Das Jahr ohne Sommer (1816)

Aus Genealogen im Hinterland
Zur Navigation springenZur Suche springen

Ein Zeitzeugenbericht aus der „Reiterhans’schen Chronik“, zur Verfügung gestellt von Norbert Nossek

Haus des Reiterhans

Das Jahr 1816 wurde das Jahr ohne Sommer genannt, das Wetter spielte das ganze Jahr durch verrückt, das Klima war aus den Fugen geraten, es wurden die kältesten Temperaturen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen notiert. Im Jahr zuvor, im April 1815, war auf der Insel Sumbawa (Indonesien) der Vulkan Tambora mit einer unermesslichen Energie ausgebrochen. Bei diesem Ausbruch wurden ca. 1500 Meter des gesamten Gipfels mit etwa 140 Millionen Tonnen Masse in die Luft geschleudert. Die Caldera wies nach der Explosion einen Krater von 6–7 km im Durchmesser, bei einer Tiefe von 600–700 Metern, auf. Er schleuderte so viel Staub und Asche in den Himmel, dass sich eine Staubschicht über fast den kompletten nördlichen Erdball ausdehnte, die kaum einen Sonnenstrahl hindurch ließ. Das Wetter brach aus allen Normen, es regnete fast ununterbrochen, zuweilen fiel mitten im Sommer Schnee. Die Ernten waren schlecht, wenn es überhaupt welche gab. Menschen und Tiere verhungerten auf allen Kontinenten der nördlichen Erdkugel. Die Not war groß. Der Breidenbacher Grund liegt im Agrarbereich nicht auf der gesegneten Seite, sehr wahrscheinlich war er diesbezüglich das ärmste Gebiet im Großherzogtum Hessen.

„Reiterhans’schen Chronik“, Seite 57 und 58, aufgeschrieben von Joh. Adam Schmidt (*1745; †1827), sein Sohn Georg Wilhelm war Schulmeister in Wallau, danach in Niederweidbach. Entziffert und abgeschrieben aus den noch lesbaren Fragmenten dieser Chronik von Adolf Schmidt (Räidrans). Beim Lesen der folgenden Zeilen, im Stil des beginnenden 19ten Jahrhunderts geschrieben, spürt man heute noch im Ausdruck die Armut und die Verzweiflung des Chronisten. Abschrift:

1816 war ein Jahr so bei Menschen gedenken keins gewesen ist, welches alte Leute, so wohl achtzig Jahre alt waren gekannt haben.

Im Gerste säen hat es angefangen zu regnen und hat nicht nachgelassen bis Martinitag (11. Nov.). Das Heu ist auf Jacobitag (25. Juli) gemacht worden, aber schlecht. Auf Bartholomäi (24. Aug.) ist das erste Korn geschnitten worden, aber man hat nicht zu ernten kommen können. In der Woche nach unserer Kirchweih (?) haben wir das Korn nach Hause gefahren, da war eine gute Woche, man hat die guten Tage in Acht nehmen müssen. Es ist aber ein Teil draußen gestanden bis die Quotshäuser Kirchweih (?) war. In der Woche nach der Breidensteiner Kirchweih (?) haben wir angefangen Krumet zu machen. Wer es in dieser Woche nicht nach Hause gebracht hat, dem ist´s auf der Wiese verfault, ist auch gar nicht nach Hause kommen. Das Korn ist die Hälfte gesät worden. Auf Martinitag hat es einen Schnee, da waren die Kartoffeln noch wohl halb aus zu machen, welche die Leute unter dem Schnee ausgemacht haben. Acht Tage vor Weihnachten sind die Möhren ausgemacht worden und ist da auch noch Hafer geholt worden auf dem Gedem.

Es sind Gegenden wo sie gar nichts nach Hause gebracht haben. Zum Roht waren Leute welche noch 6 Wagen Hafer draußen hatten, die haben sie kurz vor Weihnachten Heim gefahren. Das Korn hat den Herbst zum säen gegolden 13 Kreuzer. Man hat die Gerste müssen dorren (trocknen) bis Weihnachten zum Backen. Das Jahr hat man kein Stück Brot gebacken. Es ist damals gar viel Kraut und Gemüse draußen erfroren und nicht nach Hause gekommen. Das Korn habe ich und mein Töchterchen von 13 Jahren allein gedroschen. Mein ältester Sohn Johannes ist damals im Dreschen gewesen. Mein Sohn Adam hat müssen fahren Tag und Nacht und meine Frau hat dem Volk müssen aufwarten und der kleine Bub Jacob den Tag und Nacht. Und ich auch mit in Schrecken und Ängsten, dass ich krank bin worden und habe gelegen 7 Wochen und mich zu der Ewigkeit und zu Gott bekehrt und mein liebes Eheweib ist auch durch Schrecken und Jammer krank worden und hat zugebracht ein ganzes viertel Jahr, aber Gott sei Dank dafür wir gesund worden.“