Albert und Hermine Schauß aus Breidenbach

Aus Genealogen im Hinterland
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Lehrer Albert Schauß

Von dem Lehrer Albert Schauß ist folgender Eintrag in der Schulchronik Breidenbach vom 1. Oktober 1945 überliefert:

Der jetzt lebenden Generation sind die Ereignisse der letzten 12 Jahre derart in Herz und Hirn eingeprägt, dass es kein Vergessen geben kann. Mit einer durch nichts zu übertreffenden Deutlichkeit werden jetzt die Wege und Ziele der Nazi-Verbrecher aufgezeichnet, die unser armes Vaterland in den Abgrund stürzten und die ganze Welt bedrohten. Wer Ohren hat zu hören, der höre, was in Nürnberg verhandelt wird. Die Dämme, welche in vergangenen Jahren in Nürnberg – der Stadt des Parteitags – in Form von Gesetzen errichtet wurden, sind gebrochen, Wahrheit und Recht fluten von dieser Stätte aus über Deutschland, ja über die ganze Erde. Die Betrüger sind entlarvt, der Nimbus ist hin.

Der herrliche Führer, der, wenn ihm sein Angriff auf die Völker der Erde geglückt wäre, im Blutrausch verharrend noch Millionen deutscher Männer, Frauen und Kinder hätte foltern und hinmeucheln lassen, hat schmählichen Selbstmord begangen. Seinem Beispiel folgend haben sich der Großschwätzer Goebbels, der Massenmörder Himmler, der Dr. spir. Ley und viele andere dieser „feinen“ Herrenmenschen das Leben genommen. Die zurzeit noch in Nürnberg in Haft befindlichen Prominenten der Partei warten des Urteilsspruchs. Das deutsche Volk in seiner Mehrheit kennt kein Erbarmen mit Ihnen. So ist der Nürnberger Prozeß ein Reinigungsprozeß für unser Volk, das in beispielloser Verblendung jenen Unmenschen Glauben geschenkt hatte. Nur dann, wenn die Schwerverbrecher ihre gerechte Strafe erhalten haben und die Gau- und Kreis-Leiter (auch der von Dillenburg und Biedenkopf) samt ihren Helfern zur Verantwortung herangezogen worden sind, wird das deutsche Volk in seiner Gesamtheit wieder als ehrlich angesehen werden können.

Auch hier in Breidenbach hat der Naziterror gewütet. Alle Antifaschisten empfanden es daher als die Stunde ihrer Befreiung, als in der Frühe des 29. April 1945 amerikanische Panzer über 2 Stunden lang in ununterbrochener Folge durch das Dorf rollten. An den Dorfausgängen hatten die Leute weiße Bettücher aus den Fenstern gehängt.

Was am Tag vorher, am 28. April, vom Westen kommend an deutscher Wehrmacht zurückflutete, machte einen erschütternden Eindruck, es waren Reste einer total geschlagenen Armee. „Wir wollen heim zu Muttern“ war an verschiedenen Wagen zu lesen.

Von Ostern bis Ende September 1945 hatte das Dorf amerikanische Einquartierung. Fast alle Häuser der Scheldelahnstraße, die Häuser am Ausgang nach Niederdieten, die Häuser um die Schule herum, die Schule selbst und die Häuser am Gladenbacher Weg mußten geräumt werden und wurden von Amerikanern belegt.

Die amerikanischen Soldaten haben sich der Bevölkerung gegenüber im Allgemeinen recht anständig benommen. Annäherungen an erwachsene Dorfeingesessene waren ihnen verboten, doch hielten sie mit der schulpflichtigen Jugend gute Kameradschaft. Für Mangelware, wie Schokolade, Zucker, Plätzchen, Apfelsinen und dergl. ist unsere Jugend immer zu haben. Die Amerikaner zeigten sich in dieser Beziehung sehr freigiebig. Hinsichtlich der reiferen weiblichen Jugend ist diese Angelegenheit nicht so ganz unbedenklich. Mehrere ehemalige BDM-Mädels betrachteten sich im vergangenen Sommer schon als Bräute amerikanischer Soldaten.

Während der Besatzungszeit fanden zweimal Haussuchungen nach Waffen und versteckten Soldaten statt, die zu Dutzenden in den Wäldern umherstreiften, um ungesehen und unerkannt auf Umwegen in ihre Heimat zu gelangen.

An der amerikanischen Feldküche auf dem Meißnerschen Hofe herrschte bei jeder Essenausgabe an die Soldaten Belagerungszustand. Nicht nur die Jugend, auch Erwachsene (und darunter begeisterte Hitleranhänger) standen dort mit Schüsseln und Kannen, um sich die Kostprobe (bzw. den guten Bohnenkaffee) nicht entgehen zu lassen. In dieser Beziehung konnte man seine blauen Wunder sehen. Mit das größte Wunder dieser Zeit ist dieses, daß heute keiner Nationalsozialist gewesen sein „will“, sie haben alle „gemußt“. Auch von Konzentrationslagern will keiner etwas gewußt, sie nur dem Namen nach gekannt haben. Sie sollten jetzt ehrlich sein, bekennen, bereuen und büßen.

Die Zeit der Tyrannei ist vorüber. Die Vergötterei der Banditen hat aufgehört. Den „deutschen“ Gott und den „deutschen“ Menschen gibt es nicht mehr. Es ist nur ein Gott, und die Krone seiner Schöpfung ist der Mensch.

Gott und der Menschheit zu dienen, sei uns heilige Pflicht und ehrlicher Wille. Und darin wollen wir uns mit allen Menschen der Erde, die guten Willens sind, einig fühlen.

Schauß Minchen

Autor: Norbert Nossek

Das Ehepaar Albert Schauß und Hermine, geborene Herzberg. Sie wohnten in Gedaljes, Hintere Ortsstraße 14.

Als einzige in Breidenbach lebende, in jüdischem Glauben geborene und aufgewachsene Person wurde Hermine geborene Herzberg in Auschwitz von den Nationalsozialisten am 12.09.1943 ermordet. Hermine wurde am 10.09.1886 in Breidenbach geboren als viertes von fünf Kindern des Herz Herzberg und dessen Ehefrau Berta geb. Spier. Sie heiratete den christlichen Schullehrer Albert Schauß und trat für diese Verbindung von dem jüdischen zu dem christlichen Glauben über. Sie war zwar die einzigste, durch Denunzierung Deportierte aus diesem Ort, aber bei weitem nicht die einzigste der in Breidenbach geborenen Personen, die in einem Konzentrationslager ums Leben kamen. Es finden sich in den Sterbelisten Ortsnamen wie Theresienstadt, Bergen-Belsen, Majdanek und mehrmals Auschwitz, es findet sich auch die Notiz „in den Osten deportiert“ oder „im Lager gestorben“. In den meisten Fällen steht „unbekannt verzogen“ – was auch immer darunter zu verstehen sein mag. Es begann damit, dass eine Kommission der Kreisverwaltung (wahrscheinlich Gestapo) sich hier an Ort und Stelle von der Judensäuberung überzeugen wollte und sich dazu auf dem Bürgermeisteramt aufhielt. Mir ist nicht bekannt, von wem die Äußerung „so ein Judenschwein haben wir hier auch noch“ kam, aber mit diesem Ausspruch wurde ihr Schicksal besiegelt. Hermine war eine herzensgute Frau, das hat mir meine Oma erzählt, die mit ihr befreundet war, ich habe es auch aus anderen Erzählungen gehört. Ihr Ehemann Albert hatte als Lehrer der dritten Schulstelle hier in Breidenbach bestimmt keinen leichten Stand, da seine Lehrerkollegen zum Teil 110-prozentige Nazis waren. Er wurde aus dem Schuldienst entlassen und nahm eine Tätigkeit bei der Firma Theis in Wolzhausen als Vertreter im Außendienst an. Am 17.02.1939 wanderten die beiden letzten Familien, die des Max Gunsenhäuser und die des Hermann Roth in die USA aus, nachdem die beiden vorgenannten verhaftet und einige Zeit in einem KZ inhaftiert waren. Dass diese Beiden überhaupt wieder frei kamen war schon sehr verwunderlich. Gewiss wird Hermine Schauß davon erfahren haben, wie und was so in einem Konzentrationslager vor sich geht. Es wird ihr auch nicht entgangen sein, dass die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung immer judenfeindlicher wurde. Es gab aber auch Personen und Familien, die ihr zur Seite standen und sich dadurch selbst in Gefahr brachten. So kam Hermine auf dem Weg zu ihrem Garten, der auf dem Äckerchen lag, über Wewersch Hof an deren Küchenfenster vorbei. Durch das offene Küchenfenster redete sie mit Elisabethe Weber, der Mutter von Elisabeth Pankalla. Hermine beendete die Unterhaltung mit den Worten „Das wird wohl unser letztes Gespräch gewesen sein, es ist bald soweit. Wenn ich weg muss, werde ich wohl nicht mehr zurückkommen.“ Selbst mit der Vorahnung um ihre hoffnungslose Lage, innerlich bereits mit allem abgeschlossen, ergab sie sich in ihr unabwendbares Schicksal. Auch die Breidenbacher Bevölkerung, zumindest mehrheitlich, wusste, was hier ablief. Dass ein Konzentrationslager kein Ferienlager war, haben alle gewusst. Und da gab es Familien wie Wewersch, die ernsthaft überlegt haben, die Hermine zu verstecken, wofür sie mit Tod durch Erschießen hätten bestraft werden können. Wie lange hätte sie versteckt bleiben müssen, wie lange konnte ein Versteck geheim gehalten werden? Es wusste ja auch niemand, wie schnell die versprochenen 1000 Jahre vorbeigehen würden. Niemand wusste damals, was wird und wie alles kommt. Hätte es Hermine überhaupt mitgemacht, wäre sie überhaupt auf so einen Vorschlag eingegangen? Ich denke nein, sie hatte ihren Frieden mit „Gott und der Welt“ bereits gemacht, und nahm diesen Weg tapfer auf sich. Hermine war ein nationalsozialistisches Opfer, das wusste sie und sie wehrte sich nicht.

War Schauß Minchen eine Märtyrerin für unseren Ort? – bleibt die letzte, zu beantwortende Frage.

Für Hermine Schauß wurde stellvertretend für alle in Breidenbach geborenen Juden, die in dieser Zeit in Konzentrationslagern oder auf andere Weise um ihr Leben kamen, diese Gedenktafel am Ehrenmal der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges angebracht:

Gedenktafel Hermine Schauß