder für weiteres waren vorerst nicht vorhanden. Mancher Bau musste liegen bleiben, manches Projekt zurück gestellt werden. Man rechnete bei der Regierung mit Arbeitslosigkeit und sah Maßnahmen vor, die freiwerdenden Leute aufzufangen. Hier im Kreisgebiet war es die Regulierung der Lahn, wo auch eine ganze Anzahl Arbeitskräfte untergekommen sind.

Die Wirtschaftspolitik der Regierung ging nun dahin, die Bewirtschaftung zu lockern und nach und nach aufzuheben. Als erstes konnten gekauft werden, Geräte für den Haushalt und die Landwirtschaft. Dann Stroh, Hafer, Eier usw. Natürlich gingen die Preise sofort höher. Der Leidtragende bei dieser Entwicklung konnte nur der Lohn- und Gehaltsempfänger sein. Gegen jede Vernunft und auch gegen jede Voraussicht ging die Preisentwicklung den Weg, der für unsere Wirtschaft der unsinnigste nur sein konnte. Die Beschäftigung ging einigermaßen, Verdienst war vorhanden, doch die Kaufkraft schwand zusehends. Von der Militärbehörde war nur eine Lohnerhöhung von 15 % bewilligt. Doch wie lang ist der Weg bis zur Zahlung und wie hoch stehen dann die Preise? Seitens der Gewerkschaften setzten Protestaktionen ein. Versammlungen wurden abgehalten und gegen die Wirtschaftspolitik protestiert. Auf den Märkten und in den Städten kam es vereinzelt zu stärkeren Aktionen, um die Preise zu drücken. Aber es blieb bei der Entwicklung der Preise nach oben, beim Alten. Man versuchte dann von den Gewerkschaften aus, durch eine allgemeine Aktion die Regierung zu einer Änderung der Wirtschaftspolitik zu veranlassen. Ein 24-stündiger Generalstreik wurde angekündigt und am 12.11.1948 durchgeführt. Nur die lebensnotwendigsten Arbeiten wurden durchgeführt. Der Erfolg dieser Maßnahme blieb aus.

Inzwischen war das restliche Kopfgeld von 20,- DM im September und Oktober zur Ausgabe gekommen. Wer ein Bank- oder Kassenkonto besaß, dem wurde der Betrag auf diesem gutgeschrieben. Alle anderen erhielten den Betrag in bar.

Die Aufwertung, bzw. Anerkennung des Altgeldes erfolgte seinerzeit zu 10 %, wovon 5 % auf Freikonten zur Verfügung standen. Die restlichen 5 % aufs Festkonto verbucht, sollten später freigegeben werden. So manche alten, nicht mehr arbeitsfähigen Leute hofften, noch einen Rest ihres Spargeldes erhalten zu können. Es zeigte sich hier jedoch, dass den Besatzungsbehörden, die die Währungsreform, ohne Befragen deutscher Stellen durchgeführt haben, soziales Denken, soziales Handeln völlig abging. Entgegen der gegebenen Zusage wurde von den 5 % auf Festkonto nur 2 % anerkannt und den Kontoinhabern zur Verfügung gestellt. 3 % waren dem Sparer verloren gegangen. An eine weitergehende Aufwertung, die einmal in Aussicht gestellt wurde, gibt es keine Hoffnung mehr.

Bilder der Schreiner-Familie Runkel

Der Chronist Christian Runkel, Schreinermeister 2. v. links; sein Vater Jost Runkel links außen; sein Sohn Willi 3. v. links; drei Gesellen und ein Lehrling rechts
Der weibliche Teil der Familie Runkel um 1934

Ein Nachtrag zu Christian Runkels Kriegstagebuch

Persönliche Anmerkungen von Norbert Nossek, der uns dieses Tagebuch und die Fotos zur Verfügung gestellt hat:

„Wer dieses Kriegstagebuch gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, wie schnell ein politisches Umdenken einzelner Personen vonstatten gehen konnte. Ob diese Läuterung eine wirkliche innere Überzeugung war, möchte ich hier nicht beurteilen. Auch das Abstreiten des Wissens bezüglich der Konzentrationslager halte ich für eine persönliche Schutzbehauptung. Bestes Beispiel: Wenn man der Bevölkerung die Gräueltaten in einem Film vor Augen hielt, kam die Antwort ‚Propaganda‘ – typisch für Verdrängung. Alle wussten es, auch auf dem Land.

Nach dem Eindringen alliierter Truppen im deutschen Reich hatte Hessen das durchaus günstigere Los damit gezogen, dass wir in die amerikanische Zone eingegliedert wurden. Nachdem wir von unseren Kriegsgegnern als die bösen Deutschen beschimpft wurden und auch unter manchen Repressalien zu leiden hatten, wendete sich das Blatt sehr bald. Die Menschlichkeit siegte und das galt für beide Seiten. Aus den Besatzern wurden sehr bald die Befreier. Abgesehen von Schokolade- und Zigarettengeschenke entwickelte sich im Laufe der Jahre ein durchaus freundliches Zusammenleben, zum Teil auch auf zwischenmenschlicher Basis, deren Früchte zuweilen auch farblich zu erkennen waren.“

Anmerkungen von Norbert Nossek

  1. Ein gestelltes Propagandabild, denn es handelt sich um die Tochter des Ortsgruppenführers.
  2. Willi Lauber war Student im Lehramt, er half Christian Runkel bei der Erstellung seiner Chronik.