Beim Wort genommen: Dr. Fritz (Friedrich Karl) Debus (1899–1981) aus Frankfurt

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Günter Debus

Herkunft und Einordnung in die Linie

Mornshausen – Alzey
(1) Johann Debus (1799–1841)

Alzey
(2) Friedrich Karl Debus (1836–1902)

Alzey – Bad Homburg v. d. Höhe
(3) Jakob Debus (1863–1950)

Frankfurt – Fuldatal bei Kassel
(4) Fritz (Friedrich Karl) Debus (1899–1981)

Vorbemerkungen zur Biographie

Der „Frankfurter“ Dr. Fritz Debus ist ein Nachfahre, ein Urenkel, von dem in Scheffersch-Haus in Mornshausen geborenen und in Pfeddersheim durch Mord zu Tode gekommenen Polizisten Johann Debus (siehe Pfeddersheim 1841 – Der Mord an Johannes Debus (1799–1841) aus Mornshausen). Seinen Großvater Friedrich Karl Debus haben wir in einem Beitrag als Alzeyer Fritz Debus vorgestellt (siehe Der wohlhabende Alzeyer Bürger Fritz Debus (1836–1902)). Wir wählen hier die Bezeichnung „Frankfurter" Fritz Debus, weil er in Frankfurt, Eckenheimer Landstraße 40, geboren wurde (10. Juli 1899), in Frankfurt bis 1907 seine Kindheit verbrachte, hier studierte und promovierte, auch zeitweise ab 1924 hier mit der eigenen Familie wohnte und seine ersten Berufsjahre verbrachte.

Den Frankfurter Fritz Debus nehmen wir in die Reihe der Biographien auf, weil er in der Öffentlichkeit als Publizist, Autor und Redner gewirkt hat. Leicht zugänglich sind seine Aktivitäten beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Von 1947 bis 1964 war Fritz Debus Mitarbeiter der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes, seit 1951 Leiter der Abteilung Presse und Werbung. In zwei Nachrufen des Volksbundes 1981/1982 erfahren wir, welche herausragende Rolle Fritz Debus beim Wiederaufbau des Volksbundes nach 1945 gespielt hat. Wir erfahren auch, dass Fritz Debus schon vor 1945 als Wehrmachtsgräberoffizier (ab 1940) für Kriegsgräber zuständig war.

Die Biographie des Frankfurter Dr. Fritz Debus unterscheidet sich sehr von der des „Bochumer“ Dr. Fritz Debus (siehe Ein Lebensumbruch 1943–1945: Geograph und Handelslehrer Dr. Fritz (Friedrich Wilhelm) Debus aus Bochum). Die Vorfahren beider stammen aus dem Scheffersch-Haus in Mornshausen (siehe Debus und das Scheffersch-Haus in Mornshausen: ab Johann Theiß Debus (1744–1775)). Die Biographie des Frankfurter Dr. Fritz Debus steht für aktive politische Mitwirkung im NS-System und ungehinderten beruflichen Wiedereinstieg und Karriere im Nachkriegsdeutschland.

Berufliches Engagement für die Kriegsgräberfürsorge

Lesen wir zunächst den Nachruf, der uns einen Überblick über die Stationen seines Lebens gibt (im Organ des Volksbundes, 1982, S. 22).

Nachruf des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1982

Dr. Fritz Debus

Dr. Fritz Debus ist tot

Dr. Fritz Debus ist im Alter von 82 Jahren gestorben. 17 Jahre war er als Mitarbeiter der Bundesgeschäftsstelle des Volksbundes tätig. In dieser Zeit hat er sich große Verdienste um die Entwicklung der Deutschen Kriegsgräberfürsorge nach dem Zweiten Weltkrieg erworben.

Als 18-Jähriger wurde er im März 1917 Soldat, nahm an den großen Schlachten in Frankreich teil und wurde als junger Leutnant 1920 aus dem Wehrdienst entlassen.

Er studierte dann in Breslau und Frankfurt/M. Das Studium schloß er ab mit den Diplomprüfungen als Kaufmann und Handelslehrer. Anschließend promovierte Friedrich Carl Debus zum Doktor der Staatswissenschaften mit dem Hauptfach Wirtschaftgeschichte. Eine Ausbildung im Verlagswesen folgte. Von 1925 bis 1934 war er als Schriftleiter und Geschäftsführer in verschiedenen Verlagen und von 1934 bis 1940 als Bibliotheksleiter tätig.

1940 wieder zum Wehrdienst einberufen, wurde Dr. Debus als Wehrmachtsgräberoffizier an fast allen Fronten, darunter auch mehrfach in Frankreich, eingesetzt. Seine verhältnismäßig lange Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft bis zum Sommer 1947 hatte er seiner Namensgleichheit mit einem am Bau deutscher Raketen beteiligten Wissenschaftler zu verdanken.

Durch seinen Einsatz als Soldat in zwei Weltkriegen und insbesondere seine Tätigkeit im Bereich des Wehrmachtsverlustwesens waren ihm Leid und Elend des Sterbens im Kriege in besonderem Maße begegnet.

So war es nicht verwunderlich, daß er alsbald nach der Entlassung aus der Gefangenschaft den Weg zum Volksbund suchte. Er schrieb damals an einen Freund: ‚Du weißt, dass ich kein Mann bin, den das reine Geldverdienen reizt – sonst würde ich in den geschäftlichen Transaktionen bleiben, die ich z. Zt. betreibe –, sondern eine Arbeit suche, die mir von Wert und Nutzen für die Allgemeinheit erscheint und in der man mit Idealismus und Hingabe dienen kann.‘

Dieser seiner Einstellung blieb er treu.

Seit 1962 Leiter der Abteilung Presse und Werbung, hat Dr. Debus in zahlreichen Schriften und Tonbildserien, Vorträgen und als Leiter von Informationsfahrten die Mahnung der Kriegstoten zum Frieden laut werden lassen. Sein fundamentales Wissen, sein Charme und seine Beredsamkeit gewannen dem Volksbund ungezählte Freunde. Unter seiner Leitung entstanden die ersten volksbundeigenen Filme und Ausstellungen, machte die Jugendarbeit mit seiner wohlwollenden Förderung erste Schritte. Mit Erreichen der Altersgrenze schied Dr. Debus aus dem aktiven Dienst im Volksbund aus.

Ein Werk, das ihm sehr am Herzen lag, blieb unvollendet. Zum Gedenken an die, die im Kriege ihr Leben verlieren, wollte er eine Geschichte der Kriegsgräberfürsorge schreiben, eine Geschichte, die von der Antike bis in die Neuzeit reichen sollte. Seinen Nachfolgern und Freunden bleibt die Aufgabe, im Gedenken an Dr. Fritz Debus das Werk zu vollenden.“

Nachruf von Werner Thallemer 1981

In einem zweiten Nachruf vom damaligen Vorsitzenden des Landesverbandes Bayern, Werner Thallemer, erfahren wir, dass er auch der Schöpfer zweier Leitsprüche des Volksbundes war: Versöhnung über den Gräbern und Die Toten verpflichten die Lebenden (19.10.1981).

Ein Leben im Dienste der Völkerversöhnung – Dr. Fritz Debus gestorben – Volksbund-Pressefahrten wurden durch ihn zum Erlebnis.

Vor kurzen starb 82jährig in seinem Landhaus über dem Fuldatal, unmittelbar am Rande des Reinhardswaldes, Dr. Fritz Debus. Schon 1947 fand der gebürtige Frankfurter zum Volksbund Deutsche Kriesgräberfürsorge und entfaltete sich zur bedeutendsten Persönlichkeit in dessen hauptamtlicher Mitarbeiterschaft. Siebzehn Jahre lang leitete er die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit; er begriff diese geistige Aufgabe als Berufung. Als Verfasser vieler wissenschaftlicher Schriften über das breitgefächerte Thema des Bestattungswesens in der deutschen Militärgeschichte, aber auch des christlichen Friedhofs, vermachte er der Nachwelt wertvolles Wissen. Hervorragender Hommes des lettres, begnadeter Redner und Leiter von dreizehn Pressefahrten des Volksbund-Landesverbandes Bayern, durch die er die weltweite Arbeit an den Gräbern zweier Weltkriege im ganzen Land bekannt machte.

Der Magnet Fritz Debus verdreifachte die Teilnehmerzahl. Sein Name wurde in den bayrischen Redaktionsstuben zum Wertbegriff. Wenn heute der Volksbund-Landesverband Bayern sich in der geistigen und organisatorischen Vertreuung dieses selbstgewählten Auftrages an der Spitze der elf Landesverbände des humanitären Werkes bewegt, so ist sein Mitverdienst daran beträchtlich. Dieser gewichtige Beitrag zu tiefgreifender Versöhnungs- und Friedensarbeit ist im In- und Ausland als einzigartig anerkannt worden. Dr. Debus war auch der Schöpfer des Leitspruchs ‚Réconciliation par-dessus les tombes – Versöhnung über den Gräbern‘, unter dem bis 1981 schon mehr als 111.000 junge Menschen beiderlei Geschlechts aus der Bundesrepublik und vielen westeuropäischen Ländern zum Abarbeiten der seelischen Hypotheken einer tragischen Vergangenheit von Norwegen bis Tunesien tätig gewesen sind. Debus hat auch den Mahnruf ‚Mortui viventes obligant – Die Toten verpflichten die Lebenden‘ geprägt. In Fritz Debus wirkte der Kopf mit dem Herzen zusammen. Als erster schuf er ergreifende Tonbildschauen, die in vielen Gemeinden Bayerns Säle füllten.

Im Zweiten Weltkrieg machte er sich zuerst als Stabsoffizier für Wehrmachtswesen, dann als Wehrmachtgräberoffizier in Dänemark, Norwegen, Frankreich, Ungarn, Bessarabien, in der Ukraine und der Slowakei verdient. Das Kriegsende ereilte ihn in Wien, in einem abenteuerlichen Fußmarsch durch Österreich und Bayern fand er in seine hessische Heimat zurück.

Debus erstellte bereits ab 1947 am Sitz der Bundesgeschäftsstelle (erst Oldenburg, dann Kassel) die Zentralgräberdatei, die als verläßliche Grundlage für Auskünfte an Hinterbliebene und Kriegskameraden dient. Über vier Millionen Karten. Jede Karte das papierene Finale eines Menschenlebens. Fritz Debus verband durch sein ausstrahlendes Wesen Tausende und aber Tausende zum Dienst am Menschen und am Frieden. (gez. wth)“

Worte seiner Frau 1981

Seine zweite Frau, Martha-Maria Debus, geb. Wendler, schreibt im November 1981 den Epilog:

„Der leuchtende Stern am Friesenhimmel ist erloschen! Stehle.

Fröhlich, unbekümmert, ohne Arg ging er die Straße seines Lebens. – Von den Menschen, mit denen er es zu tun hatte – wie selbstverständlich – besitzergreifend, strahlte er so viel Charme aus, dass ihm jeder zugetan war.

Respektiert und bewundert, beeindruckte sein Wissen und Ideenreichtum, und aus seinem unglaublichen Gedächtnis glaubte er die schönen Dinge der Vergangenheit vor Augen. MM“

Publikationen beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge

Seine Publikationen beziehen sich auf die Geschichte der Kriegsgräberfürsorge und die des Volksbundes, auf die völkerrechtlichen Grundlagen und die Gedenkkulturen. Oft sind es auch Mahnungen und Appelle, in denen auf die Arbeit des Volksbundes hingewiesen und um unterstützende Mitwirkung geworben wird. Zur Veranschaulichung der Arbeit des Volksbundes stellt Fritz Debus Erfahrungen und Erlebnisse seiner Reisen zu Kriegsgräbern in vielen Ländern Europas (z. B. Norwegen, Italien, Frankreich) dar.[1]

Eine Publikation stammt noch aus der Zeit des Krieges, 1943. In diesem Beitrag für den Volksbund unter dem Titel Im Dienste unserer gefallenen Soldaten berichtet Fritz Debus als Wehrmachtsgräberoffizier (WGO) über die Arbeit der Kriegsgräberfürsorge, hier ganz in der Sprache der nationalsozialistischen Ideologie.

Die hier nicht im einzelnen aufgelisteten Publikationen sind Gegenstand einer eingehenden Besprechung in dem angegebenen eigenen Beitrag (Debus, 2013).

Öffentliches Auftreten für den Volksbund

Im Nachlass seines Sohnes Peter im Stadtarchiv Bad Homburg v. d. Höhe finden sich mehrere Fotoalben, in denen sich auch Aufnahmen aus der Zeit seiner Tätigkeit beim Volksbund befinden. So gibt es ein Bild über die Einweihung des deutschen Soldatenfriedhofes Weeze am Niederrhein am 10. September 1950 mit dem Bundespräsidenten Heuss, dem Landrat von Geldern, dem Ministerpräsidenten Arnold von Nordrhein-Westfalen, dem Regierungspräsidenten und auch Fritz Debus. Ein weiteres Bild zum Volkstrauertag am 18. Februar 1951 zeigt ihn u. a. zusammen mit dem VDK-Präsidenten Hagemann und Bundeskanzler Adenauer vor dem Bundeshaus in Bonn.

Werdegang vor 1945

Aus eigenen Publikationen lassen sich die verschiedenen Lebensstationen vor dem Krieg rekonstruieren:

Lebenslauf in der Dissertation: Ausbildung, Studium und Militärdienst

Sein Lebenslauf (bis 1924) wird hier komplett wiedergegeben:

„Ich, Friedrich Karl Debus, bin am 10. Juli 1899 als Sohn des Eisenbahninspektors Jakob Debus und seiner Ehefrau Margaretha, geb. Michel, in Frankfurt am Main geboren. Ich besuchte die Vorschulklassen der Kaiserin Augusta Viktoria Lyceums zu Bad Homburg, anschließend die Realschule daselbst von Ostern 1916 bis Juni 1917 die Oberrealschule zu Oberursel im Taunus. Am 23. Juni 1917 trat ich als Freiwilliger in das Infanterieregiment 81. ein und wurde im November desselben Jahres I.R. 144 als Fahnenjunker überwiesen. Am 10. Januar 1918 bestand ich das Fähnrichsexamen vor der Obermilitärprüfungskommission zu Berlin und war dann im Osten und im Westen an der Front. Nach der Revolution [yyy] hörte ich im Zwischensemester 1919 die Vorlesungen von Herrn Prof. Kalveram und Schmidt an der Universität Frankfurt a.M. Im April 1918 trat ich als Degenfähnrich in die deutsche Freischar der Gardekavalerie – Schützendivision – ein, da mir mein Abschied noch nicht bewilligt worden war. Im Juli 1919 schied ich aus der Reichswehrbrigade Brandenburg als Leutnant aus. Nunmehr war ich 2 ½ Jahre [bis Ende 1922] in der Industrie als kaufmännischer Volontär tätig. Seit Wintersemester 1921/22 bin ich bei der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a.M. immatrikuliert. Im Juli 1923 bestand ich das kaufmännische Diplomexamen und im Oktober 1923 das Ersatzabitur in Kassel. Während meiner Ferien war ich als Redakteur im Verlag Mahlau und Waldschmidt tätig, der im Oktober 1921 meine Biographie über Hermann Löns herausgab.

An Vorlesungen und Übungen nahm ich teil: in der Volkswirtschaftslehre bei den Herren Professoren Arndt, Gerloff und Voigt. In der Privatwirtschaftslehre bei den Herren Professoren Pape, Hellauer, Schmidt, Kalveram. In der Statistik bei Herrn Prof. Dr. jur. Zizek und in der Rechtswissenschaft bei den Herren Professoren Burchard, Giese und Klausing.“

Kindheit und Jugend

Lebensdaten und Angaben aus Fotoalben[2]

Fritz Debus wurde am 10. Juli 1899 in Frankfurt geboren. Sein vollständiger Name ist Friedrich Karl Debus, er selbst verwandte in seinen Publikationen nur den Vornamen Fritz. Seine Eltern waren Jakob Debus (1863–1950) und Margarethe, geb. Michel. Die Familie wohnte bis 1907 in der Eckenheimer Landstraße 40, diese war nach eigenen Angaben „damals sehr ruhig, nahe der Anlage gelegen und mit vielen Gärten geschmückt“ – „1907 siedelte die Familie nach Homburg, ich knapp 8 Jahre alt (Mein Asthma war der Grund des Wohnungswechsels). Auf Homburg lag damals noch etwas von dem Glanz der großen Spielbankzeit, fürstliche Besucher waren nicht selten. Unmittelbar am Kurpark wohnend, Ferdinandstraße 3, nahmen wir Anteil an dem buntbewegten Geschehen.“ Der Vater, Jakob Debus, war Beamter bei der Bahn, 1907 Eisenbahnstationsassistent (später Eisenbahninspektor, dann Reichsbahnoberinspektor) an dem im Oktober 1907 eröffneten „neuen“ Zentralbahnhof von Homburg. 1910 wurde die Tochter Charlotte Margarete Ottilie geboren.

Kindheit und Jugend im Rückblick 1968

Der folgend wiedergegebene Beitrag von Fritz Debus wirft einen Blick auf Kindheit und Jugend aus der Erinnerung an Werner und Elly von Noorden.[3] In deren „weltoffenes“ Haus ging Fritz Debus, dessen Vater damals Eisenbahnstationsassistent, später -inspektor, war, ein und aus.

„Vor 65 Jahren [1903] bezog der damals 43-jährige Arzt Dr. med. Werner von Noorden das Haus Nr. 4 in der Parkstraße, die längst ihren Namen in Wilhelm-Meister-Straße geändert hat. Nur wenige waren sich der Bedeutung dieses Neuankömmlings bewusst. Auch in den 25 Jahren, in denen der Geheime Sanitätsrat mit kürzeren Unterbrechungen in unserer Badestadt wirkte, haben sie relativ wenig über seine weitreichenden Beziehungen erfahren. Die Noordens waren bescheiden und all dem abhold, was wir heute Angabe nennen.“

– Seite 2

Die weit verzweigte Familie „umfasste Adel und Großbügertum, vor allem aber viele Gelehrte von Rang und Namen.“ Beispiel: der Vater Historiker Karl von Noorden, Schwiegervater Nasse und Schwäger Physiologen; der berühmtere Bruder Carl von Noorden (1858–1944) war von 1894–1904 und 1913–1930 in Frankfurt, Mitbegründer der „Privatklinik für Zuckerkranke und diätische Kuren“ im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen (1895), später als „Carl-von-Noorden-Klinik“ bekannt und heute das „Krankenhaus Sachsenhausen“. Zu den engsten Freunden zählten u. a. der Geschichtsforscher Delbrück, Fritz Hitzig, der Präsident der Akademie der Künste zu Berlin, und die Malerin Alma-Tadema in London.

Fritz Debus erzählt von seinem persönlichen Eindruck:

„Als ich zum erstenmal [vermutlich 8-jährig 1907] in das Noordensche Haus in die Parkstraße kam, als Freund und Schulkamerad des 1918 gefallenen Sohnes Udo, war ich noch ein Kind. Die dort ein- und ausgehenden Berühmtheiten erfüllten mich mit scheuer Ehrfurcht, wenn ich auch ihre Bedeutung kaum ermessen konnte. Immerhin ist mir vieles in Erinnerung geblieben. In späteren Jahren war es vornehmlich die über alle Stockwerke verteilte große Bibliothek mit wertvollen ererbten Beständen, die mir dieses Haus wie einen Brennspiegel des Geistes eines Jahrhunderts erscheinen ließ. In den hohen Regalen standen die Erstausgaben vieler Dichter und Gelehrten, die das 19. Jahrhundert geprägt haben. Sie alle hatten zu Lebzeiten mit den Vorfahren der Noordens oder Ebers [Familie der Elly von Noorden] in Verbindung gestanden. So Alexander von Humboldt, der Philosoph Hegel, der Theologe Schleiermacher, August Wilhelm Schlegel und die Frühromantiker, der Dichter und Germanist Karl Simrock, Ernst Moritz Arndt, K. F. Gutzkow, der große Pädagoge Friedrich Fröbel, die Familie Mendelssohn-Bartholdy, die Geschichtsforscher Ranke und Dahlmann, der Historienmaler Peter Cornelius und die Gebrüder Grimm. […] Noch heute weiß ich, wie Elly von Noorden ihren Kindern Gerrit, Udo, Ellen und mir von jenen Begegnungen des jungen Georg Ebers [ihr Bruder] mit dem Liederkomponisten Friedrich Silcher berichtete, der mit brüchiger Greisenstimme seine zu Volksliedern gewordenen Schöpfungen, wie Ännchen von Tharau, Der gute Kamarad und Ich weiß nicht, was soll es bedeuten vorsang.“

– Seite 3

– In allem eine Welt des offenen Geistes!

Burschenschaft als geistige Heimat

Fritz Debus gehörte dem Corps Frisia an. Dies ist eine pflichtschlagende und farbentragende Studentenverbindung (ursprünglich und vorrangig an der Universität Göttingen), die in Frankfurt/M. nach dem Ersten Weltkrieg an der 1914 gegründeten Universität (ebenso in Breslau) hauptsächlich von Kriegsteilnehmern als „Wissenschaftliche Verbindung Frisia“ (14. April 1919) gegründet wurde, sie wurde später in den Weinheimer Senioren Convent (WSC) aufgenommen. Fritz Debus war offensichtlich in den Anfängen mit dabei. In seinen Fotoalben[2] gibt es einige Bilder von Festen, an denen Fritz Debus teilgenommen hat.

Buchtitelseite

Begeisterung für Hermann Löns – erste Publikation

Schon 1922 – also während seines Studiums – erschien sein 60 Seiten umfassendes Buch über Hermann Löns – sein Wirken und Schaffen im Frankfurter Verlag Mahlau & Waldschmidt. Im Vorwort vom Oktober 1921 – Ort: Bad Homburg v. d. Höhe – schreibt er:

„Als ich im Winter vorigen Jahres [1920] an der Vervollkommnung des Zoologischen Beobachters mitarbeitete, fand ich in den alt verstaubten Bänden auch einige kleine Notizen von Hermann Löns. Tausend und abertausend Beobachtungen hat er zusammengetragen und dann mit schlichten, einfachen Worten ein Stück Natur vor uns gezaubert, wie es bis jetzt die Feder keines Meisters vollbracht.

Damals wurde der lang gehegte Wunsch in mir wieder wach, allen denen, die Hermann Löns und seine unübertreffliche Arbeit, die er der Naturwissenschaft geleistet, lieben, mit einigen Worten zu schildern.“

Berufliche Anfänge

Fritz Debus schrieb 1925:

„Beruflich bin ich mit Januar 1925 in der Presse tätig und zwar als Hauptschriftleiter, Lokalredakteur, polit. Redakteur und mit September 1933 als Feuilleton-Schriftleiter. Seit März 1933 bin ich im Frankfurter Volksblatt, dem Zentralorgan der NSDAP unseres Gaues tätig und bearbeite hier den gesamten Unterhaltungsteil, einschließlich Literatur-Beilage, Frankfurter Chronik, Frauen-, Kinder- und Reisebeilagen.“[4]

Familiengründung

Fritz Debus heiratete am 4. Januar 1930 Lilli Weniger, deren Familie aus dem Elsaß stammte. Sie wohnte vor der Heirat in Riedelbach, heute ein Ortsteil der Gemeinde Weilrod im Hochtaunuskreis, sie war geboren in Vallendar am Rhein, einem kleinen Ort rechtsrheinisch gegenüber von Koblenz. Sie war gleich alt (* 31. August 1899) wie Fritz Debus. Bis 11. Januar 1930 wohnte Fritz Debus in der Finkenhofstraße in Frankfurt. Von dort zog er mit Frau in den Mittelweg 49, dann Sachsenhäuser Berg und war vom 18. April 1932 bis 1935 im Wartegässchen 5 gemeldet. Drei Söhne wurden in der Frankfurter Zeit geboren. In diesem Zeitraum schrieb Fritz Debus mehrere Volksspiele, die auf der im östlichen Hintertaunus gelegenen Burgruine Altweilnau aufgeführt wurden.

Fritz Debus zog am 20. Februar 1935 in die Thüringallee 2 in Berlin, wohin ihm die Frau mit Kinder am 11. März 1935 folgten. Hier in Berlin wurde ein vierter Sohn geboren.

Handschriftlicher Abriss der landgräflichen Geschichte von Katzenbach in ihren Anfängen

Ahnenforschung

Nach 1933 ist Ahnenforschung nicht nur zum Nachweis arischer Abstammung amtlich verordnet, sondern auch brennend aktuell für diejenigen, die – wie Fritz Debus – mit Stolz auf „Blut und Boden deutscher Rasse“ verweisen wollen.

Deshalb erstaunt es nicht, wenn wir im Nachlass seines Sohnes Peter einen Brief in Sachen Heimatrecherchen finden. An seine Berufsadresse Graf-Spee-Straße 17, Berlin W. 35 [Beamtenbund], ist ein Schreiben von Graf von Hardenberg, Museumsleiter in Darmstadt, gerichtet, in dem er auf die Anfrage nach dem Bild des Jagdschlosses in Katzenbach antwortet. In Katzenbach bei Biedenkopf (Lahn) liegt der Pahleshof, aus dem die Vorfahren von Fritz Debus kommen. Der Hof liegt mit drei weiteren Höfen abgelegen am Ende eines langgestreckten Tales der Berghänge am Rande des Rothaargebirges. Aufgabe der Vorfahren war, dem Landgrafen/Großherzog von Darmstadt bei seinen Aufenthalten im Jagdschloss (zur Zeit nur noch Grundmauern) und den Jagden zu Diensten zu sein.

Von Fritz Debus gibt es eine Reihe von Aufzeichnungen zur Abstammung der Debus bis ins 16. Jahrhundert (u. a. Ahnentafel), auch einige Dokumente.[5] In einer handschriftlichen Notiz (s. rechts) schreibt Fritz Debus „Zur Geschichte von Katzenbach: K. war ursprünglich ein sog. Landsiedelgut, welches schon 1565 erwähnt wird, indem es Landgraf Philipp der Große an Josten Damen, … zu Landsiedelrecht verlieh“, er berichtet vom Übergang zur Verpachtung an Bauern und über den Bau des Jagdhauses 1661 sowie über die Jagdfeste und deren Gelage (siehe Höfe und Familien, Landgrafen und politische Strukturen in Katzenbach).

Fritz Debus auf der Jagd, karikiert von Lino Salini

Jagdleidenschaft

Naturverbundenheit offenbarte sich bei Fritz Debus, wie berichtet wird, in seiner Jagdleidenschaft, hier karikiert von seinem, wie es heißt, Freund Lino Salini (* 1889 in Frankfurt, † 1944 in Würzburg). Dieser war ein bekannter Frankfurter Maler und Karikaturist, der wie Heinrich Zille in Berlin seine Motive in Sachsenhäuser Apfelwein-Schenken suchte (Nachlass im Institut für Stadtgeschichte). Er war befreundet mit der Familie, hatte auch den Vater von Fritz Debus gemalt. Die von Fritz Debus zur Karnevalszeit 1931 herausgegebene Kreppel-Zeitung war gespickt mit Karikaturen von Salini.

„Leerstellen“ der Biographie vor 1945

Das Beschweigen politischer Mitwirkung im NS-Regime vor 1945

Wenn Dr. Fritz Debus doch die 1945er-Wand des Beschweigens durch eigene Worte durchbrochen hätte, dann – so könnte ich fortfahren – hätte Fritz Debus – als ausgewiesener Mann des Wortes – vorbildhaft ein Beispiel für ein Umdenken geben können, von gedanklich politischen Verirrungen hin zu einem aufklärenden Standpunkt. Für Fritz Debus gab es die Kontinuität als Redakteur seit seiner Studentenzeit, die Kontinuität in seinem beruflichem Engagement für die Kriegsgräberfürsorge seit seinem Einsatz als Wehrmachtsoffizier 1940 und nach dem Krieg als führender Mitarbeiter beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bis 1964. Die politische Zäsur 1945 – Ende des NS-Regimes – offenbart eine Diskontinuität in dem, was er vor und nach 1945 zur Sprache brachte. Typisch für viele in Deutschland nach 1945, dass er das, was er vor 1945 NS-ideologisch zu Papier brachte, nach 1945 beschwieg. In einem Nachlass seines verstorbenen Sohnes Peter im Stadtarchiv Bad Homburg finden sich Fotoalben mit vielen biographischen Eintragungen und Anmerkungen von Fritz Debus. Darin findet sich nichts zu seiner Mitwirkung im Projekt „Lautdenkmal deutscher Dialekte“ und seinen antisemitischen Schriften. Erst umfangreiche Recherchen machten eine Zuordnung zu seiner Person möglich. Über die beschwiegene Arbeit wird hier nur ein Überblick gegeben, die Auseinandersetzung mit seinen politischen Aussagen vor und nach 1945 erfolgt in einem wissenschaftlichen Beitrag an anderer Stelle (Debus, 2013). Darin werden insbesondere die Worte über Juden in Deutschland und die Worte zur Kriegsgräberfürsorge in Beziehung gesetzt.

Die Leerstellen in der Biographie veranlassen uns, diese durch die Ergebnisse der Recherchen zu füllen. Damit wird Dr. Fritz Debus, wie im Titel angekündigt, beim Wort genommen.

Zwischenbemerkung: Ich selbst habe Fritz Debus persönlich nicht gekannt. Briefkontakt hatte ich zu seinem familiengeschichtlich engagierten ältesten Sohn Peter in Bad Homburg. Von ihm erhielt ich einige biographische Hinweise. Meine verwandtschaftliche Verbindung zu Fritz Debus führt sechs Generationen zurück in das Scheffersch-Haus in Mornshausen. Mein Bemühen, die Biographie von Fritz Debus in ihren verschiedenen – auch verdeckten – Facetten zu erhellen, geschah aus der Überzeugung, dass nur eine ehrliche Aufarbeitung unserer Vergangenheit uns vor neuen Irrtümern schützt. Die Darstellung erfolgt nicht aus der Überheblichkeit, in einer Zeit der Diktatur und der ideologischen Verirrung anders gehandelt zu haben. Als experimenteller Psychologe gehe ich an die wissenschaftliche Bearbeitung der Thematik aus der Sicht gegenwärtiger Erkenntnisse zur Entstehung und zum Verharren von Vorurteilen ein. Dabei mache ich deutlich, dass diese nur einen Teil der Folgen sind, die aus prinzipiellen Funktionsweisen unseres Denkens und Fühlens entstehen. Das Bemühen, Quellen und Risiken menschlicher Fehler im Urteilen und Bewerten zu erkennen, erscheint mir ein Gebot der Zeit. Wissenschaftliche Erkenntnisse liegen vor, sie müssen genutzt werden.

Mitgliedschaften in Organisationen des NS-Regimes

Im Entnazifizierungsverfahren, das nach seiner Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft 1947 durchgeführt wurde, gab Fritz Debus an, von 1933–1939 der NSDAP und von 1933 bis 1937 der SS angehört zu haben.[6] Unter Bemerkungen ist eingetragen „aus Partei u. SS ausgeschlossen wegen Lagerzugehörigkeit u. Kritik an Personen u. Einrichtungen von Partei u. Staat.“ (datiert vom 17. April 1947)

Nach Aktenlage[7] wurde Fritz Debus am 1. September 1932 in die NSDAP aufgenommen, also früher als 1947 angegeben. Die Mitgliedsnummer ist 1 287 982. Als Ort wird Frankfurt genannt, als Stand Schriftleiter. Mit Wohnort Frankfurt, Wartegässchen 5, wird er dem Gau Hess.Nass.Süd zugeordnet. Als nachfolgende Wohnorte werden aufgeführt: ab 1934 Berlin, Charlottenburg, Thüringer Allee, Ortsgruppe Berlin, Gau Berlin; ab 7.8.1939 Nauris, Kreis Ziegenhain, Ortsgruppe Immichenhain, Gau Kurhessen, ab 10.8.1941 Wessenborn, Kreis Ziegenhain, Ortsgruppe Ziegenhain, Gau Kurhessen. Die Mitgliedskarte der Zentralkartei enthält ein Foto mit dem Datum 1. Juni 1934. Ein Ausschluß ist nicht dokumentiert. Die Angaben der Karte stimmen zumindest nicht mit den Aussagen 1947 überein.

Fritz Debus wurde mit 1. Juli 1933 in die SS unter der SS-Nummer 65 499 aufgenommen.[7] Festgehalten ist die Teilnahme an Aufmärschen: Reichsparteitag 1933, Eintritt 21.06.1933, Sturmmann 15.09.1933, Rottenführer 11.10.1933, Scharführer 09.11.1933, Oberscharführer 15.02.1934, Truppführer 10.03.1934; (letzter Eintrag 28.05.1934). Über einen Ausschluss aus der SS gibt es keinen Beleg. Von einem Familienangehörigen wird dieser Ausschluss 1937 bestätigt. Die Recherchen erbrachten einen Hinweis, der den Ausschluss erklären könnte. Fritz Debus soll der Loge Schlaraffia, ohne dies bei der Aufnahme in die SS anzugeben, angehört haben. Diese Loge wurde 1937 endgültig verboten.

Publikationen

Identifikation mit der nationalsozialistischen Bewegung seit 1928

Seit 1928 arbeitete Fritz Debus als Schriftleiter bei dem Frankfurter Vorstadtblatt Sachsenhäuser Anzeiger. Hier begann seine Identifizierung mit der nationalsozialistischen Bewegung.

Titelseite der Monographie

In seiner Jubiläums-Publikation Zehn Jahre Sachsenhäuser Anzeiger von 1933 kennzeichnet er dieses Zeitungsblatt:

„Zehn Jahre sind vergangen, seit [1923] Buchdruckereibesitzer Leo Heß den Entschluß fasste, den in den 70er Jahren erschienenen Sachsenhäuser Anzeiger wieder auferstehen zu lassen. Es sollte keines der üblichen Vorstadtblättchen werden, sondern ein Organ zur Pflege des echten alten Bürgersinns, der Frankfurt groß gemacht hat und von dem das ‚schwarz-rot-goldene System‘ [Symbol der parlamentarischen demokratischen Weimarer Republik] nichts wissen wollte.“

So die Einleitung zum Vorwort im rechts-oppositionellen Organ. Für das Jahr 1928 finden wir den Eintrag:

„Im Sommer des Jahres 1928 wurde der Beschluß zum zweimal wöchentlichen Erscheinen gefasst. Die Schriftleitung übernahm Dr. Fritz Debus.“

– Seite 19

Für die Einstellung zu Juden stellte Fritz Debus im seinem historische Abriss das Jahr 1931 heraus:

„Am 3. Juli 1931 veröffentlichte der Sachsenhäuser einen großen Artikel über die Rassenfrage, der mit folgenden Worten schloss: ‚Es kommt eben im Leben tatsächlich auf die Rasse an‘, und für die jüdische Rasse feststellte: ‚Bei den Semiten war zu allen Zeiten die Disposition zu Geistes– und Nervenkrankheiten auffallend.‘“

– Seite 40

Zum Jahr 1931 wird weiterhin vermerkt, „dass er [der ‚Sachsenhäuser‘] sich planmäßig in die nationalsozialistische Weltanschauung eingearbeitet hat und sie zur Richtschnur seiner redaktionellen Arbeit machte.“ (S. 28) und „die damit verbundene Erkenntnis der Führerverantwortung an Stelle der verantwortungslosen Mehrheitsabstimmung hat sich auch im politischen Denken des ‚Sachsenhäusers‘ von Tag zu Tag mehr durchgesetzt“ (S. 41).

„Der Sachsenhäuser Anzeiger war 1931 ‚politisch‘ geworden, hatte sich aus dem liberalistischen Fahrwasser restlos befreit und seine Hoffnung auf die Bewegung gesetzt, die unter ihrem Führer Adolf Hitler ein neues Kapitel deutscher Geschichte einleiten wollte. Ihr zum Sieg zu verhelfen, war das heiße Bemühen des ‚Sachsenhäuser Anzeigers‘ und er hat getan, was in seinen bescheidenen Kräften bestand.“

Kommunalpolitische Opposition, mal humoristisch: die Kreppelzeitung 1929 und 1931

Repräsentant des vom Sachsenhäuser Anzeiger verabscheuten Systems in Frankfurt war der damalige Oberbürgermeister Landmann. Zum Frankfurter Karneval 1929 überraschte der Sachsenhäuser Anzeiger – zugeordneter Autor: Dr. Fritz Debus – das „System Landmann“ mit einer „Kreppel Zeitung“, in der mit Karikaturen von Lino Salini kommunalpolitische Attacken in humoristisch-satirischer Form eingekleidet wurden. In der Ausgabe 1931 wird als Verantwortlicher Dr. Fritz Debus genannt.

Buchpublikationen 1934, 1939 und 1940

Die 1928 – also schon vor der Machtübernahme 1933 – eingenommene politische Position mit Übernahme ideologischer Überzeugungen der Nationalsozialisten wird in späteren Buchpublikationen wiederholt offensiv vertreten. Er befasst sich darin mit der Geschichte

  • der Juden in Frankfurt (1934)
  • der Judenfrage vom Zeitalter der Aufklärung bis zu den napoleonischen Kriegen (1939)
  • des Bürgerrechts für Juden im Zeitalter des Liberalismus (1940)

In diesen Büchern vertritt Fritz Debus einen für das NS-Regime programmatischen und in weiten Teilen der Bevölkerung mitgetragenen rassistisch begründeten, aggressiven Antisemitismus. Ob von ihm die radikalen Konsequenzen, der Holocaust – der Mord an Millionen Juden – mitbedacht war, erschließt sich nicht. Immerhin waren ihm die Pogrome der sog. Kristallnacht 1938 bekannt. Der letzte Beitrag von 1940 erschien vor der (geheimen) Wannsee-Konferenz im Januar 1942. Am 1. Mai 1940 wurde er als Wehrmachtsgräberoffizier eingezogen und in Norwegen eingesetzt.

Seine Bücher wurden sowohl vor als auch nach 1945 so gut wie nicht zitiert. Welchen Leserkreis sie überhaupt erreichten, ist nicht bekannt. Eines seiner Bücher stand auf der in der DDR geführten Liste zensierter Schriften der NS-Zeit.

Es waren Recherchen erforderlich, um die Schriften überhaupt dem „Frankfurter“ Dr. Fritz Debus zuzuordnen. In ihnen selbst finden sich keinerlei Hinweise auf die Biographie des Autors.

Es wird hier bewusst darauf verzichtet, auf die Buchinhalte und die Sprache von Fritz Debus näher einzugehen. Dies geschieht in einem gesonderten Beitrag, der in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen wird (Debus, in Vorbereitung). Eine wissenschaftliche Aufarbeitung, wie sie für die Publikationen von Fritz Debus vor 1945 und nach 1945, zum Menschenbild von Juden und zum Anliegen der Kriegsgräberfürsorge erforderlich ist, lässt sich im Rahmen der familiengeschichtlichen Beiträge nicht leisten. Der Rahmen ist dafür unpassend.

Sachlichkeit ist geboten, dennoch lassen sich aus menschlicher Sicht ganz einfache Fragen stellen. Noch 1943 schrieb Fritz Debus in einem ersten Beitrag für das Organ des Volksbundes der Kriegsgräberfürsorge unter dem Titel Unsterbliche Kameradschaft:

„Das Wesen des deutschen Soldatentums beruht auf Mut und Treue, Ehrenhaftigkeit und Gehorsam, nicht zuletzt aber auch auf jener selbstlosen Kameradschaft, die den Außenstehenden oft mit Erstaunen erfüllt. Sie ist hart und rau, weiß nichts von schmeichelnder Liebedienerei und kennt doch dabei Augenblicke, in denen sie gleich einem mütterlichen Herzen schlägt. Sie hat ihre eigenen ungeschriebenen Gesetze, die vorbehaltlos den schützen, der sich ihr verschworen, und rücksichtslos den ausmerzen, der sich an ihr vergangen hat. Es ist eine Kameradschaft fürs ganze Leben, die kein Erkalten und kein Vergessen kennt, und ihr Ende liegt nicht im Tod beschlossen, sondern dauert über Gräber hinaus.“

Von einem Mann des Wortes, der die „Ausgrenzung“ und „Ausmerzung“ der Juden mitpropagiert und mitverantwortet hat, könnte man – so meine Hoffnung – erwarten, dass er nach 1945 in seinem Engagement für Kriegsgräberfürsorge erkennbar die Frage stellt: Was ist mit den Gräbern der verschwundenen – ermordeten – Juden?

Mitwirkung im Projekt „Lautdenkmal deutscher Dialekte“

In Berlin 1935 wartete eine besondere Aufgabe auf Fritz Debus. Seine berufliche Adresse war der Reichsbund der Deutschen Beamten in der Graf-Spee-Straße 17: NSDAP Reichsleitung – Oberste Leitung d. P.O. Amt für Beamte. Es war Julius Vogel, Hauptabteilungsleiter beim Reichsbund Deutscher Beamten (RDB), der zusammen mit Dr. Fritz Debus das Projekt betreute. Im Stadtarchiv in Bad Homburg – Nachlass Peter Debus – gibt es im Fotoalbum II ein Bild von Fritz Debus zusammen mit Julius Vogel aus dem Jahr 1935. Hinweise auf das Projekt fehlen.

Das Geburtstagsgeschenk für Adolf Hitler: Der Schallplattenschrank mit Aufnahmen deutscher Dialekte

Fritz Debus übernahm die „politische Leitung“ bei der Dokumentation deutscher Dialekte. Die Dialekte wurden über Mikrofon aufgenommen und auf Schallplatten gespeichert. Diese wurden als Geschenk an den „Führer“ Adolf Hitler zu dessen 48. Geburtstag 1937 überreicht, wie Fritz Debus selbst in seinem Bericht in der Nationalsozialistischen Beamtenzeitung 1937[8] berichtet.[9]

Das sog. Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten „ist eine Sammlung von 300 Schallplatten, auf denen aus 300 verschiedenen Orten des damaligen Reichsgebiets die jeweilige Ortsmundart zu hören ist. Es entstand zwischen 1936 und 1937 im Auftrag des Beamtenbundes in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Sprachatlas. Mitzka und Martin [Professoren in Marburg], die beide anwesend waren, als der ‚Reichsbeamtenführer‘ Hermann Neef Hitler das Lautdenkmal übergab, hatten die Aufgabe übernommen, die für die Sammlung in Frage kommenden Orte auszuwählen und die Aufnahmearbeiten wissenschaftlich zu betreuen, die unter der ‚politischen‘ Leitung eines Mitarbeiters des Beamtenbundes durchgeführt wurden.“[9]:S. 203 In dem Werk beigelegten Informationsblatt heißt es: „es gelang in Zusammenarbeit mit den Herren Professoren Martin und Mitzka, Marburg, und den Herren Vogel und Dr. Debus, Berlin, alle Schwierigkeiten der zahlreichen Außenaufnahmen, die sich oft in den entlegensten Orten – insbesondere in der winterlichen Jahreszeit – entgegenstellten, zu überwinden.“[9]

Fritz Debus reiste mit seinem Aufnahmeteam quer durch ganz Deutschland. Die Wahl der Orte stützte sich auf die Empfehlungen der Landesstellen für Mundartforschung. Jedoch, so Fritz Debus (1937),

„wenn damit ausgesprochen wird, daß die Wahl der Orte nach den Sprechern getroffen wurde, so war das durchaus nicht immer der Fall, sollte doch das zu schaffende Werk nicht schlechthin Sprachdokument, sondern zugleich ein Geschichtsdokument werden […] Wir suchten die Erlebnisnähe, während bei früheren mundartlichen Aufnahmen meist Sagen und Märchen, Humoresken oder Anekdoten den Gesprächsstoff bildeten. Klassenmäßiges Denken hat die Mundart zur Sprache des ‚Bauern‘ und des ‚Proletariats‘ gestempelt. – Zum Glück hat unser deutsches Volk ein instinktmäßiges, sicheres Gefühl gegenüber dieser fälschenden Anschauungswelt bewahrt. Noch immer gebraucht es im Vertrautsein die Mundart als lautliche Offenbarung der Heimat, des ureigenen Selbst. – Wer den deutschen Menschen wirklich kennenlernen will, der muß ihn in seiner Zweisprachigkeit erleben; im Mundartlichen als dem ‚Arbeitskleid‘ und im ‚hochsprachigen Frack‘. […] Es würde zu weit führen, alle die Mittel zu schildern, mit Hilfe derer wir es fertig brachten, auf die Zeit von 3½ Minuten, die eine Schallplattenaufnahme umfasst, ein sinnvoll abgerundetes Gespräch oder eine Erzählung aufzunehmen.“

Resumierend bekennt er: „Das ‚Überwältigtsein von den Erinnerungen‘ an Leiden“, aber auch von Schilderungen der Dankbarkeit, „wenn die Menschen auf den Führer und Reichskanzler zu sprechen kommen.“

Mit dem Anschluss Österreichs an Deutschland 1938 hat Fritz Debus, wie aus Briefen hervorgeht, besonders in 1938 und noch Anfang 1939 intensiv in der „Ostmark“ für das Lautdenkmal gearbeitet.[10] Zur Zeit wird das Lautdenkmal von Dr. Christoph Purschke vom Marburger Sprachatlas unter Einbeziehung der Aufnahmen in Österreich und im Sudetenland bearbeitet.[11]

Zwei Biographien: der „Frankfurter“ und der „Bochumer“ Dr. Fritz Debus

Durch Zufall haben wir zwei Biographien unter dem gleichen Namen Dr. Fritz Debus. In der einen Biographie geht es um den Frankfurter Dr. Fritz Debus, in der anderen um den Bochumer Dr. Fritz Debus (siehe Ein Lebensumbruch 1943–1945: Geograph und Handelslehrer Dr. Fritz (Friedrich Wilhelm) Debus aus Bochum). Beide Personen lebten im gleichen Zeitraum und waren in den gleichen politischen Welten eingebunden. Ihre sozialen und beruflichen Kontexte waren unterschiedlich. Auch in ihrer Persönlichkeit waren sie offenbar sehr verschieden, der Bochumer eher zurückhaltend und sozial zurückgezogen, der Frankfurter eher offensiv und sozial aktiv. Beide positionierten sich in der Zeit des Nationalsozialismus, der Bochumer als Mitläufer, der Frankfurter als Agitator. Für beide kam 1945 eine Wende. Für den Bochumer bedeutete diese Wende ein dramatisches Ende seiner – so schien es – gesicherten Lehrer-Laufbahn als Beamter und ein Weiterleben in Armut und Einsamkeit. Für den Frankfurter Dr. Fritz Debus führte die Wende zu einem beruflichen Wiederaufstieg mit großer öffentlicher Anerkennung und menschlichem Respekt.

Zwei Lebensläufe, die uns berühren.

Ergänzung

Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK)

aus Ulrich et al. (2019), S. 303
S. 303
S. 304

gd 29.10.2019 Buchpublikation zur Geschichte des VDK

Nach der Rekonstruktion der Biographie von Dr. Fritz Debus aus Frankfurt und der Offenlegung in einem Bericht auf dieser Webseite Beim Wort genommen: Dr. Fritz (Friedrich Karl) Debus (1899–1981) aus Frankfurt wurde der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) darüber informiert, welche verschwiegene und verheimlichte Aktivität ihr ehemaliger Mitarbeiter in der Zeit vor 1945 unter nationalsozialistischer Herrschaft zu verantworten hat. Im Auftrag des VDK wurde anläßlich des 100-jährigen Gründungsjubiläums des Volksbundes im Jahr 2019 eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des Volksbundes in Auftrag gegeben. Das Ergebnis liegt mit der soeben erschienen Buchpublikation mit über 500 Seiten vor:

Bernd Ulrich, Christian Fuhrmeister, Manfred Hettling, Wolfgang Kruse: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Entwicklungslinien und Probleme. be.bra wissenschaft verlag, Berlin 2019, ISBN 978-3-95410-254-9.

Das Buch berichtet über Gründungsphase (1914–1919/20), Aufbau und Vernetzung (1920–1933), Volksbund im Nationalsozialismus (1933–1945) und Neubeginn und Aufbruch (1945–2019). Im letzten Kapitel werden unter dem Unterkapitel 4.1 „Kontinuitäten – Diskontinuitäten: Der Volksbund in der Demokratie“ auch Aussagen zu Dr. Fritz Debus (S. 303 f.) gemacht, „er spielte beim Wiederaufbau des Volksbundes eine herausragende Rolle, von 1947 bis 1964 als hauptamtlicher Mitarbeiter der Bundesgeschäftsstelle, seit 1951 als Leiter der Abteilung Presse und Werbung“ (S. 303). Es wird in einer Fußnote explizit darauf hingewiesen, dass die Information über die Rolle von Dr. Fritz Debus von dem Beitrag auf unserer Webseite stammt.


gd 21.08.2017

Aussagen zu Fritz Debus von Markus Meckel in seiner Funktion als Präsident des Volksbundes im Gespräch mit Philipp Gessler vom Deutschlandfunk Kultur, Beitrag vom 14.10.2015:

„Erst mit der deutschen Wiedervereinigung ab 1990 gelang es dem Volksbund, sich langsam vom Heldengedenken und den Relikten seiner braunen Erblast zu trennen. Dass dies so lange gedauert hat, ist bemerkenswert, denn schon 1960 gab es Stimmen, die dies forderten – wie etwa der Volksbund-Funktionär Fritz Debus:

‚Und wir haben die Zeit des Heldengedenktages – vom Dritten Reich ist er geboren – längst wieder in das gewandelt, was der Volksbund nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufen hat: den Volkstrauertag. Ein Tag, an dem ein Volk seiner Toten gedenkt. Und der bitteren Lehre, die sie uns erteilt haben.‘

Bezeichnend ist, dass Fritz Debus, bis Mitte der Sechziger Jahre Leiter der Pressestelle des Volksbundes, trotz dieser versöhnlichen Aussagen in der NS-Zeit ein NSDAP- und SS-Mitglied war. Damals schwärmte er noch von der Heldenhaftigkeit des ‚deutschen Soldatentums‘ – und publizierte Hetzschriften gegen Juden. Diese Widersprüchlichkeit kennzeichnete die Entwicklung des Volksbundes nach 1945. Fritz Debus war es, der zwei der heutigen Leitsprüche des Volksbundes erfand und einführte: ‚Versöhnung über den Gräbern‘ und ‚Die Toten verpflichten die Lebenden‘.“

Philipp Gessler: Kriegsgräberfürsorge: Vom Heldengedenken zur Versöhnung über Gräbern. 14. Oktober 2015, abgerufen am 21. August 2017.

Anmerkungen und Referenzen

  1. Alle Publikationen sind beim Volksbund digitalisiert erhältlich.
  2. a b Nachlass seines Sohnes Peter Debus im Stadtarchiv Bad Homburg v. d. Höhe
  3. Beitrag zur Geschichte von Bad Homburg v. d. Höhe (Debus, 1968, Sonderdruck aus Alt Homburg)
  4. Quelle: handschriftliche Erklärung des Dr. Fritz Debus vom 26. Mai 1934 „betrifft: Verfügung v. 19.4.34 R.F.SS. im Bundesarchiv (Barch), ehemals Berlin Document Center (BDC): Sammlung PK, Debus, Fritz; Sammlung SS-Unterführer und Mannschaften; NSDAP-Zentralkartei.
  5. von Peter Debus zu dessen Lebzeiten dem Autor zur Verfügung gestellt
  6. alle Angaben zum Entnazifizierungsverfahren aus dem Hessisches Hauptstaatsarchiv: Spruchkammer-Akte HHSTAW Abt. 520/F (A-Z) Debes-Debus, Debus Friedrich (Fritz) Carl.
  7. a b Bundesarchiv (Barch), ehemals Berlin Document Center (BDC): Sammlung PK, Debus, Fritz; Sammlung SS-Unterführer und Mannschaften; NSDAP-Zentralkartei.
  8. NSBZ 6, Nr. 15, 387–388
  9. a b c Stefan Wilking hat in seiner 2003 vom Forschungsinstitut für Deutsche Sprache Deutscher Sprachatlas Marburg/Lahn herausgegebenen und in der Reihe Germanistische Linguistik (173–174, 2003) erschienen Dissertation (Uni Heidelberg, 1998) über Der Deutsche Sprachatlas im Nationalsozialismus – Studien zu Dialektologie und Sprachwissenschaft zwischen 1933 und 1945, ISBN 978-3487119762, im Kapitel 9 Das Lautdenkmal reichsdeutscher Mundarten zur Zeit Adolf Hitlers (S. 203–220) ausführlich berichtet.
  10. Mitteilung von Dr. Christoph Purschke, Deutscher Sprachatlas, Universität Marburg
  11. siehe Internetseite von Dr. Purschke: www.lautdenkmal.de