Die Zeit des Bergbaus nach dem Dreißigjährigen Krieg

Aus Genealogen im Hinterland
Zur Navigation springenZur Suche springen

Autor: Norbert Nossek

Die Nachkriegszeit, als alles neu begann

Das Jahr 1648 brachte für die Bevölkerung im Breidenbacher Grund einschneidende Veränderungen. Die dreißig Kriegsjahre zuvor hatten das Land bis auf das Äußerste strapaziert. Alles, für das es sich zu Leben lohnte, war vernichtet. Von einem gesamtdeutschen Volk konnte man zu dieser Zeit noch nicht reden, denn von einem vereinten Volk der Deutschen waren wir noch ein weites Stück entfernt. 1618 war das Jahr, in dem sich die uneins gewordenen Fürsten der deutschen Länder in einen dreißig Jahre dauernden Krieg stürzten, der wegen unterschiedlicher religiöser Glaubensansichten entbrannte. Der ursprüngliche Glaubenskrieg wandelte sich sehr bald zu einem territorialen Eroberungskrieg. Schon der vorhergehende Schmalkaldische Krieg in 1547, der als Religionskrieg begann und in einem Territorialkrieg endete, darf als „Vorkrieg“ des Dreißigjährigen Krieges angesehen werden. Ausgelöst wurde dieser Krieg durch einen Glaubensstreit der etablierten, alles übergreifenden katholischen Kirche und der neuen protestantischen Bewegung, der sich immer mehr Landesfürsten anschlossen. Der Dreißigjährige Krieg hatte sich über ganz Mitteleuropa ausgeweitet, weil der dänische und der schwedische König das Bündnis der Protestanten unterstützten. Im „Breidenbacher Grund“ spürte man jedoch nicht allzu viel vom Kriegsgeschehen. Der Einstieg des katholischen Frankreichs auf die protestantische Seite erfolgte hauptsächlich, um den katholischen deutschen Kaiser zu schwächen.

Die Aufteilung Hessens

Das von Philipp dem Großmütigen vereinte Hessenland wurde auf Grund seines Testamentes auf seine vier Söhne aus erster Ehe aufgeteilt. Sein jüngster Sohn Georg erhielt den südlichen Landesteil Starkenburg mit der Regierungsstadt Darmstadt. Georg pflegte auch die testamentarisch festgelegte protestantische Religion in seinem Herrschaftsgebiet. Der Breidenbacher Grund, der mit dem ursprünglichen Perfgau zu vergleichen ist und aus diesem entstand, gehörte zu dieser Zeit noch der oberhessischen Marburger Landgrafschaft an, die ebenso lutherisch geprägt war. Ein Hinterland nach unserem Begriff gab es noch nicht. Somit hatte der „Breidenbacher Grund“ als Grenzgebiet zu Wittgenstein und Nassau eine herausragende Stellung in Oberhessen. In diesem Zusammenhang kommt dem Ort Breidenbach und den Herrn von Breidenbach eine wesentlich größere Bedeutung zu, als von den meisten angenommen wird. Sie waren in jener Zeit in einem Randgebiet die Hüter der hessischen Außengrenze.

Die Kirche als Spielball der Politik

Auch in der Kirchengeschichte veränderte sich einiges, die religiöse Geschichte hatte natürlich auch ihren politischen Hintergrund. Um 1520 kamen die ersten evangelischen Prediger in den hessischen Raum. Drei Jahre später bekannte sich Landgraf Philipp zum lutherischen Glauben und wandte sich der Reformation zu. Öffentlich erschien Philipp von Hessen erstmals 1526 als bekennender Lutheraner beim Reichstag in Speyer zusammen mit Kurfürst Johann von Sachsen, der zu den ersten fürstlichen Anhängern Martin Luthers gehörte. Aus politischer Sicht gesehen waren beide Mitbegründer des Schmalkaldischen Bundes (1530), der in einem Krieg gegen den Kaiser endete. Im Jahr 1528 hielt die Reformation mit Pfarrer Balthasar Kleinhenn im Grund Breidenbach Einzug. Nach dem Tod Ludwig IV. im Jahr 1604 wurde die Marburger Landgrafschaft, da es keinen direkten männlichen Erben aus dieser Linie gab, nach seiner testamentarischen Verfügung zu gleichen Teilen auf Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt aufgeteilt. Der Grund Breidenbach fiel zunächst an das Fürstentum Kassel. Es schien auch alles in bester Ordnung zu sein und der Glaube im Sinn Philipps auf einer lutherisch evangelischen Grundlage gefestigt zu sein. Da sich Landgraf Moritz in Kassel dem calvinistischen Glauben zugewandt hatte, wurde dieser 1605 auch im Breidenbacher Grund amtlich eingeführt. Demzufolge übernahmen die Calvinisten 1605 die kirchliche Hoheit. Der zu dieser Zeit amtierende lutherische Pfarrer Wagner nahm die geforderten Verbesserungen der Calvinisten (Reformierte genannt) an und durfte somit sein Amt weiter ausüben. Der nächste Pfarrer hieß ebenfalls Wagner. Er sprach sich jedoch 1624 gegen die Rückkehr zur lutherischen Lehre aus. Folglich verlor er sein Amt und wechselte in das calvinistische, westfälische Ausland.

Folgendes war geschehen: Da sich der evangelische Darmstädter Landgraf im Dreißigjährigen Krieg auf die Seite des katholischen Kaisers gestellt hatte, sprach ihm dieser durch ein kaiserliches Edikt 1622 die gesamte Marburger Erbschaft zu. Auf Grund dessen kehrte der Breidenbacher Grund 1624 von der calvinistischen zur lutherischen Glaubenslehre zurück. Ein junger, ehrgeiziger Pfarrer aus Allendorf an der Werra trat am 21. Juni 1624 seinen Dienst in Breidenbach an.

Auswirkung auf die Religion

Wegen diesen Konfessionsquerelen kam es zum Streit zwischen den Cousins Ludwig V. von Hessen-Darmstadt (1577–1626) und Moritz von Hessen-Kassel (1572–1632), der uns den zweiten Erbfolgekrieg (1645–1648) bescherte. Dieser Erbfolgekrieg war ein zusätzlicher Krieg während der dreißig Jahre andauernden Kriegshandlungen, die sich quer durch Mitteleuropa, vorwiegend durch den deutschen Raum zogen. Die letzten Kriegsjahre waren für unser Gebiet die schlimmsten. Die kreuz und quer durch die Lande ziehenden Truppen forderten ihre Kontributionen (Zwangserhebungen von Geldbeträgen), quälten und pressten das allerletzte aus der Bevölkerung heraus. Ein Chronist schrieb zu jener Zeit: „Was das Schwert verschonte, rafften Hunger und Pest hin“. In den Jahren 1624 und 1625 starben im Kirchspiel Breidenbach 205 Personen an der Pest. Ein erneuter Pestausbruch 1635/36 traf das Gebiet noch härter. Erst im Jahr 1648 wurde mit dem westfälischen Friedensvertrag zu Münster alles neu geregelt. Darmstadt musste nun den vierten Teil der Marburger Erbschaft an Kassel zurückgeben, behielt aber das Hinterland, in dessen Mitte sich der Breidenbacher Grund befand. Das Hinterland wurde dem Regierungskolleg zu Gießen unterstellt. Damit war Marburg urplötzlich zum Ausland geworden. Das lutherisch ausgerichtete Hinterland war nahezu komplett in einem calvinistischen Gebiet eingeschlossen.

Unter der Herrschaft Hessen-Darmstadts bestand der „Grund Breidenbach“ bis zum Jahre 1867 als Hinterland. Nach dem verlorenen Deutsch-Österreichischen Krieg 1866 musste das Hinterland an das Königreich Preußen abgetreten werden und der Kreis Biedenkopf wurde als einer von 17 Kreisen dem Regierungsbezirk Wiesbaden angegliedert. Dieser Regierungsbezirk wurde 1866 aus dem ehemaligen Herzogtum Nassau, dem hessischen Hinterland und einigen kleineren Staaten gebildet.

Die Bedeutung für die Kirche im Hinterland

Im Jahr 1624, sechs Jahre nach Ausbruch des Krieges, kamen die Lutheraner zurück. Mit dem Einzug von Pfarrer Balthasar Zahn blieb die Kirche im Hinterland bis heute durchgehend evangelisch-lutherisch ausgerichtet. Pfarrer Zahn legte 1624 neue Kirchenbücher an, schrieb alle eingepfarrten Familien mit Haus- und Grundbesitz in eine Liste, um einen Überblick über „seine Schäfchen“ zu erhalten. 1652, sechs Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg, nahm er sich diese Liste wieder vor und trug erneut die Hausbesitzer ein. Er stellte nun fest, dass von den ursprünglich 47 bewohnten Häusern in Breidenbach sieben leer standen. Nach einem Kriegsschadenregister von 1640 betrug der Schaden in Breidenbach 4242 Reichstaler. Nur wenige der eingesessenen Familien fanden sich nach 28 Jahren in den früheren Häusern wieder. In den meisten Häusern hatten sich die Besitzverhältnisse verändert, alte Namen waren verschwunden und neue aufgetaucht. Oft fand man die Namen der Schwiegersöhne in den Häusern vor. Da man wegen der außerordentlichen Kriegsschäden nur auf spärliche kirchliche Überlieferungen aus der Vorkriegszeit zurückgreifen kann, ist für Genealogen das Jahr 1624 ein Neustart im Punkt Familiengeschichte geworden.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Nach der Beilegung des Streits und dem Niederlegen der Waffen kehrte 1648 wieder Ruhe in den deutschen Ländern ein. Dieser Krieg war grausam geführt worden und hatte dem Land enormen Schaden zugefügt. In Breidenbach war die Bevölkerung so verarmt, dass es kein Vieh mehr in den Ställen gab. Im Stall des Jacob Lindeborn fand man die letzte Kuh. Sie wurde unter Anteilnahme der ganzen Bevölkerung auf den Kirchplatz geführt und dort geschlachtet, so dass jeder ein Stück Fleisch erhielt.[1] Eine starke Reduzierung der Bevölkerung durch Krieg und Seuchen bedeutete auch, dass es weniger hungrige Mäuler gab. Daher erholte sich das Land rasch in der Nachkriegszeit. Nachkriegszeit bedeutete aber auch, dass es noch lange kriegsbedingte Nachwirkungen gab. Jeder musste sich selbst helfen, so gut er konnte, denn von wo oder wem hätten die Menschen Hilfe erwarten können?

Schon zwanzig Jahre nach Kriegsende kam der Bergbau wieder in Gang. Es wurden Gewerkschaften (Bergleute, die sich zusammenschlossen, um gemeinschaftlich ein Gewerk zu betreiben) gebildet, die teils alte und neue Schürfungen aufnahmen. Bereits vor 1700 gab es in Breidenbach eine Gewerkschaft, die 1725 die Kupferhütte am südlichen Ortsausgang auf Betreiben des Landgrafen erbaut hatte.

In einem Bericht zu den „Bauwürdigen Zechen“ im Jahr 1696 befinden sich in erster Linie Kupfergruben. Genannt werden sieben Gruben in Roth und drei in Achenbach, von denen die Grube „Bergmanns Hoffnung“ den höchsten Profit abwarf. Es gab auf die Kuckse[2] sieben Gulden, 15 Albus[3] Gewinn. Die Grube „Gottesgabe“ in Roth war erst seit 1695 erschlossen und warf demzufolge mit einem Gulden 15 Albus noch keinen großen Gewinn ab.

  1. Bericht in der Chronik Runkel
  2. Kuckse = Anteilschein, ähnlich im vergleichen mit einer heutigen Aktie. Die Kuckse war ein persönliches Papier, auf das bei Gewinnverlust ein Aufschlag bezahlt werden musste.
  3. Albus = Münzgeld in verschiedenen Werten und Material, über 100 Jahre in mehreren deutschen Ländern gebräuchliches Zahlungsmittel

Bergbau als Rechtfertigung für den Anspruch auf das Gebiet des Hinterlandes

Wie in Vorberichten bereits beschrieben, rechtfertigte Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt seinen Anspruch auf das Gebiet der Ämter Königsberg, Blankenstein, Grund Breidenbach und Battenberg sowie Vöhl (aus denen das Hinterland entstanden ist) mit dem Bergbau. Diesem Anspruch wurde mit dem Friedensvertrag von Münster (1648) Genüge getan. Das verarmte Land war nach dreißig Jahren Krieg auf die Ausbeute von Mineralien und Erzen aus der Erde angewiesen. Als Ausgleich zum Hinterland auf der westlichen Seite erhielt Hessen-Kassel einen Streifen Land an der östlichen Seite Hessens bis hinunter nach Hanau.

Befinden Bauwuerdiger Zechen.png

Erster Bericht zu den in 1696 „Befinden Bauwürdiger Zechen“, 50 Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg:

Zu Roth auff dem Berge am Umbwege genant.
Die Gottes Gabe / auff welcher in vorigen in 3. Wochen bey 44 Cent. Silber=Erz / wie es von Tage hinein Zugang gebrochen / gewonnen und davon an die 22. Mr. Silber gemacht ... (1 Fl. 15 alb)
(„Gottesgabe“ wurde erst in 1695 in Betrieb genommen)
Bessere Hoffnung / liegt nicht gar weit von nechstvorhergehender Zeche / doch auff einem anderen Zuge / zahlet auf einen Kuckus (22 alb. 4 pf.)
Concordia (22 alb. 4 pf.)
Elenora / liegt im Wäldichen der Concordiæ, noch zur Zeit am nächsten / zahlet auff 1 Kuckus (22 alb. 4 pf.)

Ferner zu Roth im Elbers=Thal.
Die Feste Burg = auff den Kuckus (22 alb. 4 pf.)
Der Priester Aaron / diese beyde Gruben liegen nicht weit von einander / werden auch von einer Geweckschafft gebauet / auff den Kuckus (22 alb. 4 pf.)

In der Stein=Mühle
Engel=Huth (22 alb. 4 pf.)

Achebach im Rocker Thal
Kayser Carol
König Wilhelm

Am Bocksberge
Bergmanns Hoffnung / diese 3 Achebacher Gruben gleich wie sie von Anfang zusammen in eine Gewerckschafft geschlagen / so hat die Hoch=Fürrstl. Grund=Herrschaft es auch darben lassen bewenden / und bleibet bey der einmahl im vergangenen Jahre gemachten Anlage / auff jeden Kuckus (7 Fl. 15 alb.)

Kommentar: Daraus wird ersichtlich, dass sehr bald nach dem Dreißigjährigen Krieg die Bergbautätigkeit wieder aufgenommen wurde, um mit dem sogenannten „Bergsegen“ die Kriegsschulden begleichen zu können.
Es war auch die Zeit (1696), in der Landgraf Ernst Ludwig aus dem Rother Silbererz in Gießen den „Rother Ausbeutetaler“ schlagen ließ.

Bergbau im Breidenbacher Grund

Bergleute waren wahrscheinlich zu allen Zeiten verwegene Gesellen, raue Burschen mit nicht allzu viel Anstand, stets darauf bedacht, in einem neuen Abbaugebiet ihr Glück zu suchen. Als im Breidenbacher Grund ein erneuter Bergbauboom ausbrach (sehr wahrscheinlich auch der letzte), zog es Bergleute aus den entlegensten Gebieten ins Hinterland. Zu dieser Zeit (um 1700) gab es in Breidenbach bereits eine Bergbaugewerkschaft. Man darf eine solche Gewerkschaft nicht mit einer heutigen Arbeitnehmer-Gewerkschaft vergleichen. Es handelte sich damals um arbeitswillige Bergleute, die sich zusammengeschlossen hatten, um gemeinsam einer Arbeit nachgehen zu können. Es kam vor, dass diese Bergleute größere Strecken zurücklegen mussten, um zu ihrem Gewerk zu kommen. Dies bedeutete, dass die Breidenbacher Gewerkschaft auch in entfernten Gebieten tätig war. Der Höhepunkt der hiesigen Bergbautätigkeit war um die Jahrhundertwende (17./18. Jahrhundert), in der Zeit des Landgrafen Georg Wilhelm von Hessen-Darmstadt.

Da die Bergleute oft tage- oder wochenlang von Zuhause weg waren, suchten sie nach einer schweren Schicht etwas Abwechslung. Daraufhin beschwerte sich der Pfarrer beim Bergamt darüber, „dass diese Bergleute des Sonntags auf der Straße kegeln und sich belustigen“. Dies führte unter anderem dazu, dass sich der Leiter des Bergamtes der Angelegenheit annahm und folgende Verhaltensregeln erließ.

Verhaltenscodex für die Bergleute zu Breidenbach

Eine Verordnung aus dem Jahr 1735, erstellt von dem Bergamtsleiter Georg Wendelin Fresenius:

„Nachdem wir verschiedentlich und missfällig wahrgenommen haben, dass ein Teil unserer Bergleute sich mit Weibsbildern fleischlich, unter der Versprechung der Ehe, vermischen und andere sich ehelich versprechen und erst danach um unseren Consens anhalten.

Ein anderer Teil in der Arbeit schlafend gefunden wird und sich danach einer gelinden Bestrafung getröstet, und drittens sich ergibt, dass hier und da von Erzeugnissen und anderem etwas entwendet wird, soll dieses von nun an nicht nur gänzlich verboten sein und bleiben.

Es soll auch derjenige der sich der fleischlichen Vermischung hingegeben hat, oder derjenige, der sich ohne unserem Consens Verlobt hat ohne es uns zuvor angezeigt zu haben, wie auch derjenige der während seiner Arbeitszeit schlafend vorgefunden wird oder sonstiger Untreue überführt wird, ab dato ohne weiteres Ansehen von der Arbeit ohne Abschied fortgejagt und soll auch weiterhin nicht geduldet werden.

Dieses haben die Steiger in dem Gebet ordentlich Vorzulesen und zu publizieren, auch den fremden Burschen, die ihnen zugeschickt werden.

Ihnen dieses jederzeit Bekannt zu machen, sie vor Schaden zu wahren und fleißig acht zu geben, auch wenn sie die Übertreter finden, um sie sogleich gebührend anzuzeigen.

Nachdem auch viele Burschen nach der Einstellung ohne Grubenzeug und unter einem Vorwand nicht erscheinen und andere ihren Lohn mitbringen lassen, solches soll nicht mehr geduldet werden.

Es soll sich jeder mit Grubenzeug versehen und vor uns erscheinen, und nicht ohne erhebliche Ursache fernbleiben.

Das ein jeder Bergmann jeden Montag früh morgens im Zechenhaus zu erscheinen hat und von dem Steiger begutachtet und sein wöchentliches Geleucht von dem Steiger in Empfang nimmt.

Wenn er sich dieser Zeremonie nicht unterzieht, so muss er für sein wöchentliches Geleucht mit eigenen Mitteln aufkommen.

Das drittens der Bergchirurg Treithoff, welcher von seiner geringen Besoldung unmöglich leben kann, auf den aber gleichwohl vieler besorglichen Zufälle nicht entbehrt werden kann, erbieten sich alle Mannbahren Bergleute wöchentlich mit einen halben Kreuzer an die Steiger zu Hommertshausen und Boxbach zu vergleichen. So dass er an einem Ort Freitags und an einem anderen Ort Sonnabends alle Mannbaren Bergleute in dem Zechenhaus halbiere, forthin ein jeder der bei uns arbeiten will, diese Ordnung anerkennen soll.

Auch haben beide Steiger dieses zu publizieren und wo jemand zu wieder handelt, uns diesen zur Bestrafung anzuzeigen hat.

publ. Breidenbach den 16ten July 1735 G.W. Fresenius J.G. Cancrinus“

Die Breidenbacher Kupferhütte

Kataster Nr. 42, Lage der Breidenbacher Mühle an der Straßengabelung der Bundesstr. B 352 und der Landstraße Richtung Niedereisenhausen

In den Jahren 1725 bis 1729 wurde in Breidenbach auf landgräfliche Initiative hin eine Kupferschmelzhütte erbaut. Sie wurde südlich des Ortes an der heutigen Straßengabelung der Bundesstraße nach Niederdieten und der Landesstraße nach Wolzhausen errichtet und 1730 in Betrieb genommen. Die Hütte besaß auch ein Pochwerk, in dem mittels Wasserkraft das erzhaltige Gestein in möglichst gleiche Stücke zerkleinert wurde, um die anschließenden Betriebsabläufe zu beschleunigen. Den Antrieb besorgte ein Wasserrad, welches mit Wasser aus dem Hüttengraben angetrieben wurde. Somit hatte das Gelände zwischen der Häuserreihe in der Perfstraße und dem ehemaligen Bahndamm den Flurnamen „Im Hüttengraben“. Vor Mitte des 18. Jahrhunderts wurden in der Breidenbacher Kupferhütte Erze aus den Gruben bei Hommertshausen, Amelose, Gönnern, Lixfeld, Achenbach, Engelbach, Dexbach, Hartenrod, insbesondere aber aus der Grube Ludwig und Neuer Ludwig bei Silberg, verschmolzen. Zwischen 1731 und 1771 wurden aus den hochwertigen Silberger Erzen über 923 Tonnen Kupfer gewonnen.

Die Schmelzhütte wurde um das Jahr 1745 hauptsächlich mit Erzen aus Hommertshausen und dem Boxbach versorgt. Aus der Grube Boxbach wurden in 43 Jahren zirka 74000 Zentner Kupfererz in die Schmelzhütte nach Breidenbach geliefert und dort verschmolzen. Der zum Schmelzen erforderliche Kalkstein kam aus Niederhörlen.

Ein Bild aus dem Jahr 1951 – Das Mühlengebäude, erbaut auf den Grundmauern der ehemaligen Kupferhütte, von der Dorfseite aus gesehen. Am linken Bildrand sieht man ein Stück der Scheune, denn auf Landwirtschaft waren die Müller zu jener Zeit auch angewiesen. Hinter dem Haus, auf der abgewandten Seite befand sich ein Sägegatter, um Stammholz und Bretter für Zimmerleute und Schreiner zu sägen.

Der Produktionsablauf des Kupferschmelzens

Der gewonnene Kupferschiefer wurde zunächst auf offenem Feuer „geröstet“, um vorhandene Unreinheiten, wie z.B. Schwefel, zu beseitigen sowie das Volumen zu reduzieren. Dieser Vorgang dauerte ca. fünf Wochen. Anschließend erfolgte in den Hochöfen das „Rohschmelzen“. Der hierbei gewonnene Kupferstein wurde dann in gemauerten Röststätten nochmals sechs- bis siebenmal geröstet. Hierauf erfolgte in dem Krummofen die Trennung nach Schwarzkupfer und Spursteinen. Den Abschluss bildete das „Garmachen“, die Herstellung des Endproduktes. Von Zeit zu Zeit wurden auch Schmelzungen zur Silberausbeute vorgenommen, da auch im Rohkupfer Anteile von Silber zu finden waren.

Das Ende des Kupferschmelzens

Vor ihrer endgültigen Stilllegung um 1842 wurde an die herrschaftliche Hütte im Jahr 1802 noch ein neuer Kohlenschuppen gebaut. Die wahrscheinlich letzten Besitzer der Breidenbacher Kupferhütte (1831) war die „Ludwigshütter Kaste zu Biedenkopf“. (Wer verbarg sich wohl hinter dieser Bezeichnung?) Aus den angegliederten Gebäuden übernahm die Gemeinde Breidenbach ein Wohngebäude als Gemeinde-Armenhaus, genannt „Max Haus“. Das Hauptgebäude kaufte im Jahr 1843 der aus Niederlaasphe stammende Müller Friedrich Sinner, der bereits zwei Mühlen im Ort betrieb und die stillgelegte Schmelze in eine Kornmühle mit zwei Gängen umbaute.

Segen und Fluch der Kupferhütte

Warum wurde die Breidenbacher Kupferhütte aufgegeben?

Die Breidenbacher Kupferhütte war bis um das Jahr 1842 in Betrieb.

Die Kupferhütte bei Biedenkopf (damit ist sicherlich die Erlenmühle gemeint) wurde 1847 unter dem Namen „Alexanderhütte“ erbaut. Natürlich erfolgte nach dem Neubau einer Hütte nicht automatisch eine erfolgreiche Schmelzung. Es gab auch zu früheren Zeiten technische und logistische Probleme, allerdings in anderen Dimensionen als heute. Wann genau der letzte Schmelzgang in der Breidenbacher Hütte stattgefunden hat, ist nicht dokumentiert. Realistisch ist eine Übergangszeit von ca. 20 bis 30 Jahren, in welcher die Breidenbacher Hütte heruntergefahren wurde und die Alexanderhütte, welche in der Folge die Schmelzungen der Breidenbacher Hütte übernahm, voll ausgelastet war.

Die Wirtschaftlichkeit war zu jener Zeit nicht unbedingt ausschlaggebend für den Bau einer Produktionsstätte. Es zählte das Produkt selbst. In der heutigen Zeit ist es durchaus vergleichbar mit den Minen Südamerikas. Nebenkosten wie Löhne etc. fielen kaum ins Gewicht. Mitteleuropa betrat in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts die Schwelle zum Industriezeitalter. Damit kam der Wirtschaftlichkeit eine ständig wachsende Bedeutung zu. Die Breidenbacher Hütte wurde 1731 in Betrieb genommen, erbaut nach dem damaligen technischen Kenntnisstand. Sie war nach ca. 100 Jahren sehr wahrscheinlich veraltet und somit für die neue Zeit unrentabel. Die letzten Besitzer dieser Hütte werden 1831 mit der „Ludwigshütter Kaste zu Biedenkopf“ angegeben. Es ist durchaus möglich, dass sie auch die Besitzer der Ludwigshütte sowie der neuen „Alexanderhütte“ waren. Der Name „Alexanderhütte“ wird bei der Fracht von 85 Tonnen Erz vom Kupferbergwerk „Krainhute“ bei Angelburg in den Jahren 1785 bis 1847 erwähnt. Natürlich war ein Transport des Abbaus aus der Hommertshäuser Gegend bergab nach Biedenkopf wirtschaftlicher als über die „Silberger Höhe“ nach Breidenbach. Dagegen mussten die Angelburger Erze über den „Saurüssel“ transportiert werden. (Saurüssel nennt man den Straßenverlauf hinter Niedereisenhausen, im Bereich des Fußballplatzes).

Der Segen

Der Segen der Kupferschmelzhütte lag zunächst einmal in den Einnahmen. Arbeiter, Schmelzer, Schreiber und Handwerker profitierten zwar auch von der Hütte, aber in erster Linie waren dies der Landgraf, die Herrn von Breidenbach und die Gemeinde. Die Gemeinde Breidenbach konnte während der aktiven Zeit der Hütte als wohlhabend bezeichnet werden. Dies spiegelt sich wider in den Hausneubauten und Erweiterungsbauten. In der Gemeinde Breidenbach gibt es kaum Gebäude, die aus der Zeit vor 1750 stammen. 1867 wurde der Landkreis Biedenkopf preußisch, dies war der Aufbruch in eine neue Zeitepoche. Zur besseren Erschließung des preußischen Landes wurden neue Verkehrswege und Landstraßen erbaut. Auch die Schelde-Lahn-Straße von Breidenbach über Wolzhausen nach Niedereisenhausen wurde neu angelegt. Somit begann um 1903, ca. 50 Jahre nach der Stilllegung der Hütte, die Bebauung der Schelde-Lahn-Straße.

Der Fluch

Bereits 1843 wurde die Hütte zu einer Mahlmühle umgebaut, mitten in einem verseuchten und kontaminierten Gebiet. Die Auswirkung der Umweltvergiftung durch Schwefelsäure hielt sich noch ca. 50 Jahre, auch belegt durch die Sterberate der ersten drei Müller-Generationen. Die Bebauung an der Schelde-Lahn-Straße erfolgte ca. 50 Jahre nach Stilllegung der Hütte. Die Frage bleibt, ob die Umweltvergiftung in dieser Zeit noch Einfluss auf die Gesundheit der neuen Anlieger hatte. Die Ablagerung von Schwefelsäure, die bei der Verhüttung des Kupfers freigesetzt wurde, lagerte sich in einem Umkreis bis zu 100 Metern ab, je nach Windrichtung auch noch weiter. Dieses Phänomen wird bekannt gewesen sein, es gab aber zu dieser Zeit jedoch noch keine Mittel, um die Säure zu binden und unschädlich zu machen. Daher erbaute man eine Schmelze soweit wie möglich an die südöstliche Seite einer Ortschaft. Denn in unserer Region herrschen überwiegend nordwestliche Winde vor, welche die giftigen Abgase aus dem Lebensbereich der Menschen wegwehten. Man sieht: Dumm waren die Vorfahren nicht, sie wussten sich durchaus mit ihren gegebenen Mitteln zu helfen.