Krieg: „Mit Gott für Vaterland“ – „Entrüstet Euch“

Aus Genealogen im Hinterland
Zur Navigation springenZur Suche springen

Bekriegen und Befrieden

Die Beiträge zum Tunnelbau im Ersten Weltkrieg

* Der Debus-Tunnel und andere Tunnelanlagen im Ersten Weltkrieg, Champagne 1915, er enthält detaillierte Darstellungen einzelner Tunnelanlagen,
* Die Akteure beim Tunnelbau im Ersten Weltkrieg, Champagne 1915, er gibt einen Überblick über beteiligte Personen und Truppen,
* Der Steiger Carl Debus als Konstrukteur des Debus-Tunnels in der Champagne 1915, er dient der verwandtschaftlichen Einordnung von Carl Debus,

können und sollen hier nicht dastehen ohne Anmerkungen zum Thema „Krieg als Mittel der Konfliktlösung“, der vermeintlichen Unvermeidbarkeit von Kriegen und der wahrgenommenen individuellen Machtlosigkeit bei der Wahrung des Friedens.

Nimmt man wie wir, die Autoren, das 2013 aufgefundene Buchmanuskript von Karl Debus zum Anlass, über dessen Darstellungen zum Tunnelbau im Ersten Weltkrieg zu referieren, dann stellt sich die Frage, für wen und warum darüber berichtet werden soll.

Es gibt, wie die vielen gegenwärtigen Veranstaltungen und Publikationen zur Erinnerung an die Zeit des Ersten Weltkrieges vor einhundert Jahren verdeutlichen, ein historisches Interesse. Es gibt historisch Interessierte (Forscher und Laien), die geschichtliche Ereignisse dokumentiert haben möchten, besonders, wenn sie Geheimhaltungen unterlagen, wie beim Tunnelbau an den Frontabschnitten in Frankreich 1914–1918.

Es gibt aber auch ein öffentliches Interesse, das auf den Diskurs über Krieg als Mittel der Konfliktlösung gerichtet ist. Kriege werden gewollt und geführt, immer mit Begründungen. Die überlieferten Gründe für den Beginn von Kriegen vor unserer Zeit, auch der des Ersten Weltkrieges, sind für uns in unserer Jetztzeit kaum nachvollziehbar. „Mit Gott für Vaterland“? Deutsche gegen Franzosen? Aber wir haben auch jetzt wiederum „gute“ Gründe für die Notwendigkeit kriegerischen Einschreitens, z. B. im Nahen Osten. Zu schnell geraten Ereignisse in Vergessenheit, die für die Gestaltung unseres Zusammenlebens in unserer Welt von Bedeutung sind. Die nach einem Krieg Überlebenden, so viel weiß man heute, sind kaum in der Lage, das Erlebte in Sprache zu fassen oder sogar so zu vermitteln, dass daraus ein konstruktiver Beitrag zur friedlichen Konfliktlösung wird. Die Getöteten in einem Krieg – wir denken hier insbesondere an die vielen Toten im Ersten Weltkrieg – sind biologisch zum Schweigen verurteilt. Und wir beteiligen uns durch unsere Rituale und Ansprachen noch daran, ihnen „ewige Ruhe“ zu wünschen und sie in einen Kultmantel des Beschweigens einzuhüllen.

Krieg und Frieden werden durch Menschen gemacht. Wir „bekriegen“ und wir „befrieden“. Das Ziel des folgenden Beitrages ist, Stimmen wiederzugeben, die – insbesondere aus der Zeit des Ersten Weltkrieges – uns selbst mit der Frage konfrontieren: Ist es auch meine Stimme? Spreche ich auch so? Die Stimmen stellen uns vor die Entscheidung: Bekriegen oder Befrieden?

In der Überschrift des Beitrages taucht der bekannte Schlachtruf des Ersten Weltkrieges „Mit Gott für Vaterland“ auf. Ihm wird der Buchtitel eines 2015 erschienen Buches[1] entgegengesetzt: „Entrüstet Euch“.

Erster Weltkrieg 1914–1918

Mit Gott für Vaterland[2]


Kaiser Wilhelm II, 1914

„Es muß das Schwert nun entscheiden […] Darum auf zu den Waffen […] Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird […]“

– Aufruf an das deutsche Volk, 6. August 1914[3]

Steiger Karl Debus, 1914–18/1941

„Wir Deutschen fürchten Gott, sonst nichts auf der Welt.“

– Karl Debus im Vorwort (1941), S. 3

„Gott möge uns beistehen, daß dieses Werk, welches wir jetzt beginnen, sicher und unter wenigen Verlusten vollendet werde und daß es ferner einen sicheren Schutz und dauerhafte Verteidigung für unsere Feldgrauen wird. Glück auf!“

– Karl Debus (1941) beim Start des Tunnelbaus 1915, S. 9

„Wer zählt die vielen, vielen Toten und Verwundeten, wer denkt auch hier an das viel vergossene Blut, welches die Kreidehügel der Champagne tränkte? Der deutsche Soldat steht hier wie aus Erz gegossen, kämpft und kämpft und stirbt den Heldentod für das Vaterland. So ging es täglich und stündlich. […] Jeder Soldat gab auf beiden Seiten sein Letztes an Kraft, Mut und Ausdauer her. In der Champagne haben die härtesten und kampferprobtesten Truppen der Deutschen und die der Franzosen und dazu auch die besten Führer beider Nationen sich gegenüber gestanden.“

– Karl Debus (1941) zum Verlauf der Herbstschlacht 1915, S. 43–44

„Die Stunden der Sichtlosigkeit beim Morgennebel benutzte der Deutsche, um die vielen Verwundeten beiderseits wegzuschaffen und dabei die Berge von Toten an Ort und Stelle in den tiefen Granattrichtern einzubetten. Diese toten Helden werden ganz schnell mit etwas Kreidestaub und Mörtel bedeckt, denn allzu lange ruhen hier diese Toten nicht, weil das nächste Trommelfeuer diese toten Kameraden doch wieder aus dem Schoße der Muttererde reißt“

– Karl Debus (1941) zum Verlauf der Herbstschlacht 1915, S. 44

„Opferbereite Träger laufen ohne Rücksicht auf eigene Gefahr durch das feindliche Gewehrfeuer, um zu retten, was noch zu retten ist an Verwundeten und Verletzten. Eine ganz besondere Ausnahme war hier an der Tagesordnung, denn mit den Senegalnegern wurde nicht so mild und sanft verfahren. Voller Zorn trat der Deutsche diesen farbigen Truppen meist nur mit dem Spaten in der rechten Hand entgegen. Diese Spaten waren für diesen besonderen Zweck an den langen Kanten scharf geschliffen und damit wurde ganze Arbeit verrichtet. Aus grimmiger Rache wurden die schwarzen Schädel gespalten, weil es der Franzose in ganz gemeiner Weise fertiggebracht hatte, schwarze und farbige Truppen gegen Weiße zu schicken.“

– Karl Debus (1941) zur Herbstschlacht, S. 44, Reaktion auf das als grausam erlebte Verhalten schwarzer Truppen

„Ruhet in Frieden – unsere deutschen Kameraden, dort unter der Erde! Möge durch Eure Opfer eine goldne Saat aufgehen und reiche Früchte tragen – zumal für unsere nachfolgende Generation“

– Karl Debus (1941) beim Abschied vom Debus-Tunnel 1918, S. 49

Leutnant Leitz, 1916–17

Gruß von der Somme

Campagne, Champagne, wir mußten Dich verlassen
um anderswo kräftig und feste anzufassen,
so lebe nun wohl, Champagne, Du,
Mancher von uns hält dort ew’ge Ruh.

Wir kamen nach Norden, zu schweren Kämpfen.
Es galt hier, den Feinden den Übermut zu dämpfen.
Mit ihrer Offensive ist’s längst vorbei,
Die Mauer hält – trotz Eisen und Blei.

Wohl gab’s viele heiße blutige Stunden,
Schlug’s manchem tapferen Krieger Wunden,
Und mancher der Besten fand den Tod,
Begruben wir beim Morgenrot.

Wir trugen’s, wir hielten’s – wir kennen kein Wanken,
Mag Graben, die Erde bersten und wanken,
Loretto und Champagne – ihr lehret uns gut
Stehen im Hagel von Eisen, im Blut.

Schon lassen sie nach – die Kräfte erschlaffen,
Und lassen uns Zeit zum fleißigen Schaffen,
Nun kommt ihr Franzosen – die Tommies dazu,
Wir warten auf Euch in aller Ruh’.

Kommt drei gegen einen soviele Ihr wollt,
Franzosen und Jack im englischen Sold,
Wir fürchten Euch nimmer, wir halten aus,
Ihr haut uns nicht aus Frankreich hinaus!

So wollen wir treulich weiter streiten,
Gott wird ja doch zum Sieg uns leiten.
Kameraden der Champagne – nehmt zum Schluß
Von uns, von der Somme, treudeutschen Gruß.

– gedruckt zitiert in Karl Debus, S. 79

Schriftsteller Thomas Mann , 1914

„Wie die Herzen der Dichter sogleich in Flammen standen, als jetzt Krieg wurde.“

– siehe Internetseiten zur Aussage

Maler Max Beckmann , 1914

„Draußen das wunderbar großartige Geräusch der Schlacht, diese eigenartig schaurig großartige Musik. Wie wenn die Tore zur Ewigkeit aufgerissen werden, ist es, wenn so eine große Salve herüberklingt.“

– 10.11.1914 im Brief an seine Frau, siehe Internetseiten zur Aussage

Generalmajor a.D. Hugo Toepfer[4], 1933

„Bald ist ein halbes Menschenalter vergangen, seitdem die ruhmreichen Regimenter des deutschen Heeres nach 4 1/2 Jahren heroischen Kampfes für des Vaterlandes Schutz und Ehre, für Kaiser und Reich, heimwärts zogen [...] Ein großes Geschehen lag hinter uns, von dem Berufene begeisternd - und leider auch Unberufene in widerwärtiger Schmähschrift - gekündet haben.“

– Beginn des Vorwortes zu "Das Reserve-Infanterie-Regiment Nr.29.", herausgegeben von Hillebrand und Krauß (1933), Berlin: Verlag Bernhard & Graefe.

Entrüstet Euch


Steiger Karl Debus, 1915 (1941)

„Was soll das alles bedeuten? So beschießt man sich gegenseitig mit Geschützen und noch dazu auf Menschen, nur weil die Regierungen sich untereinander nicht einig werden konnten, darum stehen jetzt auf beiden Seiten die Feldgrauen sich gegenüber und müssen dabei ein solch hartes Gericht über sich ergehen lassen. Wo bleibt die menschliche Vernunft und der feste Wille?“

– Karl Debus, unter dem Eindruck des 75-stündigen Trommelfeuers in der Herbstschlacht 1915 (Manuskript, 1941), S. 34, diese Aussage ist von einem Zensor rot durchstrichen

Französischer Infanterieoffizier an seine Frau, von der Champagne-Front 15. März 1915

„Gott weiß, dass ich mit Herz und Seele Soldat bin und die Disziplin hochhalte. Doch es gibt Dinge, die einem ins Auge springen, weil sie kriminell sind, von der Zielsetzung und vom Ergebnis her. Und diese Art, Krieg zu führen […], gehört zu den Dingen. Dadurch werden Tausende Menschenleben ohne jedes Ergebnis geopfert.“

– Benjamin Simonet: Franches militaire. De la battle des frontieres aux combats de Champagne. 1914–1914. Parin 1986, S. 315. Zit. Aus Becker/Krumeich (2008; 2010): Der Große Krieg. Deutschland und Frankreich 1914–1918.


Major Georg Wintterlin, Brief vor seinem Tod am 20. Mai 1917 im Tunnel Mont Cornillet

Eingeschlossen im Tunnel mit 500 Mann, 100 Mann Toten durch Vergasung, Bombardierung der Tunnelausgänge:

„Keiner spricht laut. Grabesstille in diesem Grab.“

Maler Max Beckmann

„Auf die Franzosen schieße ich nicht, von denen habe ich so viel gelernt. Auf die Russen auch nicht, Dostojewskij ist mein Freund.“

Max Beckmann[5]

Anonym, Wandinschrift im Debus-Tunnel 1915/18

„Wenn nur jemand käme und mich mitnähme“

– Eric Marchal, fotografiert 2014

Schriftsteller RIR29-Soldat Peter Schmitz, 1914–1918, 1937/2014)

„Wenn einmal die Waffen ruhen, wenn einmal der Blutrausch verflogen ist, dann wird unsere Zeit gekommen sein! Dann werden wir für den Frieden kämpfen dürfen. Verbrüdert Euch, ihr Völker der Welt, zu einer Gemeinschaft des Friedens, damit der Name Mensch allumfassende Liebe und Güte bedeutet! Und auf dem Weg zu diesem Ziel werden uns die Toten dieses Krieges begleiten! Das Geisterheer der Kriegstoten wird mit den Streitern des Friedens marschieren, denn sie alle, sie starben nicht für den Krieg, sondern für den Frieden.“

– Peter Schmitz (2014) in seinem Roman über Erfahrungen im Ersten Weltkrieg, u. a. in der Champagne im Umfeld des Debus-Tunnels, S. 278–279

Publizistin Helene Stöcker , 1928

„Dass der Krieg ein Verbrechen ist, das wagen heute auch die nicht mehr zu bestreiten, die noch an seine ‚Unvermeidbarkeit‘ glauben. Sie sind nur der Meinung, daß immer der Gegner es sei, der diese Verbrechen verursache. Erst wenn wir erkennen, daß wir alle diese Verbrecher sind durch den Glauben an diese Unvermeidlichkeit, erst dann werden wir mit Erfolg die Wege beschreiten, die dieses größte Verbrechen der Menschheit an der Menschheit selbst auszulöschen vermögen.“

– Käßmann & Wecker (2015), S. 7

Schriftsteller und Publizist Erich Kästner , 1929

Fantasie von Übermorgen

Und als der nächste Morgen begann,
da sagten die Frauen: Nein!
und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in der Wohnung ein.

Dann zogen sie, in jedem Land,
wohl vor des Hauptmanns Haus
und hielten Stöcke in der Hand
und holten die Kerls heraus.

Sie legten jeden übers Knie,
der diesen Krieg befahl:
die Herren der Bank und der Industrie,
den Minister und General.

Da brach so mancher Stock entzwei
und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab’s Geschrei,
und nirgends gab es Krieg.

Die Frauen gingen dann wieder nach Haus,
zum Bruder und Sohn und Mann,
und sagten ihnen, der Krieg sei aus!
Die Männer starrten zum Fenster hinaus
und sahn die Frauen nicht an …

– Erich Kästner: Lärm im Spiegel. Atrium, Zürich 1929; in Käßmann und Wecker (2015), S. 61

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Margot Käßmann, Konstantin Wecker (Hrsg.): Entrüstet Euch! Warum Pazifismus für uns das Gebot der Stunde bleibt. Texte zum Frieden. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, ISBN 978-3-579-07091-9.
  2. Mit Gott für König und Vaterland 
  3. „An das deutsche Volk!“ – Schmuckblatt mit der Rede Wilhelms II.
  4. seit 1916 Kommandeur des RIR Nr. 29, siehe Lexikon der Wehrmacht
  5. Max Beckmann