Johannes Jost Debus (1843–1940)

Aus Genealogen im Hinterland
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Als Postillion unterwegs – Der Katzenbächer Johannes Debus in Erndtebrück

Autor: Wilhelm Völkel († 2011)

Siehe auch: Stammbaum zu Johannes Jost Debus

Der 90-jährige Postillion Johannes Jost Debus gehörte zur siebten Generation am Pahleshof. Er war am 29. September 1843 als Sohn von Johannes Debus II geboren und starb am 24. Februar 1940 96-jährig in Erndtebrück.

Als ich, Wilhelm Völkel, geboren 1929, elf Jahre alt war, ließen meine Eltern mich meinen ersten Toten sehen. Es war mein Urgroßvater, der da im schwarzen Anzug mit wallendem weißen Vollbart wie schlafend im Sarg lag. Es gab noch keine Totenkapelle und die Toten wurden zuhause aufgebahrt. Nach der Trauerfeier im Haus wurde der Sarg in den Totenwagen, der mit Pferden bespannt war, getragen und so durch den Ort zum Friedhof gefahren. Meinem Urgroßvater folgte ein außergewöhnlich langer Leichenzug. Er war mit seinen 96 Jahren der letzte Postillion in Wittgenstein und Dorfältester in Erndtebrück.

Zeitungs-Artikel vom 2. Oktober 1934

Wie kam es dazu, dass er Postillion wurde?

Als er seine Schule in Eckelshausen abgeschlossen hatte, lag nichts näher für einen Katzenbacher Jungen, als Fuhrmann zu werden. So fuhr er zunächst als Beifahrer, dann aber als Gespannführer für die Wilhelmshütte Eisensteine aus dem Dillenburgischen. Am 3. Januar 1869 ging ein drei Jahre jüngerer Nachbarjunge aus Sahners-Haus, Jacob Pitz, zur am 10. November 1868 eingerichteten Post-Station nach Laasphe, um Postillion zu werden. Ein Jahr später folgt ihm der Johann Jost Debus, der inzwischen 27 Jahre alt war, ebenfalls nach Laasphe und fuhr dort die Strecke Erndtebrück–Hilchenbach. In Erndtebrück wohnte der Johann Jost Einloft (1819–1888), dessen Großvater mütterlicherseits ebenfalls aus dem Pahles-Hof stammte.

Johann Jost Einloft war mit seiner ledigen Schwester von Eckelshausen nach Erndtebrück gekommen und hatte dort mit ihr ein kleines Forsthaus mit Scheunenteil am Köpfchen erworben. Von seinem Beruf weiß ich über eine Angabe als Pate in Eckelshäuser Kirchenbüchern, wo er als Kutscher genannt wird. Das kann er nur bei der 1885 gegründeten Schuhleisten- und Fassdauben-Fabrik Berger gewesen sein, die mehrere Gespanne hatte.

Forsthaus

Vor 1854 heiratete er Margret Reuter (1819–1880) aus Amtshausen. Beide hatten mit der Karoline Einloft (1854–1880) nur eine Tochter, die der Postillion im Jahre 1863 heiratete und mit ihr ins heute noch bestehende Einlofts-Haus am Köpfchen einzieht.

Mit der neuen Familie war dann aber kein Platz mehr für die Mitinhaberin und Schwester vom alten Einloft. Um diese auszubezahlen, verkaufte dieser den Scheunenteil am Haus an einen Hofmann und außerdem die Hälfte des großen Geländes am Haus. Jetzt wurde ein Doppelhaus daraus; es blieb aber neben der Auszahlung der Schwester Geld für einen getrennten Scheunenaufbau, so wie er heute noch steht, und für einen Anbau am Haus.

Dem Johann hat das gar nicht gefallen – es wurde zunächst eine ewige Feindschaft zum Hofmann daraus, und auch zum Schwiegervater war das Verhältnis getrübt. Für sein Geld, das ihm aus seinem Katzenbacher Erbteil bar ausgezahlt worden war, hatte er das steile Gelände im Wellerstal erworben. Böse Familienzungen behaupteten, dass von der Geländearbeit dort die Enkelinnen ihre O-Beine haben sollen.

1904 brannte das Doppelhaus nach einem Blitzschlag ab. Zwei große doppelstöckige Häuser mit Stall im Erdgeschoß untergebaut entstanden, wie sie heute noch dort sind. Das ging natürlich nicht ohne Schulden ab. Als 1908 Sohn Heinrich starb, soll er auf dem Sterbebett gesagt haben: „Ich kann rechnen, wie ich will, ihr bleibt nicht im Haus!“.

Damals (1908) lebten im Haus der 65-jährige Postillion, seine zweite Ehefrau Luise Krämer und die Schwiegertochter Luise geb. Wörster (aus Schäfers; 1876–1948) 34-jährig mit fünf Kindern, wovon das älteste zwölf Jahre alt war. Die Kinder hatten jeweils, als sie aus der Schule waren, jeden Ersten ihren Verdienst voll zur Kasse tragen müssen – man blieb im Haus.

Die Kinder von Heinrich Debus und Luise waren kurz hintereinander geboren:

  1. 1896 Karoline, verheiratete Völkel (Heisjes), gest. 1995
  2. 1898 Wilhelmine verh. Völkel (Schmette), gest. 1988 in Laubach
  3. 1900 Heinrich Debus im Elofts-Haus, gest. 1960
  4. 1903 Luise, verheiratete Völkel (Schäferhermes), gest. 1997
  5. 1904 Anna, verheiratete Birkelbach (Molles), gest. 1973

Chronik für das Einloft-Haus

Jahr Alter Ereignis
1870 27 Postillion (anfangs in Laasphe)
1873 30 Heirat der 19-jährigen Karoline Einloft
1874 31 Sohn Karl geboren
1877 34 Sohn Heinrich geboren
1879 36 Sohn August geboren, bei Geburt gestorben
1880 37 Ehefrau und Schwiegermutter gestorben


Der Postillion Johannes Debus
Einlofts-Haus
Der Postillion: „Im Krieg 1870/71 wurde mein Posthorn besonders aufmerksam gehört: In Hilchenbach oder Laasphe erfuhr ich Neuigkeiten vom Krieg, und wenn ich dann mit Signal in die Dörfer einfuhr, liefen die Leute zusammen, um zu erfahren, was ich gehört hatte.“
Posthorn-Signale

1922 war im Einlofts-Haus „Winkhof“: Meine Eltern hatten Polterabend. Es spielte die „Eder-Kapelle“. Da hatte sich Johann, damals 79-jährig, eine Trompete ausgebeten und dann alle alten Posthornsignale übers Dorf schallen lassen – ein letztes Mal.

Ich habe mal das Einkommen zweier Urgroßväter verglichen. Der Schmied mit vier Gesellen hatte im Monat das Dicke raus, wofür der Postillion das ganze Jahr über schuften musste. Der Schmied hatte übrigens mit zwei weiteren Erndtebrückern Wahlrecht erster Klasse. Übrigens bekam der Uropa an hohen Geburtstagen stets ein Telegramm vom Reichs-Postminister und ein Geldgeschenk dazu. Das Geld hat er stets gerecht unter seinen Urenkeln aufgeteilt.

Öfters hat Johann die Sache mit dem Jud erzählt. Er muss sich wohl bei einem Kuhhandel übertölpelt gefühlt haben, wobei er frei von generellen Abneigungen Juden gegenüber war. Er war mit der Postkutsche auf der Fahrt von Laasphe nach Erndtebrück. In Feudingen hatte er einen gewissen Aufenthalt, ehe es den Anstieg zum Dill hochging. Da bat ihn der Fahrgast zu warten, bis er aus einem Geschäft zurück sei. Als Johannes’ Taschenuhr auf Abfahrtszeit rückte, stieß er ins Horn und ließ die Pferde traben. Der Jud rannte rufend hinterher. Immer wenn er auf Rufweite kam, fielen die Pferde bergauf in Trab. Schweigend und hechelnd soll er in Erndtebrück im Wagen zur Weiterfahrt nach Hilchenbach Platz genommen haben.

„Hessengretcher“ in Tracht vor Pahles
Der Katzenbacher Heimathof aus den Augen der Erndtebrücker

Ich erinnere mich an die „Hessenbesuche“ in Erndtebrück: Wenn Uropa hohen Geburtstag hatte, kam eine zahlreiche Hessen-Delegation mit dem Zug. Die Männer waren ja wie die Wittgensteiner gekleidet; das Außergewöhnliche waren die „Hessengretcher“ in ihren Trachten mit den weißen Strickstrümpfen – den sieben Röcken und dem Dutt auf dem Kopf. Als Kind habe ich sie am Bahnhof immer gern abgeholt, denn beim Gang durchs Dorf wurden wir von allen Seiten bestaunt. Johann hatte stets eine enge Bindung zu Katzenbach gehalten. Als 1888 die Bahn nach Marburg fuhr, ging’s von Biedenkopf zu Fuß zweimal über den Berg an der Wolfkoute vorbei zum Pahles-Heimathof. Von dort bekam er jährlich auch mit der Bahn Körbe mit Äpfeln, Birnen und Pflaumen, da in Erndtebrück dafür das Klima zu rau war. Als seine erste Frau schon krank war, ist er mit ihr nochmals in Katzenbach gewesen. Weitgehend hat er sie auf dem zweistündigen einsamen Weg auf dem Rücken getragen.

Es fällt mir noch etwas ein: Wenn alle auf dem Feld arbeiteten und ein Gewitter aufzog, wurden wir Kinder heim zum Opa geschickt. Der saß im Wohnzimmer neben dem gusseisernen Ofen und zog an seiner langen Tabakpfeife (neben dem Stuhl stand ein Spucknapf). Wenn wir dann mit ihm in der Stube waren, legte er Katzenbächer Äpfel für uns in ein Ofenfach zum Braten. Wenn sie gar waren, löffelten wir sie mit Zimt aus.

Opa war zwar Raucher bis ins hohe Alter, aber Alkohol genoss er nur dosiert. So stand in seinem Nachtschränkchen stets eine Schnapsflasche und abends als letztes und morgens zuerst trank er ein „Pinnchen“.

Abergläubisch war er auch: Ein „Wissender“ hatte ihm erzählt, wenn man bei bestimmter Mondstellung nachts eine Gerte schnitte von bestimmtem Holz in bestimmter Stärke und … und … und …, und damit zu bestimmter Stunde durch die Luft schlüge und ganz fest an jemand dächte, dass der dann am nächsten Morgen mit Striemen am Rücken aufwachen würde.

Von meiner Mutter habe ich gehört, dass sie eines Nachts als Kind aufgewacht sei, weil die Stalltür geknarrt hatte. Sie ging ans Fenster, schob die Gardine etwas zur Seite und sah im Hof bei Vollmondschein den Großvater mit einer Kuh. Er strich mit der Hand der Kuh über ein Hinterbein. – Plötzlich guckte er hoch, sah meine Mutter im zweiten Stock, drohte ihr und verschwand mit dem Tier im Stall. – Es kommt doch vor, dass Kühe sogenannte Warzen an den Beinen haben; meine Mutter schwor, dass der Opa so nachts die Dinger zum Verschwinden brachte. Der Opa hat nach dem nächtlichen Erlebnis tagelang mit meiner Mutter kein Wort gesprochen, denn das durfte niemand sehen, und so war sein Bemühen vergeblich gewesen.

Als seine Enkelin Anna im Jahre 1926 heiratete, konnte er schon nicht mehr gut sehen. Während alle Gäste zur Feier in der Kirche waren, saß er im tischgedeckten Wohnzimmer des Bräutigams. Ich erinnere mich daran, dass er dem Nachbarn Hofmann nie verziehen hat, dass der die Hälfte der guten Felder am Haus und den Scheunenteil bekommen hatte. Sie sprachen kein Wort zusammen, trotzdem war der alte Hofmann Patenonkel der heutigen Braut. Endlich entdeckte Johann, dass hinten wohl noch jemand saß und fragte: „Wem bäst Du dann?“ Er sagte, es hätte ihn beinah erschlagen, als jener sagte: „Ech sei der Hofmann!“ Johann habe ich nie mit Brille gesehen. 1926 bis 1940 waren immerhin noch 14 Jahre, die er aber dann doch im Sehen sehr benachteiligt erleben musste.

Johann hatte keinen Jagdschein, aus heutiger Sicht würde man ihn als „leichten“ Wilddieb bezeichnen. Das Einlofts-Haus war das letzte in der Straße, dahinter nur noch Feld. Am Haus war der Garten, eingezäunt mit relativ hohen Staken. Winters wurden die beidseitig angeweht von Schnee, sodass die von Hasen leicht zu überwinden waren. Im Garten stand und duftete der gefrorene Rosenkohl. Dann hat der Johann auf der Gartenseite allen Schnee weggeschippt; so konnten die Hasen reinspringen – aber nicht wieder raus. Meine Mutter sagte, dass es winters immer öfter Hasenbraten gab.

Johanns Erziehungsmethoden müssen recht „grobschlächtig“ gewesen sein. Er verlor nicht nur Sohn Karl dadurch, auch mein Großvater, Heinrich, hat solches überliefert. Er hatte als Kind zuhause etwas angestellt, was der Vater nicht wissen sollte. Die Stiefmutter erzählte ihm das aber und Heinrich wurde zum Vater in den Pferdestall der Post bestellt. Freudig ging er los, weil dort ja die Pferde waren. Als er ankam, schlug Johann sofort zu. Mein Großvater Heinrich, den ich selbst nicht erlebt habe, hat das nie vergessen …

An seinen hohen Geburtstagen war die Stube von Johannes Debus meist voller Leute, die er prächtig unterhielt. Einmal kam ein neuer Pastor und setzte sich neben den Opa. Im selben Moment antwortete der Opa nur noch auf Fragen. War der Pastor weg, erklärte er sein Schweigen: „Dea ale Stock, der soll mech doch engerhale“!

Sohn Heinrich Debus
Johannes’ Enkelgeneration: die erwachsenen Kinder vom Sohn Heinrich bei der Silberhochzeit 1951 von Heinrich und Berta Debus von links: Wilhelmine (Minchen), Heinrich, Karoline, Braut Berta, Anna, Luise