Der Postraub in der Subach

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Eckhard Henkel (2020)

Der Postraub in der Subach war ein Kriminalfall im Jahre 1822 im Hessischen Hinterland, seinerzeit im Großherzogtum Hessen. Der Kriminalfall ist überliefert durch die Publikation des Gerichtssekretärs Carl Franz (1825) und wurde durch den Autorenfilm Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach (1970/71) von Volker Schlöndorff einer breiten Öffentlichkeit bekannt.

Tatverlauf

Am 19. Mai 1822 überfielen acht arme Bauern und Tagelöhner aus Kombach, Wolfgruben und Dexbach ein „Geldkärrnchen“, das an diesem Tag von Gladenbach nach Gießen fuhr. Der Überfall erfolgte in der Subach, einem Hohlweg in der Nähe von Mornshausen bei Gladenbach. Erst nach sechs abgebrochenen Versuchen glückte der Überfall. Die Beute betrug 10.466 Gulden.

Ermittlungen und Verfahren

Ihr plötzlicher Reichtum wurde den Tätern zum Verhängnis, denn sie wurden durch ihre Ausgaben auffällig. Das führte dazu, dass man acht Täter ermittelte, von denen sieben gefasst wurden. Im Jahr 1824 wurden in einem Gerichtsverfahren in Gießen fünf Täter zum Tode durch das Schwert verurteilt und hingerichtet.

Tatort

Die Subach ist ein Zufluss der Salzböde. Der Überfall ereignete sich in einem Hohlweg zwischen Rollshausen und Mornshausen.

Täter

Als Täter des Überfalls wurden folgende acht Personen ermittelt:

  • David Briel aus Dexbach
  • Hans Jacob Geiz aus Kombach
  • Heinrich Geiz, Kombach, ältester Sohn des Hans Jacob Geiz
  • Jacob Geiz, Kombach, jüngerer Sohn des Hans Jacob Geiz
  • Jost Wege aus Kombach
  • Jost Wege aus Wolfgruben
  • Johannes Soldan aus Kombach, Schwiegersohn des Hans Jacob Geiz
  • Ludwig Acker aus Kombach

Darüber hinaus war ein „Landschütze Volk“ involviert, er sollte vor dem Überfall dem eskortierenden Landschützen „das Blei aus der Flinte ziehen“.

Der Strumpfhändler David Briel aus Dexbach galt als „Stifter des Complotts“. Er hatte sich einen „Hausierschein ins Ausland“ besorgt, zu Zeiten als er noch unverdächtig war. Durch Auswanderung nach Amerika entzog er sich den Ermittlungen und der Strafverfolgung. Angeblich soll er in Amerika eine Strumpffabrik begründet haben.[1]

Der Landschütze Volk wurde festgenommen, nutzte einen günstigen Augenblick im Gefängnis und „schoß sich, der Hand des Henkers vorgreifend, eine Kugel durch das Herz“.

Auch Johannes Soldan starb durch Suizid im Gefängnis, er erdrosselte sich. Zuvor soll er seine Mithelfer „jeden Morgen durch ein selbstverfaßtes Lied zum Ausharren angehalten haben. Er sang ‚halte fest an deinen Glauben …‘, d. h. an dem Glauben, doch noch in den Genuss der Beute zu kommen: ‚Verratet nichts‘. Man kennt nur noch die erste Zeile der langen Ballade. Das Lied war bis zur Jahrhundertwende in Breidenstein und Wallau bekannt.“[1]

Jost Wege aus Wolfgruben wurde ermittelt und am 6. Februar 1823 in Gießen arretiert. Ihm gelang in der Nacht vom 11. auf den 12. April 1823 die Flucht aus dem Gefängnis. Die anschließende Fahndung verlief erfolglos, sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Gerüchten zufolge sei er nach Südafrika ausgewandert.

Die verbleibenden fünf Täter Hans Jacob Geiz, Heinrich Geiz, Jacob Geiz, Jost Wege und Ludwig Acker – allesamt aus Kombach – wurden am 25. März 1824 in Gießen zum Tode durch das Schwert verurteilt. Die öffentliche Exekution erfolgte am 7. Oktober 1824. Dabei war die Abfolge so gewählt, dass Hans Jacob Geiz zunächst der Enthauptung seiner beiden Söhne beiwohnen musste, bevor er als Letzter hingerichtet wurde.

Historischer Kontext

Die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung im Großherzogtum Hessen hatte sich im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts extrem verschlechtert. Viele litten bittere Armut. Als Tagelöhner, Erntearbeiter, Schnitter, Drescher oder Knecht bei den wenigen begüterten privaten Grundbesitzern zu arbeiten, war die einzige Verdienstmöglichkeit. Die extrem nassen, kalten Sommer der Jahre 1816 (Jahr ohne SommerWikipedia-logo.png) und 1817 brachten vielerorts Ernteausfälle. Vielen blieb nichts anderes übrig, als ihr Dorf für immer zu verlassen und ihr Glück außerhalb des Hinterlandes zu finden und in der Wetterau, im Siegerland oder im Rheinland zu arbeiten. Auch das in Biedenkopf einstmals blühende Textilgewerbe hatte an Bedeutung verloren. In seiner Blütezeit gab es in Biedenkopf über 150 Tuchmacher. Lohnarbeit war bei Tuchwebern, Spinnereien und Strickereien möglich. Die Hinterländer Strumpfhändler setzten ihre Waren als Hausierer bis ins Rhein-Main-Gebiet ab. Geschichtliche Entwicklungen, wie die Einführung der napoleonischen KontinentalsperreWikipedia-logo.png, ließen diesen Absatz stark sinken. Vor allem war die Zeit eine Zeit der großen Auswanderungsbewegung nach Amerika.

Primärquelle

Carl Franz 1825

Der Kriminalfall ist vor allem durch die folgende „Primärquelle“ überliefert:

Carl Franz: Der Post-Raub in der Subach begangen von acht Straßenräubern von denen fünf am siebenten October 1824 zu Giessen durch das Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht worden sind. Heinrich Hasse, Gießen 1825.

Das Werk ist mittlerweile schwierig in Bibliotheken und Antiquariaten zu finden. Das Projekt Google Books erstellte einen Scan des Buches, eine Kopie ist hier bzw. hier.

Dem „Criminalgerichtssekretär zu Giessen“ Carl Franz waren die Ermittlungs- und Prozess-Akten des Kriminalfalls bekannt, der am 25. März 1824 vor dem „Criminalgericht Giessen“ verhandelt wurde. Die Gerichts-Akten sind im Hessischen Staatsarchiv Marburg archiviert.

Bemerkenswert ist der frühe Zeitpunkt der Publikation: Kaum, dass die verurteilten Täter im Oktober 1824 öffentlich hingerichtet wurden, erschien im Jahr 1825 die Schilderung des Gerichtssekretärs.

Über den Autor und dessen Intention („zum Lobe des Kriminalrichters Danz“) heißt es:

„Carl Christian Franz, um 1780 in Lich geboren und seit 1811 Kriminalgerichtssekretär (ein Titel, den er bis zu seiner Pensionierung 1833 behalten sollte) in Gießen, hat 1825 die Vorgänge in einem kleinen Buch beschrieben, das den Titel trägt »Der Post-Raub in der Subach begangen von acht Straßenräubern von denen fünf am siebenten October 1824 in Giessen durch das Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht worden sind«. Gedacht war es zum Lobe des Kriminalrichters Danz, der die Untersuchung geführt hatte. Franz zitierte deshalb ausführlich aus den Verhören. Er wollte dokumentieren, wie es Danz gelang, die Täter in Widersprüche zu verwickeln und dadurch geständig zu machen. Herausgekommen ist dabei ein erschütterndes Dokument, wie Menschen, die aus der Not heraus Räuber geworden waren, mit immer neuen Lügen und letztlich erfolglos um ihr Leben kämpfen …“

Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz (Hrsg.): Hessens große Räuberbanden. Räuberbanden zwischen Weser und Neckar, S. 213

Hingegen schreibt Ulrich Mayer zur Intention:

„Franz verfolgt die Absicht, vor einer möglichen Sympathie für die Räuber oder gar einer Nachahmung zu warnen. Immerhin war es einigen Bauern aus der Gegend von Biedenkopf ja gelungen, einen militärisch geschützten Geldtransport zu überfallen und dabei neben etwa 350 Gulden Privatgeld über 10.000 Gulden an Steuer- und Forsteinnahmen des Großherzogtums Hessen-Darmstadt zu rauben. Wie die strikte Aufklärung des Falles und die gnadenlose öffentliche Aburteilung hatte der Bericht die Funktion, ähnlichen Taten vorzubeugen. Etwa ein Viertel des Berichts stellte Vorbereitung und Durchführung des Raubs, Beuteverteilung und abschließende Exekution dar, drei Viertel schilderten detailliert die polizeiliche Untersuchung und die Verhöre der Delinquenten und sollten die rasche, unnachgiebige und erfolgreiche Arbeit der großherzoglichen Justizbehörden dokumentieren. Die Botschaft war klar: Warnung, politische Belehrung, Einschüchterung der Untertanen.“

Ulrich Mayer: Der Postraub in der Subach[2]

Nachdrucke und Adaptionen

„Kein Ereignis der Geschichte des Hinterlandes ist so häufig beschrieben worden, zwischen 1825 und 1993 neunmal.“

Ulrich Mayer: Der Postraub in der Subach[2]

Der Text wurde mehrfach nachgedruckt und adaptiert. Viele Werke sind vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich.

  • 1909: Carl Franz: Der Post-Raub in der Subach begangen von acht Straßenräubern von denen fünf am siebenten October 1824 zu Giessen durch das Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht worden sind. In: Vereinsblatt des Geschichtsvereins für den Kreis Biedenkopf. Jg. 3, Nr. 9, 6. November 1909, DNB 012724769. – Bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen Teilabdruck.
  • 1933: Carl Franz: Der Postraub in der Subach – Nach d. aktenmäßigen Auszug v. Kriminalgerichtssekr. Franz. Hrsg.: Wilhelm Well. Bauer, Marburg 1933, DNB 578292955.
Der Herausgeber Wilhelm Well (* 1885 in Neukirchen-RiebelsdorfWikipedia-logo.png; † 1969) war vom 1. April 1922 bis 1950 Hauptlehrer des Gesamtschulverbandes Lohra.[3]
  • 1978: Carl Franz: Der Postraub in der Subach begangen von acht Straßenräubern von denen fünf am siebenten Oktober 1824 zu Gießen durch das Schwert vom Leben zum Tode gebracht worden sind. Aktenmäßig ausgezogen und bearbeitet von Carl Franz, Criminalsekretär Gießen 1825. Illustriert mit zehn Abbildungen nach Linolschnitten von Johannes Nawrath. Hrsg.: Elmar Altwasser, Dieter Mayer-Gürr, Claudia Gabriele Philipp. Jonas Verlag, Marburg 1978, DNB 790143143.
Auf der Rückseite wird Volker Schlöndorff (Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach) zitiert:

„Wir müssen versuchen, unsere Geschichte kritisch zu lernen und zu verstehen. Deshalb ist es wichtiger und aufschlußreicher, eine solche Episode aus unserer Vergangenheit in ihrer Zeit zu belassen, sie streng historisch darzustellen, als sie zu aktualisieren, ein Gleichnis, eine Parabel oder ähnliches daraus zu machen. … Es genügt, den Text des ‚aktenmäßigen Berichts‘ zu lesen, um zu verstehen, wie eine gewisse Struktur der Gesellschaft es den Benachteiligten unmöglich macht, ihre Lage zu durchschauen und diese zu verändern.“

Dies war der erste Titel des Jonas Verlags, in einer handwerklich anspruchsvollen Ausgabe. Dieter Mayer-Gürr war bei Recherchen für seine Dissertation auf das Werk von Carl Franz gestoßen. Elmar Altwasser, Dieter Mayer-Gürr und Claudia Gabriele Philipp waren drei Studenten der Kunstgeschichte, die den Verlag im Jahr 1978 gründeten, um Literatur und kunstwissenschaftliche Titel zu veröffentlichen, die sie auf dem Buchmarkt vermissten.[4]
Der Herausgeber Dieter Mayer-Gürr, geb. 1952, studierte Kunstgeschichte und leitete von 1978–2016 den von ihm gegründeten Jonas Verlag für Kunst und Literatur. Er arbeitete außerdem an verschiedenen Fotoprojekten zur historischen Architektur (Imbissbuden, Autobahnruinen, frühe Hochhäuser, Tunnel, Denkmaltopografie Marburg).[5]
Dieser Ausgabe ließ der Jonas Verlag in den Jahren 1986 und 2015 weitere Ausgaben folgen, die sich insbesondere beim Thema Illustration unterscheiden.
  • 1980: Ulrike Haß: Der plötzliche Reichtum der armen Leute von Kombach. Reihe rororo rotfuchs. Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg 1980, ISBN 3-499-20242-5.
Keine Reproduktion, sondern eine Jugendbuch-Adaption des Stoffs. Mit Illustrationen von Winfried Meyer.
Einleitend heißt es:

„Angeregt zu diesem Buch wurde Ulrike Haß durch den 1970 entstandenen gleichnamigen Film von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta. Ihr Buch ist jedoch keine Nacherzählung des Films, vielmehr hat Ulrike Haß den historischen Stoff frei abgewandelt und zu einer selbständigen, von dem Film unabhängigen Geschichte gestaltet.“

Der Klappentext lautet:

„Am liebsten würden Katrin, Joss und Jockel auswandern, heimlich mit dem Schiff nach Amerika fahren. Tagsüber Arbeit, abends Schule und fast immer ein hungriger Magen – in solcher Armut und Unfreiheit wollen die Kinder von Kombach und ihre Eltern jedenfalls nicht länger leben. Doch wo ist ein Ausweg? Ist der Postwagen mit den Steuergeldern die Rettung? Der Überfall gelingt – und dennoch kommt alles ganz anders, als es sich die armen, reichen Leute von Kombach erträumt haben …
Die Geschichte vom Postraub in der Subach hat sich vor über 150 Jahren wirklich ereignet. Angeregt durch den gleichnamigen Film von Volker Schlöndorff machte Ulrike Haß daraus ein spannendes Jugendbuch.“

  • 1986: Carl Franz: Der Post-Raub in der Subach begangen von acht Straßenräubern von denen fünf am siebenten October 1824 zu Giessen durch das Schwerdt vom Leben zum Tode gebracht worden sind. Aktenmäßig ausgezogen und bearbeitet von Carl Franz, Criminalgerichtssekretär zu Gießen. Giessen 1825. Mit Illustrationen von Wilhelm M. BuschWikipedia-logo.png. Jonas Verlag, Marburg 1986, ISBN 3-922561-49-7.
Nach der Ausgabe aus dem Jahr 1978 ist dies die zweite Ausgabe des Jonas-Verlags. Nun illustriert von Wilhelm M. Busch, nicht mehr von Johannes Nawrath.
  • 1986: Rainer Brämer: Der Postraub in der Subach, Sonderheft aus der Schriftenreihe Mitteilungen des Vereins für Geschichte & Volkskunde Lohra, Lohra 1986.
  • 1995: Heiner Boehncke, Hans Sarkowicz (Hrsg.): Hessens große Räuberbanden. Räuberbanden zwischen Weser und Neckar. Eichborn, Frankfurt am Main 1995, ISBN 978-3-8218-1168-0, S. 212–260.
Hierbei handelt es sich um einen Nachdruck mit zeitgenössischen orthographischen Korrekturen.
  • 2008: Lohra-Wiki[6] – Offenbar auf der Basis eines Scans, da einige Scan-typische Fehler vorhanden sind.
  • 2015: Carl Franz: Der Post-Raub in der Subach. Jonas Verlag, Marburg 2015, ISBN 978-3-89445-510-1 (Taschenbuch).
Nach den Ausgaben aus den Jahren 1978 und 1986 ist dies die dritte Ausgabe des Jonas-Verlags. Nun ohne Illustrationen, weder von Wilhelm M. Busch (1986), noch von Johannes Nawrath (1978).

Forschung

  • Ulrich MayerWikipedia-logo.png: Der Postraub in der Subach. Vortrag beim Oberhessischen Geschichtsverein in Gießen am 17. Januar 1996. Hrsg.: Oberhessischer Geschichtsverein Gießen. (= Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen. Nr. 81). Gießen 17. Januar 1996, S. 277–297 (geb.uni-giessen.de [PDF; 6,5 MB; abgerufen am 8. Mai 2020]). – alternativ hier

Weitere Artikel zum Thema

Quellen und Anmerkungen

  1. a b „Eine Betrachtung zu ‚Die armen Leute von Kombach‘“ (1973) in Elsa Blöcher: Beiträge zur Geschichte des Hinterlandes: gesammelte Aufsätze. Hrsg.: Hinterländer Geschichtsverein. Bd. 2. Verlag Max Stephani, Biedenkopf 1985, DNB 551358521, S. 393 f. (Eine Betrachtung zu „Die armen Leute von Kombach“).
  2. a b Ulrich MayerWikipedia-logo.png: Der Postraub in der Subach. Vortrag beim Oberhessischen Geschichtsverein in Gießen am 17. Januar 1996. Hrsg.: Oberhessischer Geschichtsverein Gießen. (= Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen. Nr. 81). Gießen 17. Januar 1996, S. 277–297 (geb.uni-giessen.de [PDF; 6,5 MB; abgerufen am 8. Mai 2020]). – alternativ hier
  3. DNB 132679728, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
  4. Jonas VerlagWikipedia-logo.png auf Wikipedia
  5. Dieter Mayer-Gürr. In: wartberg-verlag.de. Abgerufen am 17. Mai 2020.
  6. Der Postraub in der Subach. In: Lohra-Wiki. Abgerufen am 8. Mai 2020.