Gerhard Debus (1929–2008): Wiesenbach – „Am Anfang das Wunder“

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Günter Debus

Einordnung in die Familienlinie

Handeis in Gönnern
(1) Johann Theiß Debus (1802–1876)
(2) Heinrich Debus (1833–1896)
(3) Jakob Debus (1869–1916)

Handeis Heinrich in Gönnern/Käthes
(4) Heinrich Debus (1898–1963)

verheiratet nach: Peifersch in Wiesenbach
(5) Gerhard Debus (1929–2008)

Vorbemerkung

Nachdem inzwischen – Stand Oktober 2013 – viele Orte im Hinterland mit Debus-Familien aufgenommen wurden, fällt mir (GD) immer wieder Wiesenbach, der Wohnort meines Bruders Gerhard ein. Was zunächst nicht in meinem Blick war, wird nun doch von mir einbezogen. In Wiesenbach gab es in der hier betrachteten Zeit nur einmal Debus: das war die Familie des Bruders Gerhard.

Allein die von ihm sprachlich gefasste Chronik von Wiesenbach 1982 erfordert seine Einbeziehung in die Sammlung der Darstellungen über Debus-Familien im Hinterland.

„Am Anfang das Wunder“ – die Wiesenbacher Chronik 1982

„‚Item in festo Johannis vir quidam de Wisentbach claudus in uno crure curatus est. tota villa sua.‘ – Vom Lateinischen ins Deutsche übertragen: ‚Ebenso wurde am Johannistag ein gewisser Mann aus Wisentbach mit einem lahmen Unterschenkel geheilt. Zeugen: sein ganzes Dorf.‘

Am Anfang das Wunder

Diese erste urkundlich gesicherte Erwähnung Wiesenbachs vom 11. August 1232 verdanken wir außer dem hilfsbedürftigen und glaubensstarken ‚Mann aus Wisentbach‘ vor allem dem ebenso kurzen wie opferreichen Leben der Landgräfin und dem religiösen Eifer ihres Beichtvaters, Seelenführers und vom Papst bestellten Vormundes Konrad von Marburg.“

Festausschuss 750 Jahre Wiesenbach (Hrsg.): Am Anfang das Wunder: 750 Jahre Wiesenbach. 1232–1982.[1]

So beginnt die Wiesenbacher Chronik zum 750. Jubiläum 1982, die mit den gesammelten Kenntnissen einer Wiesenbacher Arbeitsgruppe und der Sprache von Gerhard Debus erstellt wurde. Schon der Titel hebt die Chronik von anderen deutlich ab. Gerhard Debus ist ein Erzähler, im privaten Kreis und am Schreibtisch. Er ist ein Mann des Wortes, des treffenden konkret-anschaulichen Wortes. Damit hat er im Hinterland ein Beispiel dafür gegeben, nicht daten-sachlich, sondern menschenbezogen aus und über das Leben in einem Dorf und seine Geschichte erzählerisch zu schreiben.

Lebenslauf

Verlobung 1954: Gertrud Pfeifer und Gerhard Debus, links die Eltern von Gerhard, rechts die Eltern von Gertrud, daneben links Gertruds Schwester Irmgard und ihr Mann Hermann dahinter, 2. v. rechts Gerhards Schwester Irmgard, rechts hinten Gerhards Bruder Irmfried. Ganz links: Gertruds Cousine Renate, ganz rechts: Gertruds Cousine Elfriede (Günter Debus und Walter Pfeifer fehlen)

Gerhard Debus wurde am 24. Oktober 1929 als zweites Kind der Eheleute Heinrich Karl Debus (1898–1963), Handeis Heinrich, aus Gönnern und Katharina Ernestine (1897–1956), geb. Theiß, genannt Käthe, aus Kirchhain im 1928 neu gebauten Haus in Gönnern geboren. Seine Geschwister sind Irmfried (1926–2011), Irmgard (1934–2010) und Günter (* 1939).

Gerhard Debus – „Handeis Gerhard“ – besuchte in Gönnern die Grundschule (1937–1941) und anschließend das Realgymnasium in Biedenkopf bis zum Abitur 1951. Danach studierte er Theologie in Marburg (u. a. Rudolf Bultmann) und Mainz (u. a. Herbert Braun). Zum Examensabschluss kam es nicht.

Ein Badeunfall 1944 mit Rückgratverletzung beeinträchtigte zeitlebens seine Gesundheit und führte wiederholt zu lebensgefährdenden Situationen.

1955 heiratete er seine Freundin aus der Schulzeit, Gertrud Pfeifer aus dem benachbarten Wiesenbach, wo sie auch ihren ständigen Wohnsitz hatten. Sie lebten im Haus ihrer Eltern, in Peifersch Haus direkt gegenüber der Kirche. Ihre drei Töchter wohnen nicht mehr im Hinterland.

Infolge der gesundheitlichen Einschränkungen war Gerhard Debus zunächst freiberuflich theologisch-wissenschaftlich und schriftstellerisch tätig. Mitte der 60er Jahre arbeitete er viel mit Arnim Juhre, dem Lektor des Peter Hammer Verlages, Wuppertal, zusammen. Danach begann eine enge Zusammenarbeit mit dem damals in Wuppertal arbeitenden Theologen Rudolf Bohren. Er folgte ihm nach Berlin und später nach Heidelberg. Zuletzt hatte Gerhard Debus dort eine Forschungsstelle für Predigtanalyse an der Universität Heidelberg inne. Mit der Emeritierung von Bohren 1988 kehrte Gerhard Debus nach Wiesenbach zurück.

Nach längerer Erkrankung starb seine Frau Gertrud am 13. Oktober 1993. Gerhard blieb zunächst alleine im Haus in Wiesenbach, entschied aber dann, nach Siegen ins Haus einer befreundeten Familie zu ziehen. Dort starb er am 18. Januar 2008. In Siegen fand er auch seine letzte Ruhestätte, ein Wiesengrab. Eine Todesanzeige wollte er nicht für sich selbst verfasst haben.

Lebensthemen

Wir Deutsche und der Holocaust

Die Gedanken bei der Ankunft auf israelischem Boden 1966 beschreibt Gerhard Debus in seinem Buch Schalom Israel. Tagebuch einer Reise (1967)[2] so:

„Ich hatte das heilige Land betreten, war mir dessen auch irgendwie bewußt, aber nicht einmal in zweiter Linie war ich gekommen seinetwegen, als einer jener verspäteten Kreuzfahrer – ich wollte mir das Heilige Land mehr nebenbei ansehen –, nein, gekommen war ich, das Land, wie die Juden sagen, zu sehen. Das Gott seinem Knecht Abraham verheißen hatte. In das hinein er Abrahams Kinder durch das auf wunderbare Weise geteilte Rote Meer mit eigener Hand geführt hat. Aus der er Abrahams Kinder wieder vertrieb und in alle Winde zerstreute. Das Abrahams Kindeskinder, nachdem ein Meer von Blut über ihnen zusammengeschlagen war, vor ein paar Jahren in Besitz genommen haben und seitdem fest in der Hand halten.“

– Seite 8

Gerhard Debus wollte es wissen: Den Holocaust im Bewusstsein – Wie fühlt sich ein Deutscher in Israel? Wie reagieren die Menschen auf ihn, für den das NS-Systems im Alter von 15 Jahren zu Ende ging? Wie gestalten sich die Begegnungen mit Menschen? Wie hält man in Yad Vashem das Erinnern an die millionenfachen Morde aus?

Es war Gerhard Debus’ Absicht, in seinen Erzählungen über Begegnungen und Erlebnissen bewusst Emotionen zur Sprache zu bringen. Damit entsprach er nicht dem Zeitgeist der 60er Jahre, wo emotionslose Sachlichkeit angemahnt wurde. So wurde sein Buch damals im Hinterländer Anzeiger kritisch rezensiert. Nein, aus der Sicht von Gerhard Debus geht ein Umgang mit dem Geschehenen in der Begegnung mit Betroffenen nicht ohne Emotionen.

Erzählorte, z. B. Gönnern und Biedenkopf

Gerhard Debus – meine gemeinsame Zeit mit ihm, dem zehn Jahre älteren Bruder, im Elternhaus in Gönnern erinnernd – unterhielt die Familienrunde am Essenstisch. Er erzählte spannend aus seinem Erlebensumfeld und brachte auch Spannung erzeugenden Konfliktstoff zur Sprache. Von ihm wusste man, dass er in seiner Kindheit im Vergleich zu seinem über drei Jahre älteren Bruder der sozial Aktivere und Offensivere war. Wenn beispielsweise irgendwo im Haus oder im Wiesenweg eine Scheibe in die Brüche ging, dann konnte es nur Handeis Gerhard gewesen sein. Entsprechend empfand er die nachfolgenden Strafen oft als ungerecht. Eine Geschichte erzählte er gerne: Im Alter von 15 Jahren sollte er wenige Tage vor Eintreffen der amerikanischen Truppen eingezogen werden und sich zusammen mit seinem Freund, Ortmüllersch Karl, am Bahnhof melden. Der Vater verbot ihm, der Anordnung zu folgen und wegzufahren. So ging er zum Bahnhof, sagte seinem Freund, er dürfe nicht fahren, und ging mit ihm wieder nach Hause. Das nicht ganz risikolose Machtwort des Vaters hatte ihn offenbar beeindruckt.

Einige Bilder zeigen ihn in den Kindheits- und Jugendjahren:

Zwei Erzählungen, Murmeln[3] und Der Apfel,[4] spielen in ihm vertrauten Orten, in seinem Heimatdorf Gönnern und in Biedenkopf, wo er zum Gymnasium ging. Die Geschichten, die dort erzählt werden, haben zweifellos autobiographischen Hintergrund, müssen aber immer unter dem Blick gesehen werden, dass der Autor sich die schriftstellerische Freiheit zur Gestaltung der Geschichte und seiner Figuren nimmt.

Gönnern: Murmeln

Beginn der Erzählung Murmeln

Die Geschichte erzählt das Erlebnis eines Jungen (der Ich-Erzähler) beim Murmelspielen auf der Straße vor seinem Elternhaus. Die mitspielenden Jungen sind Hans und Max, der Sohn des jüdischen Kaufmanns – es ist die Zeit des offenen Judenhasses und der -verfolgung in der NS-Zeit. Es kommt zum Streit zwischen Hans und Max: „Dich mach ich fertig, du…!“ sagt Hans und kurz darauf „Aber wir kaufen nicht mehr bei euch, niemand kauft mehr bei euch ein.“ Der Streit eskaliert, ein systemkonformer Nachbar schreitet ein und setzt dem Streit mit Wort und Tat – seinen Stiefel auf die Hand von Max am Boden drückend – brutal ein Ende, wahrend der eigene Vater, die Szene von Beginn an mitbeobachtend, sich schweigend ins Haus davonstiehlt. Im Haus erlebt der verschreckte, Ungerechtigkeit, Brutalität und Schutzlosigkeit erfahrende Junge die Rechtfertigungsversuche des Vaters, nicht schützend eingegriffen zu haben, und die unverständnisvolle Haltung seiner Mutter dem Vater gegenüber.

Die Geschichte erschien in der Sammlung von Erzählungen unter dem Titel Strömungen unter dem Eis. Wie der Herausgeber Arnim Juhre schreibt, ist die Erzählung „kennzeichnend für die Strömungen unter dem harten, spiegelblanken Eis der zu Fakten und Fassaden erstarrten Verhältnisse. [… Es] wird Geschichte […] als bewegtes und bewegendes Geschehen gesehen“ (S. 190).

Biedenkopf: Der Apfel

Beginn der Erzählung Der Apfel

Der Ich-Erzähler berichtet über ein vorzeitiges Schulende an einem Herbsttag – es ist in der Zeit vor 1945 – und der Gang durch die Stadt zu Wiesenhängen, wo Apfelbäume stehen. Es werden Äpfel gepflückt und geworfen. Nach einiger Zeit bemerken die Schüler französische Kriegsgefangene beim Ausheben von Gräben unter der Aufsicht von zwei Wachleuten. Sie beginnen, Äpfel in Richtung der Gefangenen zu werfen, um provozierend zu testen, ob die Gefangenen die Äpfel trotz Bewachung aufheben und essen. Der Ich-Erzähler hat die Idee, einen Schleuderspieß zu schnitzen, setzt die Idee um, und es beginnt ein gezieltes Schleudern von Äpfeln zu den Gefangenen. Als ein Mitschüler die Schleuder benutzt und sein Wurf dazu führt, dass ein Gefangener zum Apfel greift, schreitet ein Wachmann gewaltsam gegen den Gefangenen ein. Auf der Flucht der verschreckten Schüler wird dem Ich-Erzähler der Schleuderspieß mit den Worten zugesteckt „Da hast du ihn wieder, er gehört doch dir, oder nicht?“

Gott – hier und jetzt

Will man Gerhard Debus in seiner Position zu Gott und Welt authentisch erleben, dann liest man am besten seine prägnanten Aussagen zu Bibeltexten.[5]

  • „Der Mensch ist des Mitmenschen Schuldner, denn der Mitmensch stellt die Rechnung, seine Bedürftigkeit ist das Maß aller Ethik. Und der Feind, der Andere, den wir ausschließen, der draußen bleiben soll, fordert uns heraus: gerade aus ihm, dem wir gewissenlos gegenüberstehen, sollen wir uns ein Gewissen machen.“[6]
  • „Um bei den Vögeln zu bleiben: Den Spatz aus der Hand fliegen lassen, um die Friedenstaube auf dem Dach zu fangen, dazu gehört viel Sorgenfreiheit und Gottvertrauen.“ bezieht sich auf den Bibeltext Matthäus 6,25-29 LUT: „[…] Sorget nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; […] Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. […]“
  • „Volkskirche = Volks - Eigener - Bestattungsbetrieb? Jedenfalls muß man sich wundern, daß es bei soviel Toten nicht noch mehr zum Himmel stinkt.“[7]
  • „Die Wahrheit ist konkret (Brecht). Sie ist so konkret, dass ich sie wahrmachen muss. Und was ist Wahrheit? Mein Risiko.“[8]
  • „Wenn du in die Kirche gehst, und der Prediger redet mit fremder Zunge und ohne Verstand, gib deinen Geist nicht auf, auch wenn er dir für dein Opfer den Himmel verspricht. Prüfe seinen Geist. Nimmt er schon deine Sprache nicht ernst, was kannst du dann noch von ihm erwarten? Lass die Toten über Toten reden.“[9]
  • „Räumen wir erst mal auch die Kirchen und geben wir die Schätze den Armen. Von Liebe reden wir dann später. Vielleicht ist sie dann kein Fremdwort mehr.“[10]

Das Wort Gottes

Die Frage von Gerhard Debus: „Wie kann nun […] das Wort Gottes, vorausgesetzt einmal, wir wüssten ziemlich exakt, was das sei, wie kann es zu Worten gemacht werden, zu menschlichen, vergänglichen, zu zeitgebundenen, ohne dass es aufhört, Wort Gottes zu sein?“[11]

Predigtanalyse

Er selbst wurde nie zu einem Prediger, ihm fehlte auch der Examensabschluss und die Ordination. Nur einmal habe ich (GD), sein jüngster Bruder, ihn auf der Kanzel in der alten Gönnerschen Kirche erlebt. Aber er war ein Gesprächspartner für Studierende und Mitarbeiter sowie den leitenden Professor Rudolf Bohren des Theologischen Instituts in Berlin und Heidelberg. Dort diskutierte er seine Vorstellungen über die Umsetzung des Gotteswortes in die heutige Zeit. Er analysierte Predigten mit der Zielsetzung, die theoretischen und persönlichen Annahmen des Predigtschreibers aufzudecken und deren Angemessenheit kritisch zu hinterfragen. Von welchem Gottesverständnis geht der Prediger des vorliegenden Textes aus? Mit welchem methodischen Ansatz kann ich die Ergebnisse der Analyse wissenschaftlich absichern.

In einer Arbeit der niederländischen Theologin Jantine Mareike Nierop (2006)[12] erfahren wir Näheres (Seiten 168–172):

„[…] die 1974 von Bohren gegründete Heidelberger Predigtforschungsstelle. Hier wurde unter Mithilfe des Schriftstellers Gerhard Debus die Predigtanalyse betrieben. Debus hatte eine Methode entwickelt, um die sprachliche Gestalt der Predigt zu prüfen. In seinen Artikeln zur Predigt kommt Bohren immer wieder auf diese Methode zu sprechen. […] Man kann sich, was Debus angeht, auf nur einen Aufsatz stützen. Dieser Aufsatz (Thesen zur Predigtanalyse) wurde 1989 veröffentlicht in einem Buch mit dem Titel Die Predigtanalyse als Weg zur Predigt. Hierin finden sich auch zwei Beispiele von ausgeführten Predigtanalysen. [siehe Bohren & Jörns (1989)][13] Im Nachwort zur 6. Auflage der Predigtlehre nennt Bohren die von Debus initiierte Analysemethode die „wichtigste Fortsetzung der ‚Predigtlehre‘ (Bohren, 1993, S. 565).“

„[…] Sinn und Zweck der Predigtanalyse nämlich ist die Entwicklung einer mündigen Gemeinde. Die Predigtanalyse soll der Gemeinde helfen, eine Predigt zu beurteilen und auf diese Weise ihre Verantwortung für die Predigt zu übernehmen. [In Worten von Debus selbst:] ‚Die Analyse und Interpretation einer gepredigten Predigt soll dem Leser bzw. dem Hörer helfen, die Predigt neu und auf seine Weise nachzusprechen und – zu halten‘ [Debus, 1989, S. 56]. ‚Ziel der Interpretation ist die Verifikation des Wortes Gottes, die Fortsetzung der Heilsgeschichte in neuer Predigt‘ [Debus, 1989, S. 57]. … ‚Rechte Predigt muss heute prophetisch sein, muss heute sagen können, was der Auferstandene heute tut.‘ [Debus, 1989, S. 57]“

Seine sprachwissenschaftliche Methode der Predigtanalyse hatte Gerhard Debus eingebracht, nachdem Bohren seine Predigtlehre in der ersten Ausgabe fertiggestellt hatte. Die genannten Beiträge in dem aufgeführten Buch von Bohren und Jörns (1989) sind tatsächlich die einzigen Dokumentationen der Untersuchungsmethode. Thesenhaft stellt Gerhard Debus seine Methode vor; zwei Kollegen, Grün-Rath und Vischer, wenden sie auf Predigten von Karl Barth und Paul Tillich an. Rudolf Bohren bespricht die Rolle der Methode im kirchlichen Gemeindeleben. An den theoretischen Grundlagen dieser Methode hatte Gerhard Debus gearbeitet, hatte sie aber nicht zum Abschluss gebracht, was Nierop zu Recht kritisiert und bedauert (S. 57).

Vischer und Grün-Rath würdigen die Arbeit der Predigtanalyse in einem Nachruf 2008 und schreiben u. a.: „Die Arbeit an der Sprache war Gerhard Debus’ zentrales Anliegen.“[14] Rudolf Bohren selbst schreibt in einem Nachruf 2008 u. a.:

„Gerhard Debus war für mich eine beglückende und bereichernde Erfahrung; er engagierte sich für meine Predigtlehre und auf diese Weise entstand eine intensive Zusammenarbeit als gelebte Reziprozität und Austausch von Gaben. So entwickelte er eine Methode der Predigtanalyse, die durch ihre Einfachheit und Stringenz überraschte. Sie fand in vielen wissenschaftlichen Arbeiten ein positives Echo. Mit Hilfe dieser Methode konnte er dem Prediger sagen, was er gemacht hatte. Er vermochte damit eine Predigt zu durchleuchten: Glasnost.“[15]

Gesellschaftliche Themen

In einer Reihe von Beiträgen zu gesellschaftlichen Themen hat Gerhard Debus sich positioniert:

Frieden

Hierzu zwei Gedichte aus dem Jahr 1967:

Tod in der Gesellschaft

1971 brachte Gerhard Debus zusammen mit Arnim Juhre als Herausgeber eine Sammlung von Beiträgen von einer Reihe von Autoren zum Thema „Tod in der Gesellschaft“ heraus.[18]

Gewalt

Mit dem Thema Gewalt befasst sich eine Textsammlung, die 1972 von Gerhard Debus zusammen mit Arnim Juhre herausgegeben wurde.[19]

Revolution und Liebe

1973 gab Gerhard Debus gemeinsam mit Arnim Juhre eine Textsammlung zum Thema „Revolution und Liebe, Liebe und Revolution“ heraus, in dem u. a. Beiträge von Ingeborg Drewitz, Kurt Marti, Manfred Eichhorn, Ernesto Cardenal und Heinrich Albertz (im Interview) enthalten sind.[20]

Schriftsteller erzählen biblische Geschichten

Unter der Sammlung von Geschichten Geboren auf dieser Erde (1982),[21] u. a. von Strindberg, Hemingway und Thomas Mann, findet sich auch eine Erzählung von Gerhard Debus mit dem Titel Geboren auf dieser Erde, wie auch der Titel des Buches. Sie handelt von Hirten in der Heiligen Nacht. Einer von ihnen sagt am Ende der Erzählung: „Er kommt, nackt und bloß, und wenn er Glück hat, mit einem Fell zum Zudecken. Einer von uns. Geboren auf dieser Erde.“ (S. 19).

Lebensrückblick

Viele, die Gerhard Debus begegneten, mögen Rudolf Bohren zustimmen, wenn er in seinem Nachruf 2008 schreibt: „[Mich] erstaunte er durch sein weitgefächertes Wissen und seine umfassende Belesenheit. Er konnte sich zurücknehmen, das machte ihn sachlich, das gab ihm Gewicht.“[22] So verhielt er sich im Kreis der Doktoranden und Studenten; das durch seine Anregungen Erarbeitete bewertete er als gemeinsames Produkt. Ebenso im privaten Gespräch konnte er sein humorvolles lebendiges Erzählen zurücknehmen und aufmerksam zuhören. Er war offen und sensitiv für Probleme und Konflikte anderer und für manchen mündete eine lockere Unterhaltung in therapeutische Gespräche. Er war immer umgeben von Büchern. Geselliges Leben, aber auch Rückzug waren ihm wichtig. Er kochte leidenschaftlich und gut für andere und vertiefte sich gerne in Musik von Bach und Mozart.

Bis zuletzt arbeitete er in seiner Schriftsteller-Werkstatt vor seinem Computer. Ab und zu gewährte er mir, seinem jüngeren Bruder, Einblick, z. B. in Abschnitte zur Methode der Predigtanalyse, in Kapitel eines größeren Romans, in Skizzen zu seiner Sammlung von Todesanzeigen. Testamentarisch hatte er bestimmt, dass nach seinem Tod alles im Computer gelöscht wird. Sein Wille wurde respektiert, schade fand ich es dennoch.

Anmerkungen und Nachweise

  1. Festausschuss 750 Jahre Wiesenbach (Hrsg.): Am Anfang das Wunder: 750 Jahre Wiesenbach. 1232–1982. Ehrenklau Druckerei, Lauterbach 1982, DNB 880210443
  2. Gerhard Debus: Schalom Israel. Tagebuch einer Reise. Gütersloher Verlags-Haus Gerd Mohn, Gütersloh 1967, DNB 456319123
  3. Gerhard Debus: Murmeln. Erzählung. In Arnim Juhre (Hrsg.): Strömungen unter dem Eis. Politische Geschichten zeitgenössischer Autoren. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1968, DNB 458270245, S. 15–43
  4. Gerhard Debus: Der Apfel. Erzählung. In: Dorothee Sölle, Wolfgang Fietkau, Arnim Juhre, Kurt Marti (Hrsg.): Almanach 1 für Literatur und Theologie. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1967, S. 14
  5. Gerhard Debus (Hrsg.): Testament neu eröffnet. Bibeltexte aufgegriffen und angegriffen. Jugenddienst-Verlag, Wuppertal 1968, DNB 458322490. Darin Beiträge u. a. von Kurt Marti, Hanns Dieter Hüsch, Ingeborg Drewitz, Arnim Juhre, Wolfgang Fietkau, Rudolf Otto Wiemer und Rudolf Bohren
  6. Ausschnitt aus einer Stellungnahme zu Matthäus 5,43-48 LUT (S. 15)
  7. Stellungnahme zu Lukas 9,57-62 LUT (S. 41)
  8. Stellungnahme zu Johannes 18,28-40 LUT (S. 63)
  9. Stellungnahme zu Korinther 14,1-40 LUT (S. 70/71)
  10. Stellungnahme zu Korinther 13,1-13 LUT (S. 98)
  11. Aus Almanach 2 (1968), S. 173
  12. Jantine Mareike Nierop: Die Gestalt der Predigt im Kraftfeld des Geistes. Eine Studie zu Form und Sprache der Predigt nach Rudolf Bohrens Predigtlehre [Bohren, 1971]. Dissertation. Universität Leiden, NL, 2006, S. 169–170
  13. Rudolf Bohren, Klaus-Peter Jörns (Hrsg.): Die Predigtanalyse als Weg zur Predigt. Francke, Tübingen 1989, DNB 881329177
  14. Georg Vischer, Harald Grün-Rath: In memoriam Gerhard Debus. Predigt im Gespräch. Nr. 97, 2008, S. 10–11
  15. privates Dokument
  16. Gerhard Debus: Friedensnachrichten. In: Dorothee Sölle, Wolfgang Fietkau, Arnim Juhre, Kurt Marti (Hrsg.): Almanach 1 für Literatur und Theologie. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1967, S. 57
  17. Ulf Miehe, Wolfgang Fietkau, Arnim Juhre (Hrsg.): Thema Frieden. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1967, S. 170
  18. Gerhard Debus, Arnim Juhre (Hrsg.): Tod in der Gesellschaft. Almanach 5 für Literatur und Theologie. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1971, ISBN 3-87294-510-6
  19. Gerhard Debus, Arnim Juhre (Hrsg.): Gewalt. Almanach 6 für Literatur und Theologie. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1972, ISBN 3-87294-512-2
  20. Gerhard Debus, Arnim Juhre (Hrsg.): Revolution und Liebe, Liebe und Revolution. Almanach 7 für Literatur und Theologie. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1973, ISBN 3-87294-514-9
  21. Arnim Juhre (Hrsg.): Geboren auf dieser Erde. Schriftsteller erzählen biblische Geschichten. Kerle, Freiburg 1982, ISBN 3-600-30103-9
  22. Nachruf im Privatbesitz