Hans Henrich Debus (1834–1884) aus Mornshausen geht ins Ruhrgebiet

Aus Genealogen im Hinterland
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Vom Hinterland ins gelobte Land

Autoren: Friedrich Debus, Bochum, und Günter Debus, Aachen

Einordnung in die Linie der Familie

Mornshausen: Scheffersch
(0) Johannes Debus (1810–1884) ⚭ Margaretha Müller (1810–1860), siehe

Debus und das Scheffersch-Haus in Mornshausen: ab Johann Theiß Debus (1744–1775)

Mornshausen – Dortmund-Sölde
(1) Hans Henrich Debus (1834–1884), Urgroßvater des Autors, Person dieser Biographie

Nachfolgend:

Dortmund-Sölde – Wattenscheid
(2) Carl Friedrich Debus (1860–1934), siehe

Als Steiger an Ruhr und Saar: Carl Friedrich Debus (1860–1934) – Vater von zwölf Kindern

Gladbeck – Wattenscheid
(3) Wilhelm Walter Debus (1889–1945)

Gelsenkirchen – Bochum
(4) (Fritz) Friedrich Wilhelm Debus (* 1927), der Autor

Aufbruch 1856

OHE-Lok 1868

Anno 1856 machten sich in Mornshausen Johann Henrich Debus und sein Bruder Adam auf den Weg ins „gelobte Land“, ins Ruhrgebiet. Ich stelle mir das so vor: Vater Hans Henrich brachte seine beiden ältesten Söhne mit dem Pferdefuhrwerk nach Marburg zum Bahnhof, die neue Eisenbahnlinie war gerade ein Jahr eröffnet. Staunend betrachteten sie das stählerne Ungetüm, das dampfende Stahlross mit seinen Waggons, welches sie in die Ungewissheit bringen sollte.

Bahnkarte aus dem Jahr 1861

Schon 1850 war die Strecke Gießen–Hümme eröffnet, aber der Anschluss von Hümme ins Ruhrgebiet noch nicht fertig. Nur drei Jahre später, in 1853, war die Strecke von Hümme über Warburg, Altenbeken, Paderborn und Hamm nach Dortmund eröffnet. So konnte man von Marburg bis Dortmund mit der Bahn fahren, dagegen war eine Fahrt über die Sauerlandlinie noch nicht gegeben.

Herkunft

Deutsche Bahnstrecken im Jahr 1850

Hans Henrich und Adam Debus stammten aus dem Scheffersch-Haus in Mornshausen. In der Geburtsurkunde von Hans Henrich heißt es:

„Im Jahre Christi achtzehnhundert vier und dreißig, Samstags am achten November abends um sechs Uhr wurde nachgesehener glaubhafter Anzeige dem Hans Henrich Debus Ortsbürger und Ackermann in dem zur hiesigen Pfarrei gehörigen Filiale Mornshausen, im Schäferhaus von seiner Verlobten, Margarethe, eine geborene Müller von der hiesigen Pfarrei gehörigen Amelose, das erste Kind, ein Sohn, der erste Sohn geboren, welcher am folgenden Tag getauft wurde, wobei er den Namen Johann Henrich erhielt.“

– so sind Geburt und Taufe dokumentiert.

Erst drei Jahre später findet die Heirat der Eltern statt und wir lesen im Kirchenbuch von Dautphe:

„Hans Henrich Debus geb. 5.5.1810 Ackermann und Strumpfhändler und seine Verlobte Margaretha Müller geb. 17.3.1810 Tochter des Großherzoglichen Schullehrers Johann Henrich Müller aus der Amelose in Seizeshaus.“

Weiter wird wörtlich vermerkt:

„nach Wahrung der ökonomischen Erfordernisse und wegen Erzeugung einiger Kinder, ohne vorherige Proklamation es sind dies,

  • Johann Henrich Debus, * 08.11.1834
  • Sohn Adam, * 16.02.1836 und
  • Tochter Elisabeth, * 21.01.1837“

Es sollten noch etliche Kinder nach der vollzogenen Eheschließung am 16. April 1837 folgen, die Hochzeitsfeierlichkeiten fanden auch in Schäfers-Haus statt (siehe Biographie zu Scheffersch-Haus in Mornshausen).

1856 wohnten im Scheffersch-Haus die Eltern Johannes Debus und Katharina geb. Müller mit ihren acht Kindern, zwei waren bei/unmittelbar nach der Geburt verstorben und die Geburt eines weiteren Kindes stand noch bevor (1857). Hans Henrich war mit 22 Jahren der älteste, Adam war 20 und das jüngste Kind war gerade zwei Jahre alt. Beide Eltern waren 46. Die Großeltern der Mutter lebten in Wolfgruben, die des Vaters waren früh verstorben. Die wirtschaftliche Not im kargen Hinterland mit wenigen industriellen Entwicklungen drängte die Menschen zur Auswanderung in industrielle Zentren wie das Siegerland und das Ruhrgebiet oder sogar über See nach Amerika. Dort gab es Arbeit und Lohn, dort konnte man etwas werden aufgrund eigener Leistung. Die Heimkehrer und Rückkehrer von dort hatten Geld in der Tasche – dort war das gelobte Land!

Der Beginn in Dortmund

Wie ich, Friedrich Debus, mir heute die Ankunft der beiden Brüder im Ruhrgebiet vorstelle: Schon von weitem sahen die beiden Hinterländer Burschen den grauen Himmel über dem Ruhrgebiet, der gewohnte Blick auf einen endlosen blauen Himmel wie in der Heimat war für alle Zeit verloren. Überall reckten sich die hohen Schlote in die Höhe und stießen ununterbrochen ihren stinkenden Qualm in den schon grauen Himmel.

Nach den Recherchen der Familie und insbesondere des Patenonkels muss man sich den Beginn des Lebens von Johann Henrich und Adam im Ruhrgebiet so vorstellen:

In Dortmund-Sölde angekommen suchten sie eine Bleibe, um den Übergang bis zur Arbeit auf der Zeche „Vereinigte Margarethe“ zu überbrücken, zunächst arbeiteten sie als willkommene Landarbeiter auf dem Rittergut Sölde. Hier war auch gleichzeitig fürs erste die Unterkunfts-und Verpflegungsfrage gelöst.

Gut Sölde in Dortmund

Das Bergwerk Margarethe in Sölde war 1856 vom Aplerbecker Aktien-Verein für Bergbau in Dortmund-Sölde als Doppelschachtanlage angelegt worden. Sie lag an der Bahnlinie Dortmund-Unna unweit des Bahnhofs Sölde. 1859 wurde die Förderung aufgenommen und betrug 1870 bereits 100.000 Tonnen.

Nach meinen (Friedrich Debus) Vorstellungen muss es etwa so gewesen sein: In diesem gerade neu angelegten Bergwerk fuhren die beiden Hinterländer ihre erste Schicht. Welch ein Unterschied zum bisherigen Leben! Bisher waren die beiden gewohnt, in der hellen freien Natur zu arbeiten, jetzt sahen sie sich plötzlich mit dem Gegenteil konfrontiert. In rasanter Fahrt brachte sie der Förderkorb unter Tage. Auf dem Weg zum Streb kamen ihnen Förderwagen entgegen, gezogen jeweils von einem Pferd. Betroffen hielten sie inne, sie wollten es nicht glauben, aber es war die Realität. Die Dunkelheit hatte sie wieder eingefangen, nur der Arbeitsplatz war spärlich von der Grubenlampe erleuchtet. Bei der Ausfahrt wunderten sie sich nicht, pechschwarz waren sie vom Kohlenstaub und im Gesicht verschmiert vom Schweiß. In der Kaue standen dreißig-vierzig nackte Bergleute zum Reinigen, sie wuschen sich gegenseitig den Rücken. Sie waren „Kumpel“ geworden.

Bei Schichtbeginn begrüßt man sich nicht mit „Gemorje“ oder „Meddoch“ oder „Ovend“ sondern mit „Glück auf!“ Das Gedinge – also die Menge Kohle, die gefördert werden musste – war vorgegeben. An Schichtwechsel musste man sich erst gewöhnen.

Adam schaffte diese Mühen angesichts eines versteckten Leidens nicht. Er starb an Magenkrebs.

Die Familie

Johann Henrich schloss sich einem älteren Bergmann an, der ihn öfters mit nach Hause nahm. Er verliebte sich in dessen Tochter. Am Heiligen Abend 1858 fand die Hochzeit statt. Hans Henrich Debus heiratete Wilhelmine Christine Breuker. Ihrer Ehe entstammen fünf Kinder:

Hans Henrich Debus (1834–1884) ⚭ 1858 Breuker, Wilhelmine Christine († 1878)

und die Zwillinge, getauft am 07.01.1875

  • Caroline
  • Wilhelmine

Drei Jahre nach der Geburt der Zwillinge starb die Mutter, der 27. August 1978 war ihr Todestag, am 30. August wurde sie auf dem Friedhof Aplerbeck bestattet. Wie Hans Henrich Debus, 1878 im Alter von 44 Jahren, das Leben mit vier unmündigen Kindern – der Älteste, 18 Jahre alt, stand schon vor dem Ausbildungsabschluss – bewältigte, wissen wir nicht. Seine beiden ältesten Söhne wurden ebenfalls Bergmann. Carl Friedrich legte 1878 die Hauerprüfung ab und wechselte drei Jahre später zusammen mit seinem Vater zur Zeche Schleswig. Diese lag an der Gemarkungsgrenze zwischen Dortmund-Asseln und Dortmund-Brackel.

Schacht Schleswig um 1866, wo 1855 zwei Schächte geteuft worden waren

Sechs Jahre nach dem frühen Tod seiner Frau starb Hans Henrich Debus, auch er viel zu früh. Nur 49 Jahre wurde er alt. Er wurde wie viele seiner Kumpels Opfer der Silikose, Berufskrankheit des Bergmanns. Der kieselsäurehaltige Staub wird in die Lunge eingeatmet und führt dort zu chronischen Ablagerungen und Veränderungen (Steinstaublunge). Er starb am 24. Juni 1884 in der Wohnung seines dann 18-jährigen Sohnes Wilhelm Ludwig in Dortmund-Sölde und wurde am 27. Juni auf dem Aplerbecker Friedhof begraben. Sein Sohn Carl Friedrich – mein Großvater – lebte zu dieser Zeit schon in Bochum (Altenbochum).

Hans Henrich Debus und seine Frau konnten den beruflichen Aufstieg ihrer Söhne nicht mehr erleben, wie stolz wären sie wohl gewesen, die beiden in der schicken schwarzen Bergmannstracht der Bergschüler zu sehen. Vier Monate nach dem Tod des Vaters entschloss sich Carl Friedrich zum Studium auf einer Bergschule, ihm folgte Bruder Wilhelm Ludwig 1890. Beide wurden beruflich erfolgreiche Steiger.

Als Wilhelm Ludwig am 21. Oktober 1890 zur Bergschule nach Bochum ging, ließ er seine beiden minderjährigen Zwillingsschwestern Caroline und Wilhelmine – diese waren gerade 15 Jahre alt – in der Obhut des älteren Bruders Hermann. Über den weiteren Werdegang von Hermann und den Schwestern ist nichts bekannt.