Die Auswanderung

Aus Genealogen im Hinterland
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Dokumente über ausgewanderte Personen und Familien aus Breidenbach

Autor: Norbert Nossek

Einleitung

In den beiden ersten Dritteln des neunzehnten Jahrhunderts hatte das Hinterland arme Zeiten durchzumachen. Nicht nur magere Bodenerträge und Arbeitslosigkeit waren der Grund der allgemeinen Verarmung, hauptsächlich die Napoleonischen Kriege hatten unser Land ausgezehrt (bis zum Befreiungskrieg 1813–1815). Hinzu kam 1820 die Aufhebung der Leibeigenschaft, die zwar herbeigesehnt wurde, arme Kleinbauern aber noch mehr ins Unglück stürzte, da der Zehnte jetzt Steuern genannt und als Geldbetrag entrichtet werden musste. Zwischen 1815 und 1848 verließen um die 600.000 Menschen das Gebiet des Deutschen Reiches und bis um 1870 noch einmal um die zwei Millionen. Zirka 70 Prozent davon strebten in die USA. Nach dem gewonnenen Krieg der USA gegen Mexiko stand eine riesige Landmasse aus den ehemaligen mexikanischen Gebieten zur Neubesiedlung bereit. Die geringen Arbeitsgelegenheiten im Hinterland, die bei einem Überangebot an Arbeitssuchenden kaum ins Gewicht fielen, boten Betriebe im Kleinbereich, wie Hammerwerke, Eisenhütten, Gruben, Steinbrüche und Wollspinnereien. Was verdient wurde, war zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel, und „Schmalhans spielte unter so manchem Dach den Küchenmeister“. So beschlossen viele Einwohner, ihr Glück in der neun Welt zu suchen und wanderten nach Amerika aus. Nach Allem was man so hörte, musste es dort viel besser sein. Die letzte Habe wurde zu Geld gemacht, um die Überfahrt bezahlen zu können.

„Jetzt ist die Zeit und Stunde da,
dass wir ziehen nach Amerika.
Der Wagen steht schon vor der Tür,
mit Weib und Kindern ziehen wir!“

Die Auswanderung nach Amerika war aber nicht so einfach, wie wir es uns heute vorstellen. Es wurde zwar reichlich, wenn auch manchmal verbotenerweise, und anhaltend darum geworben, aber es kostete auch viel Geld, welches viele nur mit Mühe aufbringen konnten. Manche bezahlten mit ihrem Erbe, was letztlich noch zu Streit in den Familien führte, wenn die Mitgift eingefordert wurde. Es musste hier alles verkauft werden; Vieh, Grund und Boden sowie Häuser wurden versteigert. Ein Teil des Betrages musste vor Beginn der Überfahrt bezahlt werden, ein weiterer Teil bei Ankunft in der neuen Welt, um sich dort einzukaufen.

Samuel Hirsch, „Holz-Mauschel“ genannt, ging mit ein paar Gulden nach Amerika und kam als Millionär von Amerika zurück. Auf der Überfahrt starb seine Ehefrau. Er heiratete hier 64jährig das Gustchen aus Josephsläb, welches erst 22 Jahre alt war. Auch Judd Meier war in Amerika gewesen, ebenso Schustersch Grettchen, die beide wieder zurückkamen.

1765 und erneut 1801 wurde Ausländern das Anwerben von Fabrikarbeitern aus Hessen-Kassel ins Ausland bei Zuchthausstrafe verboten. Ebenfalls verboten wurde im Inland das Abwerben qualifizierter Arbeitskräfte von einer Fabrik durch eine andere, um damit das Ansteigen der Löhne zu verhindern.

Für das Gesinde wurde jedoch, unter Anwendung von Polizeistrafen, die Wanderung erzwungen. Die 1801 erneuerte Gesindeordnung von 1797 wandte sich vor allem gegen Heimarbeit der Frauen durch Stricken, Spinnen, Waschen oder Taglöhnen. Von der Ordnung betroffen waren „alle Bürger und Bauern, die ihre Kinder zu ihrer Handthierung, zu dem Ackerbau, oder dem Haushalt nicht nötig haben, noch sie ein Handwerk erlernen lassen“. Sie sollten „dieselben, sobald sie in den Jahren sind, dass sie sich bei anderen Leuten vermieten können, nicht bei sich behalten, sondern so viel wie möglich bei anderen ehrlichen Leuten zur Aufwartung und zum Dienen bei Zeiten“ unterbringen. (Quelle: Preußisch Gesindeordnung von 1801?)

Die ersten Auswanderungswellen in der Zeit nach 1700 führten vornehmlich in den osteuropäischen Raum, ins Banat (historische Region in Südosteuropa, die heute in den Staaten Rumänien, Serbien und Ungarn liegt). Die Siedler waren aber generell Katholiken, Protestanten waren hier nicht erwünscht. Ihnen blieb nur Siebenbürgen als Siedlungsgebiet, oder sie mussten die Donau abwärts weiter nach Russland ziehen, wo sie von der Zarin Katharina wohlwollend aufgenommen wurden. Angesiedelt in dem fruchtbaren Donaudelta (heute Rumänien), bildeten sie somit eine Pufferzone zwischen dem russischen Volk einerseits und den immer noch streitbaren Türken andererseits.

In den Chroniken der Gemeinden und in den Kirchenbüchern finden sich nur ungenügende Angaben über ausgewanderte Personen und Familien. Man darf aber davon ausgehen, dass es in der Spitzenzeit 20 bis 25 % der Dorfbevölkerung gewesen sein mögen. Begünstigt wurde die Auswanderungswelle durch positive Nachrichten aus der neuen Welt, die eine Signalwirkung für Unentschlossene hatten.

Es waren ja nicht nur die offiziell gestellten Gesuche, sondern es gab auch inoffizielle Emigranten, organisiert durch Bauernfänger und Schlepper, die in keiner Kartei auftauchten. Seriöse Agenturen mussten neben einer Kaution zur Absicherung der Kinder auch für ausreichend Lebensmittel sorgen. Diese stellten wiederum Agenten an, die, mit einer Konzession ausgestattet, entlassene Untertanen beraten und begleiten durften. Es waren in unserer Gegend der Kaufmann Christian Theiß aus Gladenbach, die Biedenköpfer O. Plitt, J.G. Sohn und P.W. Heinzerling, die ihrerseits wieder mit einem beträchtlichen Vermögen hafteten. Zudem mussten die Agenten Register führen, in denen alle Daten und Namen eingetragen wurden.

Es musste auch garantiert werden, dass bei der Ankunft in Amerika ein Betrag von 20 fl. (Gulden) gezahlt werden konnte, um somit mittellose Einwanderer abzuwehren.

Am 17. Juli 1840 traf der englische Raddampfer „Britannica“ in Boston, USA, ein und eröffnete damit den regulären Transatlantikverkehr der Dampfschifffahrt. Die Passagen wurden mit dem Dampfschiffverkehr erheblich schneller und sicherer. Die Auswanderungswellen aus den verarmten Staaten Europas nahmen kräftig zu, obwohl es für viele eine Reise in die Ungewissheit bedeutete.

Am 19. Juni 1858 wurde der Transatlantikdampfer (die erste) „Bremen“ in Dienst gestellt. Mit ihr wurde der Liniendienst zwischen Bremen und New York eröffnet. Die „Bremen“ benötigte für diese Passage 14 Tage und 13 Stunden und konnte auf ihrer Fahrt 400 Passagiere befördern.

Weitere Schiffe, mit denen Auswanderer aus dem hiesigen Raum die Überfahrt in die neue Welt wagten, waren: die „Stella“, die Barke „Kepler“, die „Geestemünde“, „Adolphine“, „Johanna“ und die „General Werder“. Sehr wahrscheinlich würde jede einzelne Atlantiküberquerung mit einem dieser Schiffe Stoff für ein ganzes Buch liefern, aber leider liegen uns darüber keine Berichte vor. Auf dem Höhepunkt der Auswanderungswelle im Grund Breidenbach von ca. 1830 bis um 1855, ging der größte Teil der Menschen in Bremen an Bord der Transatlantikschiffe.

Wenn man einen Stammbaum erstellt und dazu die Ahnenliste zusammensucht, erhält man eine lange Liste nackter Daten. Zahlen, die etwas über die Zeit der Geburt, der Ehe und des Todes berichten, aber sonst kaum einen Inhalt haben. Die meisten Genealogen versuchen auch etwas über das Leben der Familien herauszufinden, was in einigen Fällen auch gelingt. Trotz allem ist es schwer nachzuvollziehen, unter welchen Bedingungen diese Familien vor 200 oder 300 Jahren gelebt haben. Ihre psychische Belastung durch die Unterordnung in Großfamilien, durch Krankheiten, Ernteausfälle und drohender Verarmung, sowie die Last der täglichen schweren Arbeit war sicher groß. Alle diese Dinge, über die wir uns heute keine oder nur wenige Gedanken machen, spielten zu jener Zeit eine Rolle. Auch aus Breidenbach sind nur wenige Familien mit ihren Schicksalen und Tragödien bekannt, auf welche ich mich beschränken möchte. Andere Familien, die über eine oder mehrere Generationen ein ärmliches, hintergründiges Leben geführt haben, über deren Existenz es nur unzureichendes Datenmaterial gibt, können nur beiläufig Erwähnung finden.

Personen und Familien aus Breidenbach

Ein bedeutendes Haus war das alte Hofhaus (Lehns Hof) Aljos in der Hinteren Ortsstraße. Dieses Anwesen wurde schon im 14. Jahrhundert erwähnt. Es war einer der drei größten Höfe im Ort, die Familien angesehene und geachtete Ortsbewohner, mit Schmiede, Backhaus, eigenem Brauhaus und einer Wirtschaft. Seit dem Jahr 1704 bis um 1900 war das Anwesen fest mit dem Namen Thomä verbunden. Auch bei der Auswanderung nach Amerika spielt der Name Thomä eine bedeutende Rolle.

Johann Christian Thomä war das zehnte und jüngste Kind und der fünfte Sohn des Johann Georg Thomä, in der vierten Generation Thomä in Breidenbach.

Er wurde am 7.2.1800 geboren und heiratete am 16.11.1823 Maria Elisabeth Pitz aus Strouß. Beide Häuser waren sehr begütert, obwohl Joh. Christian nie in der Erbfolge eines der Häuser auftaucht. Es ist auch nicht geklärt, wo die Familie wohnte, bekannt ist nur, dass sie sieben Kinder hatte. Die älteste Tochter Eva Elisabetha, geb. 5.8.1824, heiratete am 25.3.1847 Adam Theophel aus Schmeds, der 1863 in Strouß als Besitzer angegeben ist. Damals gab es im Haus Strouß einen Besitzerwechsel, nachdem die Familie Pitz ebenfalls in die USA ausgewandert war. Im August 1864 bestiegen Adam und Eva Elisabetha Theophel geb. Thomä mit fünf Kindern zwischen drei und dreizehn Jahren in Bremen das Schiff „Adolphine“ und gingen am 5.9.1864 in Amerika an Land. Mit ihnen befanden sich auf dieser Überfahrt auch der Vater der Ehefrau, Johann Christian Thomä und seine 35jährige Tochter Maria Elisabeth, die später bei ihrer ältesten Schwester Eva Elisabeth und ihrem Mann Adam Theophel in Springfield (Pennsylvania) wohnte. Johann Christians Ehefrau Maria Elisabeth geb. Pitz war schon vor 1861 verstorben. Deshalb beauftragte seine Tochter Eva das damals berühmte Darmstädter Anwaltsbüro Bucher, sich um das Erbteil ihrer Mutter zu kümmern.

„General- und Special-Vollmacht.

Die nach Amerika in die Stadt New-York ausgewanderte Breidenbacherin Eva Thome, Tochter von dem in Breidenbach lebenden Ackermann Christian Thome und dessen verstorbenen Ehefrau Maria Elisabetha geb. Pitz, Ehefrau des Zimmermanns Johann Adam Schmidt, gibt bekannt: Der Justitzrath und Hofgerichtsadvokat Herr Karl Bucher in Darmstadt wird von ihr ermächtigt, sich in allen Rechts-, Vermögens- und Familien-Angelegenheiten in ganz Deutschland, sie zu vertreten, zunächst mit dem Erbanteil ihrer verstorbenen Mutter. Zeugen waren Adam Pitz und P. Fuchs.

So geschehen zu New-York in Nordamerika den 6. Juli 1857“

[Eva Elisabeth geb. Pitz *05.08.1824 Brdb. † in USA, Tochter des Joh. Christian Thomä *07.02.1800 † USA ∞ 16.11.1823 Maria Elisabeth Pitz * nach 1794 Brdb. † vor 1857 Brdb. Ebenfalls ausgewandert ist die Tochter Maria Elisabeth *26.09.1829 Brdb.]

Adam Theophel (* 24.07.1821), sechstes Kind und jüngster Sohn in Schmeds sowie sein älterer Bruder Johannes (geb. 1815) wanderten ebenfalls nach Amerika aus. Johannes war Erbnachfolger in Schmeds Haus und heiratete 1839 Anna Elisabetha Henkel aus Wallau, welche 1861 verstarb. Ein Jahr später wagte auch Adam einen neuen Anfang in Amerika, nachdem er seinem zurückgebliebenen Sohn Jacob sein Anwesen für 20.000 Gulden verkauft hatte. Es handelte sich bei dieser beachtlichen Summe um den damaligen Versicherungswert für das Wohnhaus, ehemals fürstliches Amtsgebäude, und mehrere Nebengebäude. Mit Johannes wanderte auch seine 1840 geborene Tochter Eva aus. Sie landeten mit der „Geestermunde“ am 14.06.1862 in New York.

Der eine Generation später am 10.9.1843 geborene Schmied Johannes Thomä, unehelicher Sohn der Ehefrau Katharina Weigel aus Oberdieten, heiratete am 30.6.1867 Elisabeth Reitz aus Jäjersch und baute das Haus Aljos oh däh Chaussee. Nach der Geburt von Tochter Rosina 1866 und Sohn Georg 1867, der nach seiner Geburt noch im gleichen Monat verstarb, verlor Johannes Thomä auch seine Ehefrau im Mai 1878. Vier Jahre später heiratete er Anna Elisabetha Seibel aus Kleingladenbach. Sie bestiegen 1884 mit zwei Brüdern von Johannes (Christian und Adam Thomä, beide aus dem Elternhaus Aljos ohm Aldweg) ein Schiff nach Amerika,

Bereits im Jahr 1860 wanderten drei Töchter des Adam Kamm I. aus Griemersch mit dem Schiff „Johanna“ aus. Die jungen Frauen waren wahrscheinlich bei der Überfahrt noch ledig. Von der ältesten Tochter Anna (geb. 1835) ist weiter nichts bekannt. Die zweitälteste, Catharina (geb. 1838), heiratete in Amerika den Deutschen Henry Schrank. Sie lebten in Youngstown, Ohio. Die jüngste Schwester Eva Kamm (geb. 1841) heiratete im Jahr 1862 den 26 Jahre älteren, bereits oben erwähnten Witwer Johannes Theophel, nach dessen Ankunft in Amerika. Sie bekamen drei Söhne: Heinrich, Jacob und Johannes. Hinter vorgehaltener Hand wurde gemunkelt, dass sie bereits in Breidenbach ein Verhältnis hatten.

Bleiben wir bei dem Namen Kamm in Jerjes; Adam Kamm, drittes von sieben Kindern und Bruder des Bürgermeisters Christian Kamm II., wanderte am 21.01.1883 auf der „General Werder“ in die USA aus. Er war mit dem Knecht der Theophels, dem Ochsenfuhrmann Adam Müller III. über Marburg nach Bremen gefahren. Adam, 1868 geboren, war zur Zeit der Ausreise erst 15 Jahre alt, also sehr jung. Er beantragte im Juni 1910 einen Pass für sechs Monate, um seine Lieben in der Heimat besuchen zu können:

Pass-Antrag des Adam Kamm

Der Schmied Conrad Müller in Flecks Haus, Sohn des Steigers Carl Müller aus Silberg, war zweimal verheiratet. Er hatte aus erster Ehe drei und aus zweiter Ehe fünf Kinder. Conrad war Teilhaber eines Gemeinschaftsbackhauses, das in 1859 aufgegeben und verstrichen wurde. Über seine Ausreise ist bekannt, dass der älteste Sohn aus erster Ehe, Heinrich, sowie der jüngste Sohn Ludwig aus der zweiten Ehe, mit ausgewandert sind. Von der Ehefrau und den anderen sechs Kinder ist nur bekannt, dass zwei Kinder früh starben. Der älteste Sohn Heinrich (geboren 20.02.1826 in Breidenbach) schloss noch vor der Überfahrt in Bremen am 16.04.1852 die Ehe mit Catharine Wagner aus Roth. Somit lässt sich die Abreise auf April 1852 festlegen. Heinrich, der fortan den amerikanischen Nachnamen Miller führte, starb 1865 in Fairfax (Virginia). Seine Ehefrau Catharine starb in 1908 in Detroit Lakes (Minnesota). Auch die Familie von Conrads zweiter Ehefrau Anna Elisabetha Nauholz, Tochter des Schultheiß Johannes Nauholz in Gelches, wanderte aus.

In einigen Fällen kam es auch zu einer wirtschaftlichen Auszehrung. Ein mögliches Beispiel ist das Haus Nr. 106 Kottches, erbaut 1842 von Jost Seibel jun. Er heiratete 1828 Catharina Lauber aus Lawersch. Sie hatten bis zum Bau ihres Hauses bereits sechs Kinder zu ernähren. Es ist nicht bekannt, wann und mit wieviel Personen sie ausgewandert sind. Ihr ältester Sohn Johann Georg (* 29.03.1825) übernahm das Elternhaus, konnte es jedoch nicht halten. Johann Georg beendete sein Leben durch Freitod und erhängte sich auf dem Dachboden. Im Jahr 1853 befand sich das Haus im Besitz von Georg Schmidt III. aus Feschdersch.

Johannes Sinner, sechstes Kind und jüngster Sohn des Müllers Friedrich Sinner in der Breidenbacher Mühle, wanderte 1880 aus. 1860 heiratete er und hatte bis 1873 fünf Kinder. Über seine Ehefrau ist nichts bekannt. Johannes ließ sich in Fort Plain, Montgomery (New Jersey) nieder und gründete ein Geschäft für Futtermittel und Saatgut.

Die Anlandung auf Ellis Island in der Bucht vor New York bedeutete für die Auswanderer noch nicht den ersehnten Schritt in die neue Heimat. Denn niemand kam ohne entsprechende Registrierung und ohne Gesundheitsuntersuchung aus diesem Übergangslager auf das Festland. Diese Prozedur wurde allerdings für Reiche, Privilegierte und für solche, die einen Bürgen in den Staaten vorweisen konnten, erleichtert.

Dokument aus der Chronik Runkel

„In 22 Jahren sind über 100 Personen aus Breidenbach ausgewandert. Sie siedelten sich größtenteils im Staate Wisconsin an. Hier gibt es auch ein kleines Tal, genannt „der Breidenbacher Grund.“ Bei dem Verkauf der Grundstücke in der Heimat gab es, wenn die Teilung noch nicht endgültig geregelt war, allerhand Schwierigkeiten. Der Amerikaner forderte gewöhnlich in 1–2 Jahren sein Geld. Er ging dann in New York zum deutschen Konsul und der damals sehr bekannte Darmstädter Rechtsanwalt Hofgerichtsadvokat Buchner erhielt dann eine General- und Spezialvollmacht, die drei volle Seiten umfasste. Das Ende war leicht abzusehen: die 240 Gulden, die der Advokat bekam, standen in gar keinem Verhältnis zum Objekt. Wenn man bedenkt, was die Fahrt von hier nach Hamburg allein schon kostete, die immer vom Thomä-Hannes aus Wolzhausen ausgeführt wurde, dem dazu vier Pferde zur Verfügung standen, und dazu die Überfahrt mit 268 fl., so weiß man, dass die Auswanderer nicht mehr viel Geld im Beutel hatten, wenn sie drüben ankamen. Von einem jungen Manne, der es eigentlich nicht nötig gehabt hatte auszuwandern, hörte man, dass er 5 Jahre im Urwald in einer primitiven Hütte, fast unter freiem Himmel, gehaust hätte.“

Das Deutsche Auswandererhaus

Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven ist ein sehr beeindruckendes Museum. Es bietet einen authentischen Einblick in die damalige Zeit. Mit nachgestellten Animationen und Geräuschen sowie durch eine Vertonung von Zeitzeugenberichten fühlt man sich in die Zeit der Auswanderungen zurückversetzt. Man meint, die Gerüche von damals wahrnehmen zu können. Leider existieren hier keine Auswandererlisten wie in Hamburg. In Bremen wurden diese Listen bis etwa 1875 nicht länger als drei Jahre aufbewahrt. Die zeitlich danach angefertigten Listen fielen im Zweiten Weltkrieg einer Fliegerbombe zum Opfer. Lediglich wenige gesammelte Dokumente zu einzelnen Personen und Familien wurden aufgearbeitet und sind einsehbar.