Handeis und die Bahn

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Günter Debus

Gönnern, ein Eisenbahnerdorf

2011 – Hundert Jahre Bahngeschichte Gönnern

Einweihung der Eisenbahn 1911, Zwischenstation auf dem Bahnhof Gönnern

Werner Lenz (Pirrersch Werner) – bis zu seinem Tod 2012 langjähriger Ortsvorsteher in Gönnern und selbst Eisenbahner – und Günter Sänger (in Gönnern „Klenhenners Brigitte sein Mann“) gaben 2011 zur Erinnerung an die Eröffnung der Bahnstrecke Wallau–Nikolausstollen (und weiter nach Dillenburg) ein Buch mit vielen Fotos von Gönnerschen Eisenbahnern heraus. Im Vorwort bestätigt Werner Lenz die in Gönnern gefühlte Einschätzung, Gönnern sei ein „Eisenbahnerdorf“ gewesen, mit der konkreten Angabe, „dass über 1/3 aller Einwohner Gönnerns von der Bahn lebten“.[1] In der Gönnerschen Dorfchronik Geschichten aus unserem Dorf – Gönnern 1296–1996[2] wird die Geschichte des Gönnerschen Bahnhofs von den Anfängen – 5. Mai 1911 – bis zur letzten Fahrt am 30. Mai 1987 dargestellt. Einen anschaulichen Eindruck vom Betrieb auf dieser Strecke vermitteln die Beiträge von Jürgen Röhrig (Pohlheim) über den Drei-Uhr-Zug nach Gönnern.[3][4] Dem Fotobuch von Werner Lenz und Günter Sänger entnehmen wir einige Bilder.

1911 – Die Eröffnung der Bahnstrecke mit Zentralbahnhof Gönnern

Die Eröffnung des Bahnverkehrs zwischen Dillenburg und Wallau am 28. April 1911 war für Gönnern – und nicht nur hier, sondern in allen Dörfern mit Anschluss an die Bahn – ein Großereignis. Aber für Gönnern besonders erhebend, weil der hier gebaute Bahnhof mit Bahnmeisterei, Rangiergleisen und Lokomotiv-Schuppen der Mittelpunkt der Strecke wurde. Weil dies manchmal Leute außerhalb der Region nicht erkannten, benannte sie Mäuersch Hermann Müller, einer der Söhne des Bauunternehmers Jacob Müller, einfach um. Auf die Frage, wo Gönnern, der Stammsitz der Firma Müller-Gönnern, liege, antwortete er schlagfertig: „An der Strecke Hamburg-Gönnern-Genua“.

Streckenverlauf der Scheldetalbahn mit Zentralbahnhof Gönnern (1947)

Geschichtsepochen

Zunächst kamen 1911 auswärtige Bahnbedienstete nach Gönnern. Dazu gehörten u. a. Zugführer Albert Konrad, Schaffner Stefan Pfeifer, Zugführer Heinrich Christian Lous Kollmar, Bahnhofsvorsteher Wilhelm Decker, Lokomotivführer Adolf Lotz, Lokomotivführer Ludwig Hermann Rinn, Oberschaffner Heinrich Freischlad, Lokomotivführer Paul Preis, Schaffner Karl Dorndorf. Sie siedelten sich in Gönnern mit dem Zentralbahnhof der Strecke an, überwiegend am Simmersbacher Weg, und wurden schnell heimisch. Bald jedoch fanden auch die Einheimischen Interesse an der Bahn. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage in den 20er Jahren setzte man die ganze Hoffnung auf eine Anstellung bei der Bahn. Sie versprach als Staatsbetrieb Sicherheit.

Die Geschichte des Bahnhofs ist verknüpft mit der Geschichte der Arbeitslosigkeit der Ende 20er und Anfang 30er Jahre, mit der durch Fliegerangriffen gekennzeichneten Kriegszeit, der durch Kriegsheimkehrer, Flüchtlingen und Vertriebenen und Hamsterfahrten geprägten Nachkriegsjahre sowie mit dem Wiederaufleben der Wirtschaft der 50er Jahre. Das Auto schließlich machte dem Bahnverkehr den Garaus.

Die Lok 94 1538 als Denkmal auf dem Bahnhofsplatz in Gönnern (1982)

Von einer Lok haben sich die Gönnerschen lange nicht trennen können, der „94 1538“. 25 Jahre lang – von 1972[5] bis 1997[6] – stand sie als Denkmal auf dem Bahnhofsplatz. Zuvor war sie vom 14. Mai 1927 bis zum 21. Dezember 1971 in Dillenburg stationiert. Am 29. Dezember 1971 zog sie zum letzten Mal einen Personenzug von Dillenburg nach Gönnern und zurück und hatte dann ausgedient.[7]

Die Bahn strukturierte damals für die Gönnerschen die Tageszeit: Mit den Zügen frühmorgens um 5:45 Uhr fuhr man zur Arbeit in Richtung Biedenkopf oder Dillenburg, mit den Zügen nachmittags um 5 Uhr aus Biedenkopf und um 1/2 6 Uhr aus Dillenburg begann der Feierabend, d. h. für die Kleinbauern die Männer-Arbeit auf dem Feld oder im Stall, und der 10-Uhr-Zug aus Biedenkopf war der allgemein akzeptierte „Zu-Bett-Geh-Zug“. Samstags brachte der 2-Uhr-Zug aus Biedenkopf und der 3-Uhr-Zug aus Dillenburg die Arbeiter nach Hause. Danach war wirklich Zeit für all die Arbeit, zu der man in der Woche nicht gekommen war. Vom Dorf aus – und sogar in den Häusern – hörte man das „Dampfross“ schnaufend und puffend schon aus der Ferne kommen und im Bahnhof einlaufen.

In dem von Werner Lenz herausgegebenen Buch 100 Jahre Bahngeschichte in Gönnern werden nicht nur Eisenbahner aus Gönnern vorgestellt, sondern auch zahlreiche Episoden erzählt. Die bekanntesten Geschichten charakterisieren Eisenbahner wie Lenzes Ewald Lenz (1894–1978), der jeden Schwarzfahrer mit seinem scharfen Blick entlarvte, Hansweitz Hans Haffer (1925–2003) und dessen Bruder Rudi (1930–2010), die ihre Späße mit Bahn und Fahrenden trieben, und auch Alexander Szlamenka (1930–2010), der für lustige Unterhaltung sorgte.

Die Handeis-Sippschaft und die Bahn

Überblick

In den 30er bis 50er Jahren war, so schien es, halb Gönnern bei der Bahn. Bei Handeis – siehe auch den Beitrag über Handeis im 19. Jahrhundert Handeis und die Chaussee – waren alle bei der Bahn: Handeis Heinrich (1898–1963), sein Bruder Walter und alle Schwager, Born Heinrich Müller, Rudkops Willi Schmidt und Schalersch Erich Teutsch. Darüberhinaus gab es noch entferntere Handeis-Verwandte (Cousins ersten und zweiten Grades), wie Schreinersch Karl Paul, Schreinersch Willi Paul und Reins Alfred Rein.

In den 20er Jahren waren es noch wenige aus der Handeis-Sippschaft; zu den ersten gehörten Schreinersch Karl Paul und Handeis Heinrich. Schreinersch Karl Paul war ein Cousin des Vaters von Heinrich Debus.

Handeis-Familienbild zur Hochzeit von Handeis Heinrich 1925; links vorne Schwester Frieda, dahinter Schwester Lina, zwischen dem Paar Schwester Paula, rechts vom Heinrich Schwester Elisabeth, davon rechts Paulas Mann Born Heinrich, ganz rechts Bruder Walter

In den 30er Jahren, genauer ab 1933, waren alle Männer aus der Handeis-Sippschaft bei der Bahn beschäftigt. Sonntags traf man sich, wie früher üblich, im Stammhaus Handeis. Dort fanden dann die großen politischen Debatten statt und man berichtete aus dem Berufsleben bei der Bahn. Uneinig war man sich in der Einschätzung der nationalsozialistischen Bewegung und des etablierten Systems, Begeisterung und Engagement auf der einen und Skepsis auf der anderen Seite. Eine Außenseiterrolle spielte Handeis Heinrich, er, der Schreibtisch-Beamte, weigerte sich nach wiederholter Aufforderung, der Partei beizutreten. Maßgeblich für seine Position war sicherlich auch die Einstellung seiner Frau. Sie hatte in Kontakt zu jüdischen Geschäftsleuten in ihrer Heimatstadt Kirchhain, bei denen sie zweitweise als Verkäuferin angestellt war, und mit ihrer Erfahrung als Kindermädchen in jüdischen Familien in Frankfurt, früh das Verbrecherische des Systems erkannt. Auch in den Kriegsjahren schwelte der Konflikt, Siegesgewissheit stand gegen Katastrophenahnung.

Im Krieg waren alle auf ihren jeweiligen Bahn-Stationen den Gefährdungen durch Bombardierungen ausgesetzt. Der Luftkrieg im Dillgebiet[8] wuchs zu einer täglichen Bedrohung an. Der Dillenburger Bahnhof und die Bahnstationen im Bereich der Hütten im Scheldetal waren Ziel der Bombardierungen. Aber auch den Attacken einzelner Bomber, wie 1944 auf den Bahnhof in Gönnern und bei Herrnberg, folgten Trauer um Tote und Angst um das eigene Leben.

Die Bombardierung des 5-Uhr-Zuges am Samstag-Nachmittag des 9. September 1944 erlebte Heinrich Debus und Familie zu Hause bei Außenarbeiten. So überraschend kam der Angriff, dass Heinrich Debus – behindert wegen seiner Schwerkriegsbeschädigung aus dem ersten Weltkrieg – sich zu Boden fallen lassen musste. Fünf Menschen kamen am Bahnhof zu Tode. Die 20-jährige Tochter aus dem Nachbarhaus Else wurde schwer verletzt. Am selben Tag erfolgten Jagdbomberangriffe auch auf Bahnstrecken im Dillenburger Raum: Ziele waren ein Zug zwischen Herborn und Sinn, ein abfahrbereiter Zug in Herborn, eine rangierende Lok in Haiger. Am 19. September 1944 fielen Bomben auf die Bahnlinie Dillenburg–Niederscheld, die Adolfshütte und den Dillenburger Verschiebebahnhof. Weitere schwere Angriffe gab es noch im März 1944, am 2. März auf Bahnanlagen in Haiger und Dillenburg, am 14. März auf das Bahngelände Dillenburg. Heinrich Debus, so berichtete er, kam auf dem Weg zur oder von der Bürostelle öfters im Gleisgelände des Dillenburger Bahnhofs in die bedrohliche Situation, auf dem Boden in Deckung gehen zu müssen.

Erst das Eintreffen der amerikanischen Truppen am 27. März machte dem Bombenkrieg ein Ende.

Das Ende des Kriegs sah für jeden Eisenbahner der Handeis-Sippschaft und seine Familien anders aus: z. B. Entlassung bei der Bahn wegen Mitgliedschaft einer NS-Organisation mit ungewisser Zukunft, mehrjährige russische Kriegsgefangenschaft oder Weiterbeschäftigung unter völlig veränderten personalen und rechtlichen Bedingungen (Personalmangel, Besatzungsmacht).

In den Jahren des wirtschaftlichen Wiederaufstiegs – ab Währungsreform 1948 bis in die 50er Jahre – erlebte die Bahn auf der Strecke Dillenburg–Biedenkopf ihre wirtschaftlich besten Jahre. Die Berufspendler zu den Industriestandorten, wie Breidenbach, Wallau und Oberscheld, und zu den Kreisstädten Biedenkopf und Dillenburg, sowie die Schüler mit Ziel Biedenkopf oder Dillenburg fanden nicht genügend Platz in den überfüllten Zügen. Autos konnte man sich noch nicht leisten. Der Rangierbahnhof in Gönnern stand morgens unter vollem Dampf, wenn die Vielzahl der Güterwagen umrangiert wurde.

Handeis Heinrich Debus

Handeis Heinrich Debus zwischen Kollegen am Bahnhof Gönnern

Handeis Heinrich (1898–1963) – mein (Günter Debus) Vater – hatte beruflich andere Ziele, als er sie letztlich realisieren konnte. Nach der Maurerlehre wollte er, wie ein Cousin von ihm zuvor, Architekt werden. Doch als 18-Jähriger wurde er zum Militärdienst einberufen, in Straßburg ausgebildet und an die Front in Frankreich geschickt. Nach schwerer Verwundung wurde er nach Mainz ins Lazarett gebracht und dort wurde ihm das linke Bein amputiert. Sein Vater, Jacob Debus (* 1869), war 1916 an der Front in Russland an Lungenentzündung gestorben. Die Mutter musste mit der bescheidenen Kriegerrente ihre sechs Kinder im Alter von 5 bis 18 Jahren durchbringen. So musste das Leben von Heinrich Debus umgeplant werden. Die Bahn in Gönnern schien eine berufliche Perspektive für ihn zu eröffnen.

Blick von Handeis Heinrichs Haus zur Bahn

Am 22. Mai 1919 wurde Heinrich Debus als Schreibhilfe in der Bahnmeisterei Gönnern eingestellt. Zuvor hatte er vom 3. Oktober 1918 bis 31. März 1919 „Rackows Handels-Akademie in Frankfurt a. M. für Kalligraphie, Handelswissenschaften und Sprachen“ mit Erfolg besucht. Zu seinen Fächern gehörte u. a. Maschinenschreiben, Stenographie, schönes Schnellschreiben, Buchführung, Korrespondenz. 1922 wird er als Betriebsassistent geführt. Um in der Laufbahn weiterzukommen, ging er vorübergehend an die Bahnmeisterei Herborn, um danach, ab Anfang der 40er Jahre, im Verwaltungsgebäude in Dillenburg zu arbeiten, das jetzt noch links von der Auffahrt zur Brücke nach Eibach/Nanzenbach direkt an der Bahnstrecke nach Haiger zu sehen ist. Er schaffte es bis zum Reichsbahnobersekretär. In meiner – Günter Debus – Erinnerung musste ich seit 1960 wie er morgens den Zug um 5:45 Uhr nehmen, er nach Dillenburg, ich nach Biedenkopf. Abends kam er gegen 1/2 6 Uhr nach Hause, samstags mit dem 3-Uhr-Zug (siehe Der Drei-Uhr-Zug nach Gönnern von Jürgen Röhrig).[9] Wer den Bahnhofsweg in Gönnern kennt, weiß, wie steil er ist. Der gehbehinderte Heinrich Debus ging diese Strecke, gleichgültig ob bei Regen oder Schneeglätte. 1957, nach dem Tod seiner Frau 1956, ging er aus Gesundheitsgründen in Pension, befreit von den mühsamen täglichen Gängen und Fahrten.

Heinrich Debus wurde in Handeis geboren und baute 1928 das rote Eckhaus im Wiesenweg (Nummer 6) mit der aus Kirchhain stammenden Frau Käthe, geb. Theiß. Dort wuchsen die vier Kinder Irmfried, Gerhard, Irmgard und Günter auf.

Das Bild aus den 30er Jahren zeigt Handeis Heinrich Debus in der Mitte von zwei Kollegen. Die Bank steht in der Ecke rechts neben dem Eingang zum Wartesaal und Schalterraum. Durch das rechte Fenster überschaute der Bahnhofsvorsteher im Betriebsraum mit Stellwerk die Strecke Richtung Frechenhausen.

Es war am 7. November 1934 morgens, als das sogenannte „Ammelies’chen“, die Gönnersche Hebamme, vom Fenster des Schlafzimmers im ersten Stock seines Hauses im Wiesenweg durch Handtuch ihm an seinem Arbeitsplatz in der Bahnmeisterei Gönnern für ihn sichtbar signalisierte, dass Irmgard geboren war und sein Kommen dringend gewünscht wurde. – Aus Erzählungen bekannt ist, dass er einige Gönnersche an die Bahn vermittelte, insbesondere auch in den 20er/30er wirtschaftlichen Krisenjahren.

Bruder Walter Debus

Handeis Walter Debus 1940

Handeis Walter Debus (1907–1963) kam nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit nach 1933 an die Bahn. Er gehörte NS-Organisationen – seit dem 1. April 1932 der NSDAP – an und hatte deshalb die entscheidende Voraussetzung für die Einstellung erfüllt. Er war in Gönnern der Mann für das Winterhilfswerk. Für sie sammelte er Sach- und Geldspenden, die an bedürftige „Volksgenossen“ entweder unmittelbar oder über Nebenorganisationen der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), wie Hilfswerk „Mutter und Kind“, weitergegeben wurden.[10]

1933 ist auch das Jahr, in dem Handeis Walter Schäds Anna Schmidt (1911–1940) heiratete. Nach den Geburten von Elisabeth und Gerda folgte eine Geburt von Zwillingen (* 1939), Marga und Hilde. Wenige Tage nach der Zwillingsgeburt starb die Mutter. In dieser familiären Katastrophensituation war es eine große Hilfe, dass die ledige Schwester Elisabeth (* 1904), in Gönnern „Handeis Gote“ genannt, im Haus der Familie des Bruders beistand. 1942 heiratete Walter Debus Frieda Kretz (1912–1987) aus Majes. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, Helmut und Heinz-Werner. Walter Debus war immer ein engagierter Mann der Kirche, ob im Kirchenvorstand, im Chor oder im Kindergottesdienst. Auch in der NS-Zeit blieb er der Kirche mit dem der bekennenden Kirche angehörenden Pfarrer Georg Heinrich Gustav Klein treu, was für seine Mutter, der aus Christians stammenden Elisabeth geb. Haffer, auch nicht anders denkbar gewesen wäre.

Nach seiner Schreinertätigkeit in Rots Sägewerk in den 20er Jahren kam Handeis Walter in den 30er Jahren zur Bahn. In den Kriegsjahren stand er dem Bahnhof Herrnberg vor. Dort wohnte er bis 1945 mit Familie und vermietete das Handeis-Haus vorübergehend.

1945 wurde er bei der Bahn entlassen und in einem Entnazifizierungsverfahren zu einem Jahr Internierungslager verurteilt. Diese Zeit verbrachte er zunächst in einem Lager bei Frankenberg, dann in Darmstadt. Nach Rückkehr mochte er nicht mehr zur Bahn zurück. Entlassung und Bestrafung hatte er, der er sich doch zum Wohl der Menschen eingesetzt hatte, als unfair erfahren und nie verschmerzt. So arbeitete er ab 1946 in einem Sägewerk, zunächst gegenüber dem Herrnberger Bahnhof, seiner letzten Dienststation bei der Bahn, dann am Nikolausstollen. Um dorthin zu kommen, musste er aber die Bahn als Verkehrsmittel akzeptierend nehmen.

Schwager Heinrich Müller

Heinrich Müller (1897–1965) stammte aus dem Born-Haus im Nirrerndorf, unweit von Handeis gelegen. 1923 heiratete er Handeis Paula Debus (1901–1988). Ihre drei Kinder sind Herbert (* 1924), Irmgard (* 1926) und Christa (* 1935).

Born Heinrich Müller arbeitete in den 20er Jahren als Schreiner in Rots Sägewerk. Daneben war die Landwirtschaft zu betreiben. In den wirtschaftlichen Krisenjahren um 1928 konnte er im Sägewerk nicht weiterarbeiten und suchte eine Anstellung. Diese fand sich schließlich bei der Bahn. Auf dem Bahngelände Gönnern befand sich eine Werkstatt, in der er aufgenommen wurde. Dort arbeitete er auch nach dem Krieg bis in die 60er Jahre. Born Heinrich war nicht nur Eisenbahner, sondern auch Hausschlächter. Wenn im Winter die Schweine geschlachtet wurden, dann war er in vollem Einsatz in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft und sonstwo. In den schweren Nachkriegsjahren wusste er auch, wie man relativ unauffällig „schwarz“ schlachtet. Das tat er auch 1947 und 1948 bei seinem Schwager Handeis Heinrich – also bei uns (GD).

Herbert Müller (1924–1999), sein einziger Sohn, war in den 60er Jahren als Rangierer bei der Bahn beschäftigt, im Nebenjob wie sein Vater meisterlicher Hausschlächter.

Schwager Willi Schmidt

Rudkops Willi Schmidt

Rudkops Willi Schmidt (1902–1979) war der Mann von Handeis Lina Debus (1902–1961). Sie heirateten am 21. Januar 1928. Ihre Kinder waren Rudi (* 1928) und Hiltrud Schmidt (* 1932). Willi Schmidt stammte aus dem Rudkops Haus an der Chaussee. Das Haus war von Johannes Jäger VI (1820–1875) aus Rudkops (an der Hauptstraße) und seinem Schwiegersohn Adam Schmidt (1845–1910) gebauten worden. Willis Vater, Christian Schmidt, war bereits mit 30 Jahren 1908 an Kehlkopfkrebs gestorben. Im Haus lebte die aus Kollekamps stammende Mutter Margarethe, geb. Kernekampf, bis 1942.

Willi Schmidt wohnte in der Nachbarschaft von Mäuersch, dem Haus des Bauunternehmers Jakob Müller (Gönnern) und war im gleichen Alter wie einige seiner Söhne, Paul (* 1900) und Hermann (* 1903). Auch sein Vater hatte ein kleines Bauunternehmen, doch wurde dies durch seinen frühen Tod schon in seiner Kindheit beendet. Durch den Kontakt zu Mäuersch ging er dort in die Lehre und wurde Rohrverleger.

Nach der Heirat wohnte Willi Schmidt mit der eigenen Familie im Elternhaus Rudkops an der Chaussee. 1933 kam er nach Eintritt in die Partei (NSDAP) zur Bahn. Er ist auf dem Bild zusammen mit Bahn-Kollegen zu sehen, in der hinteren Reihe zweiter von links. 1936 gab er das Rudkops-Haus an die Schwester ab und zog mit Familie nach Dillenburg in eine Bahn-Wohnung. Von dort konnte er – zunächst als Heizer, dann als Lokführer eingesetzt – schneller zum Einsatz kommen.

Im Krieg wurde Willi Schmidt nach Abschluß des Westfeldzugs zu einer in Belgien eingerichteten Dienststelle der Reichsbahn versetzt. Hier war er vor allem für den Nachschubtransport nach Belgien eingesetzt. Es ist auch von einem Transport mit verschlossenen Waggons aus Belgien in Richtung Osten die Rede. Davon habe ich (GD) erst 65 Jahre danach über meinen ältesten Bruder gehört. Damals sollen die Transporte mit strengster Verpflichtung zur Verschwiegenheit durchgeführt worden sein. Das Schweigen hat den Krieg offensichtlich lange überdauert. In meiner Erinnerung (fünfziger Jahre) wurde beim sonntäglichen Treffen der Verwandtschaft bei Handeis, so schien es, alles beredet. Auch Willi Schmidt erzählte seine aufregenden Geschichten von der Bahnstrecke Hamm–Offenbach. Aber dass, aus heutiger Sicht, nahe Verwandte Judentransporte unmittelbar miterlebt haben und die Kenntnis bis ins Dorf Gönnern, wenn vielleicht auch nur auf einen Einzelnen beschränkt, ging, lässt einen heute noch erstarren.

1945 wurde Willi Schmidt bei der Bahn wegen Parteizugehörigkeit entlassen. Die Familie zog zurück nach Gönnern in die sogenannte „Roths Villa“ (Chronik Gönnern, 1996). Bei Mäuersch fand er wieder Arbeit, er fuhr dort als Kraftfahrer. Es muss 1948 gewesen sein, als er wieder bei der Bahn als Lokführer begann und dann zuletzt in leitender Funktion bis zur Pensionierung 1967 blieb. Anfang der 50er Jahre baute seine Familie ein eigenes Haus, das erste Haus auf der „Holler Wiese“. Nach dem Tod seiner Frau Lina 1961 heiratete er ein zweites Mal und wohnte ab dann in Frohnhausen bei Dillenburg.

Schwager Erich Teutsch

Schalersch Erich Teutsch

Erich Teutsch (1911–1997) aus Schalersch hatte 1934 Handeis Frieda (1911–1991), die jüngste Schwester von Handeis Heinrich, geheiratet. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor, Helmut (1934), Gerhard (1938) und Rolf (1948). Das „neue“ Schalersch-Fachwerkhaus in Gönnern war von Erichs Vater Ernst Teutsch um 1920 links neben dem „alten“ Schalersch-Haus und rechts vom Metzger Krötz gebaut worden und steht in der Ortsmitte an der Hauptstraße. Erich Teutsch war gelernter Maler und Anstreicher. Gelernt hatte er in Nanzenbach bei seinem Onkel, dem dorthin verheirateten Bruder des Vaters. 1933 fing er als Zweiundzwanzigjähriger bei der Bahn an. Im Krieg wurde er zunächst als „grauer“, d. h. wehrmachtsuniformierter, Eisenbahner eingesetzt. Nach einer Ausbildung in der Kaserne Cottbus kam er zuerst an die Westfront, später an die Ostfront und geriet 1945 in russische Kriegsgefangenschaft. Erst 1947 kam er – aus gesundheitlichen Gründen entlassen – abgemagert aus Russland zurück. Danach arbeitete er vorübergehend als Waldarbeiter und begann um 1950 wieder bei der Bahn als Zugführer zu arbeiten. Als engagierter Ortspolitiker der CDU hat er den wirtschaftlichen Abschwung des Bahnbetriebs am Bahnhof Gönnern in den 60er Jahren sicherlich mit Bedauern miterlebt. Er selbst fuhr kein Auto, trug also nicht zum Niedergang der Bahn bei.

Schreinersch Karl Paul

Karl Paul (1889–1962) war ein Sohn von Handeis Elisabeth Debus (1850–1919) und Schreinersch Johannes Paul (1846–1894). Er war ein Cousin von Jacob Debus (1869–1916), dem Vater von Heinrich Debus (1898–1963), ein Enkel des von Hommertshausen nach Gönnern verheirateten Johann Theiß Debus (1802–1876).

Karl Paul ging nach Abschluß der Ausbildung auf der Ingenieurschule in Friedberg zur Bahn und war dort als Amtmann mit Führungsaufgaben betraut. Mit Unterbrechungen war er bei der Bahn in Friedberg tätig. Im Kriegsjahr 1944 fand er mit Frau und Tochter im Haus von Handeis Heinrich im Wiesenweg Unterschlupf. 1945 verlor er wegen Zugehörigkeit in NS-Organisationen seinen Posten bei der Bahn in Friedberg, wurde jedoch schon kurze Zeit danach wegen Personalmangels wieder zurückgeholt und am Bahnhof Gießen eingesetzt. Mit der Familie zog er 1946 von Gönnern wieder weg, jetzt nach Gießen, zu seinem neuen Standort. Später, bis zur Pensionierung, ging er wieder nach Friedberg. Für die Zeit danach baute er 1948/49 in Gönnern, südlich vom Schreinersch-Stammhaus, ein eigenes Haus, wo er die wenigen letzten Jahre seines Lebens verbrachte.

Schreinersch Willi Paul

Schreinersch Willi Paul

Willi Paul (1901–2000) ist ein Cousin von Heinrich Debus. Seine Mutter Emilie (1874–1948) ist die Schwester von Jacob Debus (1869–1916), sie hatte 1900 Johannes Paul (1872–1962, einen Stiefbruder von Schreinersch Karl Paul (siehe oben) geheiratet. Willi Paul war von Beruf Maurer, ging schon 1917 zur Bahn, musste von 1924 bis 1933 unterbrechen und war dann bis 1961 im Schalterdienst tätig. 1924 war er betroffen von der allgemeinen Personalentlassung bei der Bahn aufgrund der wirtschaftlichen Krise. Der Sonntagsverkehr wurde zu dieser Zeit eingestellt mit Auswirkungen auf die Arbeiter, die sonntags zu Fuß zur Arbeit ins Scheldetal kommen mussten. Als 1928 das Haus von Handeis Heinrich im Wiesenweg gebaut wurde, war sein Cousin Willi als Maurer der wichtigste Mann am Bau. 1933 ging es dann endlich bei der Bahn weiter. Auch 1945 konnte er nach Entlastung im Entnazifizierungsverfahren weiterarbeiten.

Reins Alfred Rein

Alfred Rein (1902–1982) war ein Cousin 2. Grades von Handeis Heinrich, er war der Sohn von Elisabeth Debus (1861–1933) und Kochs Jakob Rein VII (1868–1942) und Enkel der ledigen Katharina Debus (* 1836) aus Handeis, Urenkel des aus Hommertshausen nach Gönnern verheirateten Johann Theiß Debus (1802–1876). Alfred Rein heiratete 1936 Else Schneider, deren Großvater, Georg Debus (1855–1984), auch aus Handeis stammte. Ihre Mutter war Elisabeth Debus (1884–1981) aus Jerjes, eine Schwester von Jerjes Heinrich Debus I (siehe unten). Somit waren beide, Alfred und Elisabth Rein, Urenkel des ersten Debus in Gönnern, beide Cousin und Cousine 2. Grades zueinander.

Alfred Rein wohnte im Reins-Haus an der Chaussee, unterhalb von Handeis Heinrich. Er arbeitete bei der Bahn von 1930 bis 1962 als Lokführer. Zwei Bilder (siehe oben) zeigen ihn: in der Lokomotive am Biedenkopfer Bahnhof und unter Kollegen (hintere Reihe an vierter Position von links).

Jerjes Heinrich Debus

Der Bahnhof von Niedereisenhausen mit dem Bahnhofvorsteher Heinrich Debus I (Jerjes in Gönnern)

Heinrich Debus (1895–1970), „der I.“ im Unterschied zu Handeis Heinrich Debus II (1898–1963), war der Sohn von Georg Debus (1904–1968), der ein sehr viel jüngerer Bruder des Großvaters von Heinrich Debus II war und an der Chaussee das Jerjes-Haus gebaut hatte (siehe den Beitrag Jerjes in Gönnern: Georg Debus (1855–1948) und Handeis und die Chaussee).

Jerjes Heinrich Debus war verheiratet mit Sängerschjerjes Paula Maria Jäger (1895–1972). Sie hatten eine Tochter, Ilse. Die Familie wohnte zeitweise in Sängerschjerjes-Haus in Gönnern.

Auch Heinrich Debus I war mit der Bahn eng verbunden. Das wissen die Eisenhäuser heute noch besser als die Gönnerschen. In der Chronik für die Dörfer Niedereisenhausen, Obereisenhausen und Steinperf von 2003[11] wird im Kapitel über die Bahn (S. 246–258) auf Seite 257 berichtet, dass Heinrich Debus vom 12. November 1934 bis zum 30. August 1952 Stationsvorsteher in Niedereisenhausen war. Ein Bild belegt es.

Heinrich Debus I und Heinrich Debus II wurden oft verwechselt, erst der Zusatz des Hausnamens Jerjes oder Handeis machte die Zuordnung eindeutig. Obwohl unterschiedlichen Generationen der Handeis-Sippschaft angehörend, waren sie etwa gleich alt.

Ein Gruppenbild

Eisenbahner vor einem Betriebshaus; darunter Handeis Heinrich Debus und Born Heinrich Müller (Mitte rechts in Zivilkleidung) und weitere Gönnersche, wie Lenzes Werner Lenz, Sängersch Karl Rehm, Schuppenersch Heinrich Sänger

Anmerkungen und Nachweise

  1. Vorwort, S. 1
  2. Zur Dorfchronik Gönnern von Günter Debus siehe Eintrag in der Literaturliste
  3. Jürgen Röhrig: Der Drei-Uhr-Zug nach Gönnern. Heft 4 der Schriften zur regionalen Eisenbahngeschichte. DNB 991697464
  4. Jürgen Röhrig: Der Drei-Uhr-Zug nach Gönnern fährt nicht mehr. Erinnerungen an die Schelde-Lahn-Bahn – Ein historischer Rückblick auf die Verkehrserschließung. In: Heimat und Bild. Gießener Anzeigers, 49./50. Woche, Dezember 2008.
  5. Gemäß ScheldetalbahnWikipedia-logo.png
  6. Gemäß Lokportrait Dampflok 94 1538 auf Youtube
  7. Gemäß WikipediaWikipedia-logo.png ist die Lok „94 1538“ das einzige vollständig erhaltene und betriebsfähige Exemplar des Typs „Preußische T 16.1“. Sie hat nun ihren Standort am Bahnhof IlmenauWikipedia-logo.png, wird für Museumsfahrten auf der RennsteigbahnWikipedia-logo.png eingesetzt, hatte im Jahre 2012 einen Kesselschaden und ist seit 2015 in einer Wiederaufarbeitung. Im Wikipedia-Artikel zum Bahnbetriebswerk DillenburgWikipedia-logo.png ist zu lesen, dass diese Lok der am 2. Mai 1972 mit einer Sonderfahrt die 110-jährige Geschichte der Dampfloks des Bahnbetriebswerk beendete – ihr Einsatzgebiet erstreckte sich einst von Aachen bis Würzburg und Mannheim.
  8. Rainer Klug, Geschichtsverein Herborn e. V. (Hrsg.): Der Luftkrieg im Dillgebiet. Ein Tagebuch 1939–1945. Selbstverlag des Geschichtsvereins e. V., Herborn 2005, ISBN 3-00-016198-8, DNB 976080516.
  9. Schriften zur regionalen Eisenbahngeschichte. Heft 4, 2008
  10. Siehe Winterhilfswerk des Deutschen VolkesWikipedia-logo.png
  11. 900 Jahre Dorfgeschichte. Niedereisenhausen – Obereisenhausen – Steinperf. 1103–2003. Kempkes, Gladenbach