Eine Betrachtung zu „Die armen Leute von Kombach“

Aus Genealogen im Hinterland
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Kontext

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Volker Schlöndorffs Film Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach (1971) publizierte Elsa Blöcher diesen Aufsatz. Er erschien 1973 in Biedenkopf von A bis Z und wurde 1985 in die Aufsatzsammlung Beiträge zur Geschichte des Hinterlandes aufgenommen (Band II, S. 393 f.).

Eine Betrachtung zu „Die armen Leute von Kombach“ – von Elsa Blöcher

Buchdeckel (1985)
Die Strumpfstrickerin Katharina Pfeiffer zu Wommelshausen

Wie kommt es, daß Schlöndorffs Fernsehfilm „Die armen Leute von Kombach“[1] gerade in dem Gebiet, wo sich 1824 „der Postraub in der Subach“ abspielte, auf mancherlei Kritik stößt? Schon der Titel des Films und der des Gerichtlichen Berichts, von dem der Regisseur angeregt wurde, weisen auf unterschiedliche Ausgangspunkte hin, von denen aus das gleiche Geschehen abläuft, einmal die fast märchenhafte Wald- und Dorfwelt, voller seelischer Spannung, ein soziales Bild des Verlangens nach mehr Licht, nach dem besseren Leben, Hände, die zu schwach sind, dies mit rechten Mitteln zu verwirklichen, andererseits die unlyrische, unepische Dramatik des gewollten Herausbrechens aus einer durch Gesetz, Sitte und Moral klar und fest gefügten Ordnung des bäuerlichen Lebens mit dem als gerecht empfundenen tragischen Ausgang.

Von dem geschichtlichen Ereignis blieben im Film nur Namen von Orten und Personen und der äußere Ablauf. Die Einheimischen enttäuschte es, daß der Film weder die historische Landschaft, noch das Bild eigenständiger dörflicher Volkskunde wiedergibt, die zu sehen man gehofft hatte.

Die Heimatgeschichte wird öfters nach den wirklichen Hintergründen, nach den Menschen des Geschehens gefragt. Der Postraub gehört in die Reihe der Untaten von Banden, die jeweils nach großen Kriegen in fast allen Teilen Mitteldeutschlands ihr Unwesen trieben. 1765 wurde eine solche bei Laasphe[2] hingerichtet; ihre Führer stammten aus Hatzfeld. Um 1800 hatten sich die Kerle einer bekannten thüringisch-hessischen Bande wahrscheinlich nach Katzenbach bei Kombach zurückgezogen, 23 Jahre Krieg, Soldatenleben von 1792–1815, französische Besatzung, Feldzüge von der Belagerung von Mainz an bis zu Napoleons Kämpfen in Österreich, Spanien, Rußland mit hessisch-hinterländer Soldaten auf Seiten des Rheinbundes ließen manchen nach 1815 nur schwer in das wohlgeordnete, bäuerliche und bürgerliche Leben zurückfinden. Zu ihnen mag David Briehl, der Anführer der Posträuber gehört haben.

Wo der Film nach historischen Erklärungen sucht, wird die Aussage schief. Die Leibeigenschaft war schon 1811 in Hessen-Darmstadt aufgehoben worden. Die kurhessische FräuleinsteuerWikipedia-logo.png wurde im Darmstädter Hinterland auch vorher nicht erhoben. Für den Überfall hatten die Täter wohlüberlegt das einzige Wegstück ausgesucht, das dicht an der kurhessischen Grenze verlief; im Falle des Mißlingens konnten sie in das „Ausland“ ausweichen. Die Gelder, die der Postkarren von Gießen regelmäßig nach Gladenbach, Biedenkopf und Battenberg brachte, gingen an die dortigen Behörden, an die beiden Landräte, die Forstverwaltung, die Gerichte. Sie waren bestimmt für Ausgaben der Ämterverwaltung, für Gehälter und Löhne, für den Straßenbau, der ab 1817 neue Straßen wie die von Buchenau nach Biedenkopf und Wallau nach Simmersbach, von Ludwigshütte nach Hatzfeld anlegte, neue Brücken und Ausbau der alten Wege durchführte. An diese Beträge Hand zu legen, galt als Verbrechen.

Die Hinterländer Dörfer waren nicht reich. Die Darstellung proletarischer Armut im Film wird aber als entstellend empfunden, wie die schlampige Braut im weißen Gardinenschleier. Die vornehm-strenge Tracht des Amtes Dautphe gab auf Festen und Feiern einen gewissen würdigen Ernst im Ablauf althergebrachter dörflicher Gewohnheiten. Gerade in Kombach blühte zu jener Zeit daneben das Handwerk von Schreinern, deren Arbeiten noch heute manches hessische Museum bereichern (und von dem verstorbenen Architekten Karl Rumpf (Marburg)[3] als künstlerisch wertvoll charakterisiert wurden).

Als stärksten Stilfehler empfand man die Darstellung von David Briehl als Handelsjuden mit Bauchladen, Seidenstrümpfe verkaufend. Seidenstrümpfe gibt es in unseren Dörfern erst nach dem 1. Weltkrieg.

Die Nachkommen von David Briehls Bruder leben noch heute in Dexbach; sein Elternhaus steht an der Hauptstraße. Wahrscheinlich war er der Sohn des Johann Hermann Briehl, geboren am 2. November 1774; er lebte in Dexbach unverheiratet.

In vielen Hinterländer Dörfern verdiente man ein wenig Bargeld durch den Verkauf selbst gestrickter Strümpfe, die in vielen Mustern, in weiß, grau oder farbig von Strumpfhändlern gesammelt und zu alten Strumpfhändlern in die hessischen Städte, nach Marburg, Gießen, Frankfurt und auf die Wetterauer Märkte gebracht wurden. Nach Amerika ausgewandert, gründete David Briehl dort eine Strumpffabrik, die noch heute bestehen soll.

Die in Kombach zurückgebliebenen Täter sollen noch in der Nacht nach dem Überfall einen Teil der Beute bei guten Bekannten in die Nachbardörfer in Sicherheit gebracht haben. Der alte Soldan soll im Zuchthaus seine Mithelfer jeden Morgen durch ein selbstverfaßtes Lied zum Ausharren angehalten haben. Er sang „halte fest an deinen Glauben …“, d. h. an dem Glauben, doch noch in den Genuß der Beute zu kommen: „Verratet nichts.“ Man kennt nur noch die 1. Zeile der langen Ballade. Das Lied war bis zur Jahrhundertwende in Breidenstein und Wallau bekannt.

Quelle

  • Eine Betrachtung zu „Die armen Leute von Kombach“ (1973) in Elsa Blöcher: Beiträge zur Geschichte des Hinterlandes: gesammelte Aufsätze. Hrsg.: Hinterländer Geschichtsverein. Bd. 2. Verlag Max Stephani, Biedenkopf 1985, DNB 551358521, S. 393 f.Inhaltsverzeichnis (PDF), alternativ hier

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Weblinks

Anmerkungen

  1. Der Fernsehfilm Die armen Leute von Kombach lief 1971 unter dem Titel Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach als Kinofilm.
  2. Seit dem 1. Januar 1984 führt die Stadt Laasphe als Kneipp-Heilbad und Luftkurort den Namen Bad LaaspheWikipedia-logo.png.
  3. Zu Karl Rumpf siehe z. B.: Karl Rumpf. In: Deutsches Dokumentationszentrum für Kunstgeschichte – Bildarchiv Foto Marburg. Abgerufen am 15. Mai 2020.

Die Anmerkungen sind von Eckhard Henkel, nicht von Elsa Blöcher.