Entstehung, Bedeutung und Verbreitung des Namens „Debus“

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Friedhelm Debus

Jeder von uns hat einen oder gar mehrere Vornamen. In der Taufe sind uns bestimmte Vornamen gegeben worden, früher in aller Regel nach den Taufpaten, heute vorwiegend nach freier Wahl. Wir sprechen daher auch von Taufnamen. Es sind dies die eigentlichen persönlichen Namen, mit denen wir gerufen werden, daher auch Rufnamen. Die Familiennamen hingegen sind erblich, sie wurden uns sozusagen mit in die Wiege gelegt. Wir nennen sie auch Zu- oder Nachnamen: Es sind eben zusätzliche, nachgestellte Namen. Der Unterschied von Vor- und Nachname spiegelt sich in der geläufigen Redewendung wider: „Wie heißt du und wie schreibst du dich?“ Da wird deutlich, dass Familiennamen im offiziell-schriftlichen Verkehr eine Rolle spielen. In unseren Dörfern, in denen jeder jeden kennt (jedenfalls früher), wurde und wird der Familienname im täglichen mündlichen Gebrauch nicht verwendet, sondern gewöhnlich der Rufname in Verbindung mit dem Hausnamen (z. B. Handeis Walter in Gönnern oder Howe Ludwig in Friedensdorf). Früher reichte der Rufname zur Kennzeichnung aus. Da stellt sich die Frage, weshalb überhaupt Familiennamen entstanden sind und wann das geschah.

Etwa seit dem 12. Jahrhundert blühten in Deutschland die bestehenden Städte auf und viele wurden zusätzlich gegründet. Durch Zuzug entstanden für die damalige Zeit beträchtliche Einwohnerzahlen, so dass derselbe Rufname am gleichen Ort häufiger begegnete. Das kam vor allem dadurch, dass sich um diese Zeit das Namengebungs-Verhalten radikal änderte: Statt der überaus zahlreichen altdeutschen Namen gab man nun infolge religiöser Aufbruchstimmung (Heiligenverehrung, Reliquienkult, Kreuzzüge) Namen nach der Bibel oder nach Heiligen, z. B. Johannes, Jakob(us), Paul(us), Matthäus und Maria, Elisabeth, Ruth, Magdalena. Einige dieser Namen wurden außerordentlich beliebt, vor allem Johannes und Maria über Jahrhunderte hin. Wie sollte man nun die vielen Gleichnamigen unterscheiden? Das war nicht nur unter verwaltungstechnischen Gründen (z. B. Steuern!) nötig. Nun: Man fügte auf die Einzelperson bezogene Eigenschaften hinzu, z. B. nach dem Beruf (Hans genannt Müller → Hans Müller) oder nach dem Vater (Theiß Jakobs Sohn → Jakobsen → Jakobs) oder nach bestimmten Merkmalen (Elsbeth mit den schwarzen Haaren → Elsbeth Schwarz). Solche Beinamen wurden dann allmählich zu erblichen Familiennamen. Diese Entwicklung setzte zuerst in Städten ein, dann auch auf dem Land, in unserem Gebiet im 13.–15. Jahrhundert.

Der Name Debus gehört zur Gruppe der von einem Vornamen, und zwar von Matthäus, abgeleiteten Familiennamen. Einer der Jesus-Jünger, der ursprünglich Levi hieß (vgl. Markus 2,14 LUT und Lukas 5,27-29 LUT), wurde so genannt; er soll das Matthäusevangelium verfasst haben. Es ist ein hebräischer Name, der in der lateinischen Form übernommen wurde. Seine Bedeutung ist „Gottesgeschenk“. Wie alle anderen Namen wurde auch Matthäus im täglichen Gebrauch mundartlich abgewandelt. Da er überall in deutschen Landen im Mittelalter und der frühen Neuzeit häufig vergeben wurde (heute kaum noch), entstanden verbreitet recht unterschiedliche Namenformen, die dann zu Familiennamen wurden und bis heute in diesen Formen existieren. Von Matthäus gibt es in Deutschland insgesamt 234 verschiedene Familiennamenformen bzw. -schreibungen. Diese sind neuerdings, wie alle übrigen Familiennamen, nach den Telefonanschlüssen in einer Datenbank gespeichert, welche die Grundlage für den entstehenden „Deutschen Familiennamen-Atlas“ darstellt. Dazu gehört also auch Debus, wovon ich eine Verbreitungskarte mit einigen weiteren Varianten beifüge (Karte 1). Doch wie ist es überhaupt zu dieser Form gekommen?

Matthäus besteht aus zwei Bestandteilen: Ma- und -thäus mit Betonung auf ä. Da das schwach betonte Ma- weithin unterdrückt wurde, blieb Thäus übrig, das zu Theus und Deus wurde (ein T wird in unseren Mundarten wie D ausgesprochen; vgl. Däfe „Taufe“, Desch „Tisch“ usw.). Wenn nun zwei Selbstlaute (Vokale) aufeinandertrafen, wie hier eu, wurde oft eine Art Übergangslaut zur besseren Aussprache eingefügt, in der Regel ein w. So entstand Dewus. Und da bei uns ein „b“ zwischen zwei Selbstlauten mundartlich als „w“ ausgesprochen wird (z. B. geawe „geben“, läiwe „liebe“ usw.), hat man fälschlich – „hyperkorrekt“ – Dewus zu Debus verhochdeutscht. Karte 1 zeigt die Verteilung von „b“ und „w“. Nördlich kommen die „w“-Formen konzentriert vor, südlich die „b“-Formen. Die größte Häufung von Debus zeigt sich genau in unserem Hinterländer Gebiet. Daneben begegnet auch Debes, besonders im Untermaingebiet. Die einzelnen Streubelege außerhalb des Kerngebietes erklären sich durch Wegzug von Familien in der früheren oder jüngeren Vergangenheit. So wohne z. B. ich selbst bei Kiel und unsere Söhne wohnen in Hamburg, Münster und Kiel, was sich durch Punkte auf der Karte niederschlägt.
Nun habe ich das 1629 einsetzende umfangreiche Taufbuch des großen Kirchspiels Dautphe mit neun, seit 1681 sieben Orten ausgewertet. Dabei zeigen sich interessante Entwicklungen. So wurde am 1. Februar 1629 eine Kreingen [Kathrinchen] Debes aus Friedensdorf getauft (Vater: Johannes Debes). Debes erscheint anfangs öfter, auch als Vorname, z. B. erhielt am 7. Juli 1631 ein Junge den Namen Debes nach dem Paten Debes Reuther in Friedensdorf. Am 23. September 1632 begegnet dann erstmals die Schreibung Debus, wobei Jacob Debus aus Friedensdorf als Vater des am 16. April 1635 getauften Paulus Debus genannt wird. Dieser gründete den Pahleshof in Katzenbach. Er wird außerdem 1662 als Paul bzw. 1673 als Paulus Debus aus dem Katzenbach als Pate verzeichnet. Schon 1661 wird Gertrudt Paulus Debus Hfr. [Hausfrau] im Katzenbach als Patin aufgeführt. Die Form Debes wird dann bald ganz durch die Debus-Schreibung abgelöst. Aufschlussreich ist der Eintrag vom 9. Februar 1637: Ein Junge wird Mattheus nach dem Paten Diebus Linder aus Wolfgruben benannt und entsprechend ein Junge am 16. Januar 1648 nach dem Paten Debus Schmidt aus Damshausen; der Vater dieses Jungen ist Jacob Debus aus Friedensdorf. Das zeigt, dass man Debus/Diebus als zu Matthäus gehörig angesehen hat, auch wenn damit – wie sonst noch gelegentlich – die gleichbedeutenden Formen Matthäus Debus kombiniert wurden. Übrigens erhielt noch am 25. April 1865 ein Junge aus Silberg den Vornamen Debus (Schmidt) nach dem Großvater und Paten Debus Pitz, ebenfalls aus Silberg.

Neben Matthäus ist Matthias ein noch häufiger gegebener Name gewesen, er ist es ja heute noch. Von ihm existieren sogar 355 verschiedene Formen/Schreibungen in den deutschen Familiennamen. Dieser Name, der in der Frühzeit mit Matthäus verwechselt werden konnte, stammt ebenfalls aus dem Hebräischen und hat dieselbe Bedeutung. Der Apostel Matthias wurde durch Losentscheid für Judas Ischariot nachgewählt (Apostelgeschichte 1,15-26 LUT). Im Dautpher Taufbuch kommt Matthias sowohl als Vor- als auch als Nachname vor, daneben die zum Zweitbestandteil –thias gehörenden Formen Theis, Deys. Gleich der zweite Eintrag vom 10. März 1629 nennt als Paten Deiß backes aus Damshausen, und am 4. Oktober 1637 begegnet als Patin eine Jorga [Georga] Deiß aus Hommertshausen; hier haben wir also wieder die heimische D-Schreibung. Am 6. Januar 1854 wird demgegenüber Theis Debus als Vater der Anna Elisabeth Debus aus Mornshausen bezeugt. Auf der beigefügten Karte 2 ist die typische Süd-Nord-Verteilung von Theis und Thies mit den wichtigsten Varianten abgebildet.
Eingangs haben wir gesehen, wie wichtig die Hausnamen sind. Sehr oft sind sie von Vornamen hergeleitet, so der schon genannte Name „Handeis“. Darin ist der erste Bestandteil die Kurzform von Johann, welcher Name besonders im 17.–19. Jahrhundert einem weiteren Rufnamen gerne vorangestellt wurde. Dazu gehören z. B. auch Hanweiets (Johann Weigand) oder Gehanjirjes (Johann Georg), beide Friedensdorf, oder Gehandengels (Johann Daniel) aus Gönnern. Bei diesen Namen folgte ursprünglich Haus oder Hof, wodurch sich das „s“ am Schluss erklärt.

Die wenigen Beispiele konnten zeigen, wie sehr die ursprünglichen Namen mundartlich-umgangssprachlich verändert wurden, gelegentlich so sehr, dass ihre Ursprungsform kaum wiederzuerkennen ist. Wurde z. B. bei Matthäus und Matthias die Betonung auf den Anfang verlegt, entstanden die als Familiennamen weit verbreiteten Formen Mat(t)es/Mat(t)is oder ganz verkürzt Mats. Das im Einzelnen darzustellen, wäre ein eigenes Thema.