Jerjes in Gönnern: Georg Debus (1855–1948)

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Arno Debus, Gönnern – Reichshof

Einordnung in die Linie der Familie

Mornshausen: Schäfers → Hommertshausen: Pitzers
(0) Hans Henrich Debus (1770–1834)

Hommertshausen: Pitzers → Gönnern: Handeis
(1) Johann Theiß Debus (1802–1876)
(2) Georg Debus (1855–1948)

Des Enkels – Arno Debus (1948-2017) – Erinnerungen

Georg Debus

Ich habe meinen Großvater nicht mehr kennen gelernt. Er starb Anfang April 1948, beinahe 93-jährig, seiner Kothrei (Katharina) nachfolgend, die schon Anfang des Jahres ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof in Gönnern gefunden hatte. Zwischen ihren beiden Todestagen wurde ich Ende Januar geboren, und am Tag bevor er zu Grabe getragen wurde getauft. Ein selbstverständliches Kommen und Gehen in damaliger Zeit, wie es mir meine Mutter erzählte. Nach dem Tod der Großmutter sei er – bis zu seinem Tode geistig rege – körperlich zusehends verfallen. Beim Betrachten seines jüngsten Enkels habe er angemerkt, dass es nun höchste Zeit für ihn sei, „Platz zu machen“.

Was also prägt mein Bild von ihm, diesem Großvater den ich nicht wissentlich erlebt habe? Es sind vor allen Dingen zwei Fotos die sich da vor meinem geistigen Auge auftun und eine Kommode.

Da ist zum einen das Foto der Großeltern – vermutlich aus den dreißiger Jahren –, im schwarzen Rahmen mit Goldverzierungen, aufgenommen in Jerjes-Garten, möglicherweise zu seinem 80. Geburtstag. Großvater in einem Sessel aus Weidengeflecht sitzend – ein Möbelstück dessen ich mich aus meiner Kindheit noch gut erinnere –, Großmutter stehend zu seiner Linken. Großvater, ein stattlicher Mann mit vollem weißem Haar und eben solchem Bart, aber wohl nicht wirklich groß von Statur. Solange ich mich erinnern kann, war die „gute Stube“ der Platz dieses Bildes auch, wenn diese Stube ihren Ort innerhalb des Hauses mehrmals wechselte. Zum Schluss aber hing es in der Küche meiner Mutter und dort befindet es sich noch heute, beinahe acht Jahre nach ihrem Tod. Mein Bruder hat dort nichts verändert. Käme sie morgen zurück, sie fände alles wie sie es verlassen hat.

Das zweite Foto im Format 6x9 stammt aus dem Schuhkarton in der Vitrine, in dem eine Vielzahl ungeordneter Bilder verwahrt wurde. Es ähnelt jenem, das in die Jubiläums-Chronik von Gönnern Eingang gefunden hat mit einem stattlichen Vierergespann Kaltblüter vor einem Schneepflug, darauf stehend mein Großvater in seiner Funktion als Wegewärter in uniformähnlichem Umhang und mit einer sehr bedeutsam anmutenden Uniformkappe auf dem Kopf.
Und dann gab es da noch jene kleine Kommode auf der Treppe zum Dachboden mit einem alten Tintenfass, halb gefüllt mit schwarzer Tinte, Tintenfedern, Bleistiften, und zahlreichen Schriftstücken und Kladden in akkurater deutscher Schrift, die ich als Kind zwar nicht lesen konnte, die mich aber enorm faszinierten. Irgendwie strahlten die etwas Amtliches, Wichtiges aus. Leider ist der Großteil davon abhanden gekommen.

Familie

Georg Debus wurde am 10.06.1855 geboren. Er war das fünfte Kind des Joh. Theiß Debus und seiner Ehefrau Anna Marg. Theiß aus dem Handeis-Haus, der Keimzelle der Debus-Linien in Gönnern. Seine Mutter war bei seiner Geburt schon 47 Jahre alt, ein Faktum, das mir als Arzt nahezu medizinisch sensationell erscheint, vor dem Hintergrund der Lebensumstände in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sein Bruder Heinrich war 22 Jahre älter. Dies war für sein späteres Leben durchaus von gewisser Bedeutung. Über seine Jugend ist mir nichts bekannt. Er hat sicher die „aal Schöul“ beim Lehrer Bangel besucht. Eine Berufsausbildung nach unseren Vorstellungen scheint er nicht absolviert zu haben.

Erste Ehe

Als er 1884 mit 29 Jahren die fünf Jahre ältere Elisabeth Gimbel aus Wolzhausen heiratet, wird er im Ehevertrag als „Ackermann“ bezeichnet.

Dieser Ehe entstammen drei Töchter, Elisabeth, geboren 1884, die mir als „Tante Lieschen“ (Elisabeth Schneider aus Kretz-Haus) noch in guter Erinnerung ist, sowie Rosa, geboren 1886? (später verheiratete Krämer, „die Krefelder“) und Lina, geboren 1888, (später verheiratete Feldpausch, „die Hann.-Mündener“).

Die Verwandtschaft vor dem Haus, 1916

Darüber, wie sich diese Verwandtschaftsbeziehungen tatsächlich darstellten, war ich mir früher nicht im Klaren. Ich kann mich aber an Besuche der Hann.-Mündener und/oder Krefelder bei Tante Lieschen erinnern, wenn es beispielsweise einen ihrer „runden“ oder „hohen“ Geburtstage zu feiern galt. Sie ist 1981 im biblischen Alter von fast 97 Jahren gestorben. Ihre Mutter hat sie um weit mehr als das Doppelte überlebt. Elisabeth Gimbel starb schon 1890 mit 40 Jahren und hinterließ einen 35-jährigen Witwer mit drei kleinen Kindern. Wie Georg Debus diese Zeit gemeistert hat, entzieht sich ebenfalls meiner Kenntnis.

Zweite Ehe

Auseinandersetzungsvertrag bei zweiter Heirat, 1894

Vier Jahre nach dem Tod der Elisabeth heiratete er 1894 Katharina Haffer aus Frechenhausen. Bei dieser zweiten Eheschließung wurde ein Auseinandersetzungsvertrag geschlossen, in dem die Erbschaft der drei Töchter aus erster Ehe geregelt wurde.

Georg Debus (1855–1948) ⚭ 1894 Katharina Haffer (1865–1948) aus Frechenhausen

Aus dieser zweiten Ehe sind vier weitere Kinder hervorgegangen:

  • Heinrich (1895–1970), ⚭ Paula Maria Jäger, Sängerschjerjes in Gönnern, zeitweise Bahnhof Niedereisenhausen
  • Pauline (1898–1976), ⚭ Heinrich Märte, Growekans in Gönnern
  • Arthur (* 1901), in Gönnern
  • Gustav (1904–1968) ⚭ Erna Märte aus Blocks in Gönnern, übernahm das Haus Jerjes, mein (Arno Debus) Vater

Beruf

Der spätere Lebensweg und berufliche Werdegang meines Großvaters ist nun untrennbar mit der Schelde-Lahn-Straße verbunden. Sein so viel älterer Bruder Heinrich stand als Wegewärter in staatlichem Sold und wurde im Zuge des Baus der Chaussee zum Straßenaufseher befördert. Wie auch immer konnte er wohl seine Vorgesetzten davon überzeugen seine Nachfolge innerhalb der Familie zu regeln und die vakant gewordene Stelle des Wegewärters mit seinem Bruder Georg zu besetzen. Wann genau dies stattgefunden hat, ist mir nicht bekannt. Nimmt man den Bau der Schelde-Lahn-Straße zum Anlass müsste das schon Ende der siebziger Jahre gewesen sein. Dagegen spricht die im Ehevertrag mit Elisabeth Gimbel im Jahre 1884 angegebene Berufsbezeichnung „Ackermann“. Vermutlich dürfte er irgendwann in den achtziger Jahren diesen Posten angetreten haben.

Der von ihm als Wegewärter zu verantwortende Streckenabschnitt der Schelde-Lahn-Straße war derjenige von Gönnern bis Niederscheld, „auf Schusters Rappen“. Da musste die Strecke kontrolliert werden, Schlaglöcher ausgebessert, verstopfte Gräben geöffnet, sommers das Gras am Rand gemäht und winters der Schnee geräumt werden. Für letzteres gab es einen gewaltigen, von Pferden gezogenen Schneepflug, der in Gönnern stationiert war und im Winter bei Bedarf in aller Frühe mit den Pferden aus Rots (Sägewerk) und Ruwersch als Viererzug bespannt, bemannt mit den beiden Fuhrleuten, meinem Großvater und weiteren Helfern seinen Weg Richtung Hirzenhain und dann die Schelde hinab antrat. Großvaters Stolz auf seinen Posten kann das Foto nicht verbergen. Da steht er hoch droben auf dem Schlitten – alles hört auf sein Kommando –, in meinen Augen zu aufgesetzt, zu dünkelhaft. Vielleicht aber doch nur der wilhelminischen Zeit entsprechend sich ein wenig zu wichtig nehmend. In seinen Schriftwechseln firmiert er jedenfalls von da an als Georg Debus, Wegewärter, später Straßenwärter bzw. Straßenwärter a. D. Ein „Staatsdiener“ und sei er noch so unbedeutend, aber ernsthaft und pflichtbewusst. So jedenfalls dürfte er es empfunden haben.

Gemeindepolitik

Was war er politisch für ein Mensch? Konkretes ist mir dazu nicht bekannt. Ich gehe aber wohl nicht fehl in der Annahme, dass er von einer eher konservativen Grundeinstellung geprägt war. Mehrfach wurde er in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als Gemeindevertreter gewählt. Vor dem Krieg zu Zeiten des preußischen Dreiklassenwahlrechts der Gruppe III, der Gruppe mit dem niedrigsten Steueraufkommen angehörend. Auch 1919 nach Einführung des allgemeinen Wahlrechts wurde er wiedergewählt. Sein Mandat muss er zur Zufriedenheit seiner Wähler ausgeübt haben, die ihm das mit mehrfacher Wiederwahl, oft mit höchster Stimmenzahl honorierten. An entsprechender Konsequenz hat er es dabei nicht mangeln lassen. Da kannte er dann auch keine Verwandten. Aktenkundig ist sein Zwist um „getürkte“ Mahlkarten[1] mit Bürgermeister Christian Haffer I (Christians), dem Schwiegervater seines Neffen Jakob in Handeis, während des ersten Weltkrieges, der zum Rechtsstreit ausartete, schließlich aber vom Gericht salomonisch auf dem Sterbebett des Bürgermeisters entschieden wurde.

Das Haus und Dokumente

Das Jerjes-Haus hatte er 1883/84 an der Schelde-Lahn-Straße erbaut und mit seiner ersten Ehefrau Elisabeth 1884 bezogen. Ich entsinne mich noch der alten zweiflügeligen Haustüre mit gusseisernen Ornamenten vor den Scheiben und der Jahreszahl 1884.

Von den Dokumenten aus der kleinen Kommode auf der Speichertreppe ist nicht mehr viel übrig. Ich fand aber noch einen „Mieth-Vertrag“ meines Großvaters mit Herrn Dr. Barth vom Mai 1902 über „zur Schelde-Lahn-Straße hin gelegene Räumlichkeiten im zweiten Stock nebst Küche und Keller bis zum 30. Juni 1903“. Die zeitliche Befristung rührt sicherlich daher, dass Dr. Barth davon ausging, im Sommer 1903 in sein eigenes auf dem Nachbargrundstück im Bau befindliche Gorde-Haus einziehen zu können.

Viele der erhaltenen Schriftstücke aus der kleinen Kommode auf der Speichertreppe betreffen seine Korrespondenz mit dem Landeshauptmann in Nassau. Da geht es um die Neufestsetzung des Ruhelohns für Wegewärter vom 1. April 1925 auf 69,20 Mark unter Anrechnung einer Invalidenrente von 10 Mark. Eine Neufestsetzung und Nachzahlung durch den Oberpräsidenten des Bezirks Nassau von 1941 über 113,40 RM sowie eine vorübergehende Auszahlungssperre und deren Aufhebung durch die Besatzungsmacht 1946.

Seinen Sohn Gustav – meinen Vater – schickte er zur Lehre nach Niedereisenhausen (Spenglersch: Christian Klein), wie der im Bild wiedergegebene Lehrvertrag belegt. Er wurde dort zum Klempner (auch Spengler genannt) ausgebildet. Danach schloss er eine Lehre zum Elektroinstallateur an, ging für ein oder zwei Jahre in eine Meisterwerkstatt in die Ferne nach Solingen und legte 1935 die Meisterprüfung ab. Im Haus richtete er eine Werkstatt ein und seine Eltern konnten teilnehmen an der erfolgreichen Entwicklung des neuen Handwerks.

Anekdote

Eine Anekdote zu seiner politischen Grundhaltung in der Nazizeit ist mir aus der Erzählung meiner Mutter in guter Erinnerung. Als er nach Kriegsende im Rahmen der Entnazifizierung befragt wurde, ob er Mitglied der NSDAP gewesen sei, habe er geantwortet: „Aich wor weder ii em Gesingverein noch ii em Gesangverein“. Darauf ist sein jüngster Enkel heute noch stolz.

  1. Karten zur Berechtigung von Einkauf von Mehl aufgrund der Abgabe von Korn zum Mahlen