Der Raketenforscher Kurt H. Debus und Katzenbach

Aus Genealogen im Hinterland
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Ein Bericht mit Ergänzungen

Der Bericht

Günter Debus, Aachen, 25. November 2008

Was verbindet den weltbekannten Raketenforscher Kurt H. Debus Katzenbach?

Seit 1944 wird gerätselt und recherchiert, wie die verwandtschaftlichen Linien des Raketenforschers Kurt H. Debus (1908–1983) von seinem Geburtsort Frankfurt zum Pahleshof in Katzenbach führen. 1944 kam der 36-jährige, in Darmstadt promovierte Wissenschaftler als Mitarbeiter von Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde, dem Entwicklungszentrum der V2-Rakete, unangekündigt nach Katzenbach. Der nur zwei Jahre ältere Eigentümer des Pahleshofes, Wilhelm Muth, empfing den Herrn. Dessen bereits 1939 verstorbener Vater stammte aus dem Nachbarhof Enners und die noch lebende Mutter war eine geborene Debus, Nachfahre von acht Generationen „Debus“ auf dem Pahleshof, so benannt nach dem ersten Debus, nämlich Paulus Debus (1635–1699), der vom Howe-Hof in Friedensdorf abstammt.

In seiner SS-Uniform löste der dort unbekannte Besucher zunächst Aufregung und Ängste aus. Dann aber, als er sich mit Namen Debus vorstellte, entspannte sich die Situation. Es war naheliegend, einen Verwandten vor sich zu haben. So viele Debus wie im Hinterland gibt es sonst nirgendwo. Der fremde Herr in SS-Uniform übergab angeblich auch ein Bild seines Vaters, das noch heute in der Fotosammlung der Familie zu finden sei. Ob und wie die verwandtschaftliche Beziehung dargestellt wurde, ist nicht überliefert.

Unter vier Augen wurde das Anliegen des neu gewonnenen Verwandten besprochen: Kurt Debus kam in geheimer Mission mit der Bitte, Wilhelm Muth möge ihm einen Gefallen tun. Er wollte von ihm heimlich an einem sicheren Ort ein Dokument verwahrt haben. Strenge Verschwiegenheit wurde vereinbart.

Es kam die Kapitulation im Mai 1945 und schon im Sommer 1945 wurde die 100 Wissenschaftler zählende Mannschaft von Wernher von Braun einschließlich Kurt H. Debus von den Amerikanern in der Operation „Paperclip“ nach Amerika ausgeflogen. Dort begann eine steile Karriere des Kurt H. Debus. Er wurde Startchef für die Raketenabschüsse der US-Weltraumbehörde in Cape Canaveral, später Direktor des John F. Kennedy Space Centers. In Wikipedia lesen wir: „Nach Kurt H. Debus wurde der Mondkrater Debus auf der Mondrückseite benannt.“

Je berühmter Kurt H. Debus wurde, um so interessierter zeigten sich die – im Hessischen Hinterland oder sonst wo (z. B. Aachen) verstreuten – Nachkömmlinge vom Pahleshof in Katzenbach, wie sie denn nun selbst mit dem berühmten Mann verwandt seien. Ist es doch erhebend, eine solche Kapazität und Berühmtheit zur eigenen Familie zählen zu dürfen. Doch die Recherchen gestalteten sich schwierig. Die Standesämter – Kurt H. Debus war in Frankfurt am Main geboren – verweigern die Auskunft, wenn man nicht direkter Nachkomme ist. Seine beiden Töchter in Florida reagierten nicht auf Anfragen. Die Durchforstung der Debus-Familien nach Fährten in den Frankfurter Raum oder die Überprüfung von ungeklärten Lebensläufen einzelner Familienmitglieder blieben ohne Erfolg. Es wollte nach jahrelangen Bemühungen nicht gelingen, für Kurt Debus die Verknüpfung zwischen dem Geburtsort Frankfurt und dem Vorfahrenhof in Katzenbach dingfest zu machen.

Seit zwei Wochen wissen wir mehr, genauer: Wir wissen, dass seine Vorfahren nicht aus Katzenbach stammen. Mir ist es gelungen, Dokumente über seinen Vater, von dem man bislang nur den vollen Namen kannte, und dessen Vater einzusehen. Der Vater Heinrich Peter Jakob ist ebenso wie Kurt Heinrich in Frankfurt geboren. Woher stammt der Großvater Philipp Adam Debus? Er wurde geboren in einer kleinen Gemeinde im südwestlichen Taunus, nicht weit entfernt von der Loreley, am 29. September 1856 in Bornich. Nun, das besagt noch nichts. Wie geht es von Bornich aus weiter nach Katzenbach? Überhaupt nicht! Die Linie bleibt in Bornich bis belegbar um 1680. Nur wenige Stunden waren erforderlich, um dies herauszufinden. Dank des soeben erschienenen Ortsfamilienbuches von Bornich und der Hilfsbereitschaft seines Autors, Reiner Brückner.

Über zweihundert Jahre Generationen von Debus in Bornich wie in Katzenbach. Keinerlei Verknüpfung! Aber vielleicht doch noch weiter zurückliegend vor dem Dreißigjährigen Krieg? Denkbar wäre, dass ein Debus aus dem Hinterland nach Bornich kam, als die Grafschaft Katzenelnbogen als Erbschaft 1479 Hessen zufiel. Nein, auch das ist auszuschließen, der Name Debus ist bereits 1460 in der kleinen Taunusgemeinde nachgewiesen, wie in der Ortschronik von Bornich nachzulesen ist.

Die Enttäuschung der Katzenbächer und der Pahleshof-Nachkömmlinge wird groß sein. Erstaunt stellen wir nun die Frage: Was veranlasste Kurt H. Debus 1944, sich in Katzenbach als Verwandter auszugeben?

Es bleibt ein Rätsel.

Ergänzungen

Dr. Kurt Debus

Zu Dr. Kurt H. Debus gibt es eine Reihe von Berichten. Umfangreich ist ein im Jahre 2001 erstellter Kongress-Beitrag Dr. Kurt H. Debus: Launching a Vision.[1]

In diesem Beitrag sind Namen und Bilder der Eltern von Kurt H. Debus wiedergegeben. Diese Namen waren Ausgangspunkt der Anfrage im Stadtarchiv Frankfurt.

Hier wiedergegeben sei ein Beitrag des Hessischen Rundfunks:

29. November 1908 – 10. Oktober 1983 Kurt Debus

Die NASA feierte ihren 50. Geburtstag und der Frankfurter Kurt Debus war von Beginn an dabei. Er wäre im November 100 Jahre alt geworden. Nach dem Studium in Darmstadt führte es ihn nach Peenemünde an die Seite von Wernher von Braun zur Raketenforschung, die sie beide nach dem Krieg in den USA fortsetzten. Mit ihrer Arbeit krempelten sie das Bild der Menschheit vom Weltraum um.

Im Bereich der Raketenforschung konnten deutsche Wissenschaftler schon früh große Erfolge erzielen. Opel beispielsweise begann 1927 mit der Raketenforschung und Fritz von Opel gelang schon im September 1929 auf dem Flughafen Frankfurt-Rebstock der erste bemannte Raketenflug. Das RAK.1-Flugzeug[2] kam auf immerhin für damalige Verhältnisse sensationelle 150 km/h.

Der zweite Weltkrieg produzierte einen immensen Bedarf an neuen Waffen und die Nationalsozialisten konzentrierten sich dabei besonders auf den Raketenbau. Wernher von Braun gelang es mit seinem Wissenschaftler-Team die erste gesteuerte und flugstabilisierte Großrakete, die A4 (Aggregat 4) besser bekannt als V2, zu entwickeln. Sie hob zum ersten Mal 1942 in Peenemünde auf der Insel Usedom, wo sich eine Heeresversuchsanstalt unter der Leitung von Wernher von Braun befand, ab. Der Leiter des sog. Prüfstands VII war Kurt Debus. Er hatte für den kompletten Ablauf eines Raketenstarts Sorge zu tragen.

Die A4 stellte mehrere technische Rekorde auf. So war sie die erste Rakete, die den Weltraum erreichte (100 km Höhe) und ein vielfaches an Überschallgeschwindigkeit: acht Mach Höchstgeschwindigkeit (8-fache Schallgeschwindigkeit) und immer noch fünf beim Aufschlag. Beim Aufschlag konnte man also zuerst die Explosion der mittransportierten Bombe hören und danach erst den Fluglärm der V2.

Die Faszination am technisch Machbaren überdeckte bei den Konstrukteuren in der Regel das Leid und den Schrecken, den sie mit ihren Massenvernichtungswaffen produzierten. Selten waren moralische Bedenken oder ideologische Überzeugung anzutreffen. Der Sturmbannführer der SS Wernher von Braun wechselte nach der deutschen Kapitulation im Mai 1945 ohne Probleme zu den Amerikanern und wurde sogar stellvertretender Direktor der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA.

Von Braun wurde Rahmen der „Operation Overcast“ noch 1945 mit weiteren deutschen Raketenforschern in die USA gebracht, unter ihnen auch Kurt Debus. Am 29. November 1908 wurde Kurt Heinrich Debus in Frankfurt am Main geboren. In Darmstadt studierte er ab 1929 Elektrotechnik und Maschinenbau. Danach, von 1936 bis 1942, kam er als Assistent im Rahmen von Forschungsaufträgen mit dem Raketenforschungs-Zentrum in Peenemünde in Berührung.

Dort begann er 1942 als Testingenieur der A4 und wurde schließlich ihr Cheftester. Nach 1945 arbeitete er in der selben Funktion als „Firechief“ mit von Braun in den USA, zunächst in der Wüste von New Mexico dann in Huntsville in Alabama. Am 31. Januar 1958 verantwortete Kurt Debus den ersten Start eines Satelliten (Explorer I) auf Cape Canaveral und am 5. Mai 1961 den des ersten bemannten Weltraumfluges.

Von 1960 an bekam Debus die Leitung aller Raketenstarts der NASA und 1963 wurde er Direktor des John F. Kennedy Space Centers (bis 1974). In dieser Zeit wurde der Weltraumbahnhof massiv ausgebaut. Kurt Debus leitete die Starts der atomaren Kurzstreckenrakete Redstone des US-Militärs genau so wie sämtliche Starts der Jupiter-, Juno- und Pershing I-Programme und nach der Überstellung zur NASA die Mercury-, Gemini- und Apollo-Programme.

Sein größtes Ereignis dürfte wohl die erste bemannte Mondlandung (Start am 16. Juli, Landung am 20. Juli 1969) der Apollo 11 mit einer Saturn-V-Trägerrakete gewesen sein. Ein Krater auf der Rückseite des Mondes trägt den Namen Kurt H. Debus. Am 10. Oktober 1983 starb einer der neben Wernher von Braun wichtigsten deutschen Raketenpioniere an einem Nierenleiden an seinem Wohnort Cocoa Beach in der Nähe des John F. Kennedy Space Centers.“[3]

Kurt H. Debus und Bornich

Die Debus-Linie für Kurt H. Debus führt nach Bornich und lässt sich nach den Kirchenbuch-Eintragungen bis um 1600 zurückverfolgen. Der Ort liegt auf einer Hochfläche oberhalb des Mittelrheins (rechtsrheinisch) auf einem Ausläufer der Taunushöhen,[4] in unmittelbarer Nähe der Loreley.

Kurt H. Debus (29.11.1908 in Frankfurt – 10.10.1983 in Cocoa Beach, Florida)

Eltern:

  • Heinrich P.J. Debus (* 1979 in Frankfurt/M.) ⚭ Melly F. Graulich (1882–1968)

Großeltern:

  • Johann Adam Debus (* 1856 in Bornich, † 1906) ⚭ 1879 Katharina Klaus (1849–1927)

Urgroßeltern:

  • Georg Wilhelm Debus (* 1815 in Bornich) ⚭ 1842 Christiane Katharina Michel (* 1818 in Bornich, † 1882))

Ururgroßeltern:

  • Johann Wilhelm Debus (* 1776 in Bornich, † 1820) ⚭ 1802 Maria Catharina Müller (* 1778 in Bornich, † 1849)

Urururgroßeltern:

  • Johann Phillip Debus (* 1729 in Bornich, † 1799) ⚭ Maria Juliane Becker (* 1743 in Bornich, † 1785)

Ururururgroßeltern:

  • Phillip Hartmann Debus (* 1700 in Bornich, † 1756) ⚭ 1727 Anna Margaretha NN

Urururururgroßeltern:

  • Johann Emmerich Debus (* vor 1670, † 1723) ⚭ NN

Unter den Bornicher Schultheißen/Bürgermeister sind vor 1600 aufgeführt

  • Hans Debes, um 1551
  • Werner Thebes (Debeß), 1597–1604,

Folglich war der Name Debus in Bornich schon vertreten, bevor er in Katzenbach oder Friedensdorf nachgewiesen werden konnte.

Hatte Kurt H. Debus sich 1944 in Katzenbach geirrt?

Vieles spricht für Täuschung. Kurt H. Debus gehörte seit 1940 der SS an. Für die Aufnahme in die SS musste er einen sog. Ariernachweis erbringen, das heißt, eine Ahnentafel vorlegen, die bis zu den Urururgroßeltern reicht. Er wusste offensichtlich, dass seine Vorfahren aus Bornich stammen.

Es gab in seiner Zeit zwei weitere Dr. Debus, einen Bochumer und einen Frankfurter, deren Vorfahren nachweislich aus Mornshausen im Hinterland und in der weiteren Ahnenreihe somit auch aus Katzenbach stammen. Beide gehörten NS-Organisationen an. Vom „Bochumer“ Dr. Friedrich Wilhelm Debus (1888–1957) ist belegt, dass er den „Frankfurter“ Dr. Friedrich (Fritz) Kurt Debus (1899–1981) kennengelernt hatte. Vom Frankfurter Debus erfahren wir aus einem Nachruf: „Seine verhältnismäßig lange Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft bis zum Sommer 1947 hatte er seiner Namensgleichheit mit einem am Bau deutscher Raketen beteiligten Wissenschaftler zu verdanken.“[5] Ist das ein Ausgangspunkt für die Hypothese, dass der in den dreißiger Jahren um Heimatforschung bemühte und über Katzenbach recherchierende Frankfurter Dr. Fritz Debus dem Raketenforscher einen Tipp gab? Katzenbach war und ist doch geeignet für ein Versteck!

Anmerkungen und Nachweise

  1. C. McCleskey, D. Christensen: Dr. Kurt H. Debus: Launching a Vision.
  2. Siehe Opel-Sander RAK.1Wikipedia-logo.png
  3. erschienen am 8. September 2008 auf HR-online.de
  4. BornichWikipedia-logo.png
  5. Siehe Biographie