Ein Lebensumbruch 1943–1945: Geograph und Handelslehrer Dr. Fritz (Friedrich Wilhelm) Debus aus Bochum

Aus Genealogen im Hinterland
Zur Navigation springenZur Suche springen

Berichtet von dessen Neffen und Patensohn, Friedrich Debus aus Bochum, und Günter Debus aus Gönnern/Aachen

!!! im Aufbau !!!

Einordnung in die Debus-Linie

Mornshausen – Scheffersch
(0) Johann Henrich Debus (1810–1884) & Margaretha Müller (1810–1860)

Mornshausen – Dortmund-Sölde
(1) Hans Henrich Debus (1834–1884), siehe Hans Henrich Debus (1834–1884) aus Mornshausen geht ins Ruhrgebiet

Dortmund-Sölde – Wattenscheid
(2) Carl Friedrich Debus (1860–1934), siehe Als Steiger an Ruhr und Saar: Carl Friedrich Debus (1860–1934) – Vater von zwölf Kindern

Bochum
(3) Friedrich Wilhelm Debus (1888–1957)

Biographie

Friedrich Wilhelm Debus (Fritz gerufen) mit Frau Katharina und Tochter Elisabeth hinter seinen Eltern, dem Steiger Vater Carl Friedrich Debus und seiner Frau Karoline, geb. Kleff

Vorbemerkung

Zur Unterscheidung vom „Frankfurter Dr. Fritz Debus“ (siehe Beim Wort genommen: Dr. Fritz (Friedrich Karl) Debus (1899–1981) aus Frankfurt) nennen wir Friedrich Wilhelm Debus aus Bochum den „Bochumer Dr. Fritz Debus“. Sie hatten gemeinsame Ur-Ur-Großeltern in Mornshausen.

Am Lebenslauf des Bochumer Dr. Fritz Debus dokumentieren wir die typische Einbindung eines Beamten in das NS-System (1933–1945) – später als Mitläufer eingestuft – und die Rechtfertigungsprobleme nach 1945.

Einige Bilder stammen aus Privatbesitz, das meiste an biographischen Angaben wurde in Archiven recherchiert.

Schule, Studium und Beruf

Seinen Promotionsakten von 1920 liegt ein selbst verfasster Lebenslauf bei. Aus ihm entnehmen wir wichtige Lebensstationen:

Zwei Jahre nach der Eheschließung seiner Eltern wurde Carl Friedrich am 6. August 1888 in Bochum-Laer geboren. Sein Abitur machte er 1909 an der Ober-Realschule in Dortmund. Danach nahm er das Studium der Geographie auf, zunächst von 1909 bis Herbst 1910 drei Semester in Marburg, also in der Nähe seiner großväterlichen Heimat, danach von 1910 bis 1911 zwei Semester in Berlin und abschließend bis Herbst 1914 sechs Semester in Münster.

Als Friedrich Debus 1909/10 in Marburg studierte, erkundete er das Herkunftsland seines Großvaters. Dies geht aus einem Brief* seiner Tochter von 2003 an den Cousin Friedrich Debus in Bochum (Mitautor) hervor:

„Vater hatte sich ja schon vor dem 1. Weltkrieg, als er in Marburg studierte, fündig gemacht, die Stammheimat der Debus!“

Im März 1920 macht er sein Doktorexamen und im Februar 1921 sein Staatsexamen.

„Die Philosophische und Naturwissenschaftliche Fakultät der westfäl. Wilhelms-Universität ernennt durch diese Urkunde Herrn Studienreferendar Fritz Debus aus Laer bei Bochum auf Grund seiner auf umfangreichen Quellenstudien beruhenden, ergebnisreichen Dissertation ‚Die Weinrebe auf der Iberischen Halbinsel in ihrer geographischen Verbreitung, ihrer kulturhistorischen und wirtschaftlichen Bedeutung‘ und der sehr gut bestandenen mündlichen Prüfung zum Doktor der Philosophie und verleiht ihm die mit dieser Würde verbundenen Rechte.
Münster i.W., den 11. März 1921
Der Dekan: Hubert Grimme“

Wie wir aus der Festschrift des heutigen Louis-Baare-Berufskollegs Bochum erfahren:

„Schon 1921 geht Fritz Debus an die ‚Öffentliche Höhere Handelsschule‘ in Bochum und gehört dieser Schule bis 1945 an. Dort wird er Ostern 1921 als Studienreferendar vereidigt, ein Jahr später zum Studienassessor ernannt. In der Chronik wird Dr. Debus als Handelsoberlehrer (als einer von 21 hauptamtlichen Lehrkräften) unter Rektor Carl Lucke genannt.“

Am 7. Juni 1924 heiratet Fritz Debus in Münster Katharina Wilhelmina Franziska Zunger. Sie wohnten 1937 in Bochum, Friederikastr. 65, eine im Süd-Westen Bochums verlaufende, in den Romanusplatz mündende Straße.

Aus eigenen Niederschriften (nach 1945)* erfahren wir Näheres über seine Zeit an der Schule:

„Im November 1925 bat mich der Direktor der Schulen, eine VDA-Schulgruppe zu gründen. Ich war als Geograph zur Anstalt gekommen. Das hat ihn vielleicht bewogen, mich zum Leiter der Gruppe zu bestimmen. Unser Programm lautete: Geld zu sammeln für die kulturelle Betreuung der Deutschen im Ausland. […]“

Als besonders ehrenvoll erlebte Fritz Debus seinen Aufenthalt in London 1928, er berichtet*:

„Aufgrund einer Einladung der Zentrale für ‚Adult Schools‘ (Schule für Erwachsene-Volksschule) in London sprach ich als Mitglied des ‚English Conversation Club‘ in Bochum im April 1928 auf einer internationalen Volkshochschulwoche in der englischen Hauptstadt über ‚The Economc Situation in Germany‘ (Die wirtschaftliche Lage Deutschlands) vor etwa 100 Gästen.“

In 1932 und auch zuvor – also noch vor 1933, dem Jahr der Machtergreifung der Nazis und mit ihr der Kontrolle arischer Abstammung – war Fritz Debus im Hinterland, der hessischen Heimat seiner Vorfahren. Hier suchte die Familie den Herkunftsort des Großvaters in Mornshausen an der Dautphe auf und besichtigte die Orte mit vielen Debus-Spuren, wie Caldern (Debushof), Holzhausen und Bottenhorn (viele Debus-Namen). In Schäfers-Hof in Mornhausen machten sie Station und stellten sich zusammen mit der Familie in Schäfers ins Bild.

Von dieser Fahrt berichtet die Tochter von Fritz Debus, Elisabeth, in einem Brief an ihren Cousin Friedrich Debus in Bochum, datiert vom 19.12.2003:

„Ich war mit meiner Großmutter [väterlicherseits] und meinen Eltern mehrfach in ‚Bottenhorn’, ein kleines Dorf in der Nähe von Kaldern der Heimat unserer Familie. Hier liegt auch der Debushof etwa 5–7 Häuser damals! Es war sogar auf der Landkarte eingezeichnet. Ich habe als Kind alle Friedhöfe und Kirchen mit meinen Eltern erwandert. Im Museum in Kaldern stand der älteste Beweis der Familie. Ein geschnitzter Schweinetrog mit dem Namen der Brautleute und der Zahl 1548, wahrscheinlich Heiratsdatum. – Wir haben alle Friedhöfe abgeklappert und nach unserem Namen gesucht.“

1933: Einordnung im NS-Regime

Die erste Seite des von Fritz Debus ausgefüllten Fragebogens vom April 1933

1933 begann auch für Fritz Debus eine neue Welt, die Welt der NS-Herrschaft. Was er vorher dachte und bei der Machtübernahme empfand, wissen wir nicht. Als Beamter und Lehrer wurde er aber gleich im Frühjahr 1933 konfrontiert mit den Anforderungen der neuen Machthaber.

Wie alle Beamten musste auch er 1933 einen Fragebogen ausfüllen, in dem er Fragen zu Ausbildung und beruflichem Werdegang beantworten musste. Auf die Frage, ob er politischen Parteien angehört habe, antwortet er:

„Ich habe niemals einer politischen Partei angehört. Ende März 1933 habe ich mich zur NSDAP angemeldet mit Wirkung zum 1. April 33.“

Im Fragebogen zum „Nachweis der arischen Abstammung des Beamten“ von 1937 gibt er an:

  • In der NSDAP 1.V. 1933 (Nr. 3572700)
  • In der SA seit dem 2.V. 1933 (z.Zt. Oberscharführer u. Fürsorgereferent im SA-Sturm R1 (17)
  • Seit 1925 Schulgemeinschaftsleiter im VDA (Verein für das Deutschtum im Ausland), seit 1936 Bezirksverbandsleiter im VDA für das Industriegebiet
  • NSLB – NS Lehrerbund
  • NSV – NS Volkswohlfahrt

Zu Anlass und Beginn seiner eigenen Mitgliedschaften in NS-Organisationen schreibt Fritz Debus im Rückblick (nach 1945)*:

„Im März 1933 rief mich der damalige Direktor Dr. Rasch der Kaufmännischen Schulen zu Bochum fernmündlich an und empfahl mir sehr den Eintritt in die NSDAP, da die Partei in den nächsten Tagen geschlossen würde. Am folgenden Morgen gab er mir in seinem Dienstzimmer nähere Andeutungen, warum der Beitritt wünschenswert sei. Er sprach von Revolution und von dem radikalen Vorgehen solch extremer Parteien. Da hieße es: Sauve qui pent (Rette sich wer kann). Am nächsten Tag meldete ich mich erstmalig an. Die damalige Aufnahmebescheinigung ging angeblich verloren. Später habe ich dann erneut meinen Beitritt erklärt. Sämtliche Herren des Lehrerkollegiums traten damals, soweit sie noch nicht vorher Mitglied der NSDAP waren, in diese Partei ein. Um nicht Gefahr zu laufen, beruflich geschädigt zu werden, wurde ich auf Wunsch meines Direktors Mitglied mit Wirkung vom 1. Mai 1933.“

Über Vorgänge 1933 wiederum aus der Sicht des Fritz Debus unter Rechtfertigungsdruck nach 1945*:

„Im April 1933 zog mich der Direktor unserer Schulen mehrmals ins Vertrauen und erzählte mir, dass verschiedene jüngere Herren des Kollegiums über ihn bei der Partei eine Beschwerdeschrift eingereicht hätten, um ihn zu entfernen. Sehr eingehend besprach er mit mir seine Antwort zwecks Verteidigung gegen die erhobenen Anklagen. Ich glaube, dass meine persönliche Stellungsnahme gleich im ersten Satz als stärkstes Abwehrmittel eine gewisse Rolle spielte. Gelegentlich einer solchen Unterredung fragte mich Herr Direktor Dr. Rasch dann, ob ich nicht ein Amt in der Partei übernehmen wollte. Als ich das abwies, fragte er, ob ich als Turn- und Sportlehrer nicht in die SA gehen wollte. Er meinte, dass ich dann später bei der mündlichen Verhandlung ihn in der neuen Uniform besser und wirksamer verteidigen könne. – Infolge der großen Aufregungen, die die Beschwerde meinem damaligen Direktor verursachte, gingen die Nerven mit ihm durch. Im Juni 1933 wählte er den Freitod, indem er sich die Pulsadern öffnete. Einige Wochen später habe ich dann nach seinem Tode ihn in Uniform wunschgemäß in der Verhandlung verteidigt. Eine spätere Untersuchung und genaueste Prüfungen ergaben seine Schuldlosigkeit. Er wurde völlig rehabilitiert.“

SA-Mitgliedschaft:

„So ließ ich mich überzeugen und wurde auf Wunsch meines Direktors SA-Mann. Ich trat am 2. Mai 1933 in einen SA-Reservesturm, aber schon nach wenigen Wochen erkannte man mein wahres Wesen und machte mich zum Fürsorgebearbeiter. Als solcher hatte ich für die erwerbslosen armen und kranken SA-Kameraden und deren Angehörige zu sorgen. Meine soziale Tätigkeit fand Anerkennung und wurde dadurch belohnt, dass ich alle 2 Jahre einen höheren Rang erhielt.“

Die Ahnenforschung, von Fritz Debus bereits in der Marburger Studienzeit 1909/10 begonnen und in den 20er Jahren weiterbetrieben, wurde auch unter dem NS-Regime – offiziell durch die Forderung des Ariernachweises erzwungen – fortgeführt. Hierzu lesen wir im Brief von seiner Tochter Elisabeth an ihren Cousin 2003 Näheres:

„Viel erfuhr er später über einen Vetter [genauer: Vetter 3. Grades], der in Berlin beim ‚Rasseamt‘ war. Er hieß übrigens auch Dr. Fritz Debus.“

Das ist der in der Biographiereihe besprochene „Frankfurter Dr. Fritz Debus“. Wie und wo der Kontakt zustande kam, ist (noch) nicht geklärt.

Über eine weitere Aktivität, entnommen aus den Berichten nach 1945:

„Im Juli oder August 1942 wurde ich zum Kreisleiter bestellt und von ihm mit der Betreuung der Volksdeutschen des Kreises Bochum beauftragt. Als altes VDA-Mitglied und stellvertretender Kreisverbandsleiter des VDA war ich am besten mit volksdeutschen Fragen vertraut, In meiner Stellung, die ich bis 1943 innehatte, habe ich etwa 4- bis 5mal den Volksdeutschen kulturelle Veranstaltungen geboten. Diese bestanden in musikalischen Darbietungen, Vorträgen, Volkstänzen, Volksliedern usw.“

Im Januar 1942 beginnen die Deportationen der noch in Bochum lebenden jüdischen Bevölkerung. Insgesamt fallen mindestens 700 Juden aus Bochum und Wattenscheid dem Holocaust zum Opfer. Dazu Fritz Debus in einer Stellungnahme nach 1945*:

„An Ausschreitungen gegen Juden habe ich niemals teilgenommen. Auch sonst habe ich mich nie an irgendwelchen verbrecherischen Handlungen beteiligt.“

1942–1944 Bomben auf Bochum

Bochum im Bombenkrieg

Die Festung Schneidemühl in Pommern

Ab 1942 ist Bochum Bombardierungen durch Luftangriffe ausgesetzt:

Am 2. Juni 1942: erster größerer Luftangriff

Am 13. und 14. Mai 1943 sowie 12. und 13. Juni 1943 (Pfingstangriff): Die ersten von 150 größeren Bombenangriffen auf Bochum. Insgesamt gehen 550.000 Bomben auf der Stadt nieder.

Am 4. November 1944 treffen binnen einer Stunde zwischen 19 und 20 Uhr 10.000 Sprengbomben und über 130.000 Brandbomben die Stadt. 1.300 Menschen sterben, 2.000 werden verwundet und 70.000 werden obdachlos.

Bochum 1943; Fritz Debus berichtet nach 1945:

„Als der mir gut bekannte Fürsorgereferent der Standarte zum Heeresdienst eingezogen wurde, schlug er mich zum Nachfolger vor, weil ich als älterer Mann doch nicht mehr Soldat zu werden brauchte. In der neuen Stellung habe ich noch während des Krieges die Betreuung der Soldaten im Felde und der Hinterbliebenen der Gefallenen unter mir gehabt. Zu April 1943 wurde ich zum Sturmführer befördert.“

1943 Evakuierung zur Festung Schneidemühl

Die großen Luftangriffe 1943 hatten Folgen für die Schulen und auch für Fritz Debus. Aus einem Bericht der Schule lesen wir über Evakuierung und Endzeit des Krieges:

„Der totale Krieg brach 1943 auch über Bochum und die Schule herein. Der erste schwere Bombenangriff auf die Stadt in der Nacht vom 13. zum 14. Mai 1943 hatte zur Folge, dass viele Gebäude, auch Schulen, unbenutzbar geworden waren, vor allem aber, dass die Sicherheit der Bevölkerung gegen die tödliche Bedrohung aus der Luft nun nicht mehr gewährleistet war. Im Frühsommer 1943 begann die große Evakuierungswelle aller Kinder und Jugendlichen mit ihren Schulen in ungefährdete Gebiete. Dies bedeutete für unsere Schule, dass die Handelsschule und die Höhere Handelsschule mit einem Teil des Kollegiums nach Schneidemühl in Pommern umquartiert wurden, während die Berufsschule mit den übrigen Lehrern in Bochum verblieb.“

Schneidemühl in Pommern

Die Pommernstellung war ein weit verzweigtes Netz von Bunkern und unterirdischen Gängen, mit dessen Bau bereits in der Weimarer Republik, im Jahre 1928, begonnen worden war. In diese Pommernstellung war auch die Stadt Schneidemühl eingebunden. Die Baumaßnahmen wurden aufgrund der Einschränkungen durch den Versailler Vertrag streng geheim gehalten. Auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden die Bauarbeiten geheim weitergeführt. 1938 wurde zunächst nicht weitergebaut. Aber zum Ende der sowjetischen Sommeroffensive im August 1944 begann der weitere Ausbau der Pommernstellung.

Für 1944 lesen wir im Schulbericht:

„In der Zwischenzeit war aber in Schneidemühl der Unterricht ohnehin nicht mehr planmäßig verlaufen. Im Sommer und Herbst 1944 waren die Schüler und Schülerinnen der älteren Jahrgänge in ‚Einsatzlager‘ verlegt worden, um Schneidemühl zur Festung auszubauen (‚Aktion Maulwurf‘). In zwei getrennten Schreiben vom 2. November 1944 informiert VOM ORDE, der Ende 1943 von der Kammer zum Leiter der Schneidemühler Abteilung ernannt worden war, Direktorstellvertreter VOHWINKEL in Bochum: ‚… habe ich am 11. Oktober den Unterricht mit den aus dem Einsatzlager Hammer entlassenen Schülern und Schülerinnen wiederaufgenommen. … Es ist mir gelungen, Herrn Dr. Debus und Frl. Bisping für drei Vormittage in der Woche für den Unterricht frei zu bekommen, so daß wir seit etwa 10 Tagen in der Lage sind, nach einem bestimmten Stundenplan die Schüler und Schülerinnen schulisch zu betreuen. Der macht unseren Schülern und Schülerinnen große Freude, besonders seitdem wieder Stenografie und Maschinenschreiben erteilt werden können. Sie fühlen sich nach ihrem Einsatz in Schneidemühl wohl. …‘“

Der Schulbericht setzt fort:

„Inzwischen war die Ostfront immer näher gerückt, und die Frage wurde offen gestellt, ob die Sicherheit der Zivilbevölkerung, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, in Pommern oder im Ruhrgebiet stärker beeinträchtigt war. Dort war es die Rote Armee, die unaufhaltsam nach Westen vorrückte, hier machten nach wie vor die feindlichen Flugzeuge das Leben unsicher. In seinem zweiten Schreiben vom 2. November 1944, in dem man übrigens wie im ersten auch zwischen den Zeilen lesen muss, denn vieles durfte nur angedeutet und nicht offen gesagt werden, befasst sich VOM ORDE mit der Rückführung der Schüler und Schülerinnen nach Bochum: ‚… Der Kreisleiter (der NSDAP in Schneidemühl – der Verf.) sagte mir, daß er unsere Schüler und Schülerinnen und die Lehrkräfte nicht entpflichten könne, weil er jeden einzelnen für den Stellungsbau benötige und daß eine Anordnung seiner vorgesetzten Dienststelle über die Rückführung nach Bochum bei ihm nicht vorläge. … Nun müssen wir weiter abwarten. Ich habe alles getan, was nur getan werden kann. … Ich nehme an, dass Sie die Schwierigkeiten, die sich unserer Rückführung in den Weg stellen, jetzt richtig erkennen. Der Kreisleiter als Stellvertreter des Reichsverteidigungskommissars kennt nur ein einziges Gebot: es ist die vordringlichste Aufgabe, Schneidemühl zur Festung auszubauen. Ich glaube sagen zu dürfen, daß in keiner anderen Stadt Deutschlands und auch Pommerns die Lage so ernst gesehen wird wie hier in Schneidemühl. Wie der Kreisleiter mir mitteilte, sind erst 4 Millionen Kubikmeter Erde ausgehoben, weitere 3 Millionen Kubikmeter Erde müssen noch geschafft werden. Der Einsatz unserer Frauen und Kinder wird sich meines Erachtens deshalb noch bis Mitte Dezember ausdehnen. Was sonst an Vorbereitungsarbeiten für den Rücktransport geleistet werden mußte, habe ich getan. Ich habe mich u. a. mit der Bahn in Verbindung gesetzt, und es wird bestimmt möglich sein, einen Waggon als Fracht- oder Eilgut für unser Haus- und Schulinventar zu bekommen. Die Stellungnahme der Eltern der sich hier noch befindlichen Kinder ist geteilt. Einige Eltern und Kinder möchten in Pommern bleiben, besonders diejenigen, die ausgebombt sind. Auch bei den Lehrkräften ergibt sich die Frage, was sie für Einsatzarbeiten im Westen zu leisten haben. Frl. Bisping ist ausgebombt, und Frl. Kloster hat nur ein Zimmer. … Ich bin bemüht, die Umquartierungsfrage im richtigen Sinne voll und ganz zu lösen. … Ich bitte Sie, die Kammer von meinen Bemühungen zu unterrichten.‘“

Fritz Debus wird in den letzten Berichten nicht mehr genannt. Vom Neffen wissen wir, dass er in Schneidemühl weiter tätig war als „Beauftragter für das Deutschtum im Osten“. Davon ist jedoch in seinen späteren Berichten nichts zu lesen.

Die Zeit nach 1945

Die Zeit vor und nach dem Zusammenbruch 1945 wurde auch für ihn selbst zum Umbruch in seinem Leben. Wie bei seiner Mitgliedschaft in NS-Organisationen zu erwarten, wurde ein Entnazifizierungsverfahren eingeleitet, in dem er letztlich nur als Mitläufer eingestuft wurde. Für ihn persönlich entwickelte sich diese Zeit jedoch höchst belastend. Genaueres über die Zeit nach 1945 erfahren wir von Fritz Debus selbst aus einem Brief aus Dannenberg vom 14. Februar 1949 an den Entnazifizierungsausschuß:

„Im Januar 1945 mußte ich die nach Schneidemühl evakuierten kaufmännischen Schulen aus Bochum, an denen ich 24 Jahre als Lehrer tätig war, gen Westen abreisen lassen. Ich selbst wurde im Volkssturm eingezogen und geriet heute vor 4 Jahren [14.2.1945] in russische Kriegsgefangenschaft [in Swerenz östlich von Posen]. Als sich nach 7 Monaten mein Körpergewicht um mehr als 70 Pfund vermindert und ich ernstlich krank geworden war, wurde ich am 31. August 1945 entlassen.

Da ich kein Heim mehr hatte – meine Wohnung in Bochum war total ausgebombt – und ohne Geldmittel war, nahm ich in der Lüneburger Heide bei einem Bauern eine Stelle als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter an. […] Am 1. März 1947 erhielt ich durch meinen früheren Universitätslehrer eine meiner Vorbildung und Neigung entsprechende wissenschaftliche Tätigkeit. Die geldliche Entschädigung dafür war außergewöhnlich gering. Infolge der Währungsreform wurde ich arbeitslos. Diese Tatsache vergrößerte meine wegen nicht erfolgter Entnazifizierung und unglücklicher Familienverhältnisse starken seelischen Belastungen derartig, dass ich völlig zusammenbrach. (Herzmuskelschwäche, Nervenzerrüttung, Blutdruckbeschwerden, usw.). Bis zum 1. Febr. 1949 war ich Empfänger von Wohlfahrtsunterstützung. Ich erhielt monatlich 51,– DM, wovon ich noch 21,– DM Miete zahlen musste. Seit 14 Tagen arbeite ich nun wieder bei ganz bescheidener Bezahlung (etwa 100 DM monatlich) an meiner wissenschaftlichen Beschreibung des Kreises Dannenberg. Von diesem Geld muß ich auch noch meine Tochter Elisabeth, die im 9. medizinischen Semester steht, unterstützen.“

Speziell zur Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft berichtet er:

„In meiner russischen Gefangenschaft wurde ich zum Kompanie-Betreuer ernannt, obgleich ich angegeben hatte, dass ich ehemaliger PG war; als solcher habe ich anfangs nur eine und später mehrere Kompanien politisch auszurichten gehabt. Ich hielt mehrere Vorträge antifaschistischen bzw. demokratischen Inhalts. Meine Tätigkeit fand häufig Anerkennung.“

Weiterhin berichtet er, dort einen Artikel verfasst zu haben:

Wie ich Antifaschist wurde. Artikel für die Lagerzeitung in einem russischen Gefangenenlager in Swerenz östlich von Posen, geschrieben 1945. Wie ich auf Umwegen hörte, soll dieser Artikel ohne mein Wissen auch in einer süddeutschen Zeitung erschienen sein.“

Im Februar 1946 erhielt Fritz Debus die Entlassung aus dem Schuldienst:

„An den Handelsoberlehrer bei den Kaufmännischen Schulen – Berufsschulen – der Industrie- und Handelskammer zu Bochum

Herrn Dr. Debus
(13b) Weilheim
Pöltenerstr. 12 – 18.2.1946

Aufgrund der von dem Herrn Regierungspräsidenten in Arnsberg nach der ihm zugeleiteten Verfügung der Alliierten Militärregierung vom 25.7.1945 und der Verordnung des Herrn Oberpräsidenten der Provinz Westfalen über beamtenrechtliche Maßnahmen in der Provinz Westfalen und den Ländern Lippe u. Schaumburg-Lippe erlassenen Verfügung vom 25.8.1945 – G2II UN 442 betr. Aufnahme des Unterrichts in den öffentlichen und privaten Berufs-, Berufsfach- und Fachschulen entlasse ich Sie ohne Anspruch auf Ruhegehalt und Hinterbliebenenversorgung mit sofortiger Wirkung aus Ihrem bisherigen Beamtenverhältnis als Handelsoberlehrer und damit zugleich aus unseren Diensten.“

Der Entlassungsbrief vom Februar 1946 ging nach Weilheim in Bayern. Ab November 1945 hielt Fritz Debus sich aber in Mücklingen in der Lüneburger Heide auf, wie das folgende Dokument ausweist:

„Mücklingen, Bürgermeister und Ortsvorsteher 20. Dez 1946
Herr Dr. Debus wohnt bei mir seit November v. Js. In dieser Zeit hat er praktisch bei allen vorkommenden Arbeiten in der Landwirtschaft mitgeholfen und sie nach bestem Können erledigt. […]“

Friedrich Debus, Neffe, erinnert sich:

„Im ersten Nachkriegsjahr tauchte er abends bei meiner Mutter auf und bat um Kleidung, da er gewahr geworden war, dass sein Bruder, also mein Vater, gestorben war. Auf die Frage meiner Mutter, warum er zu so später Stunde käme, äußerte er sich, dass er nicht gesehen werden dürfte. Onkel Fritz hatte auch zu seinen anderen Geschwistern keinen direkten Kontakt mehr, auch zu seiner Frau nicht, sie hatten sich wohl auseinander gelebt.“

Wir erleben Fritz Debus auf Rückzug und Suche nach Sicherheit. – Seine Frau wohnte nach dem Krieg in Münster, Maximilianstr. 25., vermutlich ihr Elternhaus.

Fritz Debus tritt in die SPD ein:

„Dahlenburg, 20.12.1946

Herrn Dr. Debus wird hiermit bescheinigt, dass er seit dem 1. November d.J. Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands ist. SPD Dahlenburg“

Debus an den öffentlichen Kläger bei dem Entnazifizierungs-Hauptausschuß für den Landkreis Lüneburg, 18. August 1948:

„Nach Rücksprache mit dem Hilfskläger des hiesigen Entnazifizierunsausschusses erlaube ich mir, höflichst anzufragen, ob das gegen mich einzuleitende Verfahren nicht im Kreis Dannenberg durchgeführt werden kann. Seit dem 1.3.1947 wohne ich bei Lehrer Lohmann in Dannenberg/Elbe, Am Markt 2. – Begründung: erwerbslos, keine Geldmittel“

In Dannenberg übernahm er eine wissenschaftliche Aufgabe. Diese wurde ihm von seinem früheren Professor in Münster, Prof. Dr. Meinardus, übertragen. Ihm hatte er 1920 in seinem Lebenslauf zur Dissertation einen besonderen Dank abgestattet:

„Allen meinen akademischen Lehrern bin ich zu großem Dank verpflichtet. Besonders aber danke ich aufrichtig meinem hochgeehrten Lehrer Herrn Prof. Dr. Meinardus, der mir bei der Abfassung vorliegender Dissertation mit Rat und Tat zur Seite stand. …“

Prof. Wilhelm Meinardus, geb. 1867 in Oldenburg, war ab 1809 in Münster und ab 1920 in Göttingen Professor der Geographie. Er starb 1952.

Von dieser Arbeit in und über Dannenberg ist in Archiven nichts bekannt.

Bis 1949 bemüht Fritz Debus sich sehr darum, aus dem Bekanntenkreis ihn entlastende Aussagen für den Entnazifizierungsausschuss zu erhalten. So finden wir in seinen Akten eine Reihe von entlastenden Schreiben, u. a. von Personen der evangelischen Kirche, von Schule und Universität. In allen Schreiben wird sein soziales Wesen und sein soziales Engagement herausgestellt.

Erst am 7. März 1949 wurde die Entnazifizierung mit einem Urteil abgeschlossen:

„Entnazifizierungshauptausschuß für den Stadtkreis Bochum

In der Entnazifizierungssache des Dr. Friedrich Wilhelm Debus
in Dannenberg/Elbe, Am Markt

[vorher: Mücklingen über Dahlenburg (Kr. Lüneburg)]

In der Sitzung vom 7.3.1949
Für Recht erkannt:

Kategorie IV Keine Sperre von Vermögen und Bankkonten
Stimmverhältnis 5 : 0

Gründe

Der Betroffene fällt unter § 10, Ziffer 2b, 5, 29 der Verordnung Nr. 24 (NSDAP seit 1933 Beauftragter für Volkstumsfragen – SA seit 1933 Fürsorgesachbearbeiter im Range eines Sturmführers – VDA seit 1925 Bezirksverbandsleiter).

Aufgrund persönlicher Anhörung, des vorliegenden Entlastungsmaterials und Ermittlungsergebnissen sieht der Ausschuß als erwiesen an, dass der Betroffene kein aktiver Teilnehmer an den Angelegenheiten der Partei gewesen ist. Die Umstände, unter denen der Betroffene in die Partei eintrat, versetzten ihn in eine gewisse Zwangslage, der er sich nicht entziehen konnte. Da er durch sein nachgewiesenes Gesamtverhalten gezeigt hat, dass er kein überzeugter Anhänger des Nationalsozialismus gewesen ist, konnte der Entlastungsbeweis im Sinne des & 5 der Verordnung Nr. 24 als vorliegend erachtet werden.
Der Betroffene war daher als Mitläufer zu bewerten und dementsprechend – wie oben für Recht erkannt – einzustufen.“

Dannenberg war für Fritz Debus auch nur eine Zwischenstation. Die nachfolgende Übersicht listet die wechselnden Wohnadressen nach 1945 auf. Was er nach Dannenberg an den jeweiligen Orten getan hat, ist nicht bekannt.

  • 18.02.1946: 82362 Weilheim, Pöltnerstraße 12, Briefadresse Entlassungsverfügung
  • seit November 1945: Mücklingen über Dahlenburg, Kreis Lüneburg
  • 01.03.1947: Dannenberg, Am Markt 2 bei Lehrer Lohmann
  • ab 01.03.1947: Wissenschaftlicher Auftrag
  • 05.06.1953: Hiddesen, Lindenweg 6
  • 20.11.1954: Detmold, Klüterstraße 5
  • 11.01.1955: Detmold, Bülowstraße 32
  • 01.09.1955: Detmold, Moltkestraße 17 I
  • 03.10.1956: Detmold, Schubertplatz 7
  • am 15.05.1957 in Detmold gestorben

Wie aus der Sterbeurkunde zu ersehen, starb Fritz Debus in Detmold, fern vom Wohnort seiner Frau in Münster. Aber diese war aus eigenem Wissen vom Tod unterrichtet und zeigte den Tod in Detmold an. Der Neffe Friedrich Debus:

„Tochter Elisabeth sagte mir einmal, dass sie sehr glücklich wäre, da ihre Eltern sich vor dem Tod ihres Vaters noch ausgesprochen und vertragen hätten – mehr kann ich aus der Nachkriegszeit nicht berichten.“

Zwei Biographien: der Frankfurter und der Bochumer Dr. Fritz Debus

Durch Zufall haben wir zwei Biographien unter dem gleichen Namen Dr. Fritz Debus.[1] In der einen Biographie geht es um den Frankfurter Dr. Fritz Debus, in der anderen um den Bochumer Dr. Fritz Debus (siehe Beim Wort genommen: Dr. Fritz (Friedrich Karl) Debus (1899–1981) aus Frankfurt)). Beide Personen lebten im gleichen Zeitraum und waren in den gleichen politischen Welten eingebunden. Ihre sozialen und beruflichen Kontexte waren unterschiedlich. Auch in ihrer Persönlichkeit waren sie offenbar sehr verschieden, der Bochumer eher zurückhaltend und sozial zurückgezogen, der Frankfurter eher offensiv und sozial aktiv. Beide positionierten sich in der Zeit des Nationalsozialismus, der Bochumer als Mitläufer, der Frankfurter als Agitator. Für beide kam 1945 eine Wende. Für den Bochumer bedeutete diese Wende ein dramatisches Ende seiner – so schien es – gesicherten Lehrer-Laufbahn als Beamter und ein Weiterleben in Armut und Einsamkeit. Für den Frankfurter Dr. Fritz Debus führte die Wende zu einem beruflichen Wiederaufstieg mit großer öffentlicher Anerkennung und menschlichem Respekt.

Zwei Lebensläufe, die uns berühren.

Anmerkungen und Referenzen

  1. Dieser Text ist in beiden Biographien identisch.