Handeis Gote: Elisabeth Debus (1904–2002)

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Günter Debus

Einordnung in die Debus-Linie

Hommertshausen: Pitzers – Gönnern: Handeis
(1) Johann Theiß Debus (1802–1876)

Gönnern: Handeis
(4) Elisabeth Debus (1904–2002)

Leben

Handeis Gote im Alter von 90 Jahren
Handeis Gote im Staatsarchiv Marburg bei der Mitwirkung zur Erstellung der Chronik Gönnern

In Gönnern wusste jeder, wer Handeis Gote war. Eigentlich gab es dort nur eine Gote und das war eben Handeis Gote. So bleibt es in Gönnern auch nicht verborgen, dass eine der fünf Biographien einer Hinterländer Sozialwissenschaftlerin mit dem Titel „Allerweltsgote“ von ihr erzählt: eine Frau im zeitlichen Umbruch dörflicher Gemeinschaft.

Es handelt sich um Elisabeth Debus, ledig geblieben und doch miterziehende Mutter der Kinder ihres Bruders Walter nach frühem Tod der Schwägerin und Wiederverheiratung; aber auch oft für Hilfsdienste im Einsatz für die Familien ihrer weiteren vier Geschwister. Von allen gefragt und sich für alle mitverantwortlich fühlend. Alle Nichten und Neffen und Kindeskinder bezog sie mit ihrem „unser …“ in ihre Großfamilie ein.

Elisabeth Debus wurde am Heiligen Abend 1904 im Handeis-Haus geboren, einem kleinen um 1840 erbauten Fachwerkhaus am nördlichen Eingang der Dorfstraße, das nach den Vornamen seines Erbauers, des ersten Debus in Gönnern, Johann Theiß Debus, ihrem Urgroßvater, benannt ist. Ihren Vater, Jakob Debus, verlor sie im Alter von 12 Jahren durch Tod in Russland, ihren Großvater Heinrich Debus hat sie nicht gekannt. Dennoch wusste sie durch mündliche Überlieferung, dass früher enge Kontakte zu Verwandten in Hommertshausen bestanden. „Mai Moite säht, do sai imma mol Leure äas Hommertshäase gekomme.“ Das (inzwischen abgerissene) Elternhaus des Urgroßvaters in Hommertshausen direkt neben der Fachwerkkirche kannte sie. Hier verlief aber auch die Grenze der Überlieferung. Erst 1988 wurde sie auf Katzenbach und den Pahleshof, dem Wohnsitz ihrer entfernteren Vorfahren, aufmerksam gemacht.

Handeis Gote überschaute nicht nur 200 Jahre der eigenen Handeis-Familiengeschichte, sondern sie kannte für diesen Zeitraum auch die Familienzusammenhänge von ganz Gönnern und deren Verbindungen zu Nachbardörfern. Nichts konnte sie mehr in Stimmung bringen als die Frage, was der denn mit dem verwandtschaftlich verbindet. Dabei erfolgten klare familiäre Eingrenzungen und Ausgrenzungen. Letzteres musste besonders sachkundig geschehen, denn: „Wenn ma durchs Dorf giet, äas baal i jerem Häas Verwaandschoft.“ Ihre Augen glänzten, wenn sie ins Erzählen kam. Hierin eiferte sie ihrer verehrten Großtante mütterlicherseits, Anna Margaretha Schneider (1851–1925) in Born, nach, die sich in allen Verwandtschaftsfragen genauestens ausgekannt hatte.

Für die Dokumentation der Dorfgeschichte Gönnerns zur Feier der Ersterwähnung 1296 war Handeis Gote ein Glücksfall. Die dazu erschienene Chronik Geschichten aus unserem Dorf – Gönnern 1296–1996[1] fundiert auf ihrem familiengeschichtlichen Wissen und lebt mit ihren Erzählungen. Auf alten Bildern erkannte sie sonst nicht mehr identifizierbare Personen: „Dea herre Gesicht dea ka nua äas Gehandengels komme.“ So war’s dann. Und dann wusste sie zugleich eine Geschichte dazu zu erzählen, meistens eine heitere. Sie konnte nicht nur über andere sondern auch über sich selbst lachen. Einmal traf ich sie an, als sie einen Text korrekturlas. Sie konnte sich vor Lachen nicht beruhigen: „Wos, dos hun asch gesäät?“ Ausgangspunkt waren Eintragungen in den Kirchenbüchern in Obereisenhausen mit Hinweis auf Verwandtschaft mit Majes. Im Text war der Dialog mit ihr wörtlich wiedergegeben: „Sind wir mit Majes verwandt? „Och, dos ka nit sai. Met Majes hu mia näat ze döu. Dos Buch wel asch uscht sieh. Wos äas dos da fer e Buch?“ – „Gote, das sind die Kirchenbücher in Obereisenhausen.“ – „Dos gläw asch nit. Mai Mame het do näat wos voh gesääht.“ Mit über 90 hat sie die Chronik korrekturgelesen. Bis 1997 hat sie alleine in ihrem Handeis-Haus gewohnt und sich selbst versorgt. Nach einem leichten Schlaganfall wurde sie von ihrer Nichte Marga aufgenommen und liebevoll betreut. Dennoch der Wohnsitz „offm Helljestock“ war ihr nicht recht, zum Handeis-Haus hat sie sich bis zuletzt zurückgesehnt.

Am Samstag, 23. November 2002, ist Handeis Gote im Alter von fast 98 Jahren gestorben, auf dem Friedhof nur wenige Meter vom Handeis-Haus liegt sie begraben. In der Dorfchronik lebt sie für das Dorf weiter.

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Günter Debus: Geschichten aus unserem Dorf – Gönnern 1296–1996, siehe Literaturverzeichnis