Als Steiger an Ruhr und Saar: Carl Friedrich Debus (1860–1934) – Vater von zwölf Kindern

Aus Genealogen im Hinterland
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Autor: Friedrich Debus (Bochum) unter Mitwirkung von Günter Debus (Aachen)

Einordnung in die Linie der Debus-Familie

Mornshausen: Scheffersch
(0) Hans Henrich Debus (1810–1884) ⚭ Margaretha Müller (1810–1860), siehe Biographie Debus und das Scheffersch-Haus in Mornshausen: ab Johann Theiß Debus (1744–1775)

Mornshausen – Dortmund-Sölde
(1) Hans Henrich Debus (1834–1884), siehe Biographie Hans Henrich Debus (1834–1884) aus Mornshausen geht ins Ruhrgebiet

Dortmund-Sölde – Bochum – Dortmund
(2) Carl Friedrich Debus (1860–1934), Großvater des Autors, Person dieser Biographie

Nachfahren:

Gladbeck – Wattenscheid
(3) Wilhelm Walter Debus (1889–1945)

Gelsenkirchen – Bochum
(4) (Fritz) Friedrich Wilhelm Debus (* 1927), der Autor

Einleitung

Carl Friedrich Debus und Frau Karoline

Carl Friedrich Debus ist der 1860 in Dortmund geborene Sohn von dem aus Mornshausen ins Ruhrgebiet ausgewanderten Hans Henrich Debus (siehe Biographie). Nur drei Monate nach seiner Ernennung zum Steiger 1886 heiratete der „Steiger Carl Friedrich Debus aus Altenbochum“ die Tochter des Berginvaliden Friedrich Kleff und Anna Catharina, geb. Hilger. Er und seine Frau Karoline hatten zwölf Kinder, die alle das Erwachsenenalter erreichten, fünf Söhne und sieben Töchter:

Carl Friedrich Debus (1860–1934) ⚭ 19.11.1886 Karoline Kleff (1863–1938)

  1. Carl Friedrich, * 25.05.1887 in Bochum-Laer – siehe Der Debus-Tunnel und andere Tunnelanlagen im Ersten Weltkrieg, Champagne 1915 und Die Akteure beim Tunnelbau im Ersten Weltkrieg, Champagne 1915
  2. Friedrich Wilhelm, * 06.08.1888 in Bochum-Laern – siehe Ein Lebensumbruch 1943–1945: Geograph und Handelslehrer Dr. Fritz (Friedrich Wilhelm) Debus aus Bochum
  3. Wilhelm Walter, * 05.11.1889 in Gladbeck (Vater von Mitautor Fritz Debus)
  4. Lina Olga, * 24.09.1891 in Essen-Byfang
  5. Walter Bruno, * 16.11.1892 in Höchen – siehe Schicksalsbrief aus dem Ersten Weltkrieg 1918: Carl Friedrich Debus zum Tod des Sohnes Walter
  6. Gustav Adolf, * 26.06.1894 in Höchen – siehe Schicksalsbrief aus dem Ersten Weltkrieg 1918: Carl Friedrich Debus zum Tod des Sohnes Walter
  7. Elfriede Emilie, * 28.03.1896 in Höchen
  8. Martha Johanna, * 29.11.1897 in Dortmund
  9. Alma Hedwig, * 02.09.1899 in Dortmund
  10. Hedwig Lydia, * 29.06.1902 in Dortmund
  11. Johanna Martha, * 04.01.1905 in Dortmund
  12. Elisabeth Klara, * 25.10.1908 in Dortmund

Carl Friedrich Debus hat als Bergmann in vielen Zechen im Ruhrgebiet[1] und sogar im Saarland, insbesondere bei der Teufung von Schächten, verantwortlich mitgewirkt. Seine Lebensstationen werden im Folgenden nacheinander aufgesucht und dargestellt.

Lebensstationen

Dortmund-Sölde

Dem Bergmann Johann Henrich Debus, aus Mornshausen im hessischen Hinterland stammend, wurde am 27. September 1860 morgens um 10 Uhr von seiner Frau Wilhelmine Christine Bräuker in Dortmund-Sölde das zweite Kind geboren, ein Junge. Am 19. Oktober hier in Sölde im Schatten der Fördertürme der Zeche Margarethe wurde der Junge auf den Namen Carl Friedrich getauft. Am Eintrag der Taufpaten erkennt man, dass er in eine Bergmannswelt hineingeboren war. Der erste Pate ein Bergmann, die Männer der beiden Patinnen ebenfalls Bergleute. Keine Paten aus dem Hessenland! Der Aufwand für eine Reise zur Taufe war wohl zu groß.

Von 1867 bis 1875 besuchte Carl Friedrich die sogenannte Elementarschule in Dortmund-Aplerbeck. Nach der Schulentlassung 1875 ging er zur Zeche Margarethe in Sölde, wo sein Vater seit seiner Auswanderung aus dem hessischen Hinterland 1856 inzwischen 19 Jahre Bergmann war. Nach dreijähriger Lernzeit legte er 1878 die Hauerprüfung ab. Warum er drei Jahre später, 1881, zusammen mit seinem Vater zur Zeche Schleswig wechselte, ist nicht überliefert. Die Zeche Schleswig lag an der Gemarkungsgrenze (zwischen den jetzigen Dortmunder östlichen Vororten) Asseln und Brackel, nur wenige Kilometer nördlich von Sölde und Aplerbeck gelegen.

Aus Wikipedia erfahren wir: Auf der Zeche Schleswig, die vom Hörder Bergwerks- und Hütten-Verein betrieben wurde, wurden ab 1855 zwei Schächte geteuft. Die Förderung der Zeche ging fast vollständig an die in Hörde gegründete Hermannshütte. Eine Besonderheit der Zeche war das von der Zeche betriebene Badehaus und Solebad. Ob das der Grund gewesen sein könnte? Dem Vater ging es möglicherweise gesundheitlich nicht gut. Drei Jahre nach dem Wechsel zur Zeche Schleswig, 1884, starb er noch vor Vollendung seines 50. Lebensjahres an der Steinstaublunge (Silikose).

Bergschule Bochum

Vier Monate nach dem Tod seines Vaters begann Carl Friedrich Debus ein Studium auf der Bergschule in Bochum. Sie war in den Anfängen der Industrialisierung 1816 gegründet worden. Sie ist die Vorgängerin der heutigen Technischen Fachhochschule (TFH) in Bochum. Aus der Geschichte der TFH[2] erfahren wir:

„Bereits in der Gründerphase der Industrialisierung wird das gehobene Führungspersonal für den Bergbau in einer eigenen Schule ausgebildet. Vorrangiges Ziel ist die Vermittlung eines breiten technischen Basiswissens, um die vielfältigen Aufgaben unter Tage fachgerecht durchführen zu können. Die Absolventen der Bochumer Bergschule genießen im Ruhrgebiet ein hohes Ansehen.

Durch die Fusion der Märkischen und der Essen-Werdenschen Berggewerkschaftskasse entsteht 1864 die Westfälische Berggewerkschaftskasse (WBK). Sie ist bis 1990 Trägerin der Bochumer Bergschule (später: Fachhochschule Bergbau, dann: Technische Fachhochschule Georg Agricola). Neben der Ausbildung von Grubenbeamten hatte die WBK damals statutengemäß weitere Aufgaben wahrzunehmen, wie das Anfertigen von Flözkarten, Anlegen von Sammlungen und wissenschaftliche Untersuchungen. Als Gemeinschaftseinrichtung des deutschen Steinkohlebergbaus hatte die WBK die Aufgabenschwerpunkte Lehre, Forschung und Prüfung.

Unter der Leitung von Hugo Schultz (1838-1904) entwickelt sich die Westfälische Berggewerkschaftskasse (WBK) zu einer leistungsfähigen Gemeinschaftsorganisation mit einem differenzierten Ausbildungsprogramm. Die Bochumer Bergschule, an der es 1869 noch keine fünfzig Schüler gab, etabliert sich in dieser Zeit zu einer Kaderschmiede des Ruhrbergbaus für den mittleren Führungsnachwuchs.“

– Geschichte der Technischen Hochschule Georg Agricola[3]

In dieser Bergschule begann Carl Friedrich Debus 1884, er zog deshalb nach Bochum-Laer um und schloss die Schule mit Erfolg in 1886 mit der Qualifikation „Steiger“ ab. Sein Bruder Wilhelm Ludwig, geb. 1866, ging den gleichen Weg. Auch er besuchte von 1890 bis 1892 dieselbe Schule und arbeitete anschließend als Steiger auf der Zeche Königsborn Schacht II in Kamen.

Wer kennt nicht das Steigerlied? Sicherlich, die erste Strophe und die Melodie!

Do 3.JPG

Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt.
|: Und er hat sein helles Licht bei der Nacht, :|
|: schon angezündt’ :|

Schon angezündt’! Das gibt ein’n Schein,
|: und damit so fahren wir bei der Nacht, :|
|: ins Bergwerk ein :|

Ins Bergwerk ein, wo die Bergleut’ sein,
|: die da graben das Silber und das Gold bei der Nacht, :|
|: aus Felsgestein :|

Der Eine gräbt das Silber, der and’re gräbt das Gold,
|: doch dem schwarzbraunen Mägdelein, bei der Nacht, :|
|: dem sein wir hold :|

Ade, nun ade! Lieb’ Schätzelein!
|: Und da drunten in dem tiefen finst’ren Schacht, bei der Nacht, :|
|: da denk’ ich dein :|

Und kehr ich heim, zum Schätzelein,
|: dann erschallet des Bergmanns Gruß bei der Nacht, :|
|: Glück auf, Glück auf! :|

Eine weitere überlieferte Strophe lautet

Die Bergmann’sleut sein’s kreuzbrave Leut,
|: denn sie tragen das Leder vor dem Arsch bei der Nacht :|
|: und saufen Schnaps :|

Bochum-Laer

Heiratsurkunde Carl Friedrich Debus und Karoline Kleff

Nur drei Monate nach seiner Ernennung zum Steiger heiratete der „Steiger Carl Friedrich Debus aus Altenbochum“ die Tochter des Berginvaliden Friedrich Kleff und Anna Catharina geb. Hilger: Karoline Kleff, geb. am 31. Januar 1863 in Aplerbeck, wurde am 19. November 1886 seine Frau.

Der erste in Bochum-Laer im Mai 1887 geborene Sohn erhielt den Name des Vaters: Carl Friedrich. So sollte es in der Familie weiter tradiert werden. Als aber Carl Friedrich junior selbst Vater eines Sohnes wurde, weigerte er sich, die Tradition fortzuführen und nannte den ersten Enkel-Namensträger Karl-Heinz. Das führte zu einer echten Verstimmung. Carl Friedrich senior wurde ungeduldig. Erst kamen noch vier Enkelinnen zur Welt, bevor wieder ein Junge geboren wurde. Es war der Enkel seines dritten Sohns, Wilhelm Walter. Das war ich, der Erzähler. Mein Vater gab mir den Namen Friedrich Wilhelm. Damit war der nächste Familienkrach da, Opa war sehr ungehalten über das Gebahren seiner beiden Söhne, zumal danach kein Enkelsohn mehr geboren wurde, der den Namen Debus weitertrug.

Gladbeck

Carl Friedrich Debus wurde wegen seiner guten Bergbaukenntnisse z. B. zum Abteufen eines Schachtes mit hohem Schwierigkeitsgrades gebraucht. So folgte er immer wieder Angeboten von Zechen, war damit auch eine Besserstellung verbunden. Wann er genau von welcher Stelle zur anderen wechselte, ist nicht recherchiert.

In 1889 war er in Gladbeck, dort wurde der dritte Sohn Wilhelm Walter geboren.

Essen-Kettwig

Eine Station war Essen-Kettwig. Dort war zu dieser Zeit unklar, wie die Zeche Vereinigte Rudolf weitergeführt werden sollte. Aus dem Beitrag Bergbauaktivitäten in dem Stadtteil Essen-Kettwig[4] erfahren wir: [Die Zeche] „war 1866/1867 durch Konsolidation der Zechen Rudolf und Katharina Wilhelmina entstanden. Sie kam 1872 in Betrieb, da die Kohle über der Stollensohle schon abgebaut war, begann das Teufen eines tonnlägigen Schachtes, der im Jahre 1875 eine Teufe von 50 Meter erreicht hatte. Im Jahre 1877 sind mit 18 Beschäftigten etwa 527 Tonnen Kohle gefördert worden. 1878 wurde der Betrieb zunächst stillgelegt. Der Plan zur Inangriffnahme eines neuen Tiefbaus musste wegen fehlender Finanzmittel im Jahre 1886 aufgegeben werden. 1893 erfolgte die Wiederaufnahme eines Stollenbetriebes.“

Vor diesem Hintergrund ist zu vermuten, dass Carl Friedrich Debus an der Lösung der Probleme beteiligt war. Dort wurde 1891 seine Tochter Olga geboren. Als Geburtsort ist standesamtlich Byfang (1891 noch selbständig, heute südöstlicher Stadtteil von Essen) eingetragen.

Höchen im Saarland

Von 1892 bis 1897 muss Carl Friedrich Debus in Höchen gearbeitet haben, dort sind drei seiner Kinder geboren. Heute gehört Höchen zur Stadt Bexbach im östlichsten Landkreis des Saarlandes an der Grenze zu Rheinland-Pfalz. Höchen liegt am südöstlichen Hang des 518 m hohen Höcherbergs mit weitem Ausblick.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeiteten viele Männer als Bergarbeiter in den benachbarten Kohlegruben in Bexbach und Frankenholz. Zwei Förderschächte wurden dazu auf Höcher Gemarkung errichtet (Schacht III und weniger bekannt: Schacht IV als Wetterschacht), die allerdings organisatorisch zur Grube Frankenholz gehörten.

In den Jahren 1889 bis 1905 wurde sogar auf Höcher Gebiet in der Kohlegrube „Consolidiertes Nordfeld“ Bergbau betrieben, was sich schließlich als wenig lukrativ erwies und deshalb eingestellt wurde.

Mit der vollständigen Stilllegung der Grubenanlagen im Jahre 1959 war die Geschichte der Kohleförderung am Höcherberg beendet und traf alle Höcherbergorte hart und nachhaltig. Typische Zeitzeugen, wie Bergehalden und Gebäudeüberreste erinnern noch bis heute an diese geschichtsträchtige Zeit.

In Höchen konnte Carl Friedrich Debus nicht so richtig warm werden, da er als praktizierender Protestant hier in einer sehr frommen katholischen Gegend war. Die beiden ältesten Söhne wurden eingeschult und das in einem sehr katholisch organisierten Schulbetrieb! Ich, sein Enkel, vermute: Sein Vertrag musste eingehalten werden und Umzugsgedanken vorerst beiseite gelegt werden. Seine Antwort auf diese Situation war, den am 26.06.1894 geborenen Sohn nach Gustav Adolf zu benennen, dem schwedischen König, der im Dreißigjährigen Krieg als Verteidiger des Protestantismus in Deutschland auftrat.

Dortmund: Zeche Scharnhorst

Zeche Scharnhorst in der 1970er Jahren

Carl Friedrich Debus kam 1897 zur Zeche Scharnhorst im jetzigen Stadtteil Alt-Scharnhorst, als man dort einen erneuten Versuch starten wollte, den ersten Schacht abzuteufen.

Aus einem Beitrag zur Geschichte der Zeche[5] erfahren wir:

Die Zeche, benannt nach dem preußischen General und Heeresreformer Gerhard von Scharnhorst, war 1871 gegründet worden. Die 1872 begonnenen Arbeiten zum Abteufen des ersten Schachtes hatten zwei Jahre später wegen starker Wassereinbrüche eingestellt werden müssen. Nachdem das Bergwerk 1891 zusammen mit den benachbarten Bergwerken Zeche Gneisenau und Zeche Preußen von der Harpener Bergbau AG übernommen worden war, setzte man die Abteufarbeiten 1897/1898 fort. Im August 1901 begann schließlich die Förderung. 1908 erreichte die Zeche mit rund 1.820 Beschäftigten ihre maximale Förderung von 517.200 Tonnen.

Auf dieser Zeche Scharnhorst wurde Carl Friedrich Debus zum Betriebsführer ernannt und teufte dort einen Schacht ab. Während dieser Zeit wohnte er mit seiner Familie auf dem Brackeler Hellweg 170.

Dortmund: Zeche Lucas

In 1904 wurde Carl Friedrich Debus zur Durchführung eines neuen Projektes nach Körne bei Dortmund gerufen. Dort war 1854 vergeblich versucht worden, einen Schacht anzulegen, wie wir in einem Beitrag zur Geschichte der Zeche Lucas erfahren.[6] Zum Jahr 1904 lesen wir: Unter der Regie einer im rheinischen Stolberg nahe Aachen ansässigen Aktionsgesellschaft wurde 1904 der erste Schacht Stolberg 1 abgeteuft. Er erreichte in 82 Metern Teufe das Karbon. Die 1. Sohle wurde in 121 Meter Teufe angesetzt. Kohle wurde aus den schief gelagerten Flözen in der Regel von unten nach oben abgebaut. Die 2. Sohle besaß eine Teufe von 229 Metern. 1905 wurde direkt neben Stolberg 1 der Wetterschacht Stolberg 2 angelegt, wodurch die Zeche zur Doppelschachtanlage avancierte. Die Grube lag direkt neben der Zinkhütte im heutigen Industriegebiet an der Hannöverschen Straße. Der Aufschluss erwies sich als unbefriedigend (zu wenig Kohle, schwer zu fördern). Ein Grubenbrand am 11. März 1908, der durch Kohlen-Selbstentzündung entstand und die Flutung der gesamte Grubenbaue zur Folge hatte, besiegelte das Ende der Zeche Lucas. Schon am 30. Juni 1908 erfolgte die Stilllegung.

An diesem Projekt war Carl Friedrich Debus maßgeblich beteiligt. Immerhin fünf Jahre hat er dort gearbeitet, von 1904 bis 1908. Die Original-Zeichnungen von der Aufteilung der Anlage und des Fördergerüstes sind noch vorhanden, siehe im unteren Bild.

Um näher bei der Zeche zu wohnen, zog er zum Körner Hellweg 32. Das Haus blieb von den Bomben im Zweiten Weltkrieg verschont, wie unten im Bild zu sehen.

Wattenscheid: Zeche Holland

Zeche Holland in Wattenscheid; noch in 2010, anlässlich der Aktion „Schachtzeichen“ im Rahmen der Kulturtage im Ruhrgebiet, wurde seiner gedacht. Ich selbst, der Verfasser und Enkel vom Steiger Carl Friedrich Debus, lasse auf „seiner Zeche Holland“ einen Ballon steigen.

In 1909: „Zwei große Möbelwagen mit Anhänger fuhren von Dortmund nach Wattenscheid, zwei Coups im Eisenbahnzug, all dies wurde benötigt, um die inzwischen 14-köpfige Familie zum Haus in Wattenscheid, Lohrheidestraße 86, zu transportieren; wir kamen uns vor, als wenn wir einen großen Familienausflug machten“, so schilderten unsere Tanten und Onkel den Umzug.

Hier ganz in der Nähe der Zeche Holland, im Schatten der Fördertürme wohnend, war Carl Friedrich wieder in seinem Element. Als Betriebsführer unter Tage wurde er eingestellt und verdiente gutes Geld.

In einem Beitrag zur Geschichte[7] erfahren wir: Die Zeche Holland war ein Kohlebergwerk in Gelsenkirchen-Ückendorf (Schächte I und II) und in Bochum-Wattenscheid. Die Wattenscheider Schächte III, IV, V und VI wurden 1873, 1898, 1907 und 1921 gebohrt, und wegen Erschöpfung der Kohle 1964, 1988 (Schacht IV und VI) und bereits 1935 (Schacht V) aufgegeben und mit Abraum verfüllt.

1923 stand Carl Friedrich Debus in der Zeche Holland noch einmal vor einer großen Herausforderung, die er aber mit Bravour meisterte. Es sollte nämlich der Schacht IV von unten und von oben abgeteuft werden. Dies war auch eine Meisterleistung der Markscheiderei. Allerdings verlor er durch einen Unfall bei den Arbeiten am Schacht die Sehkraft eines Auges.

Sein goldenes Bergmanns-Jubiläum feierte er 1925, gerechnet von seinem Einstieg in den Bergbauberuf mit 15 Jahren. Ein Jahr später, 1926, ging er in Pension. In der Zeche Holland war er seit 1909 insgesamt 17 Jahre gewesen.

Beim Umzug von Dortmund nach Wattenscheid im Jahre 1909 waren die Kinder im Alter von einem bis 22 Jahre. Während die großen Jungen schon in der Berufsausbildung waren, konnte man sich bei der jüngsten Tochter, Elisabeth Clara, gerade über das Krabbeln erfreuen, die zweitjüngste ging noch nicht zur Schule und die Drittjüngste war wahrscheinlich gerade im zweiten Schuljahr.

Jedem seiner Kinder gab er Bildungschancen. Alle fünf Söhne waren auf dem Gymnasium, allerdings mit unterschiedlichem Erfolg. Sohn Wilhelm Walter, mein Vater, nahm er nach dem Einjährigen von der Schule und schickte ihn in die Maschinenschlosser-Lehre. Sein Kommentar: „Du weißt sowieso schon alles besser als die Lehrer.“ Er war konsequent, nicht nur bei der Arbeit, sondern auch in der Familie. Drei Söhne brachte er in „seiner“ Zeche Holland unter: Walter Wilhelm als Schlosser-Vorarbeiter, Carl Friedrich, der Älteste, als Fahr-Steiger und Gustav Adolf, der im erzkatholischen Höchen Geborene, als Maschinen-Steiger. Später wechselte Sohn Carl Friedrich zu einer Zeche in Essen, Walter Wilhelm zur Zeche Rhein-Elbe-Alma in Gelsenkirchen. Eine Ausnahme machte Friedrich Wilhelm, der nach dem Abitur Geographie studierte, promovierte und an der Höheren Handelsschule in Bochum unterrichtete (siehe eigene Biographie). Auch Walter Bruno nahm einen anderen Weg, er wurde nach Besuch einer Präparandenschule Lehrer (siehe Schicksalsbrief aus dem Ersten Weltkrieg 1918: Carl Friedrich Debus zum Tod des Sohnes Walter). Alle sieben Töchter schickte er zur höheren Töchterschule, wie es damals schick war. Sie mussten durch die richtige Ausbildung den richtigen Mann auf sich aufmerksam machen.

Noch in seiner Berufszeit hatte er das Haus in der Bismarckstraße für sich und die Familie gekauft. Hier hat er bis zu seinem Lebensende 1934 gelebt, seit 1926 als Pensionär.

Sein Haus wurde bei einem nächtlichen Bombenangriff der Briten am 29. September 1943 von zwei Phosphorkanistern getroffen und brannte völlig aus.

In diesem Haus müssen wir uns Carl Friedrich Debus zusammen mit seiner Frau vorstellen, wie sie die Entwicklung ihrer Kinder und die Geburt der Enkelkinder erleben. Seine Frau Caroline überlebte ihn um vier Jahre.

1913, ein Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, schien die gute alte Zeit noch zu bestehen. Aus diesem Jahr gibt es ein Bild, das den Vater mit Söhnen bei guter Laune wiedergibt. Gemeinsam mit seinen Söhnen Wilhelm Walter und Gustav Adolf besuchte er die Glückauf-Brauerei in Gelsenkirchen. Ganz links steht er als Hüne an Gestalt, seine Schwiegertochter in spe mit Sohn Wilhelm Walter. Auf einem Fass sitzend Gustav Adolf, dessen Braut in der Mitte des Bildes mit schrägem Kopf über der Schulter eines Mannes. Neben Wilhelm und über Gustav ist noch Tochter Lina Olga zu sehen.

Der Ausbruch des ersten Weltkrieges traf die Familie hart: Alle fünf Söhne mussten in den Krieg, Friedrich Wilhelm meldete sich freiwillig (siehe eigene Biographie).

Sohn Carl Friedrich an seinem Arbeitsplatz im Debus-Tunnel, das Bild auf der Ablage mit ihm und Bruder Wilhelm Walter ist identisch mit dem Bild oben links

Karl Friedrich leitete als Bergbau-Experte in einer Pionier-Kompanie eine Untertunnelung der feindlichen Linien, darüber schrieb er später das Buch Der Debus-Tunnel (siehe auch Die Akteure beim Tunnelbau im Ersten Weltkrieg, Champagne 1915). Wilhelm Walter erhielt bei den Kämpfen einen Oberarm-Durchschuss. Dieses Mal war seine Besserwisserei von Vorteil, er willigte einer Amputation nicht ein und konnte so den Arm erhalten. Friedrich Wilhelm und Gustav Adolf, letzterer Adressat des „Schicksalbriefes“, kehrten heil zurück. Nicht aber Walter Bruno, er fiel während eines Artillerie-Überfalls in Frankreich „für Kaiser und Vaterland“, wie es in der bestürzenden Mitteilung hieß. Es fehlt ein Bild von Gustav Adolf.

Auch nach 1918 waren die Folgen des Krieges weiterhin für den Senior Carl Friedrich Debus zu spüren. Die französische Besatzungsmacht und politische Unruhen forderten auch ihn heraus. So setzte man ihn von der Zeche als Geldboten ein: Ihm wurde anvertraut, die Lohngelder von der Sparkasse sicher zur Zeche zu bringen. Das war ein gefährliches Unternehmen, weil die Franzosen auf den Geldboten lauerten, um es zu beschlagnahmen. Deshalb mussten immer neue Übergabestellen vereinbart werden. Er erzählte immer voller Stolz, dass es keinem Franzmann gelang, ihm die Lohngelder abzunehmen. Die Straßen waren damals unsicher. Seine Schwiegertochter, die Frau von Wilhelm Walter – meine Mutter – wurde auf offener Straße von einem berittenen Soldaten mit der Peitsche geschlagen.

Freude löste die Überreichung einer goldenen Uhr aus, die ihm die Zeche nach Fertigstellung des Schachtes VI überreichte, mit der Gravur:

Karl Debus
für
Holland 6
1.2.1926

Nachträglich hat die Familie auf der Rückseite des Uhren-Deckels die Namen der Ahnenreihe eingraviert:

C.-Heinrich 1810
Heinrich 1834
Karl 1860
Wilhelm 1889
Friedrich 1927
Karl Friedrich 1951
Marco 1977

 

Trauer um seinen Abschied

Trauerzug für Carl Friedrich Debus im Jahr 1934

Das Bild vom Trauerzug durch die Stadt Wattenscheid von seinem Haus in der Bismarckstraße (Nummer 40) zum Friedhof ist für uns, seine Familie, ein besonderes Erinnerungsdokument.

Die Bestattung und das Wirken des Verstorbenen wurde mit den folgenden Worten öffentlich gewürdigt:

„Zur letzten Ruhe. Gestern wurde Betriebsführer Karl Debus, der nach einem langen Leiden starb, auf dem evangelischen Friedhof an der Westenfelder Straße beigesetzt. Ein großer Leichenzug gab Zeugnis von der Beliebtheit, deren sich der Verstorbene, der seit dem Jahre 1909 in Wattenscheid ansässig war, erfreute. Karl Debus war vielen Wattenscheidern bekannt, vornehmlich Bergleuten, die ihn in seiner langjährigen Tätigkeit auf der Zeche Holland 3/4/6 als einen liebenswürdigen Vorgesetzten kennengelernt hatten. Betriebsführer Debus hat den genannten Schacht abgeteuft und konnte im Jahre 1925 sein goldenes Bergmannsjubiläum feiern. Seit 1926 war er pensioniert. Vor seinem Hause in der Bismarckstraße hatten gestern der Verein der Pioniere und Verkehrstruppen sowie der Evangl. Männerverein W.-Leithe Aufstellung genommen. Dem Zuge voran ging eine Formation, deren förderndes Mitglied der Verstorbene war. Neben den schon erwähnten Vereinen war die Beamtenschaft der Zeche Holland unter Führung ihres Bergassessors Dütting zahlreich vertreten. Auf dem Friedhof hielt Pfarrer Heuser die Grabrede, worin er den Verstorbenen als einen liebwerten Menschen kennzeichnete.“

– Bericht über die Bestattung und Nachruf in einer Lokalzeitung am Tag nach der Bestattung[8]

Der Bericht in der Zeitung gibt den feierlichen Abschied von einem imposanten, wegen seiner Kompetenzen in den Zechen an Ruhr und Saar gefragten und wiederholt erfolgreich wirkenden Bergbaufachmann, dem Steiger und Betriebsführer, dem Vertreter der zweiten aus dem hessischen Hinterland ausgewanderten Generation (Enkel),

Carl Friedrich Debus.

Ihm ein „Glück auf“!

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Wilhelm Hermann, Gertrude Hermann: Die alten Zechen an der Ruhr. 4. Auflage, Verlag Karl Robert Langewiesche, Nachfolger Hans Köster KG, Königstein i. Taunus 1994, ISBN 978-3-7845-6994-9.
  2. Technische Hochschule Georg AgricolaWikipedia-logo.png
  3. Geschichte der Technischen Hochschule Georg Agricola auf der Website der Hochschule
  4. Dirk Thomas: Bergbauaktivitäten in dem Stadtteil Essen-Kettwig (PDF). Der Autor bezieht sich auf folgende Quellen:
    • Joachim Huske: Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. Daten und Fakten von den Anfängen bis 2005. Bochum 2006
    • Wilhelm & Gertrude Hermann: Die alten Zechen an der Ruhr. 3. erweiterte Auflage 1990 (s. o.)
    • Karlheinz Rabas, Dr. Karl Albert Rubach: Bergbauhistorischer Atlas für die Stadt Essen. 1. Auflage, Werne 2008
  5. Zeche ScharnhorstWikipedia-logo.png
  6. Zeche LucasWikipedia-logo.png – z. T. wörtlich übernommen
  7. Zeche HollandWikipedia-logo.png – z. T. wörtlich übernommen
  8. Quelle: Scan eines Zeitungsartikels